Filmfestival

Festival in Kriegszeiten

| Günter Pscheider |
Die russische Invasion der Ukraine prägte auch eines der prestigeträchtigsten Kulturevents Litauens, das Kino Pavasaris Filmfestival in Vilnius, dessen 27. Ausgabe am 3. April mit einer von Trauer überschatteten Preisverleihung zu Ende ging.

Die Ermordung des litauischen Regisseurs Mantas Kvedaravičius nahe Mariupol schockierte die einheimische und internationale Filmcommunity, sein Film Mariupolis wurde bereits am „Ukrainan Day“ zu Beginn des Festivals gezeigt und zu seinen Ehren am letzten Tag wiederholt.

Wie auch andere Werke dieses Spezialprogramms wie Distant Barking of Dogs, Atlantis oder Bad Roads klarmachten, hat der Krieg in der Ukraine bereits mit den Konflikten in der Ostukraine begonnen, die dramatischen Auswirkungen auf die Zivilbevölkerung werden in diesen Filmen deutlich gezeigt, damals war von hashtags wie #standwithukraine in der Weltöffentlichkeit allerdings noch wenig die Rede. Nach der russischen Invasion der gesamten Ukraine ist die Solidarität immerhin groß, im Rahmen der Industrieplattform Vilnius Meeting Point wurde mit Professionals aus ganz Europa diskutiert, wie man der ukrainischen Filmbranche helfen kann. Organisationen wie die international Coalition for Filmmakers at Risk (ICFR) sorgen dafür, dass Menschen aus der Branche schnell und direkt monetär unterstützt werden, die Profite aus Screenings von ukrainischen Filmen weltweit gehen oft an Hilfsorganisationen. Die kontroverse Frage nach einem Boykott von russischen Filmen konnte auch in diesem Rahmen nicht geklärt werden, das muss wohl jedes Festival, jedes Kino, jeder Verleiher für sich selbst entscheiden. Eine gesamteuropäisch einheitliche Position dazu ist nicht zu erwarten.

Der junge Staat Litauen ist auf Grund seiner Geschichte besonders alarmiert, wenn Russland seine Waffen sprechen lässt. Von Ende des 18. Jahrhunderts bis 1915 war man Teil des Russischen Reichs, nach 1945 Teil der Sowjetunion, bevor Litauen sich als erstes Land 1990 unabhängig erklärte. Als NATO- und EU-Mitglied verfällt man jetzt nicht in eine Angststarre, aber eine gewisse Spannung ist in der Stadt deutlich zu spüren, auch wenn der Alltag wie im restlichen Europa weitergehen muss. Die Hilfsbereitschaft für ukrainische Flüchtlinge ist enorm, die gelbblauen Farben allgegenwärtig. Vilnius ist eine junge, dynamische Stadt mit einer verwinkelten Altstadt mit zahllosen Kirchen, irgendwo muss ja auch der polnische Einfluss sichtbar sein, der das Land Jahrhunderte lang geprägt hat. Gerade junge Leute sind durchaus stolz auf ihre Kultur, obwohl viele ihren Platz suchen zwischen heidnischen Göttern, dem Katholizismus und dem westlichen Kapitalismus. Die litauische Sprache ist definitiv nicht slawisch, am ehesten noch dem Sanskrit verwandt, die nationale Identität ist gerade für ein so kleines Land wichtig, auch wenn viele im Ausland studieren. So ist es auch nicht verwunderlich, dass es viele Hipster-Bars und Restaurants mit internationalem Anspruch und einheimischen Spezialitäten wie Zeppelinas (Knödel mit köstlichen Füllungen), Kugelis (Kartoffelauflauf) oder Käse in allen Variationen, auch als Süßigkeit, in der ganzen Innenstadt gibt.

Die kundige Führerin bei einem Stadtrundgang hat auch betont, dass sich Litauen im Gegensatz zur Ukraine sofort Europa zugewandt hat und sich dem russischen Einfluss vollkommen entzogen hat, die maximal zehn Prozent russischsprachiger Menschen im Land seien aber sehr gut integriert. Wie in den anderen baltischen Staaten versucht man auch in Vilnius, Tradition und Moderne zu vereinen, oftmals fehlen die Mittel zu manch notwendigen Renovierungen, aber die Energie der Stadt ist auch in dieser Dauerkrise positiv, was natürlich ebenso für das Filmfestival gilt.

Kino Pavasaris ist eindeutig ein Publikumsfestival, das Programm ein Best-of der Arthouse-Filme des letzten Jahres, kundig zusammengestellt von Aistė Račaitytė und ihrem Team. Dass man sich aus dem riesigen Reservoir der Highlights und Preisträger vergangener Festivals bedienen kann, ohne den Zwang, Weltpremieren hinterherjagen zu müssen, sorgt für ein Programm mit durchwegs hoher Qualität, in dem neben vielen Crowdpleasern natürlich auch formal anspruchsvollere Filme ihren Platz haben. Es werden über 90 Langfilme gezeigt, von denen viele sehr publikumsfreundlich oft wiederholt werden, die Premieren von litauischen Filmen sind natürlich Highlights des Festivals.

Eine Entdeckung war Speak No Evil. Der atmosphärisch äußerst dichte Psychothriller von Christian Tafdrup über ein dänisches Mittelstandspärchen, das auf einem Kurzurlaub bei einer holländischen Urlaubsbekanntschaft eine schreckliche Entdeckung macht, hätte sich zwar ein glaubwürdigeres Ende verdient, punktet aber mit einer perfekten Balance zwischen Psychologie, Suspense und Splatter. Auch A Man and a Camera spielt in einer holländischen Kleinstadt, hier ist das Konzept ebenso simpel wie gewagt: Der Filmemacher klopft einfach an die Tür von irgendwelchen Leuten und filmt sie wortlos, während sie nicht wissen, wie sie mit dieser Anmaßung umgehen sollen. Die Reaktionen schwanken zwischen Gewalt, Misstrauen und Mitgefühl und mit diesem einfachen Setting erzählt Guido Hendrikx mehr über die conditio humana als viele geschwätzige Filme in drei Stunden. Es gibt zwar keine Einzelretrospektive, aber in den verschiedenen Programmreihen, vor allem in „Exist to Co-Exist“ finden sich auch immer wieder Meisterwerke, die man gerne wieder auf der großen Leinwand sieht wie Le feu follet von Louis Malle, Do the Right Thing von Spike Lee oder Calendar von Atom Egoyan, der seine Lieblingsthemen Erinnerung und Identität formal beeindruckend und mit tiefer Empathie und Einsicht behandelt.

Die zwei österreichischen Produktionen Moneyboy und Beatrix liefen im Wettbewerb für den besten Debütfilm. Mutzenbacher von Ruth Beckermann war in der Programmreihe Masters zu sehen – den Preis gewann allerdings der Serbe Mark Grba Singh für Rampart, sein intimes Familienporträt des Aufwachens im Schatten eines Krieges. Auch wenn die Preisverleihung durch den Krieg und den Tod von Mantas Kvedaravičius von der Stimmung her getrübt war, das Motto des Festivals, „To Exist you Co-Exist“, das schon lange vor diesem Krieg beschlossen wurde, wurde in der Festivalpraxis hervorragend umgesetzt. Nicht nur das hervorragende Programm, die gute Organisation und die pulsierende Stadt Vilnius machen Kino pavasaris zu einem wichtigen Event für Filmliebhaber und Professionals, die beim Meeting Point auch bei Pitches und Case Studies die Gelegenheit zum Netzwerken haben, auch die Freundlichkeit aller Beteiligten, der trockene, sehr britisch anmutende Humor nicht nur der Volunteers und nicht zuletzt die trotz der Krise schwungvollen Partys sind mannigfaltige Gründe, das größte litauische Filmfestival zu besuchen.

kinopavasaris.lt/en