The Wrestler – Ein störrischer Hund

Ein störrischer Hund

| Roman Scheiber |

Zwischen physischer Präsenz und fragilem Inneren als „The Wrestler“: Mickey Rourkes fulminantes Comeback auf der Showbühne. Porträt eines wieder Aufgestandenen.

Von Mickey Rourke gab es in den vergangenen 15 Jahren nur gelegentlich etwas im Kino zu sehen. Außerhalb informierter Kreise stieß man eher zufällig auf ihn oder erkannte den früheren Feschak erst gar nicht. Francis Ford Coppola gab ihm eine Nebenrolle in der Grisham-Adaption The Rainmaker (1997), Sean Penn ließ ihn in seiner Dürrenmatt-Bearbeitung The Pledge (2001) auftreten. Im durchgeknallten Slackerfilm Spun (2002) trägt Rourke den Spitznamen „The Cook“, produziert die Drogen, unter denen er steht, selbst,  und geht sich einen Porno ausleihen. Als bis zur Unkenntlichkeit maskierter Schlägertyp Marv in der Comicverfilmung Sin City (Robert Rodriguez, Frank Miller, 2005) durfte er ein Callgirl begehren. Im selben Jahr spielte er in Domino gar den Boss der Titelheldin (Keira Knightley). Diese Hauptrolle hatte Mickey Rourke freilich dem Regisseur des hypernervösen wie sentimentalen Actionthrillers zu verdanken, seinem alten Spezi Tony Scott, der ihm schon im vorherigen Projekt einen kleinen Part zugeschanzt hatte: drei Szenen als öliger Anwalt in dem maßlosen Pseudorache-Entführungsthriller Man on Fire mit Denzel Washington. Der Anwalt endet übrigens ohne Kopf im Pool.

Freunde wie Scott waren dem neckischen Jugendidol der Achtziger Jahre wenige geblieben. Als Rourke nach dem Erhalt des Golden Globe 2009 für die Titelrolle in The Wrestler öffentlich seinen Hunden dankte („In all den Jahren der Einsamkeit waren sie die Einzigen, die immer zu mir gehalten haben“), war das nicht nur eine wohlgesetzte Pointe. Mickey Rourke selbst war bewusst, dass seine Karriere so gut wie am Ende gewesen war. Deshalb bedankte er sich auch mehr als artig bei jenem Mann, dem er sein fulminantes Comeback zu verdanken hatte. Einen „großartigen Visionär“ nannte er seinen Regisseur Darren Aronofsky, der für das 21. Jahrhundert das bedeuten werde, was Steven Spielberg für das 20. bedeutet habe. Abgesehen davon, dass man Wertschätzungen solcher Art nicht wichtig nehmen muss: Es wird das Verdienst Aronofskys bleiben, dass Rourke wieder vernünftig in Hollywood arbeiten kann. Aronofsky hat mit The Wrestler und Mickey Rourke Ähnliches geschafft wie Quentin Tarantino 1994 mit Pulp Fiction und John Travolta: Er hat einen schlummernden Koloss wieder aufgeweckt. Die steil gestiegene Nachfrage spiegelt sich in der aktuellen Projektliste Rourkes: Sechs Hauptrollen sind derzeit geplant, darunter Sin City 2 und der Actionfilm The Expendables von Sly Stallone. Mickey Rourke ist wieder im Geschäft.

Verblichener Ruhm

Am 16. September 1952 als Sohn eines Hausmeisters geboren und auf den Namen Philip André getauft, begann Rourke mit 12 Jahren in Miami eine Karriere als Amateurboxer. Zu Beginn seiner Kinolaufbahn Anfang der Achtziger Jahre wurde er dem Brat Pack, einer wechselnden Gruppe vielversprechender Newcomer wie Sean Penn, Matt Dillon, Kiefer Sutherland, Kevin Bacon oder John Cusack, zugerechnet. Wegen Rourkes intensiver Präsenz auf der Leinwand, wie als Motorcycle Boy in Rumble Fish (Francis Ford Coppola, 1983) oder in Barry Levinsons Coming-of-Age-Cliquenfilm Diner (1982), war er von manchen mit Marlon Brando verglichen worden. Doch wie verspielte er diesen Bonus, den er als Yuppie-Dominator von Kim Basinger in dem Zeitgeist-Softsex-Thriller 9 1/2 Weeks (Adrian Lyne, 1986) sogar noch genussvoll kommerziell ausgebaut hatte?

Zunächst war Rourke nicht mehr passiert als vielen anderen Hollywood-Schauspielern. Im Erfolg die Nase zu hoch getragen, ein paar Rollen abgelehnt, die man besser angenommen hätte, ein paar Rollen angenommen, die man besser abgelehnt hätte, medial ins Hintertreffen geraten, von neuen Gesichtern verdrängt, vom Business ähnlich schnell ausgespuckt wie einst hochgejazzt. Schnell vergessen waren vielschichtige Leistungen wie als Widerpart des Teufels in Alan Parkers Angel Heart oder als Alter Ego Charles Bukowskis in Barbet Schroeders Barfly (beide 1987). Doch im Fall eines faulen, eigensinnigen Machos wie Mickey Rourke kommt noch deprimierend hinzu, dass der bei männlichen Stars gängige Grundsatz the girls come easy and the drugs come free direkt proportional zum Verfall der Beliebtheit an Gültigkeit verliert. Rourke reagierte darauf, indem er sich an die Passion seiner Jugend erinnerte, und stieg wieder in den Boxring – wo er sein Gesicht operationsreif dreschen und seine Filmkarriere zu Boden gehen ließ. Von Hollywood war fortan nicht viel zu erwarten, und Canossagänge sind seine Sache nicht. Rourkes lapidarer Kommentar zu dieser Zeit: „Ich war 15 Jahre lang ein Idiot.“

Womöglich hätte sich seine Situation nicht mehr wesentlich gebessert, wäre nicht Darren Aronofsky auf den Plan getreten. Der 39-jährige New Yorker, der viel Zeit, Energie und die Nerven der Produzenten für sein Fantasy-Epos The Fountain verschlissen hatte (welches zu Unrecht von der Kritik belächelt und vom Publikum nicht angenommen wurde), verzichtete dezidiert auf ein größeres Budget, nur um Mickey Rourke als seinen Lead durchzudrücken. Die Parallelen waren offensichtlich: Für die Titelrolle in The Wrestler brauchte der Regisseur einen abgehalfterten Showkämpfer, der sich ohne Rücksicht auf Verluste in den Ring werfen würde. Einen, dessen Ruhm verblichen, dessen Gesicht zerknittert ist, und der sich zuletzt nur mehr für ein paar treue Connaisseure ins Zeug legte, wenn seine Physis es zuließ.

Knorrig und kompromisslos

Aronofsky sah in Rourke den einzigen, der die Höhen und Tiefen eines Showstars so internalisiert hatte, dass er für die Rolle des Randy „The Ram“ Robinson geeignet war. Er vertraute auf Rourkes Intuition in der Rollengestaltung und legte die ganze Konzentration auf seinen Hauptdarsteller. Gleich zu Beginn des Films wird ersichtlich, dass Aronofsky den Camera-Operator permanent hinter Rourke her wackeln ließ und oft einfach nur zusammenbastelte, was dabei herauskam (über die Arbeit der beiden an The Wrestler, mit dem er auch den Goldenen Löwen in Venedig gewann, siehe  das Interview mit Darren Aronofsky auf Seite 16).

Tatsächlich lässt sich The Wrestler ohne Mickey Rourke schwer denken. Sowohl in den kühn mit der Handkamera gedrehten und exzellent montierten Showszenen, als auch in der treffenden Milieubeschreibung, als auch in den teils haarscharf am Kitsch vorbeischrammenden Sequenzen, in denen Randy seine vernachlässigte Tochter Stephanie (Evan Rachel Wood) zurückgewinnt, ist die Inszenierung fast zur Gänze um ihren simplizistischen Helden herum gebaut. Er ist das Zentrum, ohne dessen Ausstrahlung die Narration zum Federgewicht verkäme. Die Kamera umkreist Randy dabei, wie ihn sein geschundener, mit Steroiden und Medikamenten notdürftig zusammengehaltener Körper im Stich zu lassen beginnt. Sie rückt ihm zu Leibe, wenn er nach der Show in seinem abwrackprämienverdächtigen Van mit Heavy Metal Gas gibt oder wenn er nach einem Herzinfarkt im schäbigen Wohncontainer seine Wunden leckt. Sie nimmt seine Perspektive ein, als er seinem bislang ziemlich geradlinigen Leben eine neue Richtung zu geben versucht. Sie verfolgt neugierig die Avancen, die er der unnachgiebigen Stripperin Cassidy (Marisa Tomei) macht. Sie bleibt dicht an ihm dran, wenn er sich in einem neuen Job am Deli Counter im Supermarkt versucht (was zu den humorigsten und berührendsten Teilen des Films zählt). Dass Randy letztlich in allem scheitern wird, bemüht sich die Erzählung ab der Mitte kaum noch zu verhehlen. Dass man ihm dabei trotzdem bis zum bitteren Ende gern zuschaut, liegt an der nuancierten Färbung, die Rourke dem simplen Harte Schale-weicher Kern-Schema abgewinnt. So physisch eindringlich, so umwerfend er in den (teils nicht gerade Magen schonenden) Showeinlagen als Pop-Gladiator agiert, so feinnervig transportiert er den inneren Widerstand gegen das aufkeimende Gefühl, dass sein Herz das alles nicht mehr lang mitmachen wird. Und umgekehrt, nach der Entlassung aus dem Krankenhaus: So einsichtsvoll er sein Herz zunächst seiner Tochter öffnet, seinem Love Interest Cassidy und den Kunden an der Wursttheke, so knorrig und kompromisslos lässt er es wieder zuklappen, als nicht alles nach Plan läuft. Dann lässt der alte Randy den alten Mickey wieder hervor, den launenhaften, den eigensinnigen, den ewig revoltierenden Mickey. Steifnackig wird Rourke wohl bis an sein Lebensende bleiben.