Victoria

Absolut gigantisch

| Andreas Ungerböck |
Ein neues deutsches Filmwunder? Die Rettung des filmischen Abendlandes? Nichts davon und doch viel mehr: Sebastian Schippers „Victoria“.

So viel (Fast-)Einigkeit im deutschen Föhjetong war selten: Sebastian Schippers Berlinale-Beitrag Victoria versetzte die Kolleginnen und Kollegen in einen nahezu kollektiven Freudentaumel. Was war geschehen? Schipper ließ, das haben alle bemerkt (es war ja auch kaum zu übersehen), den 140 Minuten langen Film von dem 33-jährigen norwegischen Kameramann Sturla Brandth Grøvlen in einem durch, ungeschnitten also, drehen – der Berlinale-Jury war das zu Recht einen Silbernen Bären wert, und deren Vorsitzender Darren Aronofsky zeigte sich schwer beeindruckt: „Dieser Film hat sich in meinem Kopf festgesetzt.“ Auch die Schauspieler (es sind fast nur Männer, mit Ausnahme der jungen Spanierin Laia Costa, die als Victoria eine geradezu monströs große Rolle scheinbar mühelos stemmt) spielten durch. Mit den heutigen technischen Gegebenheiten ist das möglich, wovon etwa Alfred Hitchcock bei Rope (1948) noch geträumt hatte: Damals allerdings musste nach spätestens zehn Minuten neuer Film eingelegt werden, also musste sich Hitchcock mit allerlei Tricks in der Montage behelfen.

Egal, Victoria ist eine Tour de force, das steht außer Zweifel, und selbst dem größten Skeptiker muss das Herz aufgehen während dieses Films, der ein bisschen da weitermacht, wo Tom Tykwers Lola rennt (1998) aufgehört hatte. Schipper, gelernter Schauspieler und langjähriger darstellerischer Mitstreiter Tykwers, treibt das „Rennen“ durch Berlin auf ein neues Level – auch wenn seine Protagonisten nur teilweise rennen. Sie fahren Auto, sie gehen, manchmal stehen sie auch nur herum und reden banales Zeug, vor allem am Anfang, aber ungefähr ab der Hälfte hebt Victoria so richtig ab und wird zu einem filmischen Adrenalinstoß, wie man ihn lange nicht erlebt hat. Die Geschichte ist so einfach, wie nur das Kino einfach sein kann: Eine junge Spanierin lernt nach einer Party in Berlin vier junge Männer kennen, die abwechselnd albern, freundlich, lustig oder bedrohlich wirken – je nach individueller Erfahrung mit solchen Typen. Alle fünf sind nicht mehr nüchtern. Gemeinsam ziehen sie durch die restliche Nacht, wobei sich Victoria vor allem mit „Sonne“ (Frederick Lau) anfreundet. Doch aus Spaß wird Ernst, als sich herausstellt, dass einer der Jungs einem eher ungemütlichen Typen, den er aus dem Gefängnis kennt, einen Gefallen schuldet. Leider besteht dieser auf der Abtragung der Schuld – und zwar hier und jetzt, im Berliner Morgengrauen. Einer der vier Burschen fällt gesundheitsbedingt aus, und Victoria erklärt sich bereit, als Fahrerin des Fluchtautos bei dem Banküberfall, den die vier Männer durchführen müssen, mitzuwirken.

Wahrscheinlichkeitsfanatiker und -innen hatten und haben es im Kino immer schwer, aber in diesem Fall ganz besonders: Dass eine junge, im heutigen Europa sozialisierte Frau sich von vier, milde gesagt, schwer einordenbaren Typen spät nachts anquatschen lässt und mit ihnen um die Häuser zieht – über diese erzählerische Klippe muss man als Zuschauer erst einmal hinwegkommen. Dass sie sich relativ rasch überreden lässt, sich an dem Überfall zu beteiligen, auch das muss man erst einmal verdauen. Letztlich tut es nichts zur Sache, denn großes Kino schert sich zum Glück nicht um solche Lappalien. Es beginnt ein Höllenritt durch Berlin, durch Kreuzberg und „Mitte“, wie diese Gegend nun einmal geografisch präzise genannt wird.

Victoria ist ein „Berlin-Film“, ein Film, der wesentlich von seiner exakten Verortung lebt, und das tut er mit Bravour. Dreimal, so heißt es (siehe nachfolgendes Interview), wurde das Ganze in jeweils einem Durchgang gedreht, zwischen 4.30 und 7 Uhr morgens, bis Schipper zufrieden war und Crew und Darsteller vermutlich am Ende ihrer Kräfte. Es hat sich gelohnt, und Sebastian Schipper wird nun, mit 47 Jahren, als neuer großer Hoffnungsträger des deutschen Kinos gehandelt – sieben Nominierungen für den deutschen Filmpreis, der am 19. Juni vergeben wird, sprechen Bände.

Das ist natürlich schön für ihn, aber ein wenig absurd, wenn man bedenkt, dass Schipper, als Schauspieler heute vor allem bekannt für seine Rolle als Kriminalhauptkommissar Jan Katz in den Hamburger Tatort-Krimis des NDR, schon vor 17 Jahren, damals noch für Tom Tykwers und Stefan Arndts X-Filme Creative Pool, ein beeindruckendes und sehr stimmiges Regiedebüt gedreht hatte, das leider viel zu wenig Beachtung fand: Absolute Giganten ist die Geschichte dreier Freunde in Hamburg, die genau noch eine Nacht haben, um sich voneinander zu verabschieden. Einer von ihnen, Floyd, will am nächsten Tag mit einem Containerschiff in die große weite Welt aufbrechen, nachdem seine Bewährungsstrafe endlich abgelaufen ist. Der Film wirkt in der Rückschau wie eine Art Vorstudie zu Victoria, mit einer ähnlichen Konstellation, ähnlicher Charakterisierung der Protagonisten und ähnlichem Setting. Auch in diesem Fall gelangen Schipper ganz wunderbare Vignetten der nächtlichen Großstadt, und mit Floyd (herzzerreißend gespielt vom früh verstorbenen, aber unvergessenen Frank Giering) eine wirklich „absolut gigantische“ Kinofigur: Freundschaft und Solidarität, das sind die Eckpfeiler seines Lebens, und das sagt er auch mehrmals im Film. Victoria, die toughe junge Spanierin, die nicht lange fackelt, hätte ihm bestimmt gefallen.

 



Sebastian Schipper im
Interview

Herr Schipper, was war zuerst da, die Idee zur Geschichte, oder das Konzept, den Film in einem Take zu drehen?
Sebastian Schipper: Ich kann das ehrlich gesagt gar nicht so genau trennen. Ich wollte zunächst einmal einen Film über einen Banküberfall machen – aber nicht einfach so. Das Ganze sollte von vornherein eher auf einem emotionalen Konzept basieren, im Sinne von „Wie schaffen wir es, den Eindruck zu vermitteln, dabei zu sein?“ Das Kino setzt meines Erachtens nach viel zu oft auf Superlative. Warum muss es denn immer gleich der größte, spektakulärste Raubüberfall der Geschichte sein? Klar will man damit ein ganz besonderes Erlebnis schaffen, aber im Grunde wird dem Zuschauer dadurch die Möglichkeit verwehrt, sich wirklich in das Geschehen hineinzuversetzen. Daraus ist dann quasi die Idee entstanden, den Film in einem Take zu drehen. Es geht darum, das Gefühl zu vermitteln, auf diesen Trip einzusteigen. Das heißt, dass das, was da passiert, gar nicht so sehr mit dem Verstand spielt oder ans Herz geht, sondern direkt aufs Nervensystem abzielt. Natürlich bringt das Konzept mit sich, dass der Film nicht perfekt ist. Da sind Fehler drin und Sachen, die ich wahrscheinlich eher rausgeschnitten oder nachgedreht hätte, wenn es möglich gewesen wäre. Andererseits kann man sich dem Film nur schwer entziehen, gerade weil alles drin ist, und weil er einem ganz eigenen Rhythmus folgt, mit all seinen Höhepunkten und seinen Längen. Als Zuschauer wird man dadurch gewissermaßen konditioniert darauf, dabei zu bleiben.

Ist die Geschichte frei erfunden oder waren Sie von einem konkreten Fall inspiriert?
Sebastian Schipper: Nein. Ich hatte technische Berater, also Leute, die auf Banküberfälle und Raub spezialisiert sind. Die haben mir dann gleich erstmal sämtliche Illusionen genommen, weil heutzutage angeblich keiner mehr Banken ausraubt. Und ich dachte nur: „So ein Scheiß, kann man denn gar nichts mehr gegen die Banken machen? Sind das jetzt tatsächlich die großen, dunklen Mächte, die die Welt beherrschen?“ Aber ich musste mir dann sagen lassen, dass das heute einfach keinen Sinn mehr hat. Ein paar Typen stürmen aufs Geratewohl eine Bankfiliale und erbeuten, was weiß ich, 10, 20 oder 30.000 Euro – und dann? Damit kommt man heute nicht mehr weit. Deshalb braucht man zumindest einen Insider-Tipp, dass ein Kunde an dem und dem Tag eine beträchtliche Summe Geld abholt. Und so haben wir es dann auch gemacht. Aber davon abgesehen ist die Geschichte frei erfunden, und das Grundgerüst stand für mich eigentlich von Anfang an fest: ein Banküberfall, ein Take, ein paar Jungs aus Berlin und eine junge Spanierin – fragen Sie mich nicht warum!

Und wenn ich Sie doch frage?
Sebastian Schipper: Die Spanien-Connection schien mir eher plausibel als zum Beispiel ein Mädchen aus Griechenland, wo alles gerade schon extrem auf der Kippe steht. Victoria ist eine, die immer brav war, die sich an die Regeln gehalten hat. Sie war immer fleißig, hat pausenlos Klavierspielen geübt, jahrelang, sieben Stunden am Tag, um am Ende gesagt zu bekommen, dass sie nicht gut genug ist. Was macht sie? In Spanien hält sie nichts, also kommt sie nach Berlin. Aber auch hier sieht die Welt für junge Leute längst nicht mehr so rosig aus, vor allem wenn man nicht aus einem privilegierten Elternhaus stammt. Nichtsdestotrotz zeigt der Film die Solidarität und Verbundenheit, die dennoch zwischen den Jugendlichen herrscht. Und tief in ihrem Inneren hat Victoria längst nicht abgeschlossen mit dem Gedanken, dass es ihre Schuld ist, dass sie nicht gut genug war, nicht genug Talent hatte. Das macht sie verletzlich, aber auch empfänglich für das, was dann im Laufe der Nacht passiert.

Das Drehbuch zu Victoria umfasst gerade mal zwölf Seiten. Hatten Sie Bedenken, mit so wenig an den Start zu gehen?
Sebastian Schipper: Bedenken gab es natürlich schon. Es gab sogar einen Moment, wo ich die Sache abblasen wollte, weil ich dachte, dass es in einem Take einfach nicht zu schaffen ist. Aber dann meinten alle anderen im Team, selbst die, die der Sache zunächst äußerst skeptisch gegenüberstanden: „Nein, auf keinen Fall, wir ziehen das Ding durch.“ Das war ein ganz entscheidender Moment für mich. Ich wollte von Anfang an, dass alles hundertprozentig im Team passiert. Natürlich geht man als Regisseur mit so einer Herangehensweise ein gewisses Risiko ein, weil man Verantwortung und Kontrolle abgibt. Aber gleichzeitig stärkt das die Pyramide von unten, weil jeder Einzelne im Team an Verantwortung gewinnt.Jeder, selbst der kleinste Runner am Set, wusste: „Ich darf das hier nicht vermasseln! Wenn irgendwas schiefläuft, wenn der Fahrstuhl jetzt nicht unten ist, wenn sie kommen, dann ist die Sache im Eimer.“ Das heißt, im Grunde hatte jeder Verantwortung für alles. Darüber hinaus hat mich gereizt, dass der kreative Prozess, also wie sich die Geschichte entwickelt und ihren Rhythmus findet, was normalerweise während des Drehbuchschreibens passiert, dass man das in den gesamten Drehprozess integriert. Verrückt war das schon, aber auch unheimlich spannend und lebendig. Das sieht man auch an den Schauspielern. Da versucht keiner, sich innerhalb der improvisierten Dialoge hervorzuspielen, um den anderen vielleicht die Show zu stehlen oder so. Auch der Kameramann folgt ganz gezielt der Geschichte, so gut es eben geht – und das ist das Wunderbare an dem Film.

Mit der Verantwortung geben Sie Ihren Darstellern gleichzeitig einen bemerkenswerten Freiraum für Improvisation. Wie kann man sich die Vorbereitungen vorstellen? Wurde viel geprobt?
Sebastian Schipper: Wir waren in der Figurenzeichnung schon sehr genau. Und was mir auch unheimlich wichtig war, ist die Art und Weise, wie Menschen miteinander reden. Wie sich das anfühlt, wenn man mit dem besten Freund spricht, wie man in Stresssituationen reagiert, oder wie es ist, wenn zwei miteinander flirten, und so weiter. Zwar waren die Dialoge beim Dreh improvisiert, aber wir haben uns im Vorfeld schon intensiv Gedanken über die Hintergründe und die Innerlichkeit der Figuren gemacht. Es gibt insgesamt drei komplette Takes, die wir jeweils mit einem gewissen Abstand zueinander aufgenommen haben, so dass wir in der Zwischenzeit den Film ansehen und die Figuren daraufhin gewissermaßen formen konnten.

Wurde es nach dem ersten Take schwieriger, weil Sie dann eine gewisse Vorstellung von dem hatten, wie es läuft und was Sie genau haben wollen?
Sebastian Schipper: Nein, das Gott sei Dank nicht. So sehr das alles improvisiert war, wir hatten trotzdem von Anfang an eine ganz klare Struktur, der wir gefolgt sind. Das ist wie mit einer Band, die ein improvisiertes Stück spielt. Da steckt trotzdem ein System dahinter, und jeder muss wissen: „Das ist mein Solo, das ist der Rhythmus, das ist der Ton.“ Und das Wichtigste überhaupt ist, sein Instrument zu kennen. In der Hinsicht waren wir sehr präzise.

Wie unterscheiden sich die drei Takes voneinander?
Sebastian Schipper: In der Qualität, eindeutig. Beim ersten Mal waren alle super konzentriert und auf die technischen Details fokussiert, weil keiner auf gar keinen Fall einen Fehler machen wollte. Aber das hat sich natürlich auf die Atmosphäre im Film übertragen, da fehlte die Chemie. Danach meinte ich: „Okay, lasst uns versuchen, das Ganze ein bisschen mehr zum Leben zu bringen. Seid mehr chaotisch. Fehler sind nicht schlimm.“ Aber beim zweiten Take lief dann natürlich alles querbeet. Ich kam mir vor wie ein Fußballtrainer, dessen Mannschaft null zu vier im Rückstand steht und der seine Jungs in der Halbzeit zusammenpfeift und sie daran erinnert, was auf dem Spiel steht, dass es jetzt wirklich nur noch eine allerletzte Chance gibt. Ich fühlte mich schrecklich dabei, es war alles sehr emotional. Also sagte ich: „Passt auf, wir müssen das Spiel nicht gewinnen, aber wir müssen anfangen, wie eine gute Mannschaft zu spielen. Jetzt wird es Zeit zu zeigen, woraus wir gemacht sind!“ Und dann haben wir es tatsächlich geschafft. Wahnsinn. Aber ganz ehrlich, nur der dritte ist wirklich ein Film, die ersten beiden Takes würde ich eher als Projekte bezeichnen.

Sie haben mehrmals den Rhythmus des Films angesprochen, der sich in erster Linie an der erstaunlichen Dynamik zwischen den Darstellern orientiert. Auch das ist nicht immer selbstverständlich.
Sebastian Schipper: Ja, das Casting war das A und O. Mit so viel Improvisation am Set musste das Zusammenspiel von vornherein stimmen. Burak und Frederick Lau sind auch im normalen Leben befreundet, das hat zum Beispiel geholfen. Obwohl ich erst total skeptisch war, weil Freddy mir ein Foto zeigte, und ich befürchtete, dass Burak zu sehr ein Macho-Typ sei, und so einen wollte ich auf keinen Fall haben. Aber dann haben wir uns getroffen, und es war schnell klar, dass er das komplette Gegenteil ist: auf seine Art unheimlich charmant und der mit dem größten Herzen von allen. Plötzlich ergab das alles Sinn, also dass er sozusagen das Herz der Truppe ist, und Boxer die Faust. Sonne wiederum kann gut mit Leuten umgehen, gut reden. Und Fuß ist der kleine „Sidekick“, derjenige, der immer irgendeine verrückte Idee im Kopf hat. Und wenn man erst einmal so ein Team beieinander hat, dann entsteht daraus schnell ein ganz natürlicher Prozess, wie die Figuren miteinander kommunizieren und agieren, so dass keiner dem anderen den Platz streitig zu machen versucht. Das ist ganz ähnlich wie bei den X-Men, die haben auch alle, jeder für sich, ihre Superkräfte, aber erst im Team sind sie unschlagbar.

Woher stammt denn eigentlich Ihre Begeisterung für Banküberfälle?
Sebastian Schipper: Ich glaube, dass das von dem sentimentalen Gefühl herrührt, dass wir immer öfter, immer tiefer in die Falle tappen, unser Leben als eine Aufeinanderfolge von Zwischenstationen zu akzeptieren, die es abzuarbeiten gilt. Mit jedem Schritt darf man ein Stück weiter, bekommt man ein bisschen mehr Geld, ein bisschen mehr Respekt, bis man irgendwann ausgedient hat. Und bei einem Banküberfall sagst du im Grunde: „Okay, gib mir alles. Gib mir mein Leben. Ich will kein guter Mensch mehr sein. Ich will nicht mehr warten, bis ich an der Reihe bin. Ich will alles. Jetzt! Sofort!“ So ist Victoria, die Klavierspielerin, im Film, die ihre gesamte Kindheit damit verbracht hat, besser zu sein als alle anderen – und die am Ende trotzdem verliert. Und zwar, weil wir in einer Welt leben, in der es nicht mehr in erster Linie darum geht, gut zu sein, sondern in der man gewieft und hinterhältig sein muss, wenn man es zu etwas bringen will. Und die Philosophie der Banken funktioniert genau nach diesem Prinzip. Oder um es mit Brecht zu sagen: „Der Bankraub ist eine Initiative von Dilettanten. Wahre Profis gründen eine Bank.“