„Pina“ in der Regie von Wim Wenders ist eine ausdrucksstarke Hommage an eine große Tänzerin. In ihrer fesselnden 3D-Version führt sie nicht zuletzt das brachliegende Potenzial der technisch avancierten Übertragung von Bühnenaufführungen ins Medium Film vor bebrillte Augen.
Die dritte Dimension: Seit Avatar versucht sie zum wiederholten Mal, eine feste Größe im Kino zu werden. Vorangepeitscht von gewieften Marketingstrategen, die pro Ticket drei, vier Euro mehr lukrieren. Gepriesen von den technikgläubigen Optimisten der Branche, die die von allen Seiten bedrohte Lichtspielkultur im Eventkino gerettet sehen wollen und dabei außer Acht lassen, wie flott nachbearbeitete Pseudo-Produktionen Marke Piranha 3D den Markt wieder aushöhlen können, indem sie den Kinobesucher mit schmerzender Netzhaut zurücklassen (abgesehen vom Magendrücken, das das närrische Treiben der Designer-Menschenfresser verursachen kann). Dem wehrlosen Nachwuchs wird die Brille via Trickfilm aufs Auge gedrückt, schließlich sollen die Kids in ein paar Jahren wie ferngesteuert ins Kino wackeln. Vielleicht lockt dann schon Matrix in einer 3.1D-Version mit MG-Kugeln, die gefühlte fünf Zentimeter vor der Zuschauerstirn einfrieren und zu Boden klirren. Oder animiert Alien vs. Predators vs. Cowboys vs. Bully Herbig’s Manitu 4D nicht nur zum entmenschten Brüllen, sondern mit Lassowürfen und Schwergeschützfeuer dazu, Popcorn auf die vorderen Sitzreihen zu verstreuen. Sieht durch die dunkle Brille eh keiner, wer’s war.
Die Macht der Bewegung
Die vordergründigen Effekte sind es natürlich auch, die bei einem ganz anders gearteten Film wie Pina zunächst ins Auge stechen. Doch hier bleiben sie nicht Selbstzweck. Wenn einem der Bühnenvorhang hauchzart am Gesicht vorbeigezogen wird, wenn man sich unter den Ästen einer baumverkörpernden Figur duckt, wenn man das Gefühl hat, selbst durch den Sand zu robben, der auf die Bühne geschüttet wurde, die Textur eines Felsens zu spüren, vom Wasser auf der Bühne nass zu werden: Man ist dann nicht nur „mitten im Geschehen“, wie es die 3D-Logik will, sondern man kommt sich involviert vor in die rauschhafte Bewegung, um die sich hier alles dreht. Man ist dazu angetan, seinen Blick auf den Gang, den Lauf, den Schwung, die Unrast der Menschen zu heften, und ihn in der Tiefe des fließenden Bildes ständig neu zu justieren.
Pina ist ein von Wim Wenders konzipierter Film über das Tanzen im Raum und eine Hommage an eine große Tänzerin. Das Schöne daran ist: Mehr will er gar nicht sein. Das ist für einen Regisseur, der bislang weder durch Bescheidenheit noch durch den Verzicht auf Bedeutungsschwere in seiner Bildsprache bekannt war (siehe nur sein voriges Machwerk Palermo Shooting), keine Selbstverständlichkeit. Umso mehr ist es Wenders anzurechnen, dass er – ohne deshalb inszenatorisch einfallslos zu sein – selbst in den Hintergrund rückt und ein für ihn völlig neues Handwerkszeug ausschließlich in den Dienst einer Sache stellt: körperliche Bewegung als Ausdrucksform zu würdigen. Damit erreicht Wenders vielleicht mehr, als er hoffen durfte, denn das Resultat sollte dazu geeignet sein, nicht nur ausgesprochene Aficionados des Bühnentanzes mitzureißen.
„Wenders setzt dem Tanztheater ein 3D-Denkmal“, schrieb, nicht ganz pathosfrei, „Die Welt“. Der Denkmal-Begriff trifft aber insofern zu, als Wenders sich mit Pina vor einer langjährigen Künstlerfreundin verbeugt. Pina Bausch war am 30. Juni 2009, noch während der Proben zu diesem ersten europäischen Arthouse-3D-Film, im Alter von 68 Jahren plötzlich gestorben. Wenders hielt ihr in Wuppertal eine Totenrede. Die Fama sagt, dass Bausch und Wenders schon vor 25 Jahren erste Pläne gewälzt hatten, die Macht der Bewegung von Körpern gemeinsam einzufangen, in einem Tanz-Film-Hybrid, was damals noch außerhalb jeder befriedigenden technischen Realisierbarkeit lag. Wäre Bausch nicht gestorben, könnte man sagen, das lange Warten hat sich gelohnt. So aber hat sich der Biopic-Aspekt des Films ein wenig in den Vordergrund gedrängt. Wenders lässt Bauschs Ensemble, Tänzerinnen und Tänzer aller Altersgruppen und Herkünfte, die teils Jahrzehnte mit ihr in Wuppertal gearbeitet haben, über ihre Mentorin sprechen. Ein schöner Kniff dabei ist, dass sich diese Anekdoten und Erinnerungen aus dem Off über sprachlose Porträtbilder der Tänzer legen – immerhin erzählen sie mit Wörtern über Gefühle, die sie nonverbal auszudrücken gewohnt sind. Daher sind auch Sätze wie: „Du musst mit dem Herzen sehen, nicht mit den Augen“ in ihrer Blumigkeit eben nicht wörtlich zu nehmen. Dazwischen schneidet Wenders dokumentarische Aufnahmen von Pina Bausch bei der Probenarbeit und ältere Tanz-Aufnahmen der Choreografin, die immer gewusst hat, was sie sucht, aber nicht im Kopf, sondern im Leib. In den Worten des „FAZ“-Journalisten Andreas Kilb besteht die ganze Bewegung des Films darin, Pina Bauschs Bild „mit den Bildern ihrer Tänzer zusammenzubringen, den Raum der Toten mit dem Raum der Lebenden“.
Die „Herz“-Stücke des Films sind demgemäß die Tanz-Sequenzen. Wenders belässt es zum Glück nicht dabei, die aus legendären Aufführungen wie „Café Müller“ oder „Sacre du printemps“ bekannten Choreografien auf der Bühne herunterzukurbeln, er macht die Stadt Wuppertal selbst zur Kulisse für Performances; ihre berühmte Schwebebahn, einen Glaspavillon im Park, brachliegende Industriegebäude, die Kraterlandschaft nahe der Stadt. Das erzeugt eine eigenartige Wirkung: Die bei 3D-Außenaufnahmen mit tiefem Hintergrund oft und auch hier „falschen“ Proportionen zwischen Mensch und Umwelt verstärken noch den Effekt der Künstlichkeit, den eine Tanz-Performance im öffentlichen Raum bewusst herstellt. Was man bei „realistisch“ gemeinten Darstellungen als Fehler empfindet, das vermag hier die Vigilanz für die Bewegung der Szene noch zu erhöhen. Und diese Bewegung! Bei Bausch scheint sie häufig in einer Dauerschleife gefangen, aus der sie sich durch Erhöhung des Tempos selbst zu befreien sucht, bevor ein tänzerischer Einfall in einer neuen Geste Ausweg findet. Die 3D-Kamera wirkt dabei wie magisch an den Fluss der Bewegung gekoppelt, um zwischendurch doch immer wieder in einer Art Aufbäumen gegen den Rausch, selbst neue Bezugspunkte im Raum zu finden. Der Zauber ist kein fauler – auch wenn er die Zeit im Raum aufzulösen scheint und damit buchstäblich eine eigene Dimension entstehen lässt.
Die kreative Dimension
Pina ist ein Beleg, dass 3D nicht auf die Massenproduktion von Horror, Science-Fiction und Fantasy beschränkt bleiben müsste. Wo dort noch um eine kreative Auseinandersetzung und originelle Umsetzungen gerungen wird, zeigt das Team um Wenders vor, in welche Richtung es gehen kann. Es braucht keine Pistolenkugeln, Pflöcke oder Autoreifen, die einem um die Ohren fliegen. Es braucht nicht notwendig Drachen oder Aliens als Blickpunkte. Allein die körperliche Bewegung von Menschen ist imstande, den Blick zu konzentrieren.
Dass dies in Pina auch technisch so gut gelungen ist, ist unter anderem einem Tempolimit geschuldet, das sich die 3D-Bastler selbst auferlegt haben. Es nimmt Rücksicht auf die Höchstgeschwindigkeit, mit der sich eine Kamera in 3D bewegen darf, ohne den räumlichen Effekt einzubüßen oder die Augen zu überfordern. Ähnliches gilt für die meist ruhigen Schnittfrequenzen. Und auch das Problem, dass 3D-Aufnahmen bis zur Projektion auf der Leinwand enorm an Lichtwert verlieren (besonders deutlich sichtbar bei Alice in Wonderland, deren kunterbunte Geschichte sich in Dunkelgrau darbot), hat das französische Technikteam unter der Leitung des Stereografen Alain Derobe und des 3D-Supervisors François Garnier gut gemeistert.
Für Tanztheater-Interessierte, die gern in der ersten Reihe sitzen (oder sich das gern leisten könnten), nicht für jene, die eine gewisse Distanz zum Bühnengeschehen zu halten pflegen, ist Pina einen Kinobesuch mit Brille wert. Das Spiel aus Anziehung und Abstoßung zwischen Männern und Frauen, das Fallen und Aufgefangenwerden, das Torkeln zwischen den Stühlen, der „Kontakthof“, für den Pina Bausch berühmt war: All das und mehr bleibt in diesem Fest von einem Film lebendig. Man sieht die Person nicht nur, man erkennt sie – in ihrem Werk, in ihrem Ensemble, die 3D-Linsen hindurch.
Living Dreams
Sollte sie nicht länger hauptsächlich für Animation und Trickeffekte verwendet werden, sieht Wenders in der 3D-Technik als Kino-Standard eine Chance: „Im Dokumentarfilm liegen ganz große Möglichkeiten, wie wir sie noch nie gesehen haben. Und auch der herkömmliche Spielfilm, ja selbst ein Kammerspiel kann durch 3D neue Aspekte ausloten, denn das stereoskope Bild eines Menschen vor der Kamera schafft eine Präsenz, die ist atemberaubend.“ Eine Umsetzung im Geist der Aufführung vorausgesetzt, kann man sich jedenfalls filmische Übertragungen von Sprech-, Musik-, Performance- und anderen Bühnenstücken nach der Ansicht von Pina besser vorstellen als zuvor. Und was den von Wenders angesprochenen Dokumentarfilm betrifft, hat ein anderer in die Jahre, aber längst nicht zur Ruhe gekommener deutscher Kino-Maniac, Werner Herzog, schon den ersten Beweis angetreten.
Wie Wenders’ Film am 3D-Tag der heurigen Berlinale erstmals vorgestellt, bietet auch Herzogs erstes dreidimensionales Abenteuer eine ungeahnte Seherfahrung: In seiner unnachahmlichen Art stieg dieser in die für die Öffentlichkeit gesperrte, berühmte Höhle von Lascaux herab und scannte dort regelrecht die mit rund 30.000 Jahren ältesten bekannten Höhlenmalereien. The Cave of Forgotten Dreams ist ein ungemein haptischer Ausflug in die Urkulturgeschichte des Homo sapiens. Was für ein Kunstgriff: Die frühesten bekannten Kulturentäußerungen des Menschen werden mit seiner jüngsten Tricktechnik kurzgeschlossen. ray fordert hiermit auch alle anderen starrköpfigen Kinovisionäre auf, mit 3D zu experimentieren! Streng im Sinn von Alien vs. Piranhas vs. Wim & Werner …
