Anlässlich des Starts von „28 Years Later“: Ein Blick auf das bisherige filmische Schaffen von Danny Boyle.
Vermutlich werden nur ausgewiesene Kenner des Hollywoodkinos profunde Kenntnisse über Ralph Nelson vorweisen können. Das ist angesichts seiner Filmografie zwar nachvollziehbar, aber wie so vieles im Leben auch ein wenig ungerecht. Denn der 1916 geborene Nelson war ein versierter Regisseur, der höchst unterschiedliche Genres zu meistern verstand. Starbesetzte Komödien wie Father Goose (Der große Wolf ruft, 1964) mit Cary Grant und Leslie Caron zählten ebenso dazu wie melodramatische Science-Fiction in Charly (1968). Und gleich sein zweiter Spielfilm, Lilies of the Field (1963), der sich mit dem Rassismus in der US-amerikanischen Gesellschaft auseinandersetzt, wurde mit einem Oscar ausgezeichnet. Kurzum, Ralph Nelson war als Regisseur ein wirklich feiner, tadelloser Handwerker, der eine veritable Karriere aufweisen konnte. Dass seine Regiearbeiten keine ausgeprägte eigene Handschrift, die einen Film-Auteur ausmacht, aufweisen konnten, hätte seine Lebensleistung nicht geschmälert – das Kino in seiner Gesamtheit wird in nicht unwesentlichem Ausmaß von solchen soliden Arbeiten geprägt.
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Doch dann gelang Ralph Nelson ein singulärer Geniestreich, der ihm einen hervorgehobenen Platz in der Filmgeschichte sichern sollte. Mit Soldier Blue (Das Wiegenlied vom Totschlag, 1970) setzte er einen jener revisionistischen (Spät)-Western, die der Mythologisierung der amerikanischen Geschichte energisch entgegentreten, in Szene. Nelson tat das mit einer Radikalität, die man in dieser Form bis zu diesem Zeitpunkt im US-amerikanischen Kino nur selten vorgefunden hat. Er greift dabei eine historische Begebenheit, das Sand-Creek-Massaker von 1864, auf, um den schändlichen Umgang mit den Native Americans durch „God’s Own Country“ zu thematisieren. Im Schlussakt von Soldier Blue wird der Angriff einer Armee-Einheit auf ein Dorf der Cheyenne zu einem blutigen Gemetzel, bei dem Köpfe abgeschlagen, Frauen sowie Kinder massakriert und missbraucht werden. Eine intendierte Schockwirkung, mit der Ralph Nelson Soldier Blue über die historische Dimension hinaus auch eine höchst aktuelle Note zu verleihen wusste. Das Abschlachten von Zivilisten durch eine enthemmte Soldateska rief Assoziationen mit dem umstrittenen militärischen Engagement in Vietnam – insbesonders mit dem berüchtigten Massaker von My Lai – hervor. Man mag darüber spekulieren, was Ralph Nelson bewogen haben mag, seine künstlerische Komfortzone mit Soldier Blue zu verlassen. Zweifelsfrei war es ein mutiger Schritt, der ihm mit dem Höhepunkt seines filmischen Schaffens einen verdienten Lohn eingetragen hat.
Grundsolides Handwerk
Und inwieweit lässt sich nach diesem kleinen filmhistorischen Exkurs der Bogen zu Danny Boyle spannen? Das erscheint auf den ersten Blick keine offensichtliche Sache zu sein, allein, weil Danny Boyle sich bereits in einer frühen Phase seiner Karriere mit Trainspotting (1996) einen Namen machen konnte und seither Popularität genießt, die über Fachkreise hinausreicht. Boyle kann dabei – und hier lässt sich eine Parallele zu Ralph Nelson finden – als Regisseur gelten, der seine Profession von Grund auf beherrscht. Der englische Begriff „craftsman“ charakterisiert Danny Boyles filmische Arbeit trefflicher als die deutsche Bezeichnung „Handwerker“ und lässt vor allem jedwede despektierliche Konnotation außen vor. Allein ein kurzer Blick auf Boyles Biografie zeigt, wie gründlich und umfassend er sein Handwerk erlernt hat. 1956 geboren, absolvierte er zunächst ein Englisch-Studium an der Universität von Bangor, wo er erste Erfahrungen mit der dortigen studentischen Theatergruppe sammeln konnte. Nach seinem Abschluss arbeitete Boyle zunächst weiterhin für das Theater – er inszenierte fünf Produktionen der Royal Shakespeare Company – sowie als Produzent und Regisseur für das Fernsehen. 1994 konnte Danny Boyle mit der schwarzhumorigen Komödie Shallow Grave (Kleine Morde unter Freunden) seinen ersten Spielfilm realisieren. Der bereits erwähnte Trainspotting ist in mancher Hinsicht exem-plarisch für Boyles Arbeitsweise. Im Mittelpunkt steht eine Gruppe von Freunden, die in Leith, einem Stadtteil von Edinburgh, ansässig sind und nach und nach allesamt der Heroinsucht verfallen. Die Problematik um Drogenabhängigkeit samt den damit verbundenen verheerenden Auswirkungen bereitet Boyle mittels grimmigen Humors und einem furiosen, rasanten Erzählduktus so auf, dass auch eine solche sehr ernste Thematik ein gewisses Maß an Massentauglichkeit erreicht. Nun wird man Boyles Regiekonzept bei Trainspotting nicht unterstellen können, das Thema völlig weichgespült zu haben, doch eine Radikalität, mit der etwa Darren Aronofsky die Sache in Requiem for a Dream angegangen ist, wird man nicht vorfinden.
Was Boyle jedoch bereits im Fall von Trainspotting, seiner zweiten Regiearbeit, vorweisen konnte, ist eine formale Stilsicherheit, die einen richtigen „craftsman“ eben ausmacht. Diese Versiertheit im Umgang mit dem Medium ist die Grundlage dafür, dass Danny Boyle zu jenen Regisseuren zählt, die höchst unterschiedliche Sujets und Genres mit einer gewissen Souveränität abzuhandeln verstehen. In Boyles Œuvre finden sich etwa Komödien mit fantastischen Elementen wie A Life Less Ordinary (Lebe lieber ungewöhnlich), ein zivilisationskritischer Thriller (The Beach), Science-Fiction (Sunshine), Sozialkritik mit melodramatischen Elementen (Slumdog Millionaire) oder ein Feelgood-Movie samt alternativer Realität (Yesterday). Das alles sind handwerklich perfekt umgesetzte Regiearbeiten, die ihre jeweiligen Erzählungen kongenial in Szene setzen. Dass Danny Boyle damit ein recht breites Publikum anzusprechen vermag, soll angesichts eines populärkulturellen Mediums, das Film nun einmal ist, per se kein Vorwurf sein. Da passt es ganz gut ins Bild, dass Boyle seinen größten Erfolg mit Slumdog Millionaire, einem prononcierten Publikumsliebling, feiern konnte. Die Geschichte um einen jungen Mann aus einem Armenviertel von Mumbai, der in der indischen Version der „Millionenshow“ entgegen aller Erwartungen reüssiert, spielte weltweit 380 Millionen Dollar. Neben etlichen Auszeichnungen errang der Film acht Oscars, darunter jenen für Danny Boyle in der Kategorie Beste Regie.
Eigenständiges Profil
Auch wenn man in seinen Regiearbeiten nicht unbedingt nach ausgeprägten Ecken und Kanten Ausschau halten sollte, zählt Boyle nicht zu jenen Filmemachern, die sich einem postulierten Publikumsgeschmack anbiedern oder beliebige Inszenierungen abliefern. Ab und an nimmt er Projekte in Angriff, die gängige Gestaltungsmuster aufzubrechen versuchen. In 127 Hours (2010) gerät ein Bergsteiger in eine höchst missliche Lage, als sich im Verlauf einer Tour seine Hand so zwischen den Felsen verklemmt, dass eine Befreiung nur möglich ist, indem er sich diese selbst amputiert. Boyle setzt die auf wahren Begebenheiten beruhende Geschichte als reduziertes Ein-Personen-Drama in Szene, das die archaische Komponente des Überlebenskampfs hervorhebt. Mit dem Biopic Steve Jobs (2015) nähert sich Boyle mittels einer strikten Drei-Akt-Strategie der ambivalenten Persönlichkeitsstruktur des titelgebenden Apple-Gründers an.
Bereits 2002 unternahm Danny Boyle einen Abstecher in das Horrorgenre, der eine seiner bemerkenswertesten Arbeiten hervorbrachte. Das Szenario von 28 Days Later lässt sich rasch skizzieren: Als eine Gruppe von Tierschutzaktivisten in ein Labor einbricht, um dort zu Versuchszwecken eingeschlossene Affen zu befreien, wird versehentlich ein sehr ansteckendes Virus freigesetzt, dass alle damit Infizierten in hochaggressive Wesen verwandelt. Mit den Folgen konfrontiert wird ein junger Mann namens Jim (Cillian Murphy), ein Fahrradkurier, der nach einem Unfall im Koma liegt. Als er nach 28 Tagen wieder das Bewusstsein erlangt, muss er zu seiner Verwunderung feststellen, dass das Krankenhaus völlig verlassen ist. Auch als er das Spital verlässt, findet er auf den Straßen Londons das gleiche unheimliche Szenario vor. Erst als Jim von zwei Überlebenden gerade noch vor der Attacke einiger infizierter Gestalten gerettet wird, erfährt er, welche Katastrophe über das Land hereingebrochen ist und welche Ausmaße diese angenommen hat. Mittlerweile ist beinahe das ganze Vereinigte Königreich von verseuchten Wesen überrannt, denn jede auch noch so kleine Verletzung, die Menschen von diesen Kreaturen zugefügt wird, lässt diese ebenfalls zu solchen infizierten Gestalten mutieren. Jeder Tag im entvölkerten London wird nun zu einem Kampf ums Überleben.
28 Days Later ist ein höchst gelungener Endzeitthriller, der nicht nur Spannung zu generieren versteht, sondern auch den Zerfall der Zivilisation deutlich macht. Das gelingt zunächst durch Bilder und ein Production Design mit Liebe zum Detail, die dem (fast) menschenleeren England ein ebenso beklemmendes wie authentisch anmutendes Aussehen verleihen. Die wirklich verstörende Dimension von 28 Days Later liegt jedoch im Zusammenbruch der zivilisatorischen Ordnung und dem Abhandenkommen jeglicher Humanität – was fast noch schneller geschieht als der äußerlich sichtbare Verfall der modernen Welt. Zum Gelingen beigetragen hat sicherlich, dass Danny Boyle sich mit höchst kreativem Personal zusammengetan hatte. Das Drehbuch verfasste Alex Garland, der bereits für die Romanvorlage für Boyles The Beach verantwortlich zeichnete (und auch als Ko-Drehbuchautor fungierte). Garland schrieb in weiterer Folge das Skript zu Sunshine und hat sich mittlerweile selbst als Regisseur von Filmen wie Ex Machina, Civil War oder Warfare einen Namen gemacht. Als Kameramann verpflichtete Boyle Anthony Dod Mantle, der vor allem in der Arthouse-Abteilung tätig war. Dod Mantle fotografierte etwa Filme der Dogma-Vertreter Thomas Vinterberg (Zwei Helden, Das Fest) und Lars von Trier (Dogville, Manderlay und Antichrist), für einen Genrefilm also eine durchaus ungewöhnliche Wahl. Doch gerade mit dem Einsatz einer kleineren, beweglicheren Digitalkamera gelang es Dod Mantle, jene erwähnten authentischen, semi-dokumentarisch wirkenden Bilder zu generieren, die 28 Days Later seine bedrückende Atmosphäre verleihen.
28 Days Later war aber nicht nur ein gelungener Genrebeitrag, man kann dem Film auch eine Art Vorreiter-Rolle in Sachen Zombie-Revival nicht absprechen (auch wenn Puristen argumentieren werden, dass die Spezies in 28 Days Later streng genommen gar keine Zombies sind, doch über diese kleine Unschärfe kann man wohl hinwegsehen). Nachdem das Subgenre um die Lebenden Toten Ende der siebziger Jahre mit George A. Romeros legendärem Dawn of the Dead (1978) einen ersten Höhepunkt erlebte, erreichte es vor allem durch die Fernsehserie The Walking Dead ungeahnte Popularität. Elf Staffeln lang, von 2010 bis 2022, ließ die dabei stattfindende Zombie-Apokalypse das Publikum erschauern. Obwohl The Walking Dead in Sachen expliziter Gewalt Romeros stilbildenden Zombie-Filmen um nichts nachsteht, resultieren die schockierendsten Momente – ähnlich wie in 28 Days Later – aus dem Zerbrechen der zivilisatorischen Decke. Zufall oder nicht, The Walking Dead beginnt wie 28 Days Later. Bekanntermaßen erwacht der von Andrew Lincoln gespielte Sheriff Rick Grimes, zentrale Figur der Serie, im Krankenhaus aus dem Koma, um festzustellen, dass er sich im heimatlichen Georgia inmitten eines postapokalyptischen Szenarios befindet, dass durch eine Zombie-Invasion verursacht wurde.
Nachdem Danny Boyle bei 28 Weeks Later (2007) – bei dem Sequel führte Juan Carlos Fresnadillo Regie, zudem wurde die Geschichte mit anderen Charakteren fortgeschrieben – nicht mehr mit dabei war, hat für Teil drei nun das Kernteam von 28 Days Later erneut zusammengefunden. Nachdem Rechteprobleme offenbar weiteren Fortführungen des Stoffs lange Zeit im Weg standen, konnte nun mit 28 Years Later ein neues Kapitel realisiert werden. Danny Boyle übernimmt nicht nur die Regie, er verfasste zusammen mit Alex Garland auch das Drehbuch. Als Kameramann fungiert erneut Anthony Dod Mantle. Wie weit der Zusammenbruch gesellschaftlicher Normen 28 Jahre nach Ausbruch des berüchtigten Virus fortgeschritten ist, darüber lässt sich bis zum Filmstart freilich nur spekulieren.
