Diagonale 2022

Die Wahrheit nicht im Detail suchen

| Oliver Stangl |
Viermal wurden Tizza Covi und Rainer Frimmel bei der Diagonale ausgezeichnet. Neben der Reihe „Zur Person“ ist ihnen 2022 auch eine Fotoausstellung gewidmet.

Tizza Covi und Rainer Frimmel, beide Jahrgang 1971, sind seit den frühen Nullerjahren Stammgäste auf internationalen Filmfestivals – darunter auch auf der Diagonale, wo sie bislang viermal ausgezeichnet wurden und wo ihnen 2022 die Reihe „Zur Person“ (inklusive einer Fotoaustellung in der Camera Austria) gewidmet ist. Ihre Filme umfassen dokumentarische und fiktive Elemente, tauchen auf intime Weise in spannende Milieus ein und stellen oft Menschen am Rand der Gesellschaft in den Mittelpunkt. Das Paar teilt sich Regie, Drehbuch und Schnitt, Frimmel ist zusätzlich für die Kamera zuständig. Im Moment arbeiten Rainer Frimmel und Tizza Covi intensiv am Schnitt ihres neuen, in Rom spielenden Films – Zeit für ein Gespräch auf elektronischem Weg haben die beiden dennoch gefunden.

Rainer Frimmel, Ihr erstes Projekt „Aufzeichnungen aus dem Tiefparterre“ war ein dokumentarisches: Sie haben dabei die Monologe eines LKW-Fahrers Peter Haindl, die dieser selbst auf Video aufgezeichnet hat, montiert. Wie ist dieses ungewöhnliche Projekt entstanden?
Ich habe Peter während meines Zivildienstes im Allgemeinen Krankenhaus kennengelernt. Er arbeitete dort als Krankenträger und war mit all seinen Ambivalenzen eine außergewöhnliche Persönlichkeit, über die ich unbedingt einen Film machen wollte. Als ich ihn darauf ansprach, sagte er mir, das er das schon selber gemacht hätte und übergab mir mehrere Videokassetten. Aus diesem Material ist dann der Film entstanden.

Sie beide haben von 1992 bis 1994 das Kolleg für Fotografie an der Graphischen Lehranstalt in Wien besucht. Haben Sie damals schon Pläne für gemeinsame Filme geschmiedet?
Eigentlich nicht. Tizza ist für drei Jahre nach Rom gegangen, während ich in Wien geblieben bin und begonnen habe, experimentelle Filme zu machen.

Ihr erster gemeinsamer Film, die Dokumentation „Das ist alles“, zeigt den Alltag der deutschstämmigen, russischen und armenischen Bevölkerung in einem Dorf nahe Kaliningrad. Wie kam es konkret zu diesem Film und wie sind Sie auf dieses Dorf gestoßen?
Wir verbrachten zwei Sommer im Kaliningrader Gebiet und fotografierten sehr viel. Außerdem hatten wir eine Super-8-Kamera und ein Tonbandgerät dabei. Aus all den Erfahrungen, die wir in dieser Zeit machten, ist dann die Idee zu unserem ersten Film entstanden.

Was sind die Vorteile gemeinsamen Arbeitens? Kann es gelegentlich zu Spannungen kommen?
Im Film gibt es grundsätzlich nur das gemeinsame Arbeiten, im seltensten Fall macht man einen Film ganz alleine. Natürlich kommt es zu Spannungen, denn am Set ist es unerheblich, in was für einer Beziehung wir zueinander stehen – es geht darum, das beste Resultat zu erreichen.

2002 haben Sie Ihre Produktonsfirma Vento Film gegründet. Ein wichtiger Schritt für Ihre Arbeit?
Ja, denn wir haben uns dadurch unsere künstlerische Unabhängigkeit bewahrt.

Ihr zweiter Dokumentarfilm „Babooska“ wurde 2006 veröffentlicht. Ein Jahr lang haben Sie die titelgebende Artistin und deren Wanderzirkus durch Italien begleitet. Das Thema Zirkus sollte Sie ja noch länger beschäftigen – was fasziniert Sie am Schaustellermilieu besonders?
Es ist die Ambivalenz dieser Welt, die uns am meisten interessiert. Es ist immer wieder erstaunlich, wie wenig glamourös das Zirkusleben wirklich ist, wenn die Musik und die Lichter ausgehen. Das Leben hinter der Manege hat uns in seinen Bann gezogen, auch weil wir dort immer wieder faszinierende Persönlichkeiten kennengelernt haben.

„Babooska“ erhielt u. a. für die „präzis-atmosphärische Bildgestaltung“ den Großen Diagonale-Preis. Es sollten noch weitere folgen. Wie wichtig sind diese Preise für Ihre Arbeit?
Preise sind natürlich eine wichtige Anerkennung, besonders wenn man ohne kommerzielle Ausrichtung arbeitet. Dotierte Preise haben auch dazu beigetragen, dass wir von dieser Arbeit leben konnten.

Mit „La Pivellina“ entstand 2009 Ihr erster Spielfilm. Thematisch steht wieder der Zirkus im Mittelpunkt, diesmal gab es den Großen Diagonale-Preis für den Besten Spielfilm. Wie hat sich für Sie die Transition vom Dokumentarfilm zum Spielfilm gestaltet? Da auch Ihre Spielfilme ein stark dokumentarisches bzw. naturalistisches Flair aufweisen, könnte man annehmen, dass Ihnen dieser Schritt nicht schwer gefallen ist.
Dieser Schritt ist uns tatsächlich nicht schwer gefallen, da wir mit der Methode, der sogenannten Wirklichkeit durch fiktive Elemente einen kleinen Richtungsstoß zu geben, schon bei Babooska begonnen haben. Trotzdem versuchen wir, uns vom realen Leben der Protagonistinnen und Protagonisten nie allzu weit zu entfernen.

War der Wunsch, fiktive Elemente in Ihre Filme einzubauen, schon von Anfang an vorhanden?
Selbst bei ganz puristischen Dokumentarfilmen ist es ja so, dass man schon mit seiner Anwesenheit, der Platzierung der Kamera und dem Moment des Einschaltens der Kamera eine Inszenierung vornimmt. Diese minimale Inszenierung dann durch fiktive Elemente voranzutreiben, hat uns bald sehr gereizt.

Wie gestaltet sich für Sie die Arbeit mit Laien? Geben Sie einen ungefähren Rahmen für eine Szene vor und lassen sie machen? Was sind die schauspielerischen Stärken von Menschen, die keine Profis sind?
Wir geben den Rahmen der Szene immer vor, die Dialoge und Bewegungen werden dann improvisiert. Wir haben nie viel Material zur Verfügung und außerdem dauert eine Filmrolle nur elf Minuten. Das heißt, dass innerhalb dieser kurzen Zeitspanne sehr konzentriert gearbeitet werden muss. Die schauspielerischen Stärken der Laiendarsteller sind die, dass sie nicht versuchen, sich selbst zu spielen, sondern es einfach sind.

Wie leicht bzw. schwierig ist es für Sie, das Vertrauen der Protagonisten – egal ob im Spiel- oder Dokumentarfilm – zu gewinnen?
Es muss natürlich von beiden Seiten Sympathie und Interesse füreinander herrschen und manchmal braucht es viel Zeit, das notwendige Vertrauen zu gewinnen. Aber die nehmen wir uns immer, bevor wir ein Filmprojekt beginnen.

Für „Der Glanz des Tages“ aus dem Jahr 2012 gab es zum dritten Mal den Großen Diagonale-Preis. Hier trifft der Schausteller Walter Saabel auf den renommierten Schauspieler Philipp Hochmair. Ihr Konzept, mit Laien zu arbeiten, wird hier also durch den Einsatz eines Profis kontrastiert. War es schwer, beides unter einen Hut zu bringen?
Weil Philipp Hochmair genauso wie Walter Saabel sich selbst gespielt hat, waren für beide Darsteller während der Dreharbeiten dieselben Voraussetzungen gegeben. Und zwar aus sich selbst zu schöpfen und die eigene persönliche Geschichte einzubauen. Allerdings ist es für einen Laien sicherlich einfacher, diese Vorgabe zu erfüllen als für einen professionellen Schauspieler, der es gewohnt ist, eine Bandbreite von verschiedenen Rollen zu beherrschen. Philipp war aber von Anfang an bereit, sich auf diese neue Erfahrung einzulassen.

Haben Sie vor Beginn eines Spielfilmprojekts bereits den Anfang und das Ende im Sinn?
Ja, wobei das nicht heißt, dass sich im Schnitt nicht eine komplett andere Dramaturgie ergeben kann.

Mit „Mister Universo“ – auf der Diagonale mit dem Thomas Pluch Spezialpreis der Jury ausgezeichnet – sind Sie noch einmal in die Zirkuswelt eingetaucht. Hier folgen Sie dem Dompteur Tairo, den Sie schon als Kind bei früheren Projekten kennengelernt haben. Sind Sie zu einem gewissen Grad schon selbst als Teil der (Zirkus-)Familie gesehen worden?
Irgendwie schon, und das ist eine Ehre als sogenannter „Gadjo“, also als Sesshafter. Von vielen Zirkuskindern in Italien, die jetzt alle schon junge Erwachsene sind, werden wir ganz selbstverständlich mit Tante und Onkel angesprochen.

Für unabhängige Filmschaffende war die Digitialisierung ein ökonomischer Vorteil, da auf teures Filmmaterial verzichtet werden konnte. Sie haben aber weiterhin auf physischen Film gesetzt. Eine rein künstlerische Entscheidung oder große Liebe zum Haptischen?
Es ist genau beides – eine sehr bewusste künstlerische Entscheidung und eine enorm große Liebe für das Haptische.

Apropos Filmmaterial: Für die Kamera ist Herr Frimmel zuständig. Wie stark ist bei Ihren Spielfilmprojekten das Kamerabild vor jeder Szene festgelegt?
Auch hier gibt es viel Raum für Improvisation, die Kameraführung erfolgt intuitiv wie bei einem Dokumentarfilm.

Für „Aufzeichnungen aus der Unterwelt“ gab es erneut den Großen Diagonale-Preis Dokumentarfilm. Hier widmen Sie sich dem Wiener Strizzimilieu zwischen Dichtung und Wahrheit. Stoßen Sie auf Ihre Themen eher über Einzelpersonen oder kommt zuerst das Interesse an einem gewissen Milieu?
Das ist von Projekt zu Projekt verschieden, aber grundsätzlich sind es immer Einzelpersonen, die am Anfang eines Projektes stehen.

In letzterem Film wird man Zeuge faszinierender Geschichten, wobei sich manches möglicherweise an der Grenze zum Mythos bewegt. Ist es bei einem Dokumentarfilm für Sie entscheidend, wie wahr die Geschichten sind, die Ihre Protagonisten erzählen?
Natürlich haben wir im Hinblick auf das große Ganze einen Wahrheitsanspruch in unserer Arbeit, allerdings darf man die Wahrheit nicht im Detail suchen.

Könnten Sie sich vorstellen, auch einmal einen Film mit so richtig viel Budget und einem großen Stab zu machen?
Nein, das können wir uns momentan nicht vorstellen. Material, Ausrüstung, Getränke und auch die Darsteller müssen alle in unserem kleinen Bus Platz haben.

Die Diagonale 2022 zeigt auch Ihr fotografisches Werk. Inwiefern beeinflussen sich Film und Fotografie bei
Ihnen gegenseitig?
Am Anfang unserer Filme steht immer die Fotografie. Sie ist für uns der Eintritt in andere Welten.

Begreifen Sie Film und Fotografie als enge Verwandte oder als sehr unterschiedliche Medien? Film spielt sich ja in der Zeit ab, während man ein Foto in der Regel mit einem Blick erfasst.
Man erfasst es zwar mit einem Blick, aber ein gutes Foto erzählt auch viele Geschichten. Für uns sind Fotografie und Film nicht nur wegen ihrer Entstehungsgeschichte enge Verwandte.

2014 haben Sie der Fotografenlegende Erich Lessing den Dokumentarfilm „Der Fotograf vor der Kamera“ gewidmet. Hatte er Einfluss auf Ihr fotografisches Werk?
Nein, wir haben sein Werk erst mit der Arbeit an unserem Film ausgiebig entdeckt. Aber die Fotoagentur Magnum, für die er arbeitete, hat uns immer sehr interessiert. Eine wichtige Inspiration für uns ist aber zum Beispiel das Werk der Fotografin Diane Arbus.

Die Diagonale 2022 widmet Ihnen die Reihe „Zur Person“. Wenn Sie aus diesem Anlass auf Ihr Werk zurückblicken und ein übergreifendes Thema nennen müssten, das sich durch alle Arbeiten zieht, welches wäre das?
Sicherlich das Thema Kindheit.

Was kann man als Nächstes von Ihnen erwarten?
Wir haben unseren neuen Film in Rom gedreht und gerade mit dem Schnitt begonnen. Diesmal stammt unsere Hauptdarstellerin aus einem komplett neuem Milieu, und zwar dem der römischen High Society. Auch sie spielt sich selbst und erlaubt uns hiermit, ganz tief in eine Welt zu schauen, die wir so vorher nicht gekannt haben.