Mit dem Gerichtsdrama „Anatomy of a Fall“ von Justine Triet gewinnt zum dritten Mal überhaupt eine Regisseurin die Goldene Palme.
Um gleich mit der Tür ins Haus zu fallen: Eigentlich hätte nicht die Französin Justine Triet, sondern ihre italienische Kollegin Alice Rohrwacher in diesem Jahr die Goldene Palme erhalten müssen. Bereits 2018 ging der Hauptpreis an Rohrwacher vorbei. Damals konkurrierte ihr Film Lazzaro felice im Wettbewerb von Cannes. Es war ein Film voller Wunder, ein Filmwunder. Und auch ihr neues Werk, La Chimera, steht dem Vorgänger in nichts nach. Die Geschichte spielt in den 1980er Jahren in der Toskana und begleitet einen liebeskranken Engländer (Josh O’Connor), der mit einer bizarren Gaunerbande alte Gräber plündert und die dabei erbeuteten historischen Artefakte an Sammler verkauft. Es ist ein trauriger, ein romantischer, ja, ein verwunschener Film, ein Film, der seinen eigenen fiktionalen Raum einnimmt, verteidigt und mit dem Publikum teilt. Seine Magie ist zart, die Wirkung mächtig. Man fragt sich, wie der Internationalen Jury um Ruben Östlund all das entgehen konnte. Aber so läuft es in Cannes.
Das soll nicht heißen, dass Anatomy of a Fall von Justine Triet kein würdiger Gewinner ist. Das Justizdrama ist fesselnd und äußerst klug konstruiert. Was zunächst wie ein „Whodunit“ daherkommt, dreht und wendet sich im Verlauf des Prozesses immer weiter von der Urteilsfindung weg. Im Kern seziert die 44-jährige Regisseurin die Anatomie einer Ehe, und ihr Film lebt insbesondere von seiner zentralen Hauptfigur – allein deshalb wäre der Darstellerpreis in dem Fall angemessener gewesen. Denn Sandra Hüller, die hier eine des Mordes an ihrem Ehemann angeklagte Schriftstellerin verkörpert, spielt fantastisch, undurchsichtig und abgründig, und zwar nicht nur für Triet: Auch Jonathan Glazers Wettbewerbsbeitrag The Zone of Interest, der den Großen Preis der Jury erhielt, ist ein zutiefst verstörendes Werk, an dessen beklemmender Wirkung Hüllers Spiel als Ehefrau des langjährigen Ausschwitz-Kommandanten Rudolf Höß enormen Anteil trägt. Als beste Schauspielerin dieses 76. Wettbewerbs von Cannes wurde jedoch die Türkin Merve Dizdar für ihre Rolle als Lehrerin in About Dry Grasses von Nuri Bilge Ceylan geehrt.
Der Preis für den besten Schauspieler ging an den Japaner Koji Yakusho für seine Darstellung des japanischen Toiletten-Reinigers Hirayama in Perfect Days. Der mittlerweile 77-jährige deutsche Regisseur Wim Wenders wurde für seinen Film parallel mit dem Preis der Ökumenischen Jury ausgezeichnet. Auch ihm hätte man eine größere Anerkennung gewünscht. Perfect Days sei eine „kraftvolle Erzählung über Hoffnung, Schönheit und Verklärung unseres Lebens“, hieß es von der Jury. Tatsächlich hat Wenders ein ruhiges Meisterwerk geschaffen, ein Stück Poesie, auch eine Verneigung vor der Natur, und einen Film, der für den Moment seiner Dauer die Welt vor dem Kinosaal vergessen lässt.
Perfect Days war nicht der einzige Film, den Wenders in diesem Jahr in Cannes vorstellte. Sein Dokumentarfilm Anselm über den deutschen Künstler Anselm Kiefer lief außer Konkurrenz. Um dessen großformatige Gemälde, kolossale Installationen und elegante Skulpturen in ihrer ganzen monumentalen Kraft und Schönheit zu zeigen, hat der Regisseur erneut in 3D gedreht. Das Ergebnis ist ähnlich erhaben und eindrucksvoll wie Pina (2011), Wenders filmische Liebeserklärung an die weltberühmte Choreographin Pina Bausch. Damals vollbrachten die dreidimensionalen Bilder wahre Wunder, um die Körperlichkeit der Tänzer zu betonen. Hier wirken sie eher architektonisch: Die Kamera taucht ein in das riesige Ateliergelände La Ribaute in Barjac bei Nîmes in Südfrankreich, das fast wie ein eigener Stadtstaat des unermüdlichen Schöpfers wirkt.
Aber zurück zu den Gewinnern des gestrigen Abends, denn noch zwei Perlen dieses Kinojahres sollen an dieser Stelle nicht unerwähnt bleiben. Der Preis der Jury wurde an den finnischen Regisseur Aki Kaurismäki für seine herrlich skurrile romantische Komödie Fallen Leaves vergeben. Anstelle des publikumsscheuen Regisseurs, der bereits wieder abgereist war, nahmen seine beiden Hauptdarsteller die Auszeichnung stellvertretend für ihn entgegen, indem sie einen Dankesbrief von Kaurismäki vorlasen, der mit drei Worten endete: „Twist and shout!“
Für die beste Regie wurde der in Frankreich lebende Tran Anh Hùng geehrt. Sein feines, sinnliches Drama La Passion de Dodin Bouffant, das auf einem Roman von Marcel Rouff aus dem Jahr 1924 basiert, handelt von der Liebesbeziehung zwischen dem titelgebenden Feinschmecker (Benoit Magimel) und seiner jahrelangen Köchin Eugenie (Juliette Binoche). Der Film ist jedoch mehr als ein Traum in kulinarischer Eleganz. Der Clou: Magimel und Binoche, die sich ursprünglich am Set von Children of the Century (1999) kennen und lieben lernten, aber seit mittlerweile zwanzig Jahren bereits wieder getrennt sind, stehen hier zum ersten Mal wieder gemeinsam vor der Kamera, was ihre schicksalhafte Beziehung im Film umso stärker und melancholischer erscheinen lässt.
Für den Japaner Kore-eda Hirokazu, der 2018 mit Shoplifters die Goldene Palme für sich sichern konnte, blieb in diesem Jahr keiner der ganz großen Preise übrig. Dafür erhielt sein Autor Sakamoto Yuji die Auszeichnung für das beste Drehbuch. Ihr Familiendrama Monster fordert sein Publikum mit seiner Vielschichtigkeit und Komplexität heraus. Es geht um Mobbing in der Schule, Homophobie, dysfunktionale Familienverhältnisse, unkritischen Respekt vor fehlerhaften Autoritäten und unseren Umgang mit sozialen Medien. Sakamoto packt viel in seine zarte Coming-of-Age-Geschichte, die ihren Ton mit jeder Verschiebung des Blicks wechselt – im Laufe der Handlung werden die gleichen Ereignisse nacheinander aus drei verschiedenen Perspektiven beleuchtet. Das gelingt nicht reibungslos, streckenweise wirkt das Drama allzu konstruiert. Dennoch ist Monster ein Film von großer Weisheit und Menschlichkeit, an dessen Ende die Hoffnung steht.
Nach zehn Tagen Filmmarathon mit so vielen sehenswerten Kandidaten darf man auch insgesamt durchaus zuversichtlich auf die kommenden Kinomonate blicken. Viele der in Cannes gezeigten Wettbewerbsbeiträge haben bereits einen österreichischen Verleih und werden in nicht allzu langer Zeit auch hierzulande auf der großen Leinwand zu sehen sein. Dass Östlunds Jury es versäumt hat, Alice Rohrwacher für ihren großartigen Film in irgendeiner Weise zu ehren, ist bedauerlich. Sein Publikum wird La Chimera trotzdem finden. Wie übrigens auch May December von Todd Haynes, der ebenfalls viele Kritiker vor Ort überzeugte, aber am gestrigen Abend gänzlich leer ausging.
Ein kleiner Trost für die Engstirnigkeit der Entscheidungsträger war schließlich die politisch motivierte Dankesrede, mit der Justine Triet die Goldene Palme entgegennahm: Es sei der intimste Film gewesen, den sie je gemacht habe, sagte die Regisseurin, ging jedoch anschließend unvermittelt dazu über, gegen die Sparprogramme der „neoliberalen“ französischen Regierung zu protestieren. Mit scharfen Worten prangerte sie einen „Ausverkauf der Kultur“ an und verteidigte den öffentlichen Widerstand gegen Macrons Rentenreform, der auf „schockierende Weise verleugnet und unterdrückt“ würde.
Am Schluss widmete Triet ihren Preis allen jungen Regisseurinnen und allen jungen Regisseuren, „die es heute nicht schaffen, Filme zu drehen.“ Denn auch sie weiß, wie steinig der Weg sein kann. Dass sie nun in Cannes die höchste Auszeichnung erhalten hat, als dritte Frau überhaupt, ist trotz aller eingangs gehegten Einwände gut und wichtig – und man gönnt es ihr gern.
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