Eine junge Wienerin auf der Suche nach ihren chinesischen Wurzeln
Das chinesische Wort für Wien ist „Weyena“. Der Vater von Zhao Weina (auch ihr Vorname hat mit Wien zu tun) war dorthin ausgewandert, ihre Mutter und sie selbst kamen später nach. Zhao ist in Wien aufgewachsen, die Sommer verbrachte die Familie beim Vater in China, der inzwischen zurückgekehrt war, um ein Geschäft aufzubauen. Allmählich erwachte in Zhao Weina, die bei Judith Benedikts Film China Reverse (2014) als Regieassistentin gearbeitet hatte, der Wunsch, sich mit ihren eigenen Wurzeln und mit der Geschichte ihrer Familie näher zu beschäftigen und letztlich einen Film darüber zu machen.
Tatsächlich hat auch ihre Familiengeschichte mit Film zu tun, denn Ying Yunwei (1904-1967), Zhao Weinas Urgroßvater mütterlicherseits, war ein Pionier des chinesischen Tonfilms und schuf einige historisch bedeutsame Filme. Das ist der eine Zweig der Familie, Intellektuelle und künstlerisch Tätige aus Shanghai, der andere (väterlicherseits) stammt aus einer eher ärmlichen ländlichen Gegend in der Provinz Hebei. Während die einen unter Mao Zedongs Kulturrevolution (1966-1976) massiv zu leiden hatten, waren die anderen durchaus Täter, wie die Großeltern väterlicherseits auch unumwunden zugeben. Aufgepeitscht von den politischen Parolen, beteiligten sie sich an den antiintellektuellen Übergriffen. Auch Weinas Mutter musste als Zwölfjährige miterleben, wie ihre Eltern verhaftet wurden. Sie durfte später ihre Mutter nur unter der Vorgabe im Gefängnis besuchen, dass sie bereit sei, diese zu einem „Geständnis“ zu überreden.
Die Kulturrevolution ist eine historische Phase, über die in der Volksrepublik China noch immer nicht wirklich offen gesprochen wird. Umso bemerkenswerter sind die offenen Worte der Großeltern-Generation in diesem Film, den Zhao Weina essayistisch anlegt. Ihre Zweifel und ihre vielen offenen Fragen sind ihr deutlich anzumerken. Tatsächlich trägt der sehr persönliche Zugang, den sie, in ständigem Austausch mit Ko-Regisseurin Judith Benedikt, gewählt hat, dazu bei, dass der Film so bewegend und packend geworden ist, weil man mit der jungen Frau immer mehr in diese Familiengeschichte hineingezogen wird – eine Geschichte, die vermutlich viele chinesische Familien so oder so ähnlich erlebt haben.
Was man ein wenig vermisst, ist eine historische Einbettung bzw. eine Art „Zeittafel“. Natürlich ist so etwas in einem essayistischen Film eher verpönt, aber für Außenstehende und Nichteingeweihte ist es manchmal ein bisschen schwierig nachzuvollziehen, von welchen Ereignissen und von welchen Personen gerade gesprochen wird. Das sind aber kleine Einwände, gemessen an der Dringlichkeit und der emotionalen Wucht, die dieser Film aufweist.
