Aber das ist für die Diagonale nichts Neues. Hier der Versuch einer Chronik im schwungvollen Schnelldurchlauf, die daran erinnern soll, was dieses Festival schon alles geleistet hat – und sicher noch leisten wird.
Nach dem Umzug von Salzburg in die steirische Hauptstadt, weg vom Dezember- und hin zum März–Termin und nach der Gründung des eigenen Trägervereins beginnt sie dann erst richtig: Die Diagonale fasst 1998, geleitet von Christine Dollhofer und Constantin Wulff, Fuß in Graz. Gleich der erste Hauptpreis geht an ein deutlich politisches Werk, Suzie Washington von Florian Flicker (auch Eröffnungsfilm der ersten „neuen“ Diagonale), dessen Thema von Flucht und Emigration in Europa vor dem düsteren Schatten der Jugoslawien-Kriege in den darauffolgenden Jahren ein zentrales für das Festival bleiben sollte. 2002 sind Schlingensief, Poet und ihr Container zu Gast, 2003 der große Želimir Žilnik und seine Filme, im besonderen (dazu gleich mehr) Jahr 2004 wird das Tribute „Serbische Trilogie des Widerstands“ dem Regisseur Goran Markovic´ gewidmet. Schon davor, bei der Diagonale 2000 etwa in Barbara Alberts höchst erfolgreichem Debüt Nordrand, ist das Nachwirken des Bosnienkriegs präsent. Es sind Zeiten großer Umbrüche, auch im österreichischen Film: Neben Alberts Film sind auch die ersten Langspielfilme von zwei weiteren Regisseurinnen, die die von manchen gern so genannte Nouvelle Vague Viennoise einläuten, bei der Diagonale zu sehen, 2001 Mein Stern von Valeska Grisebach, 2002 Jessica Hausners Lovely Rita. Im Jahr 2003 ist Graz Europäische Kulturhauptstadt, und ein sommerliches Diagonale-Open-Air, das europäische Kinoperspektiven zeigt, heißt „Crossing Europe“ – ein Name, der kurz darauf unter der Leitung von Christine Dollhofer bekanntlich anderswo ein Fixpunkt wurde, aber das ist wieder eine andere Festival-Erfolgsgeschichte.
SCHWARZ-BLAU – NEIN, DANKE
Turbulent geht es zu dieser Zeit auch innenpolitisch zu, den Gipfel der Auseinandersetzungen zwischen Filmbranche und Bundesregierung bekommt schließlich die Diagonale hautnah zu spüren: Das schwarz-blaue Schüssel-Kabinett besetzt die Festival-Intendanz im Alleingang neu, mit zwei eigenen Wunschkandidaten. Und mit beachtlichem Misserfolg: Eine „originale“ Diagonale formiert sich, lukriert Unterstützung und Gelder und hat tatsächlich den Rücktritt der eben erst neu Bestellten zur Folge. Sodass schon die Art und Weise ihres Stattfindens die Diagonale 2004, kurzerhand maßgeblich von einer Programmkommission – Frank Arnold, Robert Buchschwenter, Birgit Flos, Marcy Goldberg, Stella Rollig, Alexandra Seibel und Sylvia Szely – verantwortet, zu einem einzigartigen Highlight macht.
Dass in der zweiten Hälfte der Nullerjahre noch einiges ins Rollen kommen kann, ist zu einem guten Teil der unermüdlichen Geschäftsführung des Anfang 2022 allzu jung verstorbenen Oliver Testor zu verdanken, der unter der Intendanz von Birgit Flos zentral für die finanzielle Sanierung des Festivals verantwortlich war. Die tolle innere Arbeit macht sich nach außen hin bemerkbar: Ab 2006 gibt es die Großen Preise sowohl für Spiel- und Dokumentarfilm – im Doku-Bereich gewinnt Babooska von Tizza Covi/Rainer Frimmel, denen heuer die Reihe „Zur Person“ gewidmet ist, fiktional überzeugt Michael Hanekes Caché am meisten –, und auch die langjährige Kooperation mit dem Kunsthaus Graz als Festivalzentrum wird 2006 erstmals realisiert. Zwei Jahre später kommt der Große Schauspielpreis dazu – der Film, für den ihn Karl Markovics erhält, ist ein eigener Meilenstein des österreichischen Kinos, Ruzowitzkys Oscar-Coup Die Fälscher. Ab 2009 wird auch wieder regelmäßig der Diagonale-Schauspielpreis vergeben. Neue Preisträgerin hier ist Birgit Minichmayr für ihre Rolle in Murnbergers Knochenmann, und neu ist auch die Festivalleitung: Die Ära Barbara Pichler beginnt.
Am Anfang des Zehner-Jahrzehnts nimmt die Diagonale ihre Eigenverantwortung als stetig wachsende Großveranstaltung wahr und startet die Initiative „Diagonale Goes Green“, seit 2016 weitergeführt als „Diagonale #denktweiter“. Und zeigt selbst in einem großen Special andere Pionierinnen: hiesige Film-Vorkämpferinnen wie Valie Export, Margareta Heinrich, Kitty Kino. Es bleiben Jahre der Innovationen. Die Diagonale-Branchentreffen erfreuen sich großen Zulaufs, 2012 gewinnt das Festival für sein Vermittlungsprogramm „Lehrlinge analysieren Film“ den Bank Austria Kunstpreis. Ebenso sind es Jahre herausragender internationaler Gäste: Nach dem israelischen Dokumentaristen Avi Mograbi im Jahr zuvor kommt 2013 Agnès Godard, die langjährige Kamerafrau von Meisterregisseurin Claire Denis (und auch von Ursula Meier) nach Graz, ein Jahr darauf (in dem Jahr, als Erni Mangold ihre Preis-Sammlung auch endlich um eine Diagonale-Auszeichnung erweitert) begrüßen Kunsthaus und Diagonale den Avantgardisten James Benning. 2015 ist schließlich zwar – durchaus auch gefeiert – die Filmpoetin Mia Hansen-Løve zu Gast, doch der größte Beifall wird Intendantin Pichler gezollt: Sie übergibt nach dieser Ausgabe feierlich in die Hände des Duos, das bis heute die Leitung der Diagonale verantwortet, die noch jugendlich frischen Oberösterreicher Peter Schernhuber und Sebastian Höglinger.
DIE JUNGS
Mit der neuen Leitung bekommt die Diagonale 2016 auch eine grafische Runderneuerung verpasst, sowie neue kleine große Trophäen: Die fortan verliehene goldene „Muskatnuss“-Skulptur ist ein Plädoyer für die Bedeutung der zunächst unscheinbaren Dinge. Doch natürlich verändert sich nicht nur optisch etwas, unter Schernhuber/Höglinger ebnet beispielsweise die neue Filmschiene „In Referenz“ neue Wege für filmische Querverweise oder bietet das neue Format „Cinema Next Breakfast Club“ anregenden Austausch. Filme gibt es 2016 natürlich auch en masse, als inhaltlich mit am dringlichsten ist das Spezialprogramm „Österreich: zum Vergessen“ zu nennen; hier gibt etwa Ruth Beckermann, die für ihre Bachmann-Celan-(Nicht)-Verfilmung Die Geträumten den Spielfilmpreis gewinnt, erste Einblicke in ihr neues Projekt, eine Dokumentation über einen gewissen Kurt Waldheim … Außerdem gibt es eine internationale Masterclass mit dem US-Indie-Filmemacher Matthew Porterfield.
Nachdem die von seiner Editorin Monika Willi fertiggestellte letzte dokumentarische Arbeit des verstorbenen Michael Glawogger als Untitled die Diagonale 2017 eröffnet, präsentiert das Festival den zweiten Film von Ana Lily Amirpour, The Bad Batch, als Österreich-Premiere, sowie eine Masterclass der Filmemacherin, die mit ihrem Debüt A Girl Walks Home Alone at Night (2014) schlagartig bekannt geworden war. Und wieder wird das Diskursprogramm erweitert: „Diagonale im Dialog“ gibt Filmpersönlichkeiten – u. a. Alexander Horwath, Ulrich Seidl, Veit Heiduschka – und Publikum Gesprächs- und Denkraum im Kinosaal, der über das bekannte Frage-Antwort-Spiel nach Screenings hinausgeht. Für reichlich Gesprächsbedarf sorgt auch das Folgejahr, natürlich auch in Person von Shirin Neshat, die sowohl die mit österreichischer Beteiligung international produzierte Filmarbeit Looking for Oum Kulthum mitbringt, als auch eine Ausstellung im Joanneum zeigt, politisch aber vor allem, weil das Festival einem wichtigen Film die Ehre der Eröffnung zuteilwerden lässt: Murer – Anatomie eines Prozesses von Christian Frosch ruft die beschämend vernachlässigte, ja sabotierte Nationalsozialismus-Aufarbeitung in Österreich in Erinnerung und schlägt hohe Wellen. In punkto Internationalität wird mit der Einladung von Ari Wegner Gespür für die Zukunft bewiesen: Wegner, die hier in einer hochkarätigen Runde (Österreich ist durch Kamera-Meister Christian Berger und Kamerafrau Christine A. Maier vertreten) zum Thema Licht im Film mitdiskutiert, ist aktuell (2022) für ihre Kameraarbeit an Jane Campions The Power of the Dog für den Oscar nominiert.
CHAOS UND NEUBEGINN
Alles verspricht, stetig besser zu werden, und das Festival des österreichischen Films greift immer mehr um sich. Das umfassende Rahmenprogramm wird 2019 um den „Club Diagonale“ im städtischen Popkultur-Tempel p.p.c. erweitert, Film-, Theater- und Holzkünstler Ludwig Wüst inszeniert am Schauspielhaus August Strindbergs „Fräulein Julie“, das kollektiv erarbeitete und kuratierte Special „Über-Bilder: Projizierte Weiblichkeit(en)“ ist eine detailreiche Spurensuche hinsichtlich des Schaffens und der Repräsentation von Frauen im österreichischen Filmgeschehen. Und niemand ahnt, wie sehr das kleine Wort, das den Titel von Sara Fattahis mit dem Spielfilmpreis prämierten Essay über drei vom Krieg nie losgelassene Frauen ausmacht, in einem gänzlich anderen Kontext bald bedeutsam werden wird: Chaos. Denn selbst kurz davor glaubt es wohl fast noch niemand, doch 2020 muss das Festival abgesagt werden. Und über das Jahr verteilt zwar als „Unvollendete“ nachgeholt, aber erst ein Jahr später, im Juni 2021, kann die Diagonale wieder zumindest einigermaßen so stattfinden, wie sie es unbedingt noch lange soll: Als pulsierende und politische, den Stadtraum einnehmende Feier des Filmschaffens. Es finden aufgrund der Covid-Beschränkungen erstmals an zwei Tagen Vorstellungen in der Helmut List Halle statt; ebenso kommt keine Geringere als Ulrike Ottinger, die ihre wundervolle Studie Paris, Calligrammes mitbringt. Und nun, zwar wieder nicht wie gewohnt im Frühlingsbeginn-Monat, dafür hoffentlich in einem Schönwetter-April, soll das Festival des österreichischen Films uns 2022 ein bisschen – wir haben es alle bitter nötig – Licht und Wärme bringen: Sonne (Kurdwin Ayub) eröffnet strahlend, und wir sehnen uns nach Rimini (Ulrich Seidl). Vorhang auf!
