The Batman

Filmkritik

The Batman

| Oliver Stangl |

The Darkest Knight: Der Fledermausmann wandelt auf den Spuren von „Se7en“.

Wer die „Batman“-Versionen von Tim Burton oder Christopher Nolan (ray 09/2008, ray 07/2012) für finster hielt, der hat noch gar nichts gesehen: Matt Reeves‘ The Batman ist ohne jeden Zweifel der düsterste – man könnte gar sagen: depressivste – Film um den Mann mit der Maske. Ausführliche Hintergrundinformationen rund um Konzeption und Handlung können Sie in der aktuellen Printausgabe lesen, daher hier nur das Nötigste: Ein Serienkiller namens The Riddler (Paul Dano) tötet mächtige Männer in Gotham City, darunter den Bürgermeister. Seine Taten legen dabei offen, dass die Opfer keineswegs Unschuldsengel, sondern korrupt waren – und eine Nähe zum organisierten Verbrechen aufwiesen. Batman (Robert Pattinson), der in dieser Inkarnation seit etwas mehr als einem Jahr als Verbrechensbekämpfer aktiv ist, versucht, gemeinsam mit dem Polizisten Jim Gordon (Jeffrey Wright), den Riddler zu fassen. Dabei trifft er auch auf Selina Kyle vulgo Catwoman (Zoë Kravitz), die eine überaus persönliche Rechnung mit Mafiaboss Falcone (John Turturro) offen hat. Kann es gelingen, für Gerechtigkeit im völlig verkommenen Gotham zu sorgen – oder droht gar eine vom Riddler verursachte Katastrophe biblischen Ausmaßes?

The Batman hat einige Stärken – eine davon ist, dass man hier tatsächlich eine Batman-Geschichte serviert bekommt, in der der Held nicht von den Bösewichten überstrahlt wird. In diesem stilsicher fotografierten Neo-Noir werden vorrangig die detektivischen Fähigkeiten Batmans herausgearbeitet (auch wenn er natürlich ein herausragender Kämpfer ist, der seine Gegner manchmal fast eine Spur zu gern Mores lehrt). Zudem wird er von den Polizisten hier noch nicht respektiert, sondern als Freak angesehen, der sich ohne Legitimation in Dinge einmischt, die ihn nichts angehen. Der ermittlerische Ansatz führt dazu, dass man Pattinson kaum als Bruce Wayne zu sehen bekommt: Der Milliardärssohn, dessen Eltern ermordet wurden, ist hier ein depressiv-traumatisierter Einsiedler, dessen Kostüm zu seinem wahren Alter Ego wurde. Pattinson macht dabei einen guten Job als Fledermausmann: Seine Bewegungen sind langsam und bedächtig, wirken dabei aber auch unaufhaltsam; seine Bat-Stimme und sein intensiver Blick gehören zu den besten Batman-Performances bislang. Unterstützt wird der Brite zudem von einem grandiosen Kostüm, das ebenso praktisch wie theatralisch gestaltet ist. Dass es zweimal im Film auch ein Voice-over gibt (Bruce schreibt Tagebuch), ist zudem eine schöne Hommage an so manchen Comic. Visuell ist der Film unübersehbar an David Finchers Se7en angelehnt (zu vielen anderen Filmanspielungen kommen vor allem New-Hollywood-Filme aus den Siebziger Jahren, darunter Taxi Driver – siehe auch die oben erwähnten inneren Monologe – oder Chinatown): Gotham ist ein Sündenpfuhl, in dem es immer regnet und in dem glückliche Menschen keinen Platz haben.

Batman und sein Partner bei der Polizei, James Gordon (der hier noch nicht Polizeichef ist), geben ein formidables Ermittler-Duo ab. Ebenfalls überzeugend ist Zoë Kravitz als Selina Kyle, die einerseits in Fetischkleidung in einem von der Mafia geführten Nachtclub arbeitet, andererseits in ihrer noch relativ frischen Catwoman-Zweitidentität als Rächerin und Safeknackerin zugange ist. Die Szenen zwischen ihr und Batman haben den richtigen Mix aus Anziehung und Spannung, die sich auch aus einer unterschiedlichen Auffassung von Gerechtigkeit ergibt. Andere Figuren wie Mafiaboss Falcone oder Bruces Butler Alfred (Andy Serkis) haben insgesamt eher wenig zu tun – selbiges trifft auch auf Colin Farrell in der Rolle des Penguin zu (letzterer bekommt allerdings bald einen eigenen HBO-Film, zudem wird angedeutet, dass seine Figur im nächsten Film deutlich mehr Macht haben wird). Paul Dano hat ein paar starke Szenen als Riddler, der wie Batman eine Waise ist – und sich (unter anderem mit Hilfe von Social Media) an einer Gesellschaft rächen will, die ihm keinerlei Beachtung schenkte. Die Dichte der beschädigten Figuren macht den Film innerhalb der Reihe dabei ein wenig mit Burtons Batman Returns (wenngleich in anderer Ausrichtung) vergleichbar. Manche der Gewalttaten können natürlich in einem Film wie diesem nicht in allen Details gezeigt werden – schließlich muss man doch noch irgendwie die Familien im Auge behalten –, aber Reeves ist sehr kreativ im Andeuten von Grausamkeiten. Weitere Stärken: Michael Giacchinos Soundtrack, in dem Schuberts „Ave Maria“ auf John Williams‘ „Imperial March“ trifft, sowie die Kamera Greig Frasers.

Ob The Batman Film auf Biegen und Brechen als Reflexion unserer düsteren Zeit gesehen werden muss (Todd Phillips’ Joker wurde ja teils so interpretiert), ist allerdings fraglich: Die Themen Korruption und moralische Verkommenheit passen wunderbar zu der düsteren Detektivgeschichte, aber wenn Catwoman in einem Anfall von sozialer Bewegtheit einmal von „privileged white assholes“ spricht, reißt einen dieser Holzhammer-Moment kurz aus dem Film. Ja, The Batman ist realistischer als die meisten anderen kontemporären Comicverfilmungen, aber er ist trotzem immer noch eine Comicverfilmung. Ein guter Noir lebt davon, dass er die Welt, in der er spielt, überzeichnet bzw. einem dunklen Überthema unterordnet, ja, in gewisser Weise zeitlose Themen anspricht – wird er allerdings zu konkret und politisch, wird er unglaubwürdig. Apropos realistisch: Bei ein, zwei Punkten der Handlung darf man nicht zu sehr auf Plausibilität achten, dennoch ist The Batman nochmals deutlich realistischer angelegt als Nolans Trilogie.

Passender als der soziale Holzhammer ist jedenfalls das Motiv „sins of the fathers“, das auf mehrere Figuren verteilt wird, darunter auf Bruce, der an der Integrität seines philantropischen Vaters zweifeln muss, oder auch Catwoman. Der größere Bogen des Films liegt aber ohnehin bei Bruce: Reeves geht es vor allem um die Wandlung eines Mannes, der von der Furcht seiner Gegner lebt, hin zu jemandem, der den Menschen Hoffnung geben will. Dafür mag die Laufzeit von fast drei Stunden zugegeben ein bisschen zu lang geraten sein (hinzu kommt, dass es kaum Humor gibt), doch Noir-Aficionados und „Sherlock Batman“-Fans kommen definitiv auf ihre Kosten. Gegen Ende wird für das Sequel ohnehin eine Figur angeteasert, die vielleicht für ein Mehr an (morbidem) Humor sorgen könnte.