Anlässlich ihres neuen Films „Fallen“: Barbara Albert, Drehbuchautorin, Regisseurin, Produzentin, im ausführlichen Gespräch über die Generation der 30-Jährigen, die Arbeit mit Freundinnen und über den Abschluss österreichisch-ländlicher Motive.
Aus der Jury des Filmfestivals von Locarno im August schied Barbara Albert vorzeitig aus, als sich Das Fräulein, bei dessen Drehbuch sie der Schweizer Filmemacherin Andrea Staka geholfen hatte, als Siegerfilm abzeichnete. Was sie anfasst, wird zu Gold, scheint es: Seit sie als Speerspitze des neuen österreichischen Autorenfilms mit Nordrand einen internationalen Überraschungserfolg landete und die Produktionsfirma coop 99 mitbegründete, entwickelte sich Albert zur gefragten Playerin. Die Ko-Produktion Grbavica gewann den Goldenen Bären in Berlin. Fallen wurde nach Venedig, nach Toronto und zum New York Festival eingeladen und kommt gleichzeitig in Österreich in die Kinos. Ein Schauspielerinnenfilm: Fünf Frauen Anfang 30, dargestellt von Nina Proll, Birgit Minichmayr, Ursula Strauss, Kathrin Resetarits und Gabriela Hegedüs, treffen einander nach 14 Jahren bei einem Begräbnis in ihrer Heimatstadt wieder. Ein intensives gemeinsames Wochenende wird zum Prüfstein ihrer Biografien.
Was hältst du vom so genannten Senior-Producer-Modell, bei dem junge Filmemacher mit erfahrenen, „erfolgreichen“ Produzenten zusammenarbeiten sollen?
Grundsätzlich ist das ein sinnvolles Modell. Bei Jessica Hausners Lovely Rita, dem ersten Spielfilm unserer Produktionsfirma coop 99, haben wir nach diesem Modell mit der Prisma Film zusammengearbeitet, das hat damals gut funktioniert. Nur: Wer bestimmt, wer ein Senior Producer ist? Ab wann bist du ein Senior Producer? Wer sagt, mit wem du arbeiten musst? Was ist, wenn die Chemie nicht stimmt? Dass die Papas und Mamas sagen, wie’s geht, das mag ich grundsätzlich nicht gern. Wenn eine junge Firma das Risiko selber eingehen will, dann soll sie das tun. Die wissen schon, was es bedeutet, einen Kinofilm zu machen.
Ihr selbst wolltet rasch unabhängig sein von den Alteingesessenen?
Genau. Das war aber keine Kampfansage an die „Alten“. Wir wollten einfach selbst verantwortlich sein und die Rechte selber haben.
Hat es sich für euch ausgezahlt, aus heutiger Sicht nach sieben Jahren?
Schon. Es ist oft schwierig, manchmal ein ziemlicher Kampf, aber für mich persönlich ist dieses Gefühl wichtig, selbst verwalten und selbstständig arbeiten zu können. Als Autorin und Regisseurin dann nicht die Produktion hergeben zu müssen.
Hatte die Firmengründung auch mit negativen Erfahrungen bei Nordrand zu tun?
Nein, ich bin mit Erich Lackner von der Lotus Film nach wie vor im Austausch, habe zum Beispiel bei Slumming mitgeschrieben. Außerdem hatten wir die Firma gegründet, als ich mit Nordrand noch beim Drehen war. Natürlich gab es Konflikte und war es auch für ihn schwierig, und natürlich kann mir auch jetzt mein Produktionsleiter sagen, du, dafür oder dafür gibt’s aber kein Geld mehr. Das ist immer so.
Zu deiner aktuellen Regiearbeit. Fallen wirkt im Ton heiterer als zum Beispiel Böse Zellen …
… wobei ich ja Böse Zellen zum Teil auch lustig finde, aber ich glaub, ich bin die Einzige. Ja, grundsätzlich ist der Tonfall heiterer, ich wollte einen leichteren Film als Böse Zellen machen, um mich davon frei zu arbeiten. Ich wollte eine Geschichte mit viel Lebensenergie und habe die Geschichte bewusst für diese Frauen geschrieben. Zuerst hätten es sechs Hauptfiguren sein sollen, aber dafür hätten wir zwei Autos gebraucht, das wäre erzähltechnisch zu kompliziert geworden. Die meiste Zeit sind die Frauen ja zusammen.
Und du wolltest diese Frauen an Hand eines Ereignisses wieder zusammenführen?
Es war klar, dass sie wegen dieses Begräbnisses zusammen kommen. Und es sollte in Horn spielen, weil das für mich in seiner Kargheit der Inbegriff der österreichischen Kleinstadt ist, die aber für Böse Zellen einfach zu klein war.
Das provinzielle Element kommt immer wieder in deinen Filmen vor, auch hier: das Hochzeitsfestzelt, die Dorfdisco, kleinstädtische Motive.
Fallen ist für mich ein gewisser Abschluss, was die Motive betrifft. Das Österreichisch-Ländliche, oder wie du sagst, Provinzielle, ist hier für mich ein bissl auf die Spitze getrieben oder intensiv zusammengefasst. Die Konzentration auf eine Gruppe schwarz gekleideter Frauen, die von einem Ort zum nächsten ziehen, hat mir gut gefallen. Es hätte ursprünglich mehr Road Movie drin sein sollen, aber wir haben die Kamera ohnehin oft nah auf den Gesichtern der Frauen, das wäre mir mit mehr Autoszenen zu viel geworden.
Bildet die Discoszene eine Schlussklammer zu deinem Kurzfilm Sonnenflecken?
Ja, die beiden Filme sind verwandt, so wie Die Frucht deines Leibes mit Böse Zellen verwandt ist. Es gibt sicher auch Leute, die sagen werden, schon wieder so eine Discoszene. Da ist dieser inhaltliche Druck auf die erfolgreichen Macher, jetzt macht’s doch einmal mehr als so einen typisch österreichischen Film! Sogar die Forderung, den österreichischen Film neu zu erfinden. Es scheint mir auf Rezipienten- und Journalistenseite gewisse Ermüdungserscheinungen zu geben. Aber einmal wollte ich das noch erzählen und auch für mich abschließen.
Was hat dich so fasziniert an diesen Orten?
Die sind so komprimiert. Für mich sind das ja totale Orte der Einsamkeit, so wie die Shopping Malls, obwohl man da hingeht, um die Einsamkeit zu überwinden. Disco hat für mich so etwas wie die Suche nach dem eigenen Leben und die Möglichkeit, es dort zu finden. Am Wochenende beim Tanzen kommen die ganzen Emotionen hoch. Der Versuch, sich lebendig zu fühlen, spielt eine große Rolle. Es ist so etwas wie die Suche nach dem Exzess, der aber eh nicht wirklich stattfindet.
Chöre kommen bei dir auch immer wieder vor …
Meine Eltern haben beide in einem Chor gesungen, das ist ein mir sehr vertrautes Motiv. Mich emotionalisieren Chöre auch sehr. Und für das Begräbnis im Film hat das ja auch besser gepasst, als den Kassettenrekorder aufzudrehen.
Spielt beim Chor der Aspekt des Zusammengehörigkeitsgefühls eine Rolle?
Natürlich ist der Chor nicht unbewusst gewählt für den verstorbenen Lehrer, weil der steht schon für die Zusammengehörigkeit der Gruppe und das Verändern-Wollen einer Gruppe. Dafür stehen auch die Gesänge der Frauen untereinander. Wie gefallen euch eigentlich die Zukunftsbilder im Film?
Die Fotos, die zeigen, was bald passieren wird?
Ja, die haben mir als Kapitelüberschriften gut gefallen. Weil ja das Zeitelement sehr wichtig ist.
Und die beiden Bilder der leeren Lichtung als Klammer?
Die Lichtung ist der Inbegriff einer vergangenen Utopie oder Idee.
Kann man das zweite Bild der Lichtung als Ausdruck der Enttäuschung lesen, dass da am Ende immer noch nichts ist?
Was ich mag, ist, dass die Frauen gar nicht mehr wissen, ob das ihre Lichtung ist. Sie hängen etwas nach, was sie nicht einmal mehr erkennen können. Das Bild der Lichtung am Schluss hat auch etwas Sentimentales für mich. Die wollten einmal was, und das ist halt nicht mehr. Da hat mir deshalb das Schwarzweiß gefallen, weil es „wirklich“ vergangen ist, nicht einfach eine Rückblende.
Gibt es etwas spezifisch Weibliches an dem Film?
Insofern, als die Hauptfiguren Frauen sind. Immer nur als Tendenz gesprochen: Frauen sind mit 18, 20 Jahren noch nicht so sicher, kriegen erst mit 30 eine gewisse Sicherheit. Bei Männern ist es oft umgekehrt, weil die doch noch einen größeren Leistungsdruck haben. Wenn Männer mit 30 noch nicht super erfolgreich sind beruflich und privat, dann kriegen die noch einmal eine andere Art von Krise, hab ich das Gefühl. Ich bin ja keine Soziologin, aber ich beobachte bei Frauen Anfang 30 oft den Versuch, sich mit neuem Selbstbewusstsein neu zu definieren. Im Film zeige ich natürlich fünf völlig unterschiedliche Typen von Frauen.
Ist es bei den heutigen Anfangs- und Mittzwanzigern nicht oft umgekehrt, dass nämlich die jungen Frauen selbstsicherer sind und viel eher einen Plan haben als die Männer?
Na gut, bei Anfang Zwanzigjährigen bin ich generell extrem erstaunt, was für ein wahnsinniges Selbstbewusstsein die haben, das erschreckt mich auch. Meine Freundin und ich waren in dem Alter noch ziemlich unsicher und auf der Suche, aber das war nichts Schlechtes.
Ist die Rivalität unter deinen Figuren eine typisch weibliche?
Die Rivalität ist vorhanden, ich verwehre mich aber dagegen, dass sie typisch weiblich ist. Im neuen Chabrol zum Beispiel können umgekehrt scharfe Konkurrentinnen auch gut zusammen arbeiten. Spannungen sind bei meinen Figuren auch vorhanden, aber die Freundschaft ist letztlich stärker.
Hast du The Big Chill gesehen?
Ganz zum Schluss, als ich schon gedreht hatte. Mein Weltvertriebsmann hat ihn mir auch empfohlen, aber das war mir zu kurz vorm Dreh. Ich mochte The Big Chill sehr, aber in Fallen geht es mehr um die Frauen selber als um den Verstorbenen.
Und um die Schauspielerinnen …
Ich kenn sie alle schon so lang, und wollte immer schon alle zusammen bringen. Birgit (Minichmayr, Anm.) zum Beispiel, die hab ich seit 1997 mehrmals gecastet, da hat aber immer etwas nicht gepasst, und bei dem Film hab ich gedacht, jetzt reicht’s, und hab sie gleich ohne Casting besetzt. Gabi Hegedüs wiederum hat einen Theaterworkshop für Gefängnis-Insassinnen gemacht, als ich sie kennen gelernt habe. In ihrem Fall hab ich über ihre Person die Figur entwickelt, die sie auch spielt jetzt im Film. Ich hab für alle Frauen konkret die Rollen geschrieben, aber allen dazu gesagt, bitte denk nicht, das sei mein Bild von dir.
Musstet ihr improvisieren bei den Dreharbeiten?
Hauptsächlich wegen des Wetters. Obwohl Ende Juli, war es bitterkalt und gab es Sturm. Bei der Lagerfeuerszene haben alle gezittert, das sieht man auch, glaub ich. Ich hätte gern eine Woche mehr zum Drehen gehabt.
Wie wichtig sind dir gute Kritiken? Böse Zellen hat die Kritiker ja ziemlich gespalten.
Stimmt, es gab sehr positive und sehr negative Reaktionen auf Böse Zellen. Schwierig ist, wenn man einen sehr persönlichen Film dreht über eineinhalb Jahre, total ausgelaugt ist und dann sofort schlechte Kritiken liest. Wenn man noch so drin ist, ist man nicht gewappnet und verletzbar. Fallen ist schon länger fertig, ich beschäftige mich mit neuen Projekten, da bin ich selber irgendwie stärker.
Würdest du auch mal ein fremdes Drehbuch verfilmen wollen?
Einen Roman würde ich gern mal verfilmen. Da hab ich aber nichts Konkretes vor Augen. Außerdem macht mir das Schreiben ziemlichen Spaß, das ist ein so konzentrierter Prozess.
Ich hab dich einmal in einem Restaurant beim Schreiben beobachtet…
Manchmal flüchte ich von zu Hause, um anderswo zu schreiben.
Um eine Schreibhemmung zu überwinden?
Schreibhemmung, das kenn ich nicht. Ich bin in einer Sondersituation: Da ich viele andere Arbeiten hab, geht es bei mir nie darum, schreiben zu müssen, sondern immer darum, endlich mal wieder schreiben zu dürfen.
Woran schreibst du gerade?
Ich hab gerade das Drehbuch einer Geschichte fertig, die in Amerika spielt. Ausgangspunkt war die Frage, ob ich zum Thema American Dream was machen will. Wir versuchen gerade, die Finanzierung mit amerikanischen Koproduzenten auf die Beine zu stellen. Und wenn ich kein amerikanisches Geld kriege, übersiedle ich damit nach Rostock (lacht).
Hat der Goldene Bär für Grbavica etwas an eurer Situation geändert?
Der Erfolg von Grbavica hat mich natürlich sehr gefreut, weil das mein „Kind“ war. Geändert hat er nicht viel. Es gibt einerseits schon viele Leute, die an uns Interesse haben, aber andererseits sind wir im Moment gar nicht so offen. Wir müssen Projekte abblocken, weil wir unsere Firma nicht so aufplustern wollen. In erster Linie sehen wir uns immer noch als Autorenfilmer.
