Die Vorkosterinnen / Le assaggiatrici

Filmstart

Die Vorkosterinnen

| Jörg Schiffauer |
Das Dritte Reich zwischen Brutalität und Groteske

Im Herbst 1943 lässt Rosa Sauer ihre Heimatstadt Berlin, die immer häufiger Ziel von Bombenangriffen ist, hinter sich und zieht zu ihren Schwiegereltern nach Ostpreußen. In der Abgeschiedenheit des kleinen Dorfes scheint der Krieg einigermaßen entfernt, auch wenn Rosa sich zusehends um ihren Mann sorgt, der sich im Fronteinsatz befindet und zu dem sie seit Monaten keinen Kontakt hat. Mit dem ruhigen Leben ist es allerdings endgültig vorbei, als eines Morgens eine Abteilung der SS vor der Tür steht und Rosa ohne weitere Erklärungen auffordert, mitzukommen. Den Grund soll Rosa bald erfahren: Weil ihr Wohnort nur wenige Kilometer entfernt von der Wolfsschanze, einem von Hitlers Hauptquartieren, gelegen ist, wird sie zwangsrekrutiert, um als Vorkosterin zu fungieren. Sie und sechs andere junge Frauen aus der Umgebung müssen nun testen, ob die für den „Führer“ zubereiteten Speisen nicht vergiftet sind. 

Neben all den Verbrechen und Grausamkeiten, die das nationalsozialistische Regime zu verantworten hat, wirkt diese vermutlich wenig bekannte Episode etwas bizarr und so, als würde man sich mit den letzten Tagen des Caligula befassen und nicht mit einer Gewaltherrschaft inmitten des 20. Jahrhunderts. Allein, der Plot von Die Vorkosterinnen beruht auf wahren Begebenheiten, insbesonders auf den Erinnerungen von Margot Woelk, die Rosella Posterino zu einem 2018 erschienen Roman verarbeitet hat. Silvio Soldini, der sich mit Filmen wie Brot und Tulpen und Tage oder Wolken als Regisseur von gepflegter Betulichkeit – wenn auch durchaus erfolgreich – gezeigt hat, findet jedoch keinen richtigen Zugang zu dem historischen Stoff. Obwohl die Tätigkeit des Vorkostens wie erwähnt etwas grotesk anmutet, bleibt damit eine latente Bedrohung verbunden. Zwar scheint die Chance, dass ungeachtet aller Sicherheitsvorkehrungen tatsächlich jemand Gift ins Essen mischen kann, eher gering zu sein, doch bei den zu diesem Dienst gezwungenen Frauen schleicht sich während jeder Mahlzeit zumindest das ungute Gefühl ein, dass man eine Art von Versuchskaninchen ist – samt einem Restrisiko. Die Routine des Testessens entwickelt sich zu einem ziemlich grausamen Ritual, dass zur Belastung für das Nervenkostüm der Protagonistinnen wird. Diese psychische Komponente, die auch zum Sinnbild für die brutale Willkür des Regimes wird, vermag Soldinis Inszenierung aber nicht intensiv genug herauszuarbeiten. Dass auch in Sachen Charakterentwicklung eher der grobe Holzschnitt dominiert als die nuancierte Zeichnung, verdichtet nur den Eindruck, dass man sich hier einer vertanen Chance in Sachen Zeitgeschichte gegenüber sieht.