Es ist vollbracht: Denis Villeneuve gelingt mit Dune eine adäquate Verfilmung von Frank Herberts unberechenbarem Science-Fiction-Klassiker.
Die Erwartungen waren groß, das Ergebnis ist noch größer, und der Hype sowieso. Dune, in der langerwarteten Adaption von Denis Villeneuve, ist gewaltiges Kino im besten Sinne des Wortes. Wie wenig es sich dabei um eine Selbstverständlichkeit handelt, weiß man, wenn man sich einmal die Zeit nimmt, all die gescheiterten Verfilmungen von Frank Herberts gleichnamigen, 1965 erschienenen Science-Fiction-Bestseller aufzuschlüsseln [siehe Printausgabe „ray“ 9/21]. Und auch wenn David Lynchs Kinoversion aus den achtziger Jahren heutzutage einen gewissen Kultstatus für sich beanspruchen darf, ist dies jedoch in erster Linie den surrealen Bilderwelten zu verdanken ist, die der große Bastler in seiner Version eindrücklich kreiert, während der Film inhaltlich einige grobe Schwächen aufweist. Villeneuve stattdessen setzt auf eine klare, beinahe minimalistische Ästhetik und hat gemeinsam Jon Spaihts und Eric Roth ein Drehbuch verfasst, das die Geschichte, zumindest die der ersten Hälfte des ersten Buches der Romanreihe, kompakt, schlüssig und mit einer eleganten Wucht auf die Leinwand überträgt.
Man kann sich also entspannt zurücklehnen – aber ein Kinosessel sollte es in dem Fall schon sein. Denn Dune ist kein Film für den Bildschirm zuhause, ganz gleich, welche Maße er aufweist. Die Dimensionen, in denen Villeneuve sich hier bewegt, sind von einem ganz anderen Kaliber. Das gab der Regisseur unlängst selbst zu verstehen, als er den Vergleich vorbrachte, dass die Sichtung seines Films im Fernsehformat ungefähr so wäre wie mit einem Schnellboot in der Badewanne unterwegs zu sein. Dune, ob man es will oder nicht, setzt den Willen zur totalen Hingabe voraus, aber wer sich darauf einlässt, wird entsprechend belohnt.
Denn natürlich geht es in Dune nicht, zumindest nicht vordergründig, um feine darstellerische Leistungen, obwohl diese bis in die Nebenrollen hervorragend sind. Es geht um imposante Sandwürmer, kolossale Actionszenen und technische Perfektion, die Villeneuve in jeder Einstellung zelebriert. Oft hat man den Eindruck, der virtuose Frankokanadier hat aus seiner durchwachsenen Erfahrung mit Blade Runner 2049 gelernt und gemeinsam mit dem deutschen Spezialeffekt-Künstler Gerd Nefzer, der ebenfalls bereits an dem Vorgänger beteiligt war, alles überflüssige, allzu bombastische Drumherum entfernt, um die Essenz der Gewaltigkeit und die Faszination für die Wunder der futuristischen Wüstenwelt in den Vordergrund zu rücken, die Hans Zimmer erwartungsgemäß mit einem perfekt bedrohlichen Score unterlegt.
Von dem mächtigen produktionstechnischen Aufwand einmal ganz abgesehen, bietet der Film dennoch auch die einmalige Gelegenheit, Timothée Chalamet beim Erwachsenwerden zu beobachten. Ähnlich wie der 15-jährige Paul, den der Mittzwanziger mit seiner zarten Statur und den weichen Gesichtszügen hier immer noch glaubhaft verkörpert, wird auch der Schauspieler im Laufe der Handlung reifen. Paul muss sich nach dem Tod seines Vaters, Herzog Leto (Oscar Isaac), auf seine zukünftige Rolle als Herrscher vorbereiten. Die ganze Familie Atreides wurde durch einen fiesen Trick des Imperators auf den Wüstenplaneten Arrakis beordert, um den friedlichen, erfolgreichen Abbau der wertvollen Substanz Spice zu garantieren, von der das Leben in der Zukunft abhängig ist. Doch nach einem Angriff der mit dem Imperator verbündeten Harkonnen, bei der Leto stirbt, muss Paul gemeinsam mit seiner Mutter (Rebecca Ferguson) in die Wüste fliehen, zu den Fremen, deren Weisheit, Kraft und Kultur er bereits seit einiger Zeit studiert hat, während seine Mutter als Mitglied des mystischen Frauenordens Bene Gesserit wohlweislich stets darauf bedacht ist, ihm seine ihm angeboren übernatürlichen Fähigkeiten näherzubringen und auf wirksame und kluge Art und Weise zu bedienen. Noch ist Paul zaghaft, zurückhaltend und scheu. Doch als Thronfolger lernt er schnell seinen Talenten zu vertrauen, und mit wachsenden Gefahren steigert sich rasch auch das Selbstbewusstsein des jungen Mannes, der schließlich die Rückeroberung des Planeten Arrakis mitsamt seinen Sandwürmern und dem kostbaren Spice in Angriff nehmen soll – aber davon gibt es erst im (noch zu drehenden) zweiten Teil mehr. Villeneuve konzentriert sich in seinem Auftakt zur großen Saga zunächst gänzlich auf die nötige äußerliche Weltenbildung sowie den inneren Reifeprozess vom Buben zum Kämpfer, den Chalamet mit seinem schmalen Körper ebenso gekonnt in Szene setzt wie mit der Mimik und Gestik eines begnadeten Schauspielers, dem obendrein ein Hauch von Ewigkeit in den Augenwinkeln geschenkt wurde.
Ähnlich wie in seinem leiseren, aber nicht weniger eindrücklichen Sci-Fi Drama Arrival versäumt es Villeneuve zugleich nicht, dem berauschenden Spektakel auch eine tiefere Seele zu geben sowie einen Subtext, der Raum und Zeit zur Reflexion erlaubt. Denn so fern die Welt auch sein mag, die Dune offenbart, so hautnah und brisant sind die Themen, die Frank Herbert ihr bereits Mitte der sechziger Jahre eingeschrieben hat und die bis heute den groben Handlungsrahmen des Epos mit wahrer Substanz füllen. Politische Spannungen, Klimawandel, Ressourcenknappheit, Imperialismus, Terror und Aufbegehren, all das findet in Dune seinen Platz, fügt sich ein und wirkt sogar noch eine Weile nach, wenn man sich längt wieder aus dem Kinosessel erhoben hat.
«This is only the beginning», verlautet die Fremen-Kämpferin Chani (Zendaya) am Ende, und man weiß, was das bedeutet. Mindestens eine Fortsetzung will Villeneuve noch drehen, der sich in den letzten Jahren in der großen weiten Sci-Fi-Welt am ehesten zu Hause fühlt, obwohl man ihm zu gerne auch mal wieder in ein anderes Genre, in eine andere Zeit und ein anderes Milieu folgen würde. Seiner Versiertheit ebenso wie seiner natürlichen, stets nachdenklichen Frohnatur hat die Arbeit an Dune jedenfalls keinen Abbruch getan. Überhaupt zeugen vor allem auch die Leichtigkeit, der subtile Humor und das Vergnügen, mit der er hier die Leinwand zum Beben bringt, von einer besonderen Kunst, die außer Villeneuve nur sehr wenige Regisseure seiner Generation beherrschen. So wünscht man Dune bei allem Getöse, das bereits den Kinostart umspielt, dass der Film tatsächlich so gut ankommt wie nötig, um einen weiteren Ausflug auf den Wüstenplaneten zu garantieren. Zu viele vor Villeneuve sind an einer gelungenen Umsetzung gnadenlos gescheitert. Jetzt gilt es, sich an dem Ergebnis zu erfreuen – im Kino, unbedingt, wo man jedes Sandkorn unter den Fingernägeln zu spüren vermeint.
