Darren Aronofsky über die Schwierigkeit, eindringliche Bilder zu generieren, warum Schauspieler nicht mit ihm zusammenarbeiten wollen und die Finanzierungsprobleme bei „Black Swan“.
Nach Wrestling jetzt Ballett, wie erklären Sie sich Ihr plötzliches Interesse am expressiven Körpereinsatz?
Darren Aronofsky: Meine Schwester hat als Kind jahrelang Ballett getanzt, und sie hat das Ganze damals ziemlich ernst genommen. Als Junge verstand ich natürlich nicht viel davon. Ich wusste, es geht um Mädchen in Tutus, und ich habe die Schuhe in ihrem Zimmer liegen gesehen oder Poster an der Wand, aber das war’s. Allerdings dachte ich mir schon damals, dass die Ballettwelt auch irgendwie etwas Spannendes hat. Mit Wrestling war das ja ganz ähnlich, da haben auch am Anfang alle gesagt, das sei doch total uninteressant, und sobald wir anfingen uns näher damit zu beschäftigen, hat sich für uns auf einmal eine ganz neue Welt aufgetan. Und Ballett ist eine noch viel komplexere Welt. Dazu kommt, dass es um so schwieriger wurde, je genauer wir hineinschauen wollten. Ich denke, daran lässt sich zum Teil auch erklären, warum Leute überhaupt ins Kino gehen. Nämlich um Einblick in Welten zu gelangen, die ihnen bislang fremd waren.
Die Raffinesse und Eindringlichkeit, mit der Sie Ihre Geschichten erzählen, macht es einem mitunter nicht leicht, Ihre Filme anzuschauen …
Darren Aronofsky: Oh, das tut mir leid. (Lacht.)
Mit Black Swan haben Sie nun einen Thriller mit teils nicht gerade magenschonenden Horrorelementen gedreht. Haben Sie tatsächlich auch ein bisschen Spaß daran, Ihr Publikum zu malträtieren?
Darren Aronofsky: Ich denke, man muss da differenzieren. Es gibt ja durchaus unterschiedliche Auffassungen darüber, was Folter ist. Was meine Filme angeht, versuche ich einfach immer bis ans Äußerste zu gehen. Und bei Black Swan ging es mir vielleicht zum Teil auch darum, meine ältere Schwester zu ärgern, um wieder einmal ihre Aufmerksamkeit zu gewinnen. (Lacht.) Nein, ganz ehrlich, ich weiß nicht, was es ist. Aber ich denke, es wird einfach immer schwerer, Bilder und Ideen zu kreieren, die den Leuten länger im Gedächtnis bleiben als nur für den Moment. Es gibt ja heutzutage unendlich viele Filme, überall, und die wenigsten davon im Kino, sondern im Fernsehen, im Internet, auf dem iPod, was weiß ich. Da versucht man als Regisseur eine Erfahrung zu schaffen, die Bestand hat, und das ist dann meist mit einer ziemlich intensiven emotionalen Berg- und Talfahrt verbunden.
Was Sie in Black Swan zeigen, ist vor allem, wie gefährlich es werden kann, sich der Kunst wegen in die tiefsten Abgründe der eigenen Seele zu stürzen. Ist das auch eine Gefahr, der Sie selbst mitunter gegenüberstehen?
Darren Aronofsky: Nein. Darum geht es wirklich nur im Film und natürlich auch im Ballett „Schwanensee“. Und das war für uns der Ausgangspunkt. Das heißt, ganz am Anfang hatte ich die Idee, etwas mit Dostojewskis „Der Doppelgänger“ zu machen. Ich fand das Thema unheimlich spannend: Da wacht also einer morgens auf und ist plötzlich mit seinem zweiten Ich konfrontiert. Und alles, was er ist und hat, wird ihm mit einem Mal genommen. Eine schreckliche Vorstellung, dachte ich, und die Idee war eben noch recht unverbraucht, also habe ich mich intensiver damit beschäftigt. Aber da gab es eben auch immer noch dieses Ballett-Projekt, das ich seit Jahren im Hinterkopf hatte, und mit dem ich nicht so recht weitergekommen war. Eines Tages habe ich mir dann „Schwanensee“ angeschaut und war total perplex, dass eine Tänzerin beide Rollen tanzt, den weißen und den schwarzen Schwan. Die Idee fand ich dann noch viel besser, gerade weil die beiden Charaktere so wunderbar gegensätzlich sind. Einerseits unschuldig und rein, andererseits leidenschaftlich und ungestüm. Damit hatten wir den Grundstein der Handlung gelegt, um den wir dann die Geschichte einer von Ängsten und Selbstzweifeln gequälten jungen Frau und ihren Kampf um den eigenen Verstand gestrickt haben.
Sie haben die Hauptrolle mit Natalie Portman besetzt, die in ihren bisherigen Rollen immer eher einen sensiblen, zarten Eindruck machte. Wir schwierig war es, sie in den schwarzen Schwan zu verwandeln?
Darren Aronofsky: Das war ganz einfach. Im Grunde war das mein kleines Geheimnis, dass Natalie nämlich zu sehr viel komplexeren Rollen in der Lage ist, als man ihr das rein äußerlich zutrauen möchte. Angesichts ihrer Schönheit und Jugendlichkeit wird sie oft als das unschuldige Mädchen gecastet und nur selten hat man ihr bisher die Möglichkeit gegeben, ihre Weiblichkeit voll auszuspielen. Ich habe immer insgeheim gehofft, dass niemand dieses Fass aufbricht, bevor ich die Gelegenheit bekommen würde, Black Swan zu drehen.
Es gibt Regisseure, die irgendwann einen Status erreichen, dass jeder Schauspieler ihnen blindlings zusagt, egal um welchen Stoff es sich handelt. Sie scheinen auf dem besten Weg dahin zu sein …
Darren Aronofsky: Oh nein, zu der Liga gehöre ich nicht.
Warum?
Darren Aronofsky: Den meisten Schauspielern ist die Arbeit mit mir zu anstrengend. Ich wünschte, ich wäre in dieser Hinsicht etwas einflussreicher, aber leider bin ich hoffnungslos ehrlich mit Schauspielern und sage immer ganz klar, worauf es mir bei dieser oder jener Rolle ankommt und wie schmerzhaft es wird und so weiter. Die meisten sagen dann: „Ähm, danke, aber ich glaube, dafür bin ich nicht ganz der Richtige.“ Über die Jahre habe ich damit schon eine ganze Menge hochkarätiger Schauspieler vergrault. Aber man muss auch bedenken, wie viele Angebote diese Leute bekommen. Und von den Schauspielern, mit denen ich bisher gearbeitet habe, wer davon ist denn wirklich sehr gefragt?
Hugh Jackman?
Darren Aronofsky: Ja, stimmt. Aber für ihn war The Fountain ja auch eine willkommene Abwechslung zu den Figuren, die er sonst oft spielt. Und natürlich ist auch Natalie sehr gefragt, aber eben nicht als Hauptrolle.
Sie hatten bei The Wrestler am Anfang Probleme, den Film mit Mickey Rourke in der Rolle des Randy „The Ram“ Robinson zu realisieren. Niemand wollte den Film mit ihm in der Hauptrolle finanzieren, und dann hagelte es Auszeichnungen und positive Kritiken. War es deshalb diesmal einfacher mit der Finanzierung?
Darren Aronofsky: Oh nein! Zwei Wochen vor dem Drehstart löste sich unser Budget in nichts auf. Wir steckten also mittendrin im Projekt, eine Million Dollar waren schon verbraucht, als wir feststellen mussten, dass das Ganze ein Pyramidensystem war und das Geld tatsächlich gar nicht existierte. Und wir hatten bei Black Swan im Grunde das gleiche Problem wie bei The Wrestler: Niemand wollte einen Ballettfilm finanzieren, nicht einmal mit einer großartigen Besetzung wie dieser. Ich bin dann zu Fox marschiert und habe gebettelt und ihnen quasi alles gegeben, um den Film doch noch zu Ende bringen zu können. Das war schon hart. Im Nachhinein betrachtet war The Wrestler mit Mickey Rourke einfacher zu realisieren. Das hätte wohl selbst Mickey nicht gedacht.
