Sozialrealistische Ode an die Hoffnung und die Kraft des Mitgefühls
Ken Loach kann es nicht lassen. Eigentlich wollte sich der britische Regisseur schon 2014 nach seinem Historiendrama Jimmy’s Hall über den irischen Freiheitskämpfer Jimmy Gralton aus dem Filmgeschäft zurückziehen. Dann dreht er zwei Jahre später mit dem Cannes-Gewinner I, Daniel Blake einen seiner erfolgreichsten Filme überhaupt. Und spätestens als er 2019 das Sozialdrama Sorry We Missed You über einen überarbeiteten Kurierfahrer aus Newcastle nachlegte, war klar, dass ihn die prekären sozialen Verhältnisse in seiner Heimat einfach nicht zur Ruhe kommen lassen.
In The Old Oak widmen er und sein Stammschreiber Paul Laverty sich nun der aktuellen Flüchtlingskrise, die wie überall auch innerhalb der britischen Bevölkerung den Unmut gegen Migranten schürt. Der Schauplatz des Films ist 2016 – das Jahr Null für den Brexit. Das kommt noch dazu. Und so vergeblich, wie der Wirt TJ Ballantyne (Dave Turner) zu Beginn mit einem Besenstiel den traurig herabhängenden Buchstaben K an der Fassade seines titelgebenden Pubs wieder zu befestigen versucht, ist auch sonst vieles in dieser vom Geldmangel geplagten Ecke im Nordosten Englands zum Scheitern verurteilt.
Wie groß die Verzweiflung unter den Leuten im Dorf ist, hört TJ aus den lautstarken Gesprächen heraus, die seine Stammgäste jeden Abend am Tresen führen. Sie sind wütend, dass benachbarte Grundstücke von Immobilienfirmen für einen Spottpreis aufgekauft und ausbeuterisch vermietet werden. Ein Gefühl schwelender Ungerechtigkeit macht sich breit. Der genügsame Kneipenbesitzer hält sich aus all dem so gut es geht heraus. Aber auch ihm bleibt schon seit Jahren die Kundschaft aus. Seit der Schließung der umliegenden Kohlegruben in den achtziger Jahren geht es in der ganzen Region wirtschaftlich steil bergab. Als dann noch eine Busladung syrischer Familien im Dorf eintrifft, verschärft sich die ohnehin angespannte Stimmung nur noch mehr.
Plötzlich steht TJ vor einem Dilemma: Er hat sich mit Yara (Ebla Mari) angefreundet, die zusammen mit ihrer Mutter und ihrem jüngeren Bruder die Flucht ergriff, nachdem ihr Vater vom Assad-Regime inhaftiert wurde. Gemeinsam mit ihr und der örtlichen Entwicklungshelferin schmiedet er einen Plan, um den Neuankömmlingen bei der Integration zu helfen, und merkt zu spät, dass er sich damit gegen den Rest des Dorfes stellt.
Wie immer legt Loach den Finger sanft, aber zielbewusst in die Wunde. Wie immer reden seine Figuren Klartext, ist seine Filmsprache einfach, unironisch und ungeschminkt. Nur am Ende trägt er in dem Wunsch, Hoffnung und Mitgefühl zu vermitteln, dann doch etwas zu dick auf.
