Brendan Fraser besticht in „The Whale“ durch eine darstellerische Gewaltleistung.
In jedem der schachbrettmusterartig angeordneten Fenster auf dem Computerbildschirm ist ein Gesicht zu sehen, die so versammelten jungen Leute repräsentieren die Teilnehmer eines universitären Kurses in Sachen „Kreatives Schreiben“. Eine jener Videokonferenzen, wie sie mittlerweile zum Alltag gehören und die nur in einem Punkt nicht ganz routinemäßig abläuft: Genau das mittige Fenster, das eigentlich dem Kursleiter vorbehalten ist, bleibt finster. Der Grund dafür, so beeilt sich Charlie (Brendan Fraser), der besagte Vorlesung leitet, seinen Studenten zu versichern, sei eine noch immer defekte Webcam. An sich keine große Sache, denn Charlie hält seine Vorlesung eben mit Audio ab. Doch dann wird unvermittelt der Blick auf den Dozenten freigegeben, und schlagartig wird deutlich, warum er seine Lehrtätigkeit nur noch ausschließlich online ausübt – und sich dabei auch möglichst den Blicken seiner Studenten entziehen möchte. Denn Charlie wiegt um die 250 Kilo, und sein augenscheinlich gewaltiger, massiger Körper ist mittlerweile zu einem veritablen Problem geworden. Dass ein auf den Boden gefallener Gegenstand unerreichbar wird und die Strecke von der Couch zur Tür wie ein Marathon erscheint, sind dabei noch Schwierigkeiten geringfügiger Art. Charlies Fresssucht hat nämlich im Lauf der Zeit seinem Körper über die sichtbaren Folgen hinaus irreparable Schäden zugefügt, die sein Leben akut bedrohen. Eigentlich sollte er sich sofort in ein Krankenhaus begeben, was ihm Liz, die ihm als Freundin und Pflegerin zur Seite steht, auch dringlich anrät. Doch Charlie lehnt kategorisch ab, und man muss keine ausgeprägte Kombinationsgabe besitzen, um zu ahnen, dass die nicht vorhandene Krankenversicherung nur ein vorgeschobenes Argument darstellt. Er zieht es vor, den selbst gewählten Rückzug aus der Welt und von beinahe allen Menschen einfach fortzusetzen, das Wohnzimmer seines Hauses, das sich irgendwo in Idaho befindet, soll das alleinige Zentrum von Charlies Existenz bleiben.
Beinahe ausschließlich in besagter Räumlichkeit spielend, konzentriert sich Darren Aronofskys Inszenierung auf einen Abschnitt im Leben des Protagonisten, in dem wie unter einem Brennglas die wichtigsten Momente seines Daseins deutlich sichtbar werden. Dieses kammerspielartige Szenario bedingt die Vorlage, basiert The Whale auf dem gleichnamigen Bühnenstück des US-amerikanischen Dramatikers Samuel D. Hunter, der auch das Drehbuch verfasst hat. Im Mittelpunkt: Der Universitätslehrer Charlie, dem Schicksalsschläge wie der Selbstmord seines Lebenspartners und manche Entscheidungen – für die Beziehung mit jenem Partner hat Charlie seine Familie verlassen und dadurch den Kontakt zu seiner damals achtjährigen Tochter Ellie verloren – so zugesetzt haben, dass er sich geradezu zwanghaft in Fressorgien stürzt, selbst um den Preis gravierender physischer Folgen. Damit reiht sich die Figur des Charlie nahezu perfekt neben anderen, aus bisherigen Regiearbeiten Darren Aronofskys bekannten Charakteren ein, die alle selbstzerstörerische Züge aufweisen.
In Requiem for a Dream (2000) sind solche destruktiven Züge dem Sujet um Drogenabhängigkeit zum Teil innewohnend, doch Aronofsky zeigt den körperlichen und seelischen Zerfall der drei Protagonisten mit einer unerbittlichen Konsequenz, die man in dieser Form nur selten im Kino zu sehen bekommt. Eine Unerbittlichkeit anderer Art legt dagegen die Protagonistin von Black Swan (2010) an den Tag. Die von Natalie Portman verkörperte Ballerina Nina Sayers arbeitet sich dermaßen intensiv in alle Facetten ihrer Rolle in Tschaikowskis „Schwanensee“ ein, dass sie emotional mehr und mehr aus dem Gleichgewicht gerät. Erste Akte von Dermatillomanie geschehen noch unbewusst, es folgen zunehmende wahnhafte Halluzinationen, die schließlich in einem finalen Akt der Selbstverletzung münden. Diese totale Hingabe, um einen künstlerischen Anspruch zu erfüllen, beinhaltet auch die Selbstzerstörung, sogar bis zum Tod, obwohl Aronofskys Inszenierung es am Schluss offenlässt, ob die Balletttänzerin diesen ultimativen Preis bezahlen muss.
Ein ähnliches Motiv, wenngleich auch in einem völlig anderen Metier, steht im Mittelpunkt von The Wrestler (2008). Angesiedelt ist die Geschichte im Milieu des professionellen Wrestlings, dieser besonders in den Vereinigten Staaten höchst populären Mischung aus greller Inszenierung und athletischen Leistungen. Auch wenn diese Show von außen betrachtet in ihren Überhöhungen ein wenig – vorsichtig formuliert – bizarr erscheint, ist sie für Randy Robinson – von Mickey Rourke mit beeindruckender physischer Präsenz verkörpert – doch zum Einzigen geworden, was in seinem ansonsten reichlich verpfuschten Leben noch Bedeutung hat. Für jene Momente im Ring, die ihm immer noch den Jubel des Publikums bescheren, werden Schmerzen seines zerschundenen Körpers ignoriert und Steroide in höchst ungesunder Dosis zugeführt. Selbst eine Herzattacke, die jeden weiteren Kampf zum tödlichen Risiko macht, kann Randy nicht davon abhalten, weiterzumachen.
Für den Literaturdozenten Charlie resultiert der Akt der Selbstzerstörung, den er mit seiner extremen Fresssucht betreibt, aus – zumindest subjektiv empfundenen – Schuldgefühlen, die wiederum das Resultat einschneidender Entscheidungen im Verlauf seines Lebens sind. Die erwähnte Einheit des Raums, die in The Whale – der Titel leitet sich übrigens zu einem guten Teil von einem Essay über Herman Melvilles „Moby Dick“ ab, eine Abhandlung, die aus bestimmten Gründen für Charlie von besonderer Bedeutung ist – vorherrscht, verdeutlicht die Konsequenz, mit der sich Charlie vom Rest der Welt abschottet. Mit der Fokussierung auf eine Woche, wobei die einzelnen Wochentage eine zusätzliche Strukturierung bilden, implementiert Aronofskys Inszenierung auch eine Art von dramaturgischem Zeitlimit, die die beklemmend dichte Atmosphäre noch verstärkt. Streckenweise erscheint The Whale ein wenig über die Maßen dramatisiert. In der Bühnenfassung mag es funktionieren, dass die wenigen Charaktere, die in Charlies abgeschottete Welt vorzudringen vermögen – neben Liz sind das seine mittlerweile 17-jährige Tochter Ellie, Ex-Frau Mary und ein junger Mann namens Thomas, der als eine Art evangelikaler Prediger Menschen zu bekehren versucht –, alle auf unterschiedliche Art Berührungspunkte mit Charlies Vergangenheit und teilweise zueinander haben, doch in Aronofskys psychologischen Kammerspiel wirkt diese Konstellation manchmal etwas konstruiert. Dass man darüber hinwegsehen mag, ist vor allem der schauspielerischen Tour de Force von Brendan Fraser geschuldet. Fraser, der sich mit dem Abenteuer-Blockbuster The Mummy (1999) einen Namen machen konnte, sich jedoch in den letzten Jahren weitgehend vom Schauspiel zurückgezogen hatte, feiert mit The Whale ein fulminantes Comeback, das in dem Gewinn des Oscars als Bester Hauptdarsteller gipfelte. Dass das Makeup-Team Adrien Morot, Judy Chin und Ann Marie Bradley für die kongeniale Gestaltung des übergewichtigen Leibs ebenfalls den Academy Award verliehen bekam, ist nicht mehr als fair, angesichts ihrer ebenfalls beeindruckenden Arbeit.
Fraser macht wiederum geradezu spürbar, wie Charlie von seinem massigen Körper erdrückt wird, das Körpergewicht erscheint dabei als stimmige Allegorie für eine von Schuldgefühlen gequälte Seele. Die sich erst auf eine Höllenfahrt begeben muss, bis sie auf den Weg der Erlösung findet.
