Tage und Wolken

| Walter Gasperi |

Präzises und bewegend gespieltes Drama über die psychischen Belastungen durch Arbeitslosigkeit.

Wie die Briten Ken Loach und Mike Leigh schildert Silvio Soldini die Folgen des sozialen Abstiegs, blickt dabei aber nicht auf die Arbeiterschicht, sondern auf das gehobene Bürgertum, in Giorni e Nuvole auf den Teilhaber einer genuesischen Schifffahrtsfirma und seine Frau. Zunächst geht es hier nicht um die blanke Existenz, sondern um die Einschränkung des bisherigen Lebensstils. Da muss die geplante Kambodscha-Reise gestrichen, die Yacht verkauft und auf kostspielige Besuche von Luxus-Restaurants verzichtet werden. Sukzessive verläuft dieser materielle Abstieg, bei dem bald auch der Verkauf der geräumigen Stadtwohnung und der Umzug in eine Hochhaussiedlung am Stadtrand folgt, deren Beengtheit Soldini mit Nahaufnahmen und der Dominanz von Wänden fast physisch spürbar macht. Aber schlimmer noch ist die psychische Belastung durch das Gefühl der Überflüssigkeit und die Zermürbung durch das Schamgefühl gegenüber der bald eine Stelle in einem Callcenter annehmenden Gattin und der erwachsenen Tochter. Zutiefst demütigend ist es für Michele, wenn er als Paketkurier mit seiner Vespa neben seiner im Auto sitzenden Tochter an einer roten Ampel stoppt und sie so von der Situation des Vaters erfährt.Es ist neben den exzellenten Darstellern vor allem dem präzisen Blick auf alltägliche Situationen und der sorgfältigen Einbettung ins Ambiente Genuas zu verdanken, dass Giorni e Nuvole so überzeugt und bewegt. Hier wird nicht doziert und aufdringlich erklärt, sondern genau und einfühlsam eine Geschichte erzählt, die über das Individuelle hinaus exemplarischen Charakter gewinnt. Eindringlich zeigt Soldini, wie sich aus Arbeitslosigkeit Gereiztheit und Aggressionen entwickeln, erschütternd kehrt er Micheles Verzweiflung nach außen, wenn er mit wackliger Handkamera und nervösen Schnitten dem Protagonisten folgt, bis er in der Wohnung verzweifelt zusammenbricht oder sich weinend in der Dusche verkriecht. Von Selbstmord ist hier nie die Rede, aber man spürt, dass Michele nahe daran ist. Und auch wenn Soldini sehr feinfühlig zeigt, was menschlich hinter der kargen Schlagzeile „Arbeitslosigkeit“ steht, verzichtet er trotz allem Mitgefühl mit den Protagonisten auf einfache Schuldzuweisungen. Niederschmetternd wirkt Giorni e Nuvole trotz des Ernstes des Themas nicht, sondern bewahrt sich – und das gehört zu den Wundern dieses Films – eine gewisse Leichtigkeit bis zum offenen, weder alle Türen zuschlagenden noch mit billigen Lösungen Glück versprechenden Ende.