Wes Andersons Charme, abgewrackte Porno-Stars und feministischer Horror bringen den Wettbewerb von Cannes in Schwung
Man hatte lange auf diesen Moment gewartet, hat eine ganze Pandemie ausgesessen, um genau zu sein. Denn eigentlich hätte Wes Andersons The French Dispatch bereits im vergangenen Jahr an der Croisette seine Weltpremiere feiern sollen. Doch dann kam Corona dazwischen und Cannes fiel ins Wasser. Anders als andere Filmemacher wie etwa der Däne Thomas Vinterberg, dessen neuer Film Druk (Der Rausch) ebenfalls bereits 2020 im Wettbewerb laufen sollte, entschied sich Anderson gegen eine Veröffentlichung mit dem offiziellen Cannes-Label. Er wollte lieber abwarten, bis ein Gang über den roten Teppich wieder möglich sein würde. Am Montagabend war es endlich so weit. Aber hat sich das Ausharren tatsächlich gelohnt? Für Anderson und sein riesiges Ensemble sicherlich. Die Vorführung, zu der unter anderem Owen Wilson, Bill Murray, Tilda Swinton, Frances McDormand, Timothée Chalamet und Adrien Brody nach Cannes gekommen waren, zählte zu den absoluten Highlights des Festivals, das trotz gelockerter Reiseregelungen heuer deutlich weniger Hollywood-Star-Glamour vorzuweisen hat als in jedem anderen Jahr. Und auch eingefleischte Fans von Andersons Kunst werden ihre Freude an seinem neuen Werk haben, keine Frage. Trotzdem schaffte es auch der US-Regisseur nur bedingt, mit seinem neuesten Wurf für wahre Begeisterung zu sorgen. Wie so viele Beiträge, die in diesem Jahr um die Palme d’Or konkurrieren, ist The French Dispatch ein überaus gelungener Film, streckenweise sogar exzellent. Und doch bleibt auch seine liebevolle Hommage an den amerikanischen Magazin-Journalismus in seiner stilvollen Verspieltheit am Ende hinter Andersons früheren Meisterwerken wie The Grand Budapest Hotel und The Royal Tenenbaums zurück.
In drei Episoden, umklammert von Prolog und Epilog, illustriert Anderson drei Artikel des titelgebenden fiktiven Magazins „The French Dispatch“, herausgegeben von dem legendären Verleger Arthur Howitzer Jr. (Bill Murray), der hier leider viel zu selten ins Bild rückt. Stattdessen konzentriert sich die Handlung in einer Episode auf Léa Seydoux als dominante Aufseherin, die Benicio Del Toros psychisch krankem, aber genialen Maler im Gefängnis als Muse dient. Frances McDormand berichtet derweil über die Proteste von Studierenden in den Verstrickungen der 68er-Revolution und bändelt nebenbei mit einem jungen Franzosen (gespielt von Timothée Chalamet) an. Ähnlich grotesk und amüsant zugleich sind selbstverständlich auch die diversen Anekdoten und Seitensprünge der Handlung, in denen neben Saoirse Ronan und Christoph Waltz auch Jason Schwartzman und Edward Norton nicht fehlen dürfen. Sie alle haben ihren Auftritt, sie alle haben ihren Spaß. Auch die Zuschauer. Zumindest das. Für viel mehr reicht es jedoch kaum.
Dagegen stürmte am Dienstag ein anderer Film die Leinwand, sorgte für Begeisterung und Empörung gleichermaßen. Julia Ducournaus Körperhorrorschocker Titane ist genau die Sorte Kino, die Cannes in diesem Jahr bisher gefehlt hat: kühn, kompromisslos und erzählt mit einer Wucht, die einen förmlich in den Kinosessel zurückdrückt. Bleibt zu hoffen, dass der Film unter dem Juryvorsitz von Spike Lee eine Chance hat, sich am Ende ganz vorne zu behaupten. Allein Agathe Rousselle hätte für ihre Hauptrolle eine Würdigung verdient. Ihr atemberaubendes Spiel zwischen Auto-Sex, Schmieröl und ein Reihe von spektakulären Morden ist eine Tour de Force-Performance der Sonderklasse.
Daneben brachte Sean Baker, Regisseur von The Florida Project, mit seinem neuen Film ebenfalls erotische Energie und ungenierte Unterhaltung in den Wettbewerb, wenn auch nicht ganz mit der gleichen Intensität. In Red Rocket folgt er dem ausgedienten Porno-Darsteller Mikey Saber (Simon Rex), der aus Los Angeles in seine Heimatstadt Texas City zurückkehrt, um bei seiner entfremdeten Frau Lexi (Bree Elrod) und Schwiegermutter Lil (Brenda Deiss) Unterschlupf zu finden. Er ist abgebrannt und auch sonst ziemlich durch mit der Welt, aber als er langsam über einen alten Dealer-Job wieder auf die Füße kommt, lernt er in einem Donut-Shop die 17-jährige Strawberry (Suzanna Son) kennen und wittert bald eine Chance, aus ihr einen großen Porno-Star zu machen – der Erfolg ist, wenn man Mikey Glauben schenkt, vorprogrammiert. Bakers Film hat weniger Potential als Ducournaus Titane und verheddert sich zunehmend im finalen Akt. Dennoch ist auch Rex eine dynamische Hauptfigur, die bewusst polarisiert und neben einer ganzen Reihe schlechter Scherze auch einiges über zerplatzte Träume und ein Leben am Rand der amerikanischen Gesellschaft zu erzählen weiß.
Abschließend sei noch auf zwei wahrscheinlichere Kandidaten für die Palme d’Or hingewiesen: Asghar Farhadis A Hero und Jacques Audiards Les Olympiades. Beide Altmeister legen mit ihren neuen Produktionen feine Filme vor, die durchaus auch den Geschmack der Jury treffen dürften. Während der Franzose Audiard sich für das Drehbuch zu seinem klug verschachtelten Großstadt-Drama diesmal mit Céline Sciamma zusammengeschlossen hat, kehrt der iranische Meister Farhadi nach seinem unglücklichen Ausflug ins fremdsprachige Kino mit Ghahreman (A Hero) wieder in die Heimat zurück und legt einen Film vor, der die subtile Kraft, Wärme und leise Poesie seiner frühen Werke besitzt.
Aber wer vermag schon zu erahnen, wie sich die Internationale Jury um ihren Präsidenten Spike Lee in diesem Jahr entscheiden wird. Vielleicht wollen sie auch ein stärkeres politisches Zeichen setzen und den russischen Theater-, Opern- und Filmregisseur Kirill Serebrennikow, der im Juni 2020 wegen angeblichen Betrugs zu einer dreieinhalbjährigen Bewährungsstrafe verurteilt wurde, für seinen Beitrag Petrov’s Flu ehren, der darin die wilde, surreale und nicht selten bizarre Odyssee eines Automechanikers kurz nach dem Kollaps der Sowjetunion rasant und eindrucksvoll in Szene setzt. Ein dringender und wohlverdienter Sieg wäre in jedem Fall einer der vier Frauen im Wettbewerb zu wünschen, wobei dafür außer Julia Ducournau kaum eine Kandidatin in Frage kommt. Titane wäre nach Parasite definitiv ein Schock für Cannes – und zwar im besten Sinn.
