Black Swan

Black Swan

Tanz mit dem Teufel

| Pamela Jahn |

Nach dem durchschlagenden Erfolg von „The Wrestler“ hat sich Darren Aronofsky (Interview) nun mit „Black Swan“ auf wundersam verstörende Weise eines Schicksals aus der Welt des klassischen Tanzes angenommen. Mit Natalie Portman in der Rolle einer nach absoluter Perfektion strebenden Primaballerina erweist er sich dabei einmal mehr als großartiger Schauspielerregisseur.

Manchmal, wenn das Leben ganz unerbittlich in einen Film gezwungen wird, wenn der Rahmen der Leinwand die Welt wie eine Schraubzwinge umschließt und ein Regisseur gemeinsam mit seinen Figuren auf die Suche nach den tiefsten Emotionen und ihren extremsten Ausformungen geht, kann das Kino ein Ort der Zumutung sein. Darren Aronofsky, der einst als Wunderkind gefeierte, eigenwillige Plot- und Realitätentüftler der amerikanischen Indie-Szene, ist so ein Regisseur der Zumutungen. Im besten Sinn, hat er uns doch in seiner bisher noch recht überschaubaren Filmografie auf diese Weise bereits den Untergang der Wissenschaft, Amerikas, ja der ganzen Menschheit vor Augen geführt. Dabei streift er stets die Gattungen, lässt sich von ihnen inspirieren, verbindet sie in seinem virtuosen Filmschaffen zu neuen Narrationsformen, ohne sich jedoch jemals in die eine oder andere Genre-Ecke drängen zu lassen. Zudem sind seine Helden nicht einfach nur Symptomfelder einer allzu sehr mit sich selbst beschäftigten Moderne. Sie sind – mehr oder weniger begabte – Künstler des Scheiterns: Sei es der paranoide Mathematiker in seinem hochgelobten Erstling Pi (1998), das Sucht-Quartett in Requiem for a Dream (2000), der manische Wissenschafter in dem ambitionierten Fantasy-Puzzle The Fountain (2006) oder Mickey Rourkes abgehalfterter Show-Gladiator in The Wrestler (2008). Was Aronofskys Protagonisten vereint, ist ihre innere Getriebenheit und ein fataler Hang zur Selbstzermarterung. Unermüdlich und mit ihren ureigenen Waffen kämpfen sie inmitten einer zumeist als fremd empfundenen Umwelt so verzweifelt mit den Widerständen in sich selbst, dass sie sich dabei am Ende konsequenterweise selbst zerstören. Gewinnertypen und Normalos, soviel scheint sicher, haben bei Aronofsky keine Chance.

Gequälte Seele

Auch Black Swan, der fünfte Spielfilm des heute 41-jährigen New Yorkers, folgt diesem radikal subversiven Grundprinzip. Obendrein entpuppt sich der Film über seinen visuellen Stil hinaus als eigentümliches „companion piece“ zu The Wrestler, wobei die zwei Welten, die Aronofsky hier wie dort wie unter einem Vergrößerungsglas zeigt und reflektiert, wohl nicht gegensätzlicher zueinander stehen könnten. Auffällig scheint dabei zunächst einmal, dass Black Swan ebenso wenig ein eindimensionaler Film über Ballett auf professionellem Niveau ist wie The Wrestler bloß ein Film über das Show-Catchen. Ein Ballettfilm im klassischen Sinn ist er lediglich insofern, als das Leben der jungen Tänzerin Nina (Natalie Portman) zu ihrer wichtigsten Rolle wird.

Denn Nina wünscht sich nichts sehnlicher, als in ihrem Ensemble endlich Tschaikowskis Schwanenkönigin tanzen zu dürfen, den Part, auf den sie, wie die meisten ihrer Kolleginnen, jahrelang mit strengster Disziplin und Askese hingearbeitet hat. Und das soll sich nun auszahlen. Dass sie die Rolle in dieser Saison dann tatsächlich bekommt, hat die zart besaitete junge Frau am Ende jedoch weniger ihrem tadellosen Tanzstil als vielmehr ihrer Schreckhaftigkeit zu verdanken, weil sie ihrem Chefchoreografen Thomas (Vincent Cassel) – verblüfft über dessen harten Annäherungsversuch – im richtigen Moment auf die Lippe beißt. Der setzt nun darauf, dass Nina nicht nur die unschuldige, reine weiße Schwanenkönigin Odette formvollendet auf die Bühne bringt, sondern, wie es die klassische Version des Balletts verlangt, zugleich die dämonische, verführerische schwarze Odile. Doch Nina tut sich schwer damit, von ihrem akribischen Perfektionismus abzulassen und, statt nur vom Kopf her zu arbeiten, diesmal mit der ganzen Seele hineinzugehen. Je verzweifelter sie es versucht, um so mehr wird ihr die Zeit der Proben zum Alptraum: Nicht genug damit, dass sie im Übungssaal Thomas’ harscher Kritik und übermäßigem Ego sowie den kleinen, fiesen Attacken ihrer attraktiven Rivalin Lilly (Mila Kunis) standhalten muss, macht ihr zu Hause der Kontrollwahn der Mutter (Barbara Hershey) zu schaffen und zehrt zunehmend an ihren strapazierten Nerven. Ganz zu schweigen von dem emotionalen Befreiungskampf, den sie mit sich und ihrer verkorksten Sexualität heimlich unter der Bettdecke führt.

Auf diesem narrativen Fundament entwickelt sich die Geschichte wie eine Mischung aus Thriller, Horror und klassischem, mitunter hart am Kitsch vorbeischrammendem Melodrama voll von Irrungen und Wirrungen, abgeplatzten Zehennägeln, lesbischen Phantasien, malträtierten Schulterblättern, Verschwörungstheorien, unerwarteten Wendungen und einem folgerichtigen Schluss. Am besten funktioniert Black Swan allerdings immer dann, wenn sein Regisseur in die Trickkiste greift und mit ganz einfachen Mitteln zu unerwarteten Lösungen findet. Zudem gelingt es Aronofskys Inszenierung in der schwierigen Gratwanderung der gewählten Genres einen Erzählduktus zu etablieren, der angenehm frei bleibt von Melancholie und tänzerischem Pathos, obgleich die elegant mit der Handkamera gedrehten und clever montierten Ballettszenen einen ganz eigenwilligen subtilen Sog auf das Publikum ausüben. Kurz: Ihm gelingt es, einen niederschmetternden Realismus mit der halluzinatorischen Wahrnehmung seiner Heldin zu verbinden.

Wie The Wrestler ohne Mickey Rourke lässt sich auch Black Swan im Nachhinein ohne Natalie Portman als Primaballerina kaum denken. Auch ihr ist die Kamera in nahezu jeder Einstellung dicht auf den Fersen, umkreist sie, sitzt ihr im Nacken, tanzt und leidet mit ihr, und kann sich an ihr wirklich kaum satt sehen. Aronofsky indessen setzt seine ganze Bemühung daran, Portmans bisheriges Image als nettes, adrettes Mädchen von nebenan ein für alle Mal auszumerzen. Unter seinem Regime durchlebt die Schauspielerin auf der Leinwand eine ganz eigene, wundersame Verwandlung unter vollem Körpereinsatz und ohne Rücksicht auf Verluste, mit echten Schmerz-Tränen und knacksenden Knöcheln. Auf ihren schmalen Schultern trägt Portman diesen Film – trotz einer auch ansonsten großartigen Besetzung – im Wesentlichen allein, und sie tut das mit einer inneren Sicherheit, die ihr für die zukünftige Karriere ganz neue Türen öffnen sollte.

Erst ganz am Ende scheint man durch Ninas Fassade gänzlich hindurchzublicken, offenbart sich das fatale Wesen der gequälten Künstlerseele, und die Musik wird reine Sehnsucht. Es ist ein Auftritt von unendlicher Trauer, ein perfekter Abschied. Voller Angst, doch mit der Ahnung unerhörter Freiheit.