Mehrfach wurde schon eine Verfilmung gewagt, doch restlos zufrieden stellte bislang noch keines der Ergebnisse. Nun versucht sich der Kanadier Denis Villeneuve an Frank Herberts ebenso komplexem wie einflussreichem Science-Fiction-Epos „Dune“.
Eigentlich wollten wir der erlauchten Leserschaft schon vor längerem eine Besprechung der neuesten „Dune“-Adaption bieten. Doch der potenzielle Blockbuster wurde seit dem vorgesehenen Weihnachtsstart 2020 hin und her verschoben, die Gründe sind bekannt. Nun soll es hierzulande also Mitte September – Weltpremiere feiert man bereits am 3. des Monats bei den Filmfestspielen von Venedig – so weit sein. Falls nichts dazwischenkommt. Nach aktuellem Stand ist auch geplant, dass der Film simultan zum US-Kinostart einen Monat lang auf HBO Max zum Streaming angeboten wird. Dass viele Kinobetreiber damit nicht unbedingt glücklich sind, liegt auf der Hand, doch das wäre ein ganz eigenes Thema. Für Print ging sich eine Besprechung jedenfalls nicht mehr aus, daher werfen wir an dieser Stelle einen Blick auf das Phänomen: die Romanreihe, versuchte bzw. tatsächliche Adaptionen und the things to come.
Beginnen wir mit dem US-Autor Frank Herbert (1920–1986), der den ersten „Dune“-Roman 1965 – zunächst noch in Fortsetzungen im Science-Fiction-Magazin „Analog“ veröffentlichte. Als Inspirationen des vielseitig interessierten, auch philosophisch gebildeten Schriftstellers dienten u. a. Bemühungen des US-Landwirtschaftsministeriums, Sanddünen in Oregon unter Kontrolle zu bringen, persönliche Erfahrungen mit psychedelischen Drogen und die Figur des T. E. Lawrence (of Arabia). Dieses erste Buch räumte gleich einmal den renommierten Hugo Award ab, wurde zum Instant-Kult und gilt mit 20 Millionen abgesetzten Exemplaren auch als meistverkaufter Sci-Fi-Roman überhaupt. Und dies war nur der Anfang: Herbert selbst veröffentlichte sechs Bücher, nach seinem Tod setzten sein Sohn Brian Herbert und Kevin J. Anderson die Reihe fort. An Themen hat die „Dune“-Welt vieles zu bieten, was (bereits) die sechziger und siebziger Jahre bewegte, etwa die Angst vor zunehmender Computerisierung oder bewusstseinsverändernde Drogen. Ganz besonders aktuell sind wohl die Themen Ökologie und Ressourcenknappheit, aber auch religiös motivierte Kriege und Klassenunterschiede sind ja bekanntlich nicht ganz aus der Welt. Apropos Angst vor Computerisierung: Der Verzicht auf Roboter und Supercomputer (diese sind in der „Dune“-Welt verboten, was dazu führt, dass sich die Menschheit geistig weiterentwickelt hat) ist einer der großen Unterschiede zu vielen anderen Sci-Fi-Epen.
Herberts Kreation in nur einem Artikel zu beschreiben, ist ein aussichtsloses Unterfangen, versuchen wir es also zunächst einmal mit der Triebfeder der Saga (sozusagen der „Macht“ aus Star Wars oder dem Ring bei Tolkien): In der „Dune“-Welt gibt es mehrere Planeten, die von Herrscherfamilien regiert werden – und sie alle wollen Kontrolle über das sogenannte Spice (das man zumindest teilweise als Erdöl-Analogie verstehen kann). Spice ist eine Substanz, die, von Sandwürmern produziert, auf dem Wüstenplaneten Arrakis, auch bekannt als Dune, vorkommt und das Bewusstein verändert. Navigatoren können mit dem Spice in die Zukunft sehen und die gefährlichen interstellaren Reisen („Falten des Raums“) meistern, zudem verlängert das „Gewürz“ das Leben und färbt die Augen blau. Spice verdeutlicht auch die Komplexität von Herberts „world building“: So gibt es beispielsweise eine Raumfahrergilde, die durch die Kontrolle des Spice das Monopol auf interstellare Reisen inne hat; Spice wird vom Wüsten-Volk der Fremen als Gewürz, aber auch als Rohstoff für Kleidung oder Sprengstoff verwendet. Spice kann natürlich auch zu Abhängigkeit führen – außer auf Arrakis, wo man vor den Nebenwirkungen geschützt ist. Und das sind nur ein paar der Details.
Weit mehr als Palastintrigen
Im Zentrum der ersten Trilogie, die im Jahr 10191 beginnt, steht das Haus Atreides (Ozeanplanet), dem zu Beginn der Handlung Leto Atreides vorsteht. Sein Sohn, der 15-jährige Paul, wird bereits auf seine zukünftige Rolle als Herrscher vorbereitet, doch der Imperator, der gemeinsame Sache mit dem feindlichen Haus Harkonnen macht, verübt einen Anschlag auf die Familie, bei dem Pauls Vater stirbt; Paul flieht mit seiner Mutter Jessica – die schließlich Pauls übernatürlich begabte Schwester Alia zur Welt bringt – in die Wüste zu den schon erwähnten Fremen. Er lernt die Kultur des Wüstenvolks kennen, wird, als gleichsam auserwähltes Superwesen, zu deren Anführer und startet eine Rückeroberung des Planeten. Ach ja: Pauls Mutter ist Mitglied der Bene Gesserit, eines mystischen Frauenordens, der eigentlich nur die Geburt von Mädchen erlaubt. Doch aus Liebe zu Leto gebar sie Paul, der quasi als Unikat über ganz besondere Fähigkeiten verfügt.
Die ersten drei Romane hängen zeitlich und in Sachen Handlung zusammen (Pauls Kinder lernen aus seinen Fehlern und messianisch-religiöse Bezüge sind überall), danach folgen Zeitsprünge, die sowohl Wandel als auch die Wiederkehr des ewig Gleichen veranschaulichen. Stilistisch sind die Bücher ebenfalls komplex: So gibt es etwa innere Monologe oder erfundene Zitate (beispielsweise Glaubensgrundsätze), die Kapitel einleiten. Viele Begriffe hat Herbert der arabischen und persischen Welt entlehnt, beispielsweise Padischah-Imperator oder Muad’dib (arabisch für „Erzieher“, der spätere Beiname Pauls). Auch einen Dschihad gibt es, bei dem im zweiten Band Milliarden sterben. Dieses Vokabular, das zur Entstehungszeit auf westliche, nicht Karl-May-kundige Leser wohl noch stark exotisch gewirkt haben mag, reflektiert zumindest zum Teil wohl auch die rasant zunehmende geopolitische Macht der erdölfördernden arabischen Staaten.
Gecheiterte und tatsächliche Adaptionen
„A beginning is the time for taking the most delicate care that the balances are correct.“ – „Alles ins richtige Verhältnis setzen“ bzw. sich um Ausgeglichenheit bemühen: Dieser Beginn des Romans trifft wohl auch auf dessen Umsetzung ins Medium Film zu, denn die Vielzahl an Charakteren und Handlungssträngen will erst einmal geordnet und nachvollziehbar umgesetzt sein (von dramaturgisch bzw. ökonomisch notwendigen Kürzungen einmal abgesehen).
Bereits in den Siebzigern gab es Versuche, den ersten Roman zu adaptieren – beispielsweise war der wüstenerfahrene David Lean (da hätten wir also wieder Lawrence of Arabia) ernsthaft im Gespräch. Zur Legende wurde der gescheiterte Versuch des chilenisch-französischen Regisseurs Alejandro Jodorowsky, der eine (mindestens) zehnstündige Version auf die Beine stellen wollte – mit u. a. Salvador Dalí als Imperator, Orson Welles als Baron Harkonnen, Mick Jagger als Feyd-Rautha (bei David Lynch dann Sting) oder Amanda Lear als Irulan. Für den Soundtrack waren Pink Floyd und Magma vorgesehen, für die Konzeptzeichnungen wurden unter anderem H. R. Giger (dem in diesem Heft die Einstiegsseite Tipps gewidmet ist) und Comic-Künstler Jean Giraud verpflichtet. Warum die Version des psychedelisch sattelfesten Jodorowsky scheiterte, wird in Frank Pavichs sehenswerter Doku Jodorowsky’s Dune (2013) beleuchtet. Einer der Hauptgründe war jedenfalls wie immer das liebe Geld.
Kommen wir zur italienischen Produzenten-Legende Dino De Laurentiis (1919–2010), der, vom Star Wars-Erfolg (1977) inspiriert, selbst im Science-Fiction-Genre mitmischen wollte. Nachdem Flash Gordon (1980) finanziell unter den Erwartungen geblieben war (die „Flash Gordon“-Comics hatten ebenso wie „Dune“ und Tolkiens „Lord of the Rings“ wiederum enormen Einfluss auf Lucas’ Star Wars ausgeübt), wollte De Laurentiis „Dune“ zunächst mit Regisseur Ridley Scott umsetzen. Geplant waren zwei Filme (Scott zum Drehbuch: „I felt it was a decent distillation of Frank Herbert’s book“), doch das Projekt zerschlug sich, da Scotts älterer Bruder unerwartet verstarb. Schließlich wagte De Laurentiis es mit David Lynch, der mit The Elephant Man (1980) einen künstlerischen Welterfolg gefeiert hatte und für Dune gar die Regie zum dritten Star Wars-Film, The Return of the Jedi, ablehnte. Die Dreharbeiten waren jedenfalls eher schwierig, da Lynch größere Freiheiten gewohnt war. Die Roman-Handlung der Kinofassung wurde auf ingesamt 137 Minuten kondensiert; von späteren Extended Cuts distanzierte sich Lynch, und einen Director’s Cut lehnte er bislang ab. Angesichts dieser Komprimierung wurden in US-Kinos Handouts mit den Namen der Protagonisten verteilt, um dem Publikum den Überblick zu erleichtern. Kyle MacLachlan, Darsteller des Paul, meinte, dass er nach rund 60 Seiten vorbereitender Romanlektüre wieder von vorn begonnen habe, um sich einen Überblick zu Personen und Geschehen zu verschaffen.
Während die zeitgenössischen Kritiken gemischt bis negativ ausfielen und sich großteils darum drehten, wie schwer zugänglich der Film sei, gilt Dune unter Science-Fiction-Fans doch als Kultfilm. Tatsächlich handelt es sich wohl nicht um Lynchs Meisterwerk, aber seine Version hat doch einige Vorzüge zu bieten: ein hervorragendes Ensemble mit u. a. Jürgen Prochnow, Dean Stockwell, Max von Sydow, Linda Hunt oder Virginia Madsen (Kyle MacLachlan war zwar bei weitem nicht mehr 15, brachte aber die Jugendlichkeit Pauls in seinem Spiel sehr überzeugend zum Ausdruck), grandioses Production Design, (u. a. Einflüsse aus Steampunk und Barock), brillantes Sound Design sowie einen epischen Soundtrack von Toto und Brian Eno (ein bisschen analog zu Flash Gordon, bei dem Queen den Soundtrack beisteuerten – die Achtziger waren eben ein geiles Jahrzehnt). Auch Frank Herbert lobte, mit kleinen Vorbehalten, den Film: „What reached the screen is a visual feast that begins as Dune begins and you hear my dialogue all through it.“ Lynch selbst spricht kaum über den Film; eine rare Ausnahme machte er vor kurzem, als er angab, nicht an der kommenden Version interessiert zu sein – Dune sei einfach mit zu vielen unglücklichen Erinnerungen verbunden.
Erst im Jahr 2000 folgte die nächste Adaption, diesmal als TV-Dreiteiler: John Harrisons Dune (mit u. a. William Hurt als Leto und Kameraarbeit von Vittorio Storaro) hatte dabei den Luxus, rund viereinhalb Stunden lang in Herberts Welt eintauchen zu können – allerdings auch ein ziemlich niedriges Budget, was sich in mäßigen Spezialeffekten sowie einem Look äußert, der deutlich hinter dem von Lynchs Adaption zurücksteht. 2003 folgte mit Children of Dune ein weiterer TV-Dreiteiler, der ähnliche Probleme in Sachen Look und Effekte hatte, aber dafür eine energetische Performance James McAvoys vorweisen kann. Wer eine leicht konsumierbare Einführung in die Herbert-Welt möchte, ist mit diesen Produktionen immerhin solide bedient.
Nun steht also Denis Villeneuves Dune ins Haus, der bereits zu Weihnachten 2020 hätte starten sollen – Premiere feiert der Film Anfang September in Venedig – und, zumindest wenn alles gut geht, von der geplanten HBO-Serie Dune: The Sisterhood begleitet wird (noch arbeitet man allerdings an den Drehbüchern). Villeneuve hat bereits gezeigt, dass er düstere, komplexe, teils auch verstörende Themen (Sicario, 2015) in Hollywood durchbringen kann und zudem eine Vorliebe für Science-Fiction besitzt; während er für das Alien-Kommunikations-Drama Arrival (2016) sehr gute Kritiken einheimste, stellte er mit dem gemischt aufgenommenen und stellenweise problematischen Blade Runner 2049 (2017) immerhin unter Beweis, dass er gut im „world building“ ist.
Auch viele bewährte, preisgekrönte Schauspieler – u. a. Javier Bardem, Oscar Isaac, Josh Brolin, Charlotte Rampling – hat er für den neuen Dune zur Verfügung. Timothée Chalamet (Paul) ist zwar mittlerweile 26, könnte aber mit seiner schlanken Statur und den zarten Gesichtszügen gerade noch als Teenager durchgehen. Ein wenig Aufregung gab es in Sachen Casting bereits, weil die Figur des Ökologen Dr. Kynes – im Buch ein Mann und 1984 von Max von Sydow gespielt – hier von der schwarzen britischen Schauspielerin Sharon Duncan Brewster verkörpert wird. Ob dies bloß dazu dient, dem aktuellen Woke-Trend Hollywoods entgegenzukommen – und dadurch gleich zusätzlich die bei Jugendlichen populäre Zendaya als Kynes-Tochter (und Pauls Geliebte Chani) zu casten – oder sich die Änderung einfach organisch ins Geschehen fügt, kann man dann ja dem fertigen Film entnehmen. Generell sollte man anhand des beschränkt zugänglichen Materials mit Spekulationen vorsichtig sein, doch anhand des Trailers lässt sich erahnen, dass die von Villeneuve favorisierten Grautöne vorherrschen – zumindest das bislang veröffentlichte Material wirkt visuell weniger eindrucksvoll als bei Lynch. Positiv gesehen könnte man dies aber auch so deuten, dass Villeneuve die Geschichte möglichst realistisch erzählen und eine bewusst „geerdete“ Welt ins Bild rücken will; Oscar Isaac sprach gar von „brutalistischen“ Elementen.
Natürlich ist es auch kein Geheimnis, dass das Studio Warner Bros. gerne wieder ein erfolgreiches Franchise wie The Lord of the Rings oder Harry Potter haben würde. Wir spekulieren an dieser Stelle aber bewusst nicht groß, ob Dune eine Mischung aus Star Wars und Game of Thrones wird, sondern hoffen einfach darauf, dass der Film keine Kompromisse eingeht und ein großes, vielschichtiges Epos ist, das die Kinoleinwand braucht. Falls Ihnen bis zum Kinostart langweilig ist, können Sie ja recherchieren, ob man den Filmtitel „djuhn“ oder „duhn“ ausspricht.
