Andreas Dresen über seinen neuen Film „Rabiye Kurnaz gegen George W. Bush“, die Stärke der Frauen und die Versäumnisse der deutschen Politik im Fall Kurnaz.
Herr Dresen, Sie gelten als Experte für Wende- bzw. Nachwende-Geschichten. Haben Sie diesmal bewusst die eigene Komfortzone verlassen?
Andreas Dresen: Ich habe mich schon öfter mit deutscher Realität beschäftigt, die nicht unbedingt nur mit Ostdeutschland zu hatte. Aber das war natürlich jetzt noch mal eine ganz andere Konstellation, weil es sich hier um eine internationale Geschichte handelt, die in einem Bereich der Gesellschaft spielt, in dem ich mich noch nicht so häufig bewegt habe. Ich habe zwar nach der Wende mal einen Film über einen Türken in Berlin gedreht, nur war diesmal zudem eine intensive Recherche gefragt. Ich fand es unheimlich spannend, mich mit Murats Fall zu beschäftigen. Und es ist einer der faszinierendsten Aspekte meines Berufs, dass ich dadurch immer wieder in Bereiche geführt werde, die den eigenen Horizont erweitern.
Der Fall ist kompliziert und lässt sich auch im Nachhinein schwer nachvollziehen. Wie sind Sie zu der Entscheidung gekommen, sich auf Murats Mutter Rabiye zu konzentrieren?
Ich bin schon sehr früh in die Materie eingestiegen, im Jahr 2008, nachdem ich das Buch von Murat Kurnaz, „Fünf Jahre meines Lebens“, gelesen hatte. Ich habe mich daraufhin mehrmals mit ihm in Bremen getroffen, um mir die Geschichte von ihm selbst erzählen zu lassen. Und eigentlich war damals der Plan, einen Film über ihn und seine Inhaftierung in Guantánamo zu drehen, weil ich es verstörend fand, dass es so etwas in unserer Zeit überhaupt geben kann. Dass es möglich ist, dass Menschen ohne rechtsstaatliches Verfahren über Jahre eingesperrt und gefoltert werden, und das unter den Vorzeichen von Demokratie, Freiheit und Gerechtigkeit. Aber dann stellte sich nach und nach heraus, dass es eine komplexe und eigentlich unmögliche Aufgabe ist, den Fall filmisch darzustellen, weil mir Guantánamo so kafkaesk und absurd vorkam, ohne jede Perspektive, ohne jeden Hoffnungsschimmer. Ich fragte mich, wie und ob man dem Zuschauer das zumuten kann. Und dann habe ich eines Tages bei einem Essen Murats Mutter Rabiye kennengelernt und mich sofort in diese Frau verliebt. Sie war so hinreißend mit ihrer Kraft, ihrem Humor, der Direktheit und Vitalität, die sie an den Tag legt, dass ich bereits auf der Heimfahrt dachte, vielleicht liegt der Schlüssel darin, den Film aus ihrer Perspektive zu erzählen.
Es ist ein sehr langer Zeitraum, den Sie im Film in zwei Stunden zusammenraffen. Welche Faktoren spielten dabei für Sie eine Rolle?
Das war ein großes Problem, weil die Zeit selbst im Film ja eine wichtige Funktion hat. Es ist einfach unvorstellbar, dass jemand fünf Jahre hinter Gittern sitzt. Aber man kennt das ja aus dem Kino, da ist ein Schnitt und schon sind wieder fünf Monate vergangen. Nur was das im wirklichen Leben bedeutet, ist schwer zu ermessen. Deshalb haben wir uns für eine Struktur entschieden, die den Film bewusst immer wieder unterbricht, quasi in Scheiben schneidet, und wo die Tage gezählt werden, um beim Zuschauer ein Bewusstsein zu schaffen, was das tatsächlich für die Beteiligten bedeutet, auch wenn es im Kino so verdammt schnell geht.
Trotz des Ernsts der Lage verleihen Sie Ihren Filmen stets eine gewisse Leichtigkeit. Darin besteht Ihre Kunst. Wie schaffen Sie das?
Laila Stieler, meine Drehbuchautorin, und ich, wir sind seit fast vierzig Jahren ein Team. Wir haben uns schon vor der Filmhochschule kennengelernt. Wir teilen eine ähnliche Weltsicht und eben auch einen ähnlichen Humor. Und ich kann mir nicht vorstellen, jemals eine Geschichte zu erzählen, die ganz ohne Letzteren auskommt. Humor gehört für mich zum Leben dazu, auch aus der persönlichen Erfahrung heraus. Lachen hilft, um über Schmerz und Trauer hinwegzukommen. Und je düsterer die Zeiten, desto härter werden häufig die Witze. Diesmal hat es dafür aber wirklich keiner großen Anstrengung bedurft, denn wir hatten Rabiye. Sie hat von Natur aus diesen herrlichen Humor und ist so ein Stehaufweibchen, das sich nicht unterkriegen lässt.
Meltem Kaptan, die Rabiye Kurnaz spielt, ist buchstäblich eine Wucht. Wie geht man damit um, ohne dass der Film aus dem Gleichgewicht gerät?
Wir haben uns bei den Probeaufnahmen kennengelernt und in dem Moment habe ich bereits gemerkt, dass Meltem zwar eine Komikerin ist und schon deshalb ein super Timing hat und weiß, wie man eine Pointe setzt, aber dass sie gleichzeitig auch eine ungeheure Tiefe hat, die sie vor der Kamera vermittelt. Diese Bandbreite hat mich bei ihr von Anfang an glücklich gemacht. Und dann gilt es eigentlich nur noch, in der Zusammenarbeit das richtige Maß zu finden, um den Ton auszubalancieren.
Sie kommen selbst aus einer Theaterfamilie. Beeinflusst das die Art und Weise, wie Sie mit Ihren Darstellern umgehen?
Ich denke schon. Ich habe meine Kindheit und Jugend in Theatern verbracht, bin viel in Theater-Kantinen gewesen, aber auch hinter der Bühne. Ich liebe Schauspieler und beim Drehen ist es für mich ein ganz zentraler Punkt, ausreichend Zeit mit ihnen zur Verfügung zu haben. Ich glaube, dass darin das Herz und Wesen einer filmischen Erzählung besteht. Nur so lassen sich die Emotionen, die Widersprüche und menschlichen Abgründe tatsächlich herausarbeiten. Und danach suche ich. Ich bin weniger ein Technik-Freak. Ich finde, die Technik sollte sich der Geschichte und den Darstellern unterordnen, auch wenn darin natürlich ein wichtiger gestalterischer Aspekt liegt.
Was kann das Kino Ihrer Ansicht nach, was das Theater nicht schafft?
Ich liebe Theater sehr, vor allem weil es live stattfindet, aber das Kino hat den Daumen am Puls der Zeit. Ich habe mich von Theaterproduktionen immer mehr zurückgezogen, weil ich ein bisschen müde war, darüber nachzudenken, wie man ein altes Stück mit einer virtuosen Regieinterpretation zu neuem Leben erweckt. Und dann geht es plötzlich nur noch darum, wie originell sich ein Regisseur auf der Bühne gibt, aber nicht mehr um den Stoff an sich. Das hat meines Erachtens beim Theater eine zerstörerische Wirkung. Diesen absurden Aspekt künstlerischer Arbeit gibt es beim Film nicht. Dort ist alles viel direkter. Man sucht die Geschichte, die man erzählen möchte, entwickelt ein Drehbuch und erzählt sie. Sicher gibt es auch hier Remakes, aber doch vergleichsweise selten. Das finde ich eine unschlagbare Qualität.
Für „Gundermann“ haben Sie insgesamt sechs Lolas beim Deutschen Filmpreis 2019 gewonnen. Zudem war der Film ein enormer Publikumsliebling. Wie erklären Sie sich den großen Erfolg?
Das ist schwer, weil Filmemachen am Ende immer eine langwierige Angelegenheit ist. Man weiß nie, auf was für eine gesellschaftliche Stimmung ein Film dann tatsächlich stößt, wenn er fertig ist. Das wissen wir bei Rabiye jetzt auch nicht. An Gundermann haben Laila und ich insgesamt zwölf Jahre gearbeitet. Und dann kam er 2018 in die Kinos und traf auf eine Situation, in der die Debatte über das deutsche Zusammengewachsensein hohe Wellen schlug. Offensichtlich gab es das Bedürfnis nach einer etwas anderen Erzählung unserer Biografien. Gundermann ist ja ein sehr widersprüchlicher Charakter und der Film bietet keine einfachen Lösungen an. Das alles kam scheinbar zum richtigen Zeitpunkt. Wir hatten großes Glück.
Rabiye Kurnaz wird von der Kritik mit einer modernen Mutter Courage verglichen. Haben Sie diese Parallele auch gesehen?
Ich bin mit Brecht aufgewachsen, und da bleibt der Gedanke nicht aus. Dennoch war es in erster Linie Rabiye selbst, die mich fasziniert hat. Aber natürlich geht es indirekt auch darum, welche Rolle Frauen in der Weltgeschichte spielen. Dieser Aspekt ist unterbelichtet, und Frauen werden einfach in den häuslichen Bereich abgeschoben. Na klar, Rabiye ist eine Frau, die zunächst in ihrem Reihenhaus in Bremen-Hemelingen regiert. Sie bügelt, kocht und ist für alle da. Aber ihre eigentliche Kraft und Leidenschaft entwickelt sie, als sie furchtlos ihre Kinder verteidigt. Das ist etwas tief Menschliches. Wir leben jetzt in Zeiten des Krieges, das hätte man sich vor wenigen Wochen noch nicht träumen lassen. Und es ist nicht zu unterschätzen, was Frauen in solchen Zeiten durchmachen, deren Männer und Söhne in dem Kampf ziehen. Letztendlich handelt davon ja auch „Mutter Courage“. Und das ist ein Aspekt, der mir extrem wichtig war. Politik wird leider häufig von Männern gemacht, aber oftmals sind es die Frauen, die die Menschlichkeit verteidigen.
Ihr Film schreckt nicht davor zurück, die Fehler aufzuzeigen, die seitens der deutschen Regierung im Fall Murat Kurnaz gemacht wurden. Gab es Bedenken, wie weit Sie mit dieser Kritik gehen konnten?
Nein. Für uns war eher die Frage, wie direkt wir die politischen Aspekte ansprechen, aber wir waren in der Hinsicht nicht ängstlich. Es handelt sich hier ja um eine universale Geschichte, in der es um viel wesentlichere Dinge geht als das Fehlverhalten einzelner deutscher Politiker. Deswegen wollten wir das Thema nicht in den Vordergrund rücken, ohne dabei Dinge zu verschweigen. Ich denke, es wäre für den Film aber wenig hilfreich gewesen, sich auf eine tagesaktuelle Politiker-Bashing-Ebene zu begeben.
Was hat Sie persönlich am meisten schockiert darüber, was damals alles schief gelaufen ist?
Ich habe die Regierungsprotokolle gelesen. Da gab es im Herbst 2002 ein Angebot der CIA an Deutschland, Murat zu entlassen. Damals hatte er bereits ein gutes Jahr in Haft gesessen. Und die deutsche Regierung hat ausgesprochen kaltherzig reagiert und im Prinzip gesagt, darum sollten sich doch bitte mal die türkischen Kollegen kümmern, denn schließlich sei Murat vom Pass her türkischer Staatsbürger. Er ist zwar in Bremen geboren, aber man fühlte sich quasi in dem Moment lieber nicht für ihn zuständig. Und infolgedessen hat Murat dann eben noch weitere dreieinhalb Jahre grundlos in diesem Foltergefängnis verbracht.
Wie erklären Sie sich diese Kaltherzigkeit?
Ein Jahr nach 9/11 hatte man offensichtlich Angst davor, einen öffentlich als Taliban diffamierten Menschen zurückzuholen. Aber dass jetzt, wo wir es besser wissen und auch die Hintergründe kennen, immer noch kein Politiker bereit ist, den Fehler einzugestehen und sich bei Murat und seiner Familie zu entschuldigen, ist ein Skandal. Am Ende war es wieder eine Frau, die Murat schließlich aus Guantánamo herausgeholt hat, nämlich Angela Merkel, als sie in Deutschland an die Macht kam. Es war eine ihrer ersten Amtshandlungen und ich halte das für keinen Zufall. Vielleicht spielen Frauen in der Geschichte am Ende doch die progressivere Rolle. Man sollte das endlich begreifen und ihnen mehr Verantwortung geben.
Würde eine Entschuldigung der deutschen Regierung im Nachhinein etwas bewirken können?
Es kann natürlich nichts ungeschehen machen, das Unrecht ist geschehen. Aber es wäre zumindest eine Form von moralischer Wiedergutmachung, wenn einer der damals verantwortlichen Politiker die Fehler einräumen würde. Das nicht einmal das passiert, finde ich eine Schande. Murat selbst kann sich für eine solche Entschuldigung sicher nichts kaufen, allerdings würde es seiner öffentlichen Reputation schon helfen. Zumal es bis heute Leute gibt, die ihn als „Bremer Taliban“ sehen, auch wenn seine Unschuld längst bewiesen ist. Da hat ein junger Bremer Mensch fünf Jahre lang unschuldig in einem Foltergefängnis gesessen und ich erwarte von der dafür verantwortlichen Politik, dass sie sich dazu verhält.
In einem Interview zu Ihrem Film „Als wir träumten“ meinten Sie, Sie wünschten sich manchmal mehr Anarchie und Provokation. Das war vor sieben Jahren. Wie sehen Sie das heute?
Wir brauchen immer Provokation. Wir brauchen das Verlassen unserer Komfortzonen sowohl im Kino als auch im Leben. Wir sollten die Dinge nicht als gottgegeben hinnehmen, sondern immer wieder an den Zäunen rütteln, die uns umgeben. So wie Rabiye Kurnaz loszieht und das scheinbar Unmögliche versucht. Am Ende ist sie erfolgreich. Und so wie sie sollten auch wir niemals kapitulieren vor scheinbar in Stein gemeißelten Verhältnissen.
