Venedig 2021 | Blog 2

Wüstensand und Edelperlen

| Pamela Jahn |
Ein Zwischenbericht zur Halbzeit bei den Filmfestpielen in Venedig

Festivalchef Alberto Barbera hatte es wohl eilig. Selten wurden am Lido die ganz großen Highlights so früh und so geballt über den roten Teppich gejagt wie in diesem Jahr. Dune, Spencer sowie Maggie Gyllenhaals Regiedebüt The Lost Daughter gaben sich allesamt am dritten Festivaltag im Palazzo del Cinema die Klinke in die Hand. Bereits am Vortag hatte Netflix seinen großen Auftritt, als erst Jane Campions The Power of the Dog und anschließend The Hand of God von Paolo Sorrentino Weltpremiere feierten, bevor Paul Schrader schließlich mit The Card Counter und seinen Stars Oscar Isaac und Tiffany Haddish den Abend abrundeten. Aber damit längst nicht genug. Auch Edgar Wrights Sechziger-Jahre-Horror-Hommage Last Night in Soho und Ana Lily Amirpours Fantasy-Thriller Mona Lisa and the Blood Moon mit seinem bombastischen Soundtrack und Kate Hudson als gewiefter Striptänzerin sind längst gelaufen. Darüber hinaus hat Penélope Cruz sowohl mit Parallel Mothers als auch mit Official Competition ebenfalls schon beide Premierenaustritte hinter sich. Kein Wunder also, dass sich nach kaum einer Festivalwoche zumindest streckenweise erhebliche Ermüdungserscheinungen einstellen.

Auch blieb in diesen ersten, mit sämtlichen Wettbewerbshighlights vollgepackten Tagen kaum Zeit für das kleinere Arthouse-Kino, das sich am Lido vor allem in der Nebenreihe Orizzonti präsentiert. Oftmals lassen sich gerade dort Überraschungen und wahre Entdeckungen finden, wie beispielsweise Ahmad Bahramis The Wasteland oder Gaza Mon Amour von Tarzan und Arab Nasser im vergangenen Jahr, von denen letzterer unlängst auch in den österreichischen Kinos zu sehen war. Aber das kleine, feine Kino muss in diesem Jahr warten, denn zu viele der neuen, mitunter oft und lange verschobenen Filme machen heuer an der Mostra von sich reden. Allen voran natürlich Denis Villeneuves spektakuläres Science-Fiction-Epos Dune, das ungeniert in jeder Einstellung auf Größe spielt und dennoch in keiner Sekunde ins Straucheln gerät. Was zum einen an der sicheren Hand des Regisseurs liegen dürfte, der seine Adaption der ersten drei Bücher von Frank Herberts Romanzyklus keineswegs als Remake von Davis Lynchs Version aus den achtziger Jahren verstanden wissen will, sondern als eigenständiges Werk – und das ist es geworden. Selten konnte man sich in der Pressevorführung bei einem Film von diesem Kaliber und mir einer derart prekären Entwicklungsgeschichte nach nur fünf Minuten so entspannt in den Kinosessel zurücklehnen, um einfach genüsslich die Macht, Pracht und Kolossalität der Bilder und Musik (natürlich von Hans Zimmer) über sich ergehen zu lassen wie hier. Das ist zum einen zweifelsohne Villeneuves klarem, virtuosen Blick zu verdanken, der raffiniert konstruierte Raumschiffe und gigantische Sandwürmer ebenso eindrucksvoll in Szenen zu setzen weiß wie zutiefst menschliche Emotionen. Aber auch Timothée Chalamet macht sich diesen schweren, starken Film von Anfang an zu eigen. Sein Paul Atreides, Nachfolger der Artreides-Dynastie, ist eine alte Seele in einem jungen Körper – und Chalamet verkörpert ihn so wie einen, der in allen Welten, Wüsten und Zeiten zu Hause ist, als gäbe es kein Gestern und kein Morgen. Als zähle lediglich der Augenblick.

Versucht man einen roten Faden für die Filme der ersten Halbzeit dieses 78. Jahrgangs an der Mostra zu finden, dann sind es vielleicht am ehesten die bemerkenswerten Mütter, die nicht nur in Almodóvars Eröffnungsfilm zum Vorschein kommen: Von Rebecca Ferguson in Dune, die Paul lehrt, seine besonderen Kräfte und Fähigkeiten mit Verstand und maximaler Wirkkraft einzusetzen, über Kirsten Dunst als Beschützerin ihres schmächtigen Sohnes Peter (hervorragend gespielt von Kodi Smit-McPhee), der sich in Jane Campions Spätwestern The Power of the Dog gegenüber der aufgesetzten toxischen Männlichkeit von Benedict Cumberbatchs Macho-Cowboy Phil behaupten muss, bis hin zu Olivia Coleman und Dakota Johnson in Gyllenhaals The Lost Daughter, die sich jeweils auf ihre eigene, so komplizierte wie festgefahrene Weise mit ihrem Mutterdasein auseinandersetzen – sie allen tragen ihre Rollen mit Stolz und mit Würde, egal wie gebrochen, bedroht, verkorkst oder festgefahren ihr Leben auch sein mag.

Kristen Stewart als Lady Diana in Pablo Larraíns neuem sperrigen Psychodrama Spencer gehört ebenfalls in diese Kategorie, wobei es dem chilenischen Regisseur hier wie bereits in Jackie weniger darum geht, eine prominente Biografie nachzuzeichnen als vielmehr den Gemütszustand einer verlorenen Frau zu beschreiben, die bis aufs Blut für sich und ihre Freiheit kämpft in einem System, das für Ausnahmen ebenso wenig Verständnis hat wie für alles Normale, alles Menschliche, alles Wahre. Interessant ist daran vor allem, dass Spencer einerseits wenig Neues, Erhellendes zur Darstellung des zu dem Zeitpunkt längst verfeindeten königlichen Paares bietet, was den Film streckenweise an die Grenze der Mittelmäßigkeit treibt, jedoch immer wieder, der Unberechenbarkeit seiner Hauptfigur entsprechend, auch seltsam verstörende Momente die spärliche Handlung brechen, etwa wenn Diana an Heiligabend viel zu spät zum Essen kommt und ihr Weihnachtsgeschenk von Charles, eine edle Perlenkette, zunächst am Tisch zerreißt und schließlich mit der Erbsensuppe zwischen den Zähnen zerkaut.

Es ist eine dieser Szenen, die einem noch lange im Hinterkopf bleiben, während man auf dem Lido bereits zum nächsten Film, dem nächsten Interview oder zurück an den Schreibtisch hetzt. Ob es noch weitere dieser Momente folgen, wird sich in den verbleibenden Tagen zeigen. Und mit Ridley Scotts The Last Duel sowie dem Ehrenpreises für Jamie Lee Curtis im Rahmen der Premiere von Halloween Kills lassen ein paar Highlights ja auch noch in der zweite Festivalhälfte auf sich warten.

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