Das Filmarchiv Austria zeigt im Metro Kinokulturhaus eine Retrospektive des filmischen Werks von Barbara Albert. Seit Herbst 2023 leitet die Regisseurin, Drehbuchautorin und Produzentin der coop99 Filmproduktion zudem eine Regie-Klasse an der Filmakademie Wien. Ein Gespräch.
Groß vorstellen muss man Barbara Albert nicht mehr, dennoch: Die in Wien geborene Filmemacherin ist vollends seit Nordrand (1999) eine prägende Figur des österreichischen Filmschaffens. Ihre Regiearbeiten werden in Folge weiterhin international rezipiert und tragen nicht wenig dazu bei, dass der Österreichische Film breit wahrgenommen wird. Die von ihr mitgegründete Produktionsfirma coop99, die Albert gemeinsam mit Jessica Hausner, Antonin Svoboda, Martin Gschlacht und Bruno Wagner leitet, bringt seit über zwei Dekaden Prägendes des europäischen Kinos hervor. Nach langer Lehrtätigkeit an der Filmuniversität Babelsberg KONRAD WOLF leitet Barbara Albert seit Wintersemesterbeginn 2023 eine der zwei Regie-Klassen an der Filmakademie Wien. Ihre Romanverfilmung Die Mittagsfrau, Kinostart Oktober vergangenen Jahres, zeigt einmal mehr den Stil einer Regisseurin, die sich dem körperlichen, dem affektvollen und humanistischen Kino verschreibt, dabei aber stets neue Wege dafür findet, universelle Fragen anhand konkreter Menschenleben zu untersuchen. Das Filmarchiv Austria widmet Barbara Albert noch bis 26. Februar eine Retrospektive, in der die Filmemacherin ihren eigenen Werken eine anregende Carte-Blanche-Auswahl zur Seite stellt. Im Folgenden ein Dialog über Berührungspunkte, Ausprägungen von Freiheit, das Politische im Film und überBilder, die bleiben.
Das Jahr 2023 bedeutete für Sie sowohl den Kinostart Ihres Films „Die Mittagsfrau“ als auch den Antritt Ihrer Regie-Professur an der Filmakademie Wien. Was nehmen Sie aus ihrer langjährigen Tätigkeit an der Filmuniversität Babelsberg KONRAD WOLF mit nach Wien und welche Unterschiede – da Sie an beiden Produktions-Orten Filme realisiert haben – beobachten Sie hinsichtlich des Filmschaffens in Deutschland und Österreich?
Barbara Albert: Das Verändern des eigenen Lebensmittelpunkts macht sehr viel mit einem – dementsprechend hat mich das Hinausgehen aus Österreich sehr inspiriert, und das Zurückkommen hierher tut es jetzt ebenso. Dadurch, dass ich an der Filmuniversität Babelsberg selbst so viel gelernt habe, bürokratisch, organisatorisch, das Sich-Bewegen in einem System, aber auch im Umgang mit Menschen, mit Studierenden, fühle ich mich nun in meiner Rolle an der Filmakademie sehr richtig. Denn ja, ich kann einiges von dem, was ich gelernt und erfahren habe, hierher übertragen. Ich habe aber auch ein paar ganz neue Ideen, auch angeregt von den Studierenden hier, die sich vor allem mehr Zusammenarbeit mit Schauspieler:innen, dem Max-Reinhardt-Seminar und auch interdisziplinär, fächerübergreifend wünschen.
Über das deutsche und österreichische Filmschaffen denke ich viel nach. Ich habe das Gefühl, dass die Deutschen ihre Filme teils selbst zu wenig schätzen, und ich glaube, das hat damit zu tun, dass der deutsche Film in den letzten Jahrzehnten nicht zu einer Art Marke geworden ist, anders als in Österreich. Was sicher daran liegt, dass Deutschland ein viel heterogeneres Filmland ist, in Österreich ist das viel zentralistischer. Jedenfalls hat sich der Österreichische Film zu einer Art Marke entwickelt, beziehungsweise haben wir uns das erarbeitet. Das ist sehr viel wert, trotzdem ist solches Schubladendenken problematisch und es darf sich nicht auf diesem Begriff und berühmten Namen ausgeruht werden – das muss erneuert werden, wir müssen darüber nachdenken, was die neue Generation österreichischer Filmschaffender ausmacht.
In „Die Mittagsfrau“ beschäftigen Sie sich abermals, obwohl ganz anders als in „Die Lebenden“ (2012), mit der NS-Zeit in Deutschland. In Interviews haben Sie betont, wie ähnlich die 1920er-Jahre den jetzigen zwanziger Jahren scheinen, tatsächlich erstarken derzeit rechtsextreme Bewegungen, die als Gegner einer freien, demokratischen Gesellschaft eingestuft werden, beträchtlich. Wie gehen Sie als Filmemacherin, aber auch als Professorin damit um?
Barbara Albert: Ich finde es erschreckend, wie wenig wir uns dessen bewusst sind, wie wichtig Freiheit ist – und wie sehr diese gefährdet ist. Für mich ist sie das. Als ich jung war, wollte ich immer politische Filme machen, aber: Was ist denn ein politischer Film? Irgendwann habe ich das für mich so formuliert, dass erst die Vielzahl der Filme, die sich gewisser Themen annehmen, das Politische darstellt, denn in einem einzigen Film eine klare politische Aussage zu machen, ist wirklich schwierig. Aktuell äußerst gelungen und wichtig finde ich Agnieszka Hollands neuen Film Green Border (siehe ab S. 60 hier im Heft, Anm.), für mich wirklich ein Inbegriff dessen, wie man heute Filme machen sollte. Danach suche ich selbst in einer nächsten Arbeit: Wie kann ich als Filmemacherin auf die Welt, in der ich lebe, reagieren?
Im Winter des Jahrs 2000 bin auch ich demonstrieren gegangen – da ist dann Zur Lage entstanden –, und eine Frage, die ich mir als Filmemacherin stellen muss, ist weiterhin: Wann gehe ich auf die Straße und wann mache ich einen Film darüber?
Barbara Albert: Das Thema Nationalsozialismus lässt mich schon aufgrund meiner Herkunft aus einer Täterfamilie nicht los. Diese Täterschaft aufzuarbeiten ist ein Kraftakt, innerfamiliär hat es aber in meinem Fall wirklich viel Positives bewirkt. Und wenn ein Film wie Die Lebenden, in dem ich diese Aufarbeitung nachzeichne, auch im Außen wirkt und etwas zurückkommt, dann liegt in dieser Kommunikation mit dem Publikum ein politisches Moment. Auf Knopfdruck ist das aber nicht zu erreichen, es gibt dafür keine klare Formel. In der Filmausbildung sollte es also darum gehen, dass die Studierenden ihren Horizont erweitern und Haltung entwickeln, was auch Zeit braucht. Das zu fördern, anzuregen, finde ich wichtig, und ich glaube, dass es Formate braucht, in denen Master- und Bachelorstudierende auch voneinander lernen – wir leben in einer Zeit, in der Wissen so rasch entsteht, auch ich kann wiederum von den Studierenden lernen. Und es lohnt sich in dieser Hinsicht ebenso, zu fragen: Was gibt es schon? Deutschland, bleiche Mutter habe ich erst vor etwa zehn Jahren gesehen, und ich war ganz verblüfft, welch tolle Arbeit es zum Thema Frau im Nationalsozialismus bereits gibt und wie wenig wir diese Arbeit heute kennen. Während der Arbeit an Die Mittagsfrau hatte ich den Film dann gar nicht bewusst im Kopf, erst jetzt habe ich erkannt, wie viel er in mir ausgelöst hat.
„Deutschland, bleiche Mutter“ wird in der Carte Blanche Ihrer Retrospektive im Metro Kinokulturhaus gezeigt, Sie zeigen als Komplementärstücke zu Ihren eigenen Filmen außerdem u. a. Filme von Aki Kaurismäki, Jane Campion, Claire Denis und Michael Klier. Wie haben Sie ausgewählt? Nicht nur thematisch, auch anhand einzelner Bilder und Motive ist viel Gemeinsames zu erkennen.
Barbara Albert: Ganz viel Bildinspiration passiert unbewusst. Von An Angel at My Table habe ich zum Beispiel vor kurzem Ausschnitte gesehen und als die Hauptfigur Janet Frame das Kleid ihrer Schwester auf dem Bett ausbreitet und berührt, nachdem diese gestorben ist, plötzlich bemerkt: Daher habe ich das, dass in der Mittagsfrau die Protagonistin das Hemd ihres verstorbenen Liebhabers berührt. Da ich mir Filme nur ungern öfter ansehe – das erste Erleben ist einfach das Tollste –, habe ich wahrscheinlich ganz eigene, prägende Erinnerungen an Filme. Bestimmte Bilder bleiben. Bei Aki Kaurismäki und Jane Campion war jedenfalls klar, dass sie vertreten sein müssen, beide waren am Anfang meines Filmstudiums extrem wichtig, nicht nur für mich, auch für viele andere. Und ich denke, in allen ausgewählten Filmen kann man Querverbindungen entdecken, sowohl untereinander als auch zu meinen.
Ihre Filme beschäftigen sich stark mit Menschen, oftmals Frauen, die eine Sehnsucht nach einem Ankommen in der Welt verspüren, nach Kontakt, nach Zuwendung. Oft bedeutet das ein Ausbrechen aus Mustern, gesellschaftlichen Zwängen. Sie erzählen diese Gefühlswelten oft und nicht zufällig mit Musik, mit Party- und Club-Sequenzen, Szenen des Loslassens, des Sich-Hingebens. In einem Interview zur „Mittagsfrau“ sagten Sie: „Der Film spricht über den weiblichen Körper; dieser ist ein Instrument, das unterdrückt wird. […] Die Unfreiheit des Frauenkörpers, das wollte ich damit zeigen.“ Wie spielen Musik und Körper in Ihrer Arbeit ineinander?
Barbara Albert: Sehnsucht nach Kontakt, nach Berührung, spielt bei mir auf jeden Fall eine sehr große Rolle, auch die Sehnsucht nach Befreiung. Das kann ein Moment der Ekstase sein, als Ausbrechen aus dem Frame habe ich das oft bezeichnet, zum Beispiel wenn Ursula Strauss in Böse Zellen tanzt, unbedingt „raus“ möchte, letztlich doch in ihrem Körper gefangen bleibt. So zu tanzen, dass es mir egal ist, wie ich aussehe und wie ich auf andere wirke, kann aber eine Befreiung sein. Die Frau, die in ihrem Körper gefangen ist, hat mich als Sujet auch beim Lesen von „Die Mittagsfrau“ berührt, da habe ich gemerkt, dass ich in einer Verfilmung dahingehend etwas Universelles erzählen kann, über den historischen Kontext hinaus. Musik hat für mich diesen Charakter des Ausbrechens in sich, aus inneren und äußeren Zwängen, und ist ja generell etwas zutiefst Körperliches und Emotionales. Die Metapher des weiblichen Körpers als Instrument ist insofern interessant, als sie den Körper eigentlich wieder zu etwas Passivem macht, das bespielt werden kann – aber ich denke, ich selbst habe mich einfach lange so gefühlt. Dass sich Frauen ihrer Körper ermächtigen, insbesondere die sexuelle Ermächtigung, wird ja erst seit kurzem öffentlich besprochen. Ein sehr schwieriges, anspruchsvolles Thema, finde ich, weil es darin so viele verschiedene Fragen und Antworten gibt. Deswegen bleibt diese Auseinandersetzung mit dem Körper jedenfalls immens spannend. Weil wir, die wir solche Körperwesen sind, in gewisser Weise doch so „unkörperlich“ leben. Also arbeite ich mit Szenen, in denen Frauen tanzen dürfen, oder laufen dürfen, das sind schöne Motive. Das Ausbrechen aus einem aufgezwungenen Leben ist etwas sehr Emotionales, für alle Menschen, bei Frauen vielleicht noch emotionaler, weil es ihnen über Jahrhunderte hinweg verwehrt blieb.
Die Szene in Kids, in der Chloë Sevigny durch den Club geht, hat mich ganz klar zu den Figuren in Slidin’ – Alles bunt und wunderbar inspiriert. Wobei Kids durchaus problematisch ist, die Frau als Opfer, die Vergewaltigungen ì Diese Themen habe ich früher viel behandelt, das will ich heute weniger. Ich verstehe auch, dass Leute das so nicht mehr sehen wollen. Aber ich bin stark davon geprägt, als Kind der siebziger Jahre wollte ich Frauenfiguren ausgehend von meiner eigenen Erlebnis- und Erfahrungswelt darstellen, den eher abstrakten feministischen Standpunkt weiblicher Selbstermächtigung habe ich in meinen ersten Filmen gar nicht bewusst eingenommen. Auch Fallen zum Beispiel habe ich eher als privaten Film empfunden, in einer Zeit, die mir relativ unpolitisch schien. Mich haben einfach seit jeher resiliente Mädchen- und Frauenfiguren interessiert, in einer Gesellschaft, die ja noch eine ganz andere war als heute. Ich hatte keine politische Agenda, ich wollte einfach Figuren zeigen, die ausbrechen möchten, sich frei fühlen möchten. Keineswegs nur als Frau, ich hoffe, das ist auf alle Menschen übertragbar. Und nachdem ich lange gesagt habe, „schwere“ Filme wie Böse Zellen sind mir lieber, bin ich mittlerweile eigentlich immer auf der Suche nach Hoffnung in einem Film, nach einer gewissen Leichtigkeit. Die Mittagsfrau wollte ich deshalb hoffnungsvoll enden lassen, ich halte esfür wichtig, dass wir auf der Suche nach Menschlichkeit bleiben. Um noch einmal zurück zur Musik zu kommen: Musik ist immer Rhythmus, Rhythmus geht direkt ins Herz, in den Körper, also gehört sie zu Film und Kino als physischem Erlebnis, das es für mich immer schon gewesen ist, einfach dazu.
Ihre Bilder erarbeiten Sie immer wieder mit unterschiedlichen Bildgestalterinnen und Bildgestaltern. Was sind dabei die größten Herausforderungen? Sie haben betont, dass bei Ihnen ganz bestimmte Bilder stets am Anfang der Entwicklung eines Filmes stehen – auch wenn Drehbuch und Stoff schon einen klaren Inhalt vorgeben?
Barbara Albert: Ja. Als Regisseurin muss ich als Erstes Bilder im Kopf haben. Aber es ist für mich ein großer Unterschied, ob ich frei assoziieren darf oder gleich in den konkreten Raum einer Geschichte muss. Dann brauche ich viel Austausch mit der Kameraperson, denn ich denke eher raumlos – Gesichter etwa sind für mich viel wichtiger als der Raum. Doch natürlich muss ich mit Raum und den Figuren darin arbeiten. Für mich ist deswegen die theoretische Vorbereitung mit der Kameraperson sehr wichtig, gemeinsam durchzugehen, welche Bilder wirklich für das stehen, was wir sagen wollen. Wenn wir in einer Szene kein solches Bild finden, kann die Szene auch mal verloren gehen – wir machen ja einen Film und keinen Roman. Eine andere Art von Bildern stellen solche dar, die aus persönlichen Erlebnissen kommen, wie bei Nordrand, wo das von mir erlebte Bild einer jungen Frau auf dem Eis, die Freundinnen und ich vor dem Erfrieren gerettet haben, den Ausgangspunkt für den Film bedeutet hat. Ich glaube, es ist sehr wichtig, bei einem Film von Bildern auszugehen, dann lassen sich Verbindungen herstellen und schrittweise füllt sich die Narration.
Nicht „nur“ Regisseurin, Drehbuchautorin, Produzentin und Lehrende, haben Sie zudem die Initiative FC Gloria – Frauen* Vernetzung Film mitgegründet. Sie arbeiten also auch aktiv in der Filmbranche zu gesellschaftspolitischen Themen. Gerade in Bezug auf die Themen Geschlechtergerechtigkeit und Missbrauch in der Filmarbeit tut sich vieles. Analog zur gesellschaftlichen Tendenz, dass sich Meinungsfronten immer stärker verhärten, wird Initiativen, die sich für Frauen einsetzen, mitunter vorgeworfen, dass just sie es wären, die Gräben vertiefen – wie gehen Sie mit dieser Art der versuchten Delegitimierung um?
Barbara Albert: Das habe ich tatsächlich so erlebt. Vor einigen Jahren schon hatten wir an der Filmuniversität in Babelsberg eine mich sehr bewegende und gute Debatte zu #MeToo. Auch junge Männer haben dort Worte gefunden, die mich beeindruckt haben – eine neue Generation, dafür war ich wirklich dankbar. Und ältere Frauen haben manches Geschehene zum Teil erst wirklich verstanden ì Frauen meiner Generation ist einfach viel passiert. Jedenfalls war das eine großartige, zwei- bis dreistündige Diskussion im Plenum aus Studierenden und Lehrenden, doch es gab Männer, die im Anschluss zu mir gesagt haben, was für Gräben wir damit nicht aufgemacht hätten. Ich war vor den Kopf gestoßen, ich hatte es ganz anders empfunden. Menschen waren bewegt, manche haben geweint, das ist doch kein Graben, vielmehr ist da eine große Öffnung passiert. Es wurde zudem niemand konkret angegriffen, beschuldigt oder gar beschimpft, überhaupt nicht. Aber so unterschiedlich kann Wahrnehmung sein. Natürlich gibt es Meinungsdifferenzen, manchmal sogar in unserer Produktionsfirma. Wir sind Frauen und Männer einer bestimmten Generation mit bestimmten Haltungen und auch bei uns wird es emotional, wenn wir über dieses Thema sprechen – ich bin aber sehr dankbar dafür, dass wir es schaffen, darüber zu sprechen. Es muss um ein Miteinander gehen, nicht um ein Gegeneinander. Mit FC Gloria wollen wir Strategien dazu verfeinern, dieser Diskurs steht schließlich erst am Anfang. Wenn Unrecht passiert, ist zwar klar, dass die Wut erst einmal groß ist, der nächste Schritt muss jedoch dann sein, miteinander zu reden. Wichtig dabei: All diese Arbeit sollen nicht nur die Betroffenen selbst machen müssen, sondern auch die nicht direkt Betroffenen und die Täter:innen. Denn es geht um eine gesellschaftliche Angelegenheit, die letztlich wichtig für uns alle ist.
