Dokumentarfilm über das Nachkriegswien der Gauner und Strizzis
Net kassieren und die Leut‘ schlecht machen.“ Alois Schmutzer, so erzählt er zu Beginn des Films, ist einmal zur „Kronen Zeitung“ gefahren. Die Kieberer in Zivil sind dann auch erschienen. Fünf Prozent habe er wollen, „von oben“, weil wenn man mit seinem Namen auf der Titelseite in Kombination mit „Unterwelt“ Schlagzeilen verkauft, sei ein gewisser Anteil am Erlös nur gerechtfertigt. Ob es denn damals überhaupt eine Unterwelt in Wien gegeben habe, will der Filmemacher Rainer Frimmel von ihm wissen. – „Niemals.“
Es ist eben alles eine Frage der Perspektive. Und ob es im Wien der sechziger Jahre eine Unterwelt gegeben hat, die diesen Namen auch verdient, sei dahingestellt und ist für diesen Film auch gar nicht wichtig. Aufzeichnungen aus der Unterwelt ist nämlich keine historische Milieustudie über das kriminelle Nachkriegswien, sondern eine Sammlung persönlicher Erzählungen über diese Zeit.
Die beiden Protagonisten von Rainer Frimmel (Konzept, Kamera) und Tizza Covi (Ton, Schnitt) würden ebenso hervorragend in einen Spielfilm passen: Alois Schmutzer, gebürtiger und schlagkräftiger Waldviertler aus Meidling, war einer der Hauptakteure vor allem des illegalen „Stoßspiels“; und der bekannte Wienerliedsänger Kurt Girk, auch bekannt als „Frank Sinatra aus Ottakring“, war als Schmutzers langjähriger Feund nicht nur beim Kartenspiel mit von der Partie.
In langen, ruhigen Einstellungen in Schwarzweiß erzählen – hauptsächlich – die beiden, fallweise ergänzt von Fernseharchivmaterial, abwechselnd über die Gepflogenheiten im Milieu, ihre Kindheit, die politischen Missstände und nicht zuletzt von ihrer Konfrontation mit dem Gesetz beziehungsweise jenen, die sich auf dessen Seite wähnten. Langsam werden die Erzählungen dabei zu Biografien, lernt man Freunde und Gegner, auch jene bei der knüppelnden Staatsmacht, kennen und werden markante Zäsuren deutlich: eine tödliche Schießerei am Neujahrstag, ein Postraub mit für Girk und Schmutzer katastrophalen Folgen sowie Details vom ehemaligen Justizwachebeamten zur Inhaftierung.
In Aufzeichnungen aus der Unterwelt lässt es sich eintauchen wie in einen Roman, der mit jedem neu aufgeschlagenen Kapitel an Tiefe gewinnt und bis dahin verborgene Verbindungen aufzeigt. Man kann diesen Film auch als gesellschaftspolitische und soziale Zustandsschilderung aus dem Wien der sechziger Jahre sehen. Aber auch, und das zeigt sich erst in den letzten Minuten, als einen Film über persönliche Freiheit, Respekt und Würde.
