Gnadenlose Ehrlichkeit mit Zärtlichkeit und Empathie für seine Hauptfiguren zu verbinden, das ist ein Kunststück, das der rumänische Regisseur Radu Jude in jedem seiner Filme vorführt, so auch in seinem Meisterwerk „Erwarte nicht zu viel vom Ende der Welt“.
Radu Jude, geboren 1977 in Bukarest, hat im Laufe seiner Karriere so viele Preise überreicht bekommen – unter anderem den Goldenen Bären der Berlinale 2021 für Babardeală cu bucluc sau porno balamuc (Bad Luck Banging or Loony Porn) –, dass er sich an diesen einen wohl kaum mehr wird erinnern können: Beim Festival Vienna (Independent) Shorts im Jahr 2008 gewann er den Publikumspreis für seinen Kurzfilm Lampa cu caciula (The Tube with a Hat), der damals, ja, vom Filmmagazin „ray“ gestiftet wurde.
An Radu Jude ist vieles bemerkenswert, unter anderem die Tatsache, dass er neben einer stattlichen Anzahl an langen (und sehr langen) Spielfilmen auch sehr viele Kurzfilme macht. In seinem unterhaltsamen sechsminütigen Self Portrait, das auf der ARTE-Website abrufbar ist, zitiert Jude den großen Lew Tolstoi in dem Sinne, dass es nicht wichtig sei, ob ein Werk kurz oder lang sei, wenn es etwas zu sagen habe. Jude, der auch erzählt, seine Begeisterung für Film sei durch seine Besuche in der – nicht mehr existenten – Bukarester Kinemathek entfacht worden, studierte Regie an der Media University und begann seine Karriere als Regieassistent des legendären griechisch-französischen Filmemachers Costa-Gavras. Amen (2002) ist die Verfilmung des Rolf-Hochhuth-Stücks „Der Stellvertreter“ über die Verstrickungen der Katholischen Kirche mit dem Nazi-Regime. Weil die Kirche natürlich keine Dreherlaubnis für den Vatikan erteilte, wich Costa-Gavras nach Bukarest aus und drehte ausgerechnet im „Haus des Volkes“, wie der unter Diktator Nicolae Ceaușescu errichtete pompöse Regierungspalast euphemistisch heißt – ein Treppenwitz der Filmgeschichte, so bizarr, dass er aus einem Radu-Jude-Film stammen könnte.
Neue Welle
Jude assistierte auch seinem um zehn Jahre älteren Landsmann Cristi Puiu, mit dessen Moartea domnului Lăzărescu (Der Tod des Herrn Lazarescu, 2005) das lange Zeit bedeutungslose rumänische Kino – nach der 1989er-Revolution gab es dank französischer Mit-Finanzierung wohl den einen oder anderen eher betulichen Arthouse-Film, im Jahr 2000 hingegen wurde kein einziger Film produziert – mit einem Paukenschlag für Aufsehen sorgte. Puius bitterböse Abrechnung mit dem rumänischen Gesundheitssystem war, wie sich herausstellte, eines der ersten Highlights der sogenannten „Rumänischen Neue Welle“, auch wenn es sich eigentlich – wie so oft – um keine einheitliche Bewegung handelt, sondern um das glückhafte Auftreten mehrerer enorm kreativer Menschen zur gleichen Zeit. Wenig später wurde Cristian Mungiu (*1968) für seinen Abtreibungs-Schocker 4 luni, 3 săptămâni și 2 zile (4 Monate, 3 Wochen und 2 Tage) beim Festival in Cannes 2007 mit der Goldenen Palme und später mit zwei Europäischen Filmpreisen (Bester Film und Beste Regie) ausgezeichnet. Nur für Hollywood war Mungius Film wohl zu hart, er wurde für den Fremdsprachen-Oscar nicht einmal nominiert. Cristian Mungiu äußerte sich in einem Interview mit Margret Köhler („filmdienst“, Nr. 13/2007) zum Thema „Neue Welle“: Das verbindende Element sei lediglich, dass einige als Autor-Regisseur-Produzent agierende Rumänen ähnlichen Alters im selben Moment Anerkennung erhielten. Es gebe kein gemeinsames ästhetisches Manifest, jeder von ihnen habe eine unterschiedliche Einstellung zum Kino. Sie seien aber alle herausgefordert durch ehemalige Vertreter des alten Regimes und eine junge Generation, die die Geschichte nicht kenne.
Doch die „Welle“ ist bis heute nicht abgeebbt. Puiu und Mungiu, so scheint es, treiben einander gegenseitig zu neuen filmischen Höchstleistungen, auch wenn Puiu zuletzt mit dem dreieinhalbstündigen Dialogdrama Malmkrog (2020), angelehnt an einen Roman von Wladimir Sergejewitsch Solowjow, Neuland betreten hat. Mungiu hingegen blieb mit Filmen wie Bacalaureat (2016, Goldene Palme für die Beste Regie in Cannes) und vor allem R.M.N. (2022) seinem harschen Sozialrealismus treu. Doch längst haben sich einige etwas jüngere Filmemacher wie Corneliu Porumboiu (12 Uhr 08, östlich von Bukarest, 2009; Der Schatz, 2015), Radu Muntean (The Paper Will Be Blue, 2006; Tuesday, After Christmas, 2010; One Floor Below, 2015), Bogdan George Apetri (Outbound, 2010; Miracle, 2020), Călin Peter Netzer (Mother & Son, 2013, Goldener Bär in Berlin) und Tudor Giurgiu dazugesellt. Giurgius De ce eu? (Why Me?, 2015) etwa ist ein Meisterstück im Genre des Politthrillers: Ein junger, mutiger Staatsanwalt verfolgt im Bukarest des Jahres 2002 einen Korruptionsfall, aber ganz anders, als seine Vorgesetzten sich das wünschen. Das ist eine Geschichte, die nicht gut ausgehen kann, ähnlich wie in dem französischen Klassiker Der Richter, den sie Sheriff nannten (1977) von Yves Boisset mit dem unvergesslichen Patrick Dewaere. Und natürlich basiert Giurgius Film auf einer wahren Geschichte.
Apropos wahre Geschichte: Unbedingt erwähnen muss man den herausragenden, zweifach für den Oscar nominierten Dokumentarfilm Kollektiv von Alexander Nanau (2019). Er beschäftigt sich mit dem Brand im Bukarester Club „Colectiv“ im Jahr 2015, bei dem 27 Menschen ums Leben kamen, aber mehr noch mit den verheerenden Folgen, denn 37 weitere Opfer starben später aufgrund der haarsträubenden Zustände und Versäumnisse in den Spitälern – siehe Puius Herrn Lazarescu. Der Skandal, dass ein gut „vernetzter“ Geschäftsmann gepanschtes (!) Desinfektionsmittel verkaufte und bei einem Unfall starb, ehe er von der Polizei einvernommen werden konnte, kostete letztlich den Gesundheitsminister den Job. Kollektiv ist ein Horrorfilm im dokumentarischen Gewand.
Geschichtsunterricht
Nach mehreren Kurzfilmen und noch mehr Werbespots stellte Radu Jude im Jahr 2009 seinen ersten langen Spielfilm vor. Cea mai fericită fată din lume (The Happiest Girl in the World) deutete schon an, in welche Richtung es gehen würde: Die junge Delia aus der Provinz hat bei einer Treueaktion ein Auto gewonnen, unter der Bedingung, dass sie in einem Werbespot für die Marke auftritt. Radu Jude interessiert hier vor allem, was plötzlicher „Reichtum“ mit den Menschen macht: Delia will das Auto behalten, ihre Eltern hingegen wollen es verkaufen. Während die „normalen“ Menschen sich der Sympathie des Regisseurs sicher sein können, bekommen die Marketing-Fuzzis, die sich als besonders dumm und arrogant herausstellen, ihr Fett ab. In seinem neuen Film Erwarte nicht zu viel vom Ende der Welt kommt Jude darauf zurück, allerdings noch um einiges schärfer. Nach der turbulenten Komödie Toată lumea din familia noastră (Everybody in Our Family, 2012), dem pechschwarzen historischen „Western“ Aferim! über die Jagd zweier Männer nach einem flüchtigen Rom (2015, Silberner Bär für die Beste Regie in Berlin), der Literaturverfilmung Inimi cicatrizate (Scarred Hearts, 2016) und dem Dokumentarfilm Tara moarta˘ (The Dead Nation, 2017) entstanden jene drei Filme, die Radu Jude endgültig an der Spitze des internationalen (Festival-)Filmgeschehens etablierten. Man kann über ihn aber nicht sprechen, ohne die herausragende Rolle von Ada Solomon zu erwähnen, jener enorm umtriebigen rumänischen Produzentin, die alle seine Filme – und viele andere – produziert hat, wofür ihr, unter anderem, das Crossing Europe-Festival in Linz 2018 ein „Spotlight“ widmete.
2018 gewann Jude mit Îmi este indiferent dacă în istorie vom intra ca barbari (Mir ist es egal, wenn wir als Barbaren in die Geschichte eingehen) den Preis für den besten Spielfilm beim renommierten Festival in Karlovy Vary. Latent ist das auch in den früheren Filmen vorhanden, aber hier legt Jude seine Finger gnadenlos in nationale Wunden. Es geht um die – hierzulande wohl kaum bekannte – Rolle Rumäniens während der Nazi-Zeit. 1941 vollzog die Regierung unter dem Diktator Ion Antonescu, der von vielen bis heute als Held verehrt wird, einen Kurswechsel hin zur bedingungslosen Anbiederung an Nazi-Deutschland. Rund 300.000 Juden wurden unter Antonescu von rumänischen Kräften ermordet, allein 25.000 davon beim Sturm rumänischer Truppen auf Odessa im Oktober 1941. Auch Tausende Roma starben in den vier Jahren der Diktatur. Das haarsträubende Zitat, das dem Film den Titel gibt, stammt von dem – mit dem Diktator nicht verwandten – Vize-Ministerpräsidenten Mihai Antonescu, der damit die Beteiligung an den ethnischen Säuberungen vor dem Ministerrat rechtfertigte. Und „egal“ scheint das auch heute noch Vielen zu sein. Jude hat – ein genialer Kunstgriff – seinen harschen Geschichtsunterricht in eine riesige Performance verpackt, in der eine Regisseurin nationales Pathos und Gräueltaten auf einem großen Platz in Bukarest nachstellen lässt – gegen den Widerstand des „beflissenen Kulturbeamten“ (wer kennt den Typus nicht?), der das Projekt ursprünglich gefördert hat, nun aber kalte Füße bekommt und Abmilderung fordert, und auch gegen Proteste mancher Laiendarsteller, von denen einige nicht mit Roma zusammen auftreten wollen, während andere schlicht von „Geschichtsfälschung“ reden. Das Publikum auf dem Platz jedenfalls hat seine Freude an dem Historien-Spektakel und applaudiert fleißig, auch dann, als eine Gruppe von Juden von rumänischen Truppen bei lebendigem Leib verbrannt wird.
Obszönität und Österreich
Harte Kost, fürwahr. Doch Radu Jude legte nach. Babardeală cu bucluc sau porno balamuc (Bad Luck Banging or Loony Porn), 2021 mit dem Goldenen Bären in Berlin ausgezeichnet, ist ein Rundumschlag gegen die rumänische Gesellschaft, der seinesgleichen sucht. Die engagierte Gymnasiallehrerin Emilia – „selbstverständlich“ unterrichtet sie Rumänisch und Geschichte – dreht mit ihrem Mann einen Heim-Porno, der, auf welchen Wegen auch immer, im Internet landet. Judes Film ist dreigeteilt. Teil 1 zeigt den Porno-Dreh – ganz offensichtlich ohne „Intimitätskoordinator“ – und einen langen Fußmarsch Emilias durch Bukarest, bei dem Jude unkommentiert bauliche Abscheulichkeiten und die geballte Intoleranz der Bewohner zeigt, die fast durchwegs Covid-Masken tragen. Teil 2 ist eine Collage von historischen Fotos, kurzen Videos, Grafitti, Sinnsprüchen und Literaturzitaten, die Jude virtuos montiert. Teil 3 ist der Gipfel der Obszönität, denn nicht nur der Porno ist obszön, sondern vor allem ein Elternabend, bei dem die anwesende Lehrerin von den versammelten Heuchlerinnen und Heuchlern gnadenlos zur Schnecke gemacht wird. Jude achtet genau darauf, dass alle Gesellschaftsschichten vertreten sind, selbstverständlich auch Militär und Kirche, zwei nach wie vor bestimmende Kräfte im Land. Inszeniert hat er diese Versammlung mit drei verschiedenen möglichen „Enden“ des Geschehens, wie eine Sitcom oder Farce. Alles in allem ist Bad Luck Banging ein ziemlich niederschmetternder Film über die Conditio humana, nicht nur in der Corona-Krise. Allerdings weist auch dieser Film so viel grimmigen schwarzen Humor auf, dass selbst schuld ist, wer da nicht lacht.
In seinem 164-minütigen Magnum opus Erwarte nicht zu viel vom Ende der Welt – der Titel entstammt einem Aphorismus des polnischen Lyrikers Stanislaw Jerzy Lec – setzt Radu Jude noch eins drauf, auch wenn das kaum noch möglich schien. Jenen, die seine früheren Filme kennen, wird manches bekannt vorkommen, es ist hier allerdings noch einmal scharf zugespitzt. Alle Neueinsteigenden erwartet „a hell of a ride“, wie man so schön sagt, und das ist durchaus wörtlich zu nehmen. Die Protagonistin Angela („overworked and underpaid“), gespielt von der großartigen Ilinca Manolache, rast, soweit es der Verkehr zulässt, durch Bukarest und Umgebung, um Menschen aufzutreiben, die sich für das Imagevideo des österreichischen (!) Auftraggebers filmen lassen. Genauer gesagt, sollen das Leute sein, die Arbeitsunfälle hatten, aber die Schuld dafür auf sich nehmen und die mangelnden Sicherheitsvorkehrungen der Firma verschweigen. Für diesen verlogenen Quatsch gibt es, wenn man gecastet wird, 500 Euro. Schließlich wird der halb gelähmte Marian ausgewählt.
Das Casting ist der eine Teil von Judes Film, der andere sind die Dreharbeiten zum besagten Video. Marian will nun nicht bei seiner Version bleiben, sondern klagt die Firma an. Es ist eine Farce sondergleichen, die zum Schreien komisch wäre, wenn der Hintergrund des Ganzen nicht so erbärmlich wäre. Aber das ist natürlich längst nicht alles. Erwarte nicht zu viel vom Ende der Welt ist ein wildes Sammelsurium von Geschichten, Anekdoten und, ja, Stilen: „Ich habe keinen Stil, oder wenn, dann den Bukarester Baustil“, sagt Jude in seinem Selbstporträt, womit er meint: Kraut und Rüben. Das Hauptgeschehen wurde in Schwarzweiß auf körnigem 16mm gedreht. Dazu gibt es Ausschnitte aus einem farbigen Unterhaltungsfilm aus dem Jahr 1981, Angela merge mai departe (Angela Keeps Going) von Lucian Bratu über eine Bukarester Taxifahrerin und ihre Erlebnisse. Diesen Film bezeichnet Jude als „subversiv“, weil immer wieder im Hintergrund arme Leute und baufällige Gebäude zu sehen sind – was der strengen Zensur seinerzeit entgangen sein dürfte. Dorina Lazar und László Miske, die damals die Hauptrollen spielten, spielen bei Radu Jude quasi sich selbst. Zudem gibt es TikTok-Clips, die Angela in Gestalt ihres glatzköpfigen männlichen Avatars Bobita selbst gestaltet, zumeist unfassbar vulgäre Schimpfkanonaden gegen alle und jeden, aber besonders gegen Frauen. Jude wollte ein harsches Zeichen gegen den rumänischen Machismo setzen, wie er sagt. Dann taucht noch Nina Hoss als Doris Goethe (!), deutsche Repräsentantin der Werbeagentur, auf, als wäre sie Toni Erdmann entstiegen, und auch der umstrittene deutsche Regisseur Uwe Boll hat einen Auftritt. Und eine Collage gibt es wieder, in diesem Fall eine lange, stumme Vorbeifahrt an Gedenkstätten für verunglückte Autoinsassen.
Dass die „böse“ Firma eine österreichische ist, ist kein Zufall. Radu Jude, ein erklärter Thomas-Bernhard-Fan, hat ein besonderes Verhältnis zu den „horrible Austrians. Germany’s dumb cousins“, wie es schon in Mir ist egal… heißt. Beim Publikumsgespräch anlässlich der Viennale 2023 wies er darauf hin, dass die Österreicher sich so harmlos gäben, aber unter anderem in Rumänien illegal Wälder abholzten (nachzuprüfen im niederschmetternden Dokumentarfilm Wood – Der geraubte Wald [2020] von Monica Lazurean-Gorgan, Michaela Kirst und Ebba Sinzinger). Aber nicht nur Österreich bekommt in seinen Filmen sein Fett ab, sondern vor allem die rumänische Bevölkerung, die Regierung und andere Instanzen. Und er ist ein unglaublich scharfer Beobachter: „Mich interessiert, was nicht sichtbar ist“, sagt er im Selbstporträt. So sehe man der Bukarester Kathedrale nicht an, dass „die Rumänisch-Orthodoxe Kirche mit allen Diktaturen kollaboriert hat“. Auch das Viertel, das Ceaus¸escu „wegreißen hat lassen, um das ,Haus des Volkes‘ zu bauen“, sei nicht mehr sichtbar.
Dass die sogenannten Regeln des Filmemachens auf Judes Arbeiten nicht anzuwenden sind, ist evident. In einem sehr aufschlussreichen Interview mit Leonard Goi für das „Filmmaker Magazine“ (13. August 2023) mit dem bezeichnenden Titel „Rules Stop Me from Daring“ hat er das präzisiert – und zwar ausgerechnet anhand von TikTok: „Hier, lass es mich dir zeigen. [Jude holt sein Handy heraus und beginnt, durch eine Handvoll TikTok-Clips zu scrollen – synchronisierte Tänze, Lippensynchronisation, Haustiervideos, Streiche, Situationskomik] Das sind Dinge, die man in Filmen nicht finden wird. Das ist Amateurkino. Und für mich ist dieses Zeug viel interessanter, viel provokanter und perverser als alle Filme, die heute in die Kinos kommen. Natürlich sehe ich die Probleme mit der Plattform, die toxische Ideologie dahinter. Aber wenn man als Filmemacher ehrlich zu sich selbst ist, muss man zugeben, dass dieses Ding viel mächtiger ist als das, was wir tun. (…) Darum wollte ich, dass der Film an einem bestimmten Moment und Ort verankert ist. Ich habe das Gefühl, dass viele Filmemacher oft danach streben, ‚universelle‘ oder ‚zeitlose‘ Filme zu machen. Ich bin das Gegenteil. Ich möchte, dass sich meine Filme sehr lokal, sehr spezifisch und sehr aktuell anfühlen. Es gibt Leute, die bei dem Gedanken in Panik geraten, dass ihre Filme ein oder zwei Jahre nach ihrer Veröffentlichung alt aussehen. Aber ich möchte, dass sie sich unzeitgemäß und anachronistisch anfühlen. Das gefällt mir als Zuschauer auch. Ich bin nicht an perfekten Filmen interessiert. Klar, wenn man auf einen tollen Film oder ein tolles Buch stößt, kann das sehr bewegend sein. Aber es geht mir mehr darum, Potenzial in meiner Arbeit zu entdecken, über Ideen nachzudenken. Die Filme selbst sind möglicherweise nicht perfekt oder poliert. Aber sie sind hoffentlich lebendiger, organischer und authentischer und voller Möglichkeiten.“
Offensichtlich sind sie das, denn neben den zahlreichen Preisen, die er erhalten hat, erfährt Radu Jude auch enormen Zuspruch von Seiten der Kritik, quer durch alle Lager. Die Plattform „Rotten Tomatoes“ weist für Erwarte nicht zu viel vom Ende der Welt eine Zustimmung von sagenhaften hundert Prozent aus. Unerschrockene Zuschauerinnen und Zuschauer, die sich auch im Kino nicht mit dem Ewiggleichen, Alltäglichen zufrieden geben, werden, so viel ist gewiss, mit diesem, ja, anstrengenden Film reichhaltig belohnt.
