Nikolaus Geyrhalter
Nikolaus Geyrhalter © Magdalena Blaszczuk

Matter Out of Place

Dinge von Dauer

| Jakob Dibold |
Der österreichische Ausnahme-Dokumentarist Nikolaus Geyrhalter hat mit „Matter Out of Place“ einen gewohnt bildstarken Film über Müll und die Frage, was vom Menschen zurückbleibt, realisiert. Ein Gespräch über unendliche Abfall-Massen, Limits der Vorstellungskraft und das Besondere des Kinos.

 

Ein Raupenbagger fährt zu einer markierten Stelle im Boden eines grünbraunen Feldes und geht zu Werke. Noch könnte man sich in Nikolaus Geyrhalters letztem Film Erde (2019) wähnen, der sich menschlich herbeigeführten Erdbewegungen widmet, doch es wird rasch offensichtlich, dass der Dokumentar- und Essayfilmer in seinem neuen Film Matter Out of Place, der vergangenen Sommer im Internationalen Wettbewerb des Locarno Film Festivals seine Weltpremiere feierte, einem anderen – wenn auch verwandten – Themenkomplex nachspürt: Die große Schaufel bringt alle möglichen Arten von Müll zurück an die Oberfläche, den man vor einigen Jahrzehnten einfach in der Erde vergraben hat.

Die titelgebende Materie, die fehl am Platz ist, ist tatsächlich zunächst einmal all das, was überall auf der Welt von Menschen weggeworfen wird. Geyrhalter verfolgt die Wege des Weggeworfenen in diversen Lebensräumen des Planeten: durch enge Gassen und schließlich in eine riesige Deponie in Nepal, in einem europäischen Skigebiet, an einem Strand der Malediven, in der Wüste Nevadas. In assoziativem und doch stringentem Schritt führt die filmische Rundumbetrachtung dabei vor Augen, wie unvorstellbar die Mengen an Materie sind, die tagtäglich zu Müll werden und wie viel Arbeitskraft und technologischer Aufwand tagtäglich aufgebracht werden müssen, um diesen zumindest einigermaßen beizukommen. Matter Out of Place zeigt in beeindruckenden Bildern aber nicht nur die Herausforderungen von Müll-Lagerung und -Beseitigung, sondern erzählt ebenfalls eine größere Geschichte davon, was die Spezies Homo Sapiens in ihrer Phase des zeitgenössischen Kapitalismus produziert und zurücklässt. In den geduldigen, der materiellen Wirklichkeit ihren nötigen Raum zur Entfaltung gebenden Einstellungen wird der Mensch als Erzeuger fatalen Überschusses ebenso ins Zentrum gerückt wie als aufräumender David gegen Goliath, Letzteres abseits der gängigen Mechanismen etwa in Gestalt eines freiwilligen Putztrupps, der eine Küste säubert oder von Tauchern, die am Meeresgrund Abfall bergen. Auch in die ausgefeilte Systematik von Recyclinganlagen geben Geyrhalter und sein Team Einblick, wobei klar bleibt: Selbst das genügt nicht.

1994 gründete Nikolaus Geyrhalter seine eigene Filmproduktionsfirma, beinahe dreißig Jahre später sind er und sie nicht mehr aus der österreichischen Filmlandschaft wegzudenken, aus der Welt des Kinos überhaupt eigentlich genauso wenig – viele Filme des Autodidakten entstehen an den unterschiedlichsten Orten der Erde, und ihre Kombination aus Scharfsinnigkeit und Schauwert lässt sie nach Fertigstellung dann wiederum in unzählige, global verstreute Festivals und Kinos reisen. Über das Reisen und das Kino spricht Nikolaus Geyrhalter im folgenden Interview ebenso wie über „matter out of place“ als Begriff, menschliche Versäumnisse und nachhaltiges Filmschaffen.

Ihr neuer Film „Matter Out of Place“ zeigt Müll und die Bemühungen, eben diesen wegzuschaffen oder sich seines zu entledigen, und dies wieder rund um den Globus. Welche Art von Orten wollten Sie unbedingt im Film haben und wie gehen Sie damit um, wenn eine gewünschte Location nicht realisierbar ist?
Nikolaus Geyrhalter: Bei den meisten Dokumentarfilmen gibt es, würde ich sagen, zwei Kategorien von Orten: Jene, die wirklich einzigartig sind und entweder funktionieren oder eben nicht – in diesem Fall war das Burning Man; wenn der Dreh dort nicht geklappt hätte, wäre das nicht im Film gewesen –, und solche, die bis zu einem gewissen Grad austauschbar sind. Letzteres waren hier Abfallsortierungs- oder Müllverbrennungsanlagen, denn die ähneln einander oft in der Funktionsweise. Da brauchte es dann auch „Glücksgriffe“, Orte, an denen wir sehr gut arbeiten konnten. Aber dadurch, dass wir nicht von ganz bestimmten solcher Orte abhängig waren, konnten wir so lange suchen, bis wir welche fanden, die uns auch unterstützen wollten.

Der Begriff „matter out of place“ ist Burning Man entlehnt, dem Event, das schlussendlich den Film beschließt …
Nikolaus Geyrhalter: Wobei auch Burning Man ihn nicht erfunden hat, den Begriff gab es davor schon. In der Outdoor-Szene verwendet man ihn schon lange. „Matter out of place“ beinhaltet alles, was durch den Menschen an einen Ort gebracht wurde bzw. dort nicht natürlich vorkommt, da geht es nicht nur um Müll per se. Bekannter wurde er durch Burning Man, das stimmt. „Matter Out of Place“ ist eben gerade deshalb so ein schöner Filmtitel, weil damit nicht nur Müll beschrieben wird, sondern alles, was wir hinterlassen, jede Veränderung, die ohne uns nicht passiert wäre. So ist der Film auch gedacht – klar sieht man viel Müll, aber es geht darum, was von uns übrigbleibt und wie sich unsere Gesellschaft darin spiegelt.

Genau, der Begriff öffnet so viele Perspektiven: Nicht nur Müll ist „out of place“, auch so viele Gegenstände und Dinge, die dazu gebraucht werden, um ihn zu verarbeiten und zu transportieren; das wären im Film zum Beispiel der LKW, der an einer Gondel hängt oder Müllsäcke, die am Meeresgrund benutzt werden. Und man kann das Müll-Thema auch auf zwei Ihrer Filme der letzten Jahre beziehen: In „Erde“ (2019) spielt etwa die Frage nach der Lagerung von Atommüll eine große Rolle, in „Homo sapiens“ (2016) sind es verlassene Gebäude, die quasi „displaced“/entrückt von ihrem Zweck auch eine Art von Abfallprodukt darstellen. Ist Müll einfach ein essenzieller Teil des Mensch-Seins?
Nikolaus Geyrhalter: Ja, sicher. Menschen machen ja immer schon Müll – nur war er zum Beispiel vor hundert Jahren noch relativ unkritisch und ist entweder verrottet oder hat keinen Schaden angerichtet. Und ich glaube tatsächlich, dass wir evolutionär noch nicht verstanden haben, dass es einfach nicht mehr genügt, unseren Abfall quasi aus dem Fenster zu werfen, weil er ohnehin verrotten wird – sondern, dass wir uns dringend etwas überlegen müssen. Eigentlich ist dieser Zug auch schon ein bisschen abgefahren. Die Chance wurde verpasst. Wie es generell viele Entwicklungen in der Menschheitsgeschichte – vor allem gegenwärtig, denke ich – gibt, die schneller vonstatten gehen, als wir sie fassen können. Gerade auch beim Müll ist es in vielerlei Hinsicht etwas zu spät: Mikroplastik ist überall und nicht mehr wegzukriegen. Oder das große Thema des radioaktiven Abfalls. Da hat man vielleicht hundert, zweihundert Jahre Energie gewonnen, dafür ein Problem für eine Million Jahre geschaffen.

Dort geht es dann auch wirklich in Richtung Science-Fiction – ein Begriff, der vonseiten der Kritik manchmal bezüglich „Homo Sapiens“ fiel, weil der Film für manche so post-apokalyptisch wirkt. Die Frage nach der Atommüll-Lagerung ist hingegen im Grunde wirklich reine Wissenschafts-Fiktion, -Spekulation.
Nikolaus Geyrhalter: Es ist vollkommen absurd. Man kann ja schon nicht vorhersagen, was in zweihundert Jahren sein wird. Wir wissen nicht einmal genau, was nächstes Jahr passiert. Das meine ich: Wir haben uns eine Verpflichtung geschaffen, uns mit Zeiträumen zu beschäftigen, die jede menschliche Vorstellung komplett übersteigen. Überhaupt bleibt Müll einfach immer übrig, selbst wenn wir ihn in die richtigen Tonnen entsorgen und teilweise recyclen, irgendwann wird es Restmüll. Selbst beim Verbrennen entstehen Schlacke und toxische Filterrückstände. Nichts, das wir wegwerfen, verschwindet einfach spurlos. Und heutzutage versorgen wir es eben so gut es geht, aber das haben sich die Leute vor fünfzig Jahren wahrscheinlich auch gedacht, als sie den Müll einfach vergraben haben – und heute graben wir ihn wieder aus. Wer weiß, was einmal mit den Müllbergen passiert, die wir jetzt anhäufen. Die Lösungen sind in Wahrheit immer nur kurzfristig.

Das kommt in „Matter Out of Place“ auch sehr stark heraus. Vermeidung scheint das Wichtigste zu sein. Das führt auch zum Thema Green Filming: Wie verfolgen Sie diese Bestrebungen der Filmindustrie und wie versuchen Sie, nachhaltiges Filmschaffen zu betreiben?
Nikolaus Geyrhalter: Wir haben selbstverständlich eine ausgebildete Green Filming Consultant im Team, Antonia Bernkopf. Wir versuchen umzusetzen, was nur möglich ist. Das haben wir auch schon versucht, als noch kein Mensch von Green Filming geredet hat, wir haben an unserem Firmensitz in Wien schon vor zehn Jahren eine eigene Photovoltaik-Anlage gebaut und erzeugen zumindest den Strom selbst, den wir hier verbrauchen.

Beim Dokumentarfilm-Drehen kommt man oft zu der Frage: Macht man es oder macht man es nicht? Wenn ja, muss man reisen und dann gibt es einen gewissen Fußabdruck. Sonst gibt es den Film nicht. Ich arbeite durchaus mit klassischen Methoden; wenn man dann weit entfernt drehen will, muss man eben fliegen und wenn man näher in Europa dreht, nimmt man den Firmenbus, weil man dann unabhängig ist, sofort drehen kann und nicht alles zu kompliziert wird. Ein mögliches Mittel ist, das reisende Team klein zu halten und zunehmend mit Leuten vor Ort zu arbeiten – und auch das tun wir schon immer, nicht nur um Reiseaufwand zu sparen, sondern auch weil lokale Teammitglieder immer auch ein wichtiger Schlüssel im jeweiligen Land sein können.

In „Erde“ sprechen die Menschen sehr viel darüber, was sie tun, darüber, was sie über die Konsequenzen ihres Handelns denken. In „Matter Out of Place“ wird wieder kaum gesprochen, in Interview-Situationen gar nicht. Wie kam es zu dieser Entscheidung?
Nikolaus Geyrhalter: Das sind Entscheidungen, die im Schnittprozess getroffen werden. Ich habe viele Filme ohne Interviews fertiggestellt, bei denen Interview eingeplant gewesen waren. Wenn es nicht passt, muss man den Mut haben, sie rauszunehmen. Bei Erde waren die Interviews sehr wichtig und hilfreich, die Charaktere waren auch gut, da hätte ohne die Interviews etwas gefehlt, weil die Leute auch oft Universelles zum Ausdruck gebracht haben. Bei Matter Out of Place hatten wir das Gefühl, dass der Film ohne Interviews besser funktionieren würde. Denn es ist ja ein Problem, dass das Publikum immer einen größeren Überblick hat als die Personen, die an einem bestimmten Ort arbeiten und darüber viel erzählen können, aber keine so großen Antworten geben können, wie dann vom Publikum erwartet wird. Deshalb wäre es den Interviewten gegenüber oft nicht fair, Material zu verwenden, das auf einen lokalen Horizont begrenzt ist und dem Publikum die großen Fragen nicht beantworten kann, die sich im gesamten Film natürlich stellen. In diesem Fall war das auch so. Einige der Bilder werfen Fragen auf, die nicht einmal für Experten beantwortbar sind. Also ist es aufrichtiger, den Film insgesamt als Fragestellung zu verstehen, um einen Diskurs anzuregen.

Wenn wir vom Schnitt sprechen: Die Cutterin Samira Ghahre-mani verleiht „Matter Out of Place“ immer wieder ein bisschen Witz, es gibt kompositorisch und inhaltlich tolle Übergänge. Wie bringen Sie sich im Schnitt ein? Und haben Sie beim Filmen oft die Gewissheit, dass es etwas in den Film schaffen muss?
Nikolaus Geyrhalter: Das gibt es natürlich oft, dass man beim Drehen weiß: „Das war es jetzt!“ Generell arbeiten die Cutterinnen und Cutter bei meinen Projekten aber sehr frei. Zwar haben alle meine Filme eine Handschrift, einen ähnlichen Rhythmus et cetera, auf den man hinarbeitet, aber es gibt viele Freiheiten. Ich involviere mich auch erst, wenn schon ein Grundgerüst steht, ich begleite den Prozess nicht die ganze Zeit. Wenn ich auf meine Filme zurückblicke, die doch von einigen verschiedenen Cutterinnen und Cuttern geschnitten wurden, dann haben die zwar viele Parallelen und einen ähnlichen materialbedingten Rhythmus, andererseits sind immer starke Schnitt-Handschriften erkennbar. Das finde ich auch richtig und wichtig – die Filme werden ja nicht von mir alleine gemacht, es sind ganz viele Personen involviert. Alles in allem ist es eine recht lockere Zusammenarbeit; am Ende gibt es schon Dinge, von denen ich klar weiß, dass ich sie will oder nicht will, aber ich lasse mich auch da gerne von etwas überzeugen.

Wie haben Sie Ihre Ästhetik – manche würden es formale Strenge nennen – gefunden, war das immer schon die Idee oder hat sich das entwickelt?
Nikolaus Geyrhalter: Das hat sich über die Jahre so entwickelt. Ich komme von der Fotografie und auch dort war mir das Weitwinkel- schon lieber als das Zoomobjektiv. Dann habe ich meinen ersten Film gemacht und der lief erfolgreich auf Festivals und auf einmal ist man dann Filmemacher. Es gibt vielleicht so etwas wie eine Begabung, doch es gehört auch viel Glück und Zufall dazu. Ich hätte auch bei einem anderen Beruf landen können. Jetzt nach zwanzig, dreißig Jahren fühle ich mich natürlich sicherer in dem, was ich tue, was zu einem großen Teil an meinem guten Arbeitsumfeld liegt.

Die Herangehensweise mit vielen statischen, totalen Einstellungen passt konzeptuell auch sehr gut zu den von Ihnen behandelten Themen und der Art und Weise, wie Sie diese vermitteln möchten.
Nikolaus Geyrhalter: Ja. Ich habe eben beim Documentary Filmfestival in Thessaloniki eine Masterclass gehalten mit Filmstudierenden und da gab es eine lange Diskussion darüber, warum ich nicht mit Close-ups arbeite … Eine mit einem Weitwinkelobjektiv gedrehte Totale, die lange steht, ist doch voller Close-ups! Sie sind nur nicht vorgegeben, sondern das Publikum hat selbst die Möglichkeit, sich das Close-up auszusuchen. Das finde ich viel demokratischer so. Die Bilder sind wie eine Bühne, und auf dieser Bühne passiert Realität.

Weil „Matter Out of Place“ auch mit dieser stark allegorischen Sequenz des sprichwörtlichen „Unter-den-Teppich-Kehrens“ eröffnet: Ist das eine Hauptmotivation Ihres Filmschaffens, jene Realität zu zeigen, die sonst eher versteckt ist, nicht sichtbar gemacht wird?
Nikolaus Geyrhalter: Dass Matter Out of Place mit dieser Szene beginnt, ist natürlich kein Zufall. Sie ist ein schönes Motto für den Rest des Films. Ich sehe meine Filme als Möglichkeiten, dass das Publikum Räume betreten und erleben kann, die es sonst nicht betreten darf, kann oder auch will. Das geht natürlich ebenfalls mit der Montage und der Einstellungs-Dauer einher, man muss dem Publikum auch Zeit geben, zu erfassen. Auch der Ton spielt eine große Rolle dabei, das Erlebnis im Kino mit Surround-Ton ist einfach noch einmal etwas anderes. Selbstverständlich sollen die Filme auch am Screen funktionieren, dort sieht man auch alles, aber im Kino spürt man mehr. Und im Grunde genommen ist ja für jede Entscheidungsfindung erst einmal die Erfahrung wichtig und das ist eine Aufgabe des Kinos: die Grundlagenforschung zu leisten und das Publikum in die Lage zu versetzen, gesehen und erlebt zu haben. Erst dann kann man sich eine Meinung bilden und idealerweise auch etwas verändern.