Das Licht FIlm

Filmstart

Das Licht

| Alexandra Seitz |
Wer wagt, gewinnt

Für die einen ist Film ein Bestandteil der Wertschöpfungskette, der sich mittels Malen-nach-Zahlen herstellen lässt und die eskapistischen Sehnsüchte des konsum-gestressten Endverbrauchers bedient. Für die anderen ist Film Kunst und als solche Ausdrucksmittel einer kritischen Reflexion der Conditio humana. Und während die einen Standardware abliefern, die den Verzehr von Popcorn und Cola nicht stört, schaffen die anderen Werke, angesichts derer der Bissen im Halse stecken bleibt.

Tom Tykwer hat zuletzt fünf Jahre als Mitverantwortlicher (Produzent, Drehbuchautor, Regisseur, Komponist) der Serie Babylon Berlin, eines Meilensteins des deutschen Fernsehens, fungiert. Sein letzter Kinofilm war 2016 der charmante A Hologram for the King mit Tom Hanks, davor hatte er mit den Wachowski Sisters zusammen den sträflich unterschätzten Cloud Atlas (2012) gestemmt. Nun also endlich eine fulminante Rückkehr auf die Leinwand mit Das Licht, dem Eröffnungsfilm der diesjährigen Berlinale, mit zweidreiviertel Stunden und nicht nur der Länge wegen ein ziemlicher Brocken. Zumal wenn man bedenkt, dass es in diesem Film die ganze Zeit regnet, vielmehr: wie aus Eimern schüttet, ja geradezu gießt und strömt. Das ganze Wasser hat natürlich eine metaphorische Bedeutung, so wie ja auch das Licht eine hat. Verkürzt gesagt steht uns erst das Wasser bis zum Hals, bevor wir ins Licht gehen. Ein nützlicher Schnipsel, der allerdings nicht in die gedankliche Einbahnstraße führen sollte.

Denn der Plot, wie er an vielen Stellen zu lesen steht – Geschichte einer Familie des Mittelstandsprekariats, die kurz vor dem endgültigen Auseinanderfallen von ihrer syrischen Haushaltshilfe gerettet wird –, wird dem, was dann tatsächlich bis in feinste Verästelungen und mit ungeheuer aufmerksamem Blick für das menschliche Wesen und die Tücken von Beziehungen geschildert wird, in keiner Weise gerecht. Er sagt auch nichts über die thematische Vielfalt, die Tykwer mit zutiefst humanistischer Perspektive daraus entwickelt. Erst recht nicht bereitet dieser dürre narrative Kern das Publikum auf die formale Entgrenzung vor und auf die überbordende Fantasie, die zwischendurch immer mal wieder und gerne in Gestalt von Musical-Nummern auf den Straßen Berlins das Ruder übernimmt. In seiner künstlerischen Unbotmäßigkeit erinnert Das Licht im besten Sinne an Viktoria von Sebastian Schipper (2015), auch so ein Trumm, bei dem sich der Filmemacher ganz weit aus dem Fenster lehnt und alles riskiert. Und dort wie hier gilt: Zum Glück!