Ob subtile Spannung oder Schrecken heftiger Natur, Andreas Prochaska ist Garant für gehaltvolle Genre-Arbeiten. Der Regisseur im Gespräch über seinen neuen Kinofilm „Welcome Home Baby“.
Judith (Julia Franz Richter) versieht in Berlin ihren mitunter aufreibenden Dienst als Notärztin. Als sie die Nachricht erhält, das Haus ihres Vaters geerbt zu haben, ist die junge Medizinerin jedoch etwas überrascht. Denn das Verhältnis zu ihrer Familie gestaltete sich – vorsichtig formuliert – schon in ihrer Kindheit reichlich schwierig, der Kontakt ist längst abgerissen. Zusammen mit ihrem Mann Ryan reist sie in das kleine, etwas abgelegene österreichische Dorf, in dem sich besagtes Anwesen befindet. Dort angekommen, werden die beiden von Judiths Tante Paula (Gerti Drassl) empfangen.
Eigentlich möchte Judith den Verkauf des Elternhauses so schnell als möglich vorantreiben, doch aus einer Reihe von Gründen verzögert sich die Abwicklung immer wieder. Von Seiten der Dorfbewohner wird ziemlich direkt der Wunsch an Judith herangetragen, dass sie die Praxis ihres Vaters, dem vormaligen Arzt der kleinen Gemeinde, übernehmen möge. Ein Ansinnen, das Judith zunächst strikt zurückweist, sind doch mit dem Ort traumatische Erinnerungen an ihre Kindheit verbunden. Auch Judiths Schwangerschaft ändert daran nichts, doch es mehren sich mysteriöse Ereignisse, die dazu beitragen, dass es Judith nicht gelingen will, sich von dem Platz samt den schrecklichen Erinnerungen zu lösen …
Entlang dieses Plots changiert Welcome Home Baby geschickt zwischen psychologischem Thriller, übersinnlichen Schreckensszenarien und Horror der heftigeren Art. Regisseur Andreas Prochaska generiert dabei eine alptraumhafte Sogwirkung, aus der es kein Entrinnen zu geben scheint.
Andreas Prochaska: In Sachen Genre ist Prochaska mit seinen stilsicheren, versierten Arbeiten – sowohl für das Kino als auch Fernsehen – die führende Kraft im österreichischen Film. Bereits 2006 inszenierte er mit In 3 Tagen bist du tot eine heimische Variante des seit John Carpenters Halloween höchst populären Slasherfilms. Höchst erfolgreich war Andreas Prochaska mit so unterschiedlichen Genres wie einem Western (Das finstere Tal) und einer Komödie (Die unabsichtliche Entführung der Frau Elfriede Ott). Für das Fernsehen inszenierte er u. a. die Thriller-Reihe Spuren des Bösen um den Psychiater und Vernehmungsexperten Richard Brock, eine auf wahren Begebenheiten basierende Geschichte über eine herausragende medizinische Leistung, Das Wunder von Kärnten oder mit Das Attentat – Sarajevo 1914 eine einschneidende zeitgeschichtliche Episode. Auch auf internationaler Ebene ist der Name Andreas Prochaska mittlerweile eine feste Größe, reüssierte er doch In jüngerer Vergangenheit mit Großproduktionen wie den Fernsehserie Das Boot oder Alex Rider.
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Könnten Sie etwas über die Entstehungsgeschichte von „Welcome Home Baby“ erzählen?
Es ist ja schon eine Zeit her, dass ich etwas für das Kino gemacht habe. Ich habe lange nach einem Stoff gesucht, und da gab es die Geschichte eines Schulfreundes von mir, der ein Haus geerbt hatte und seinen Vater nicht kannte, die über mehrere Jahrzehnte in meinem Hinterkopf geblieben ist. Ich habe immer gedacht, dass darin ein Filmstoff steckt. Dann kam Corona. Während eines Lockdowns habe ich mir vorgenommen, ein Drehbuch zu schreiben, damit ist der erste Stein ins Rollen gekommen. Ich habe dann Constantin Lieb und Daniela Baumgärtl (Ko-Drehbuchautoren von „Welcome Home Baby“; Anm.) bei einem anderen Projekt getroffen. Sie haben diese Grundideen auf einen anderen Level gebracht. Meine ursprüngliche Intention war, dass ich mich auf vertrautes Terrain begebe und mit einem kleinen dreckigen Horrorfilm, wieder zurück ins Kino zurückkehre. Das ist dann ein wenig entglitten, Welcome Home Baby ist viel, aber sicher kein klassischer Horrorfilm geworden. Es war auf jeden Fall ein extrem spannender Prozess, weil lange nicht ganz klar war, was der Film jetzt wirklich sein will. Ich habe das in der Form auch noch nie erlebt, dass Material so ein Eigenleben entwickelt.
War es schwierig, für ein derartiges Projekt Förderung zu bekommen?
Es war eigentlich ein ziemlicher Homerun – wir haben Drehbuch-, Projekt,- und Herstellungsförderung bekommen. Ich muss aber dazu sagen, dass da sicher auch ein großes Vertrauen in die Produzenten und mich vorhanden war, und man in Österreich sicher mehr Mut hat Projekte zu unterstützen, die sich nicht eindeutig in eine Schachtel stopfen lassen.
In manchen Sequenzen kann man den Eindruck gewinnen, dass „Welcome Home Baby“ auch eine Hommage an Roman Polanskis „Rosemary’s Baby“ ist.
Eigentlich habe ich an Rosemary’s Baby am wenigsten gedacht. Wo Genre und Schwangerschaft zusammentreffen, poppt natürlich Rosemary’s Baby auf. In New York, wo Welcome Home Baby im Lincoln Center gelaufen ist, war auch die erste Frage, ob ich die Hauptdarstellerin besetzt habe, weil sie Mia Farrow ähnlich schaut. Meine Antwort war „Nein, ich habe sie besetzt, weil Julia Franz Richter die beste für die Rolle war.“ Aber es gab natürlich Einflüsse von vielen Filmen und ganz tief im Unterbewusstsein war sicher irgendwo Rosemary’s Baby.
Die penetrant fürsorglichen Frauen um die von Gerti Drassl gespielte Figur aus dem Dorf erinnern auch ein wenig an Polanskis Klassiker.
Ich habe da lustigerweise eher an Mafia-Filme gedacht. In jedem dieser Filme agieren die fürsorglichen Frauen im Hintergrund, bekochen und bemuttern die Gangster. Um das patriarchale System zu stützen, braucht man auch weibliche Unterstützung, sonst funktioniert das nicht. Und die Frauen agieren nach dem Prinzip „Killing with kindness“.
Sie haben bereits 2006 mit „In 3 Tagen bist du tot“ einen Horrorfilm gedreht, als dieses Genre im österreichischen Film praktisch nicht existent war. Gibt es eine besondere Affinität für das Horrorgenre?
Gleich nach meinem ersten Kinofilm Die drei Posträuber – das war ja ein Kinderfilm – wollte ich als nächstes einen Horrorfilm machen. Mit Die drei Posträuber habe ich versucht, eine Lücke zu füllen, denn im österreichischen Kino gab es aus meiner Sicht kaum wirklich unterhaltsame Kinderfilme. Und genauso habe ich das Gefühl gehabt, das Horrorfilm-Genre liegt de facto brach. Wir haben so unglaublich tolle Landschaften, tolle Motive. Und Österreich hat durchaus in jeder Hinsicht seine dunklen Seiten, warum erzählt man nicht einmal etwas in der Richtung? Das hat dann zu In 3 Tagen bist du tot geführt.
Vielleicht war es auch eine Art Selbsttherapie, obwohl ich mich als Kind immer vor diesen Filmen gefürchtet habe, hatten sie immer auch eine dunkle Anziehungskraft. Und jetzt, mit der erwähnten Rückkehr ins Kino, hat es mich gereizt, innerhalb des Genres einmal einen ganz anderen Weg zu gehen.
Was Ihre Arbeitsweise am Beispiel von „Welcome Home Baby“ angeht: Haben Sie beim Verfassen des Drehbuchs bereits die Besetzung im Kopf oder ist das eher ein fortschreitender Prozess?
Es war ein Prozess. Während des Schreibens hatte ich natürlich eine Vorstellung von Judiths Charakter, aber was die Besetzung betrifft, noch keine konkreten Vorstellungen. Ich habe dann im ganzen deutschsprachigen Raum gecastet, bis ich auf die Naheliegendste gekommen bin, die ich am Anfang gar nicht so am Radar hatte.
Ich habe mich dann mit Julia getroffen und über den Stoff gesprochen bevor wir in den Castingprozess eingestiegen sind. Als Mann, der eine Geschichte über eine Frau in einer Extremsituation erzählt, war mir wichtig, dass die Frau, die Judith verkörpert, mit allen Nuancen der Geschichte einverstanden ist.
Die Rolle ist eine Tour de Force, und ich habe jemanden gebraucht der den Film stemmen kann. Julia ist ja in fast jeder Szene und sie hatte die richtige Energie, Persönlichkeit und Charisma, die diese Figur braucht.
Wie gestalten Sie die Vorbereitung mit den Schauspielerinnen und Schauspielern? Proben sie sehr intensiv oder besprechen sie eher die Rollen?
Also ich bin, was Proben betrifft, ein gebranntes Kind. Ich habe einmal bei einer Produktion in einer Probe etwas gesehen, das ich im Film dann nicht mehr herstellen konnte. Deswegen ist meine Methode eher, mich mit den Schauspielern zusammenzusetzen, durch das Drehbuch zu gehen, über die Situationen zu reden – zu definieren, worum geht es in den Szenen geht, was die emotionalen Bögen sind.
Und dann lasse ich oft schon bei der ersten Probe die Kamera laufen. Diesmal haben wir extra Szenen für das Casting geschrieben, weil es mir auch schon oft passiert ist, dass du die Szene im Casting 735 Mal gehört hast und wenn du sie dann drehst, ist es unglaublich anstrengend, diese ganzen schon gehörten Variationen, aus dem Kopf zu bekommen. Ich versuche einfach, alles so frisch wie möglich zu halten.
Manche Regisseure legen am Storyboard schon Szene für Szene und Einstellungen im Detail fest. Gehen Sie ähnlich vor oder lassen Sie mehr Freiraum für die Dreharbeiten?
Ich bin ein totaler Vorbereiter. Je besser man vorbereitet ist, desto freier kann man sich neuen Ideen öffnen. Für mich ist es extrem wichtig, im Voraus den visuellen Rhythmus des Films zu definieren. Zu wissen, wo muss der Film vom Tempo her anziehen, wo kann er wieder atmen. Das ist wie ein Seismograf oder eine Landkarte, die den Rhythmus der Erzählung definiert.
Bei jedem Film und speziell bei einem Film wie Welcome Home Baby muss man eine visuelle Grammatik finden. Und da sind Carmen Treichl (DoP von „Welcome Home Baby“; Anm.) und ich wochenlang zusammengesessen, haben uns die Motive immer wieder angeschaut, haben versucht, diesem Monster Herr zu werden und eine eigene Bildsprache zu definieren. Wir haben teilweise mit Storyboards gearbeitet und für jede Szene eine Shotlist mit visuellen Referenzen zusammengestellt so dass jeder im Team weiß, was unser Plan ist. Das war am Ende ein über 200-seitiges Papier …
Aber du kannst noch so gut vorbereitet sein, der Moment, in dem die Schauspielerinnen und Schauspieler vor der Kamera im Licht, im Kostüm am Set stehen, ist der Moment der Wahrheit. In dem Moment kommt alles zusammen, und da passiert dann hoffentlich etwas Magisches und du kommst zum Beispiel drauf, dass du statt der geplanten zehn Einstellungen doch nur eine brauchst, um die Szene zu erzählen.
Inwieweit spielt Ihre Erfahrung als Editor, zu der ja auch die Zusammenarbeit mit Michael Haneke zählt, bei Ihrer Arbeit als Regisseur mit?
Die Arbeit im Schneideraum und die Arbeit im Tonschnitt davor war existenziell für meine Arbeit als Regisseur. Ich hätte den Schritt in die Regie nicht gewagt oder nicht machen können, wenn ich zuvor nicht die Erfahrungen im Schneideraum gesammelt hätte. Es war natürlich ein großer Schritt, vom zweidimensionalen Raum in den dreidimensionalen Raum zu treten. Mir hat niemand beigebracht, wie man mit Schauspielern spricht, das habe ich selbst bei der Arbeit herausgefunden. Aber welche Einstellungen und welche Mittel ich brauche, um ein Drehbuch in Bilder umzusetzen, da war für mich die Zeit im Schneideraum quasi meine Filmakademie.
Die Arbeit mit Michael Haneke, obwohl er natürlich einen völlig anderen Ansatz hat Geschichten zu erzählen, war für mich schon prägend, vor allem was die Genauigkeit und die Arbeit mit Ton angeht. Dabei habe ich sehr viel gelernt.
Und mit Welcome Home Baby wollte ich etwas schaffen, dass mehr körperliche Erfahrung als klassische Erzählung ist. Und das spielt der Ton natürlich eine wesentliche Rolle. Eine Erfahrung die man nur im Kino, am besten mit Dolby Atmos hat. Etwas das man am Handy oder zu Hause vor dem Fernseher so nicht erleben kann.
Sie haben angesprochen, dass „Welcome Home Baby“ eine Rückkehr ins Kino ist, nachdem Sie längere Zeit hauptsächlich für das Fernsehen gearbeitet haben. Liegt das möglicherweise auch daran, dass es Genrearbeiten, beispielsweise psychologische Thriller wie etwa Ihre Reihe „Spuren des Bösen“ in der gegenwärtigen Kinolandschaft schwerer haben als das in den siebziger und achtziger Jahren der Fall war?
Nach Corona war ja die große Depression, wo man Angst hatte, dass das Kino sich nie wieder erholen wird. Ich bin mittlerweile überzeugt, dass es das Kino immer geben wird, es ist aber viel schwerer, Filme zu positionieren. Ich habe unlängst einen Podcast gehört, in dem Steven Soderbergh gemeint hat, dass sein letzter Film Black Bag – mit Michael Fassbender und Cate Blanchett hervorragend besetzt und ein super Film – im Kino nicht funktioniert hat.
Das deckt sich auch mit meiner Beobachtung: Du hast diese gigantischen Blockbuster und relativ billige Genrefilme, aber alles dazwischen, diesen klassischen Mittelbau, gibt es kaum mehr. Und um zu Spuren des Bösen zurückzukehren, es gibt so viele Krimis im Fernsehen. Um jemanden mit einem Krimistoff oder psychologischen Thriller im deutschsprachigen Raum ins Kino zu bringen – ich weiß nicht, was da alles passieren muss, dass das funktioniert. Aber auf meinem Lebensplan steht schon noch, einen Wien-Thriller für das Kino zu machen.
Grundsätzlich ist mein Eindruck, in Österreich ist es immer noch leichter, mit Genre im Kino zu reüssieren. In Deutschland habe ich das Gefühl, es geht nur Komödie, Literaturverfilmungen und Das Kanu des Manitu.
Sie realisieren mit Regelmäßigkeit eine ziemlich hohe Anzahl an Produktionen, andere Regisseure haben oft jahrelange Pausen zwischen ihren Filmen. Wie strukturieren Sie dabei ihre Arbeit?
Es gab ja viele Kolleginnen und Kollegen, die für das Kino gearbeitet haben und Fernsehen nicht einmal mit der Kneifzange angegriffen hätten. Das hat sich in den letzten zehn Jahren verändert. Ich habe eine große Familie, meine Kinder sind mittlerweile erwachsen, aber für mich war Arbeiten immer eine Notwendigkeit. Ich hätte es mir finanziell nicht leisten können, alle paar Jahre einen Kinofilm zu drehen und habe mich relativ früh in die „Untiefen“ des Fernsehens begeben, aber immer versucht, aus jeder Produktion, egal ob es jetzt SOKO Kitzbühel, Kommissar Rex oder eine Sat.1-Serie war, etwas für mich herauszuziehen, das ich für meine nächsten Kinoproduktionen verwenden kann. Sei es, dass ich kameratechnisch etwas ausprobiert habe oder Schauspielerinnen und Schauspieler kennen gelernt habe. Es gab keine Produktion, aus der ich nicht irgendetwas mitgenommen hätte, das mir bei anderen Projekten geholfen hat. Das Fernsehen ist eine Industrie. Das Kino ist – zumindest für mich – eine Leidenschaft.
Das heißt aber nicht, dass ich bei einer Fernsehproduktion mit angezogener Handbremse oder halber Energie arbeite, ich versuche immer in dem Zeitfenster, das mir zur Verfügung steht, das beste herauszuholen. Wenn man kontinuierlich Qualität liefert, dann ist die Nachfrage entsprechend. Ich kann mich nicht über einen Mangel an Aufträgen beschweren. Ich arbeite lieber, als dass ich nicht arbeite, und ich liebe einfach, was ich tue.
Bei ihren Filmen lässt sich eine große Bandbreite feststellen, was die einzelnen Sujets angeht. Der Bogen spannt sich da von True Events wie „Das Wunder von Kärnten“ bis zu einem Western wie „Das finstere Tal“. Was muss ein Stoff haben, um Ihr Interesse zu wecken?
Das hängt natürlich immer an der Geschichte und den Figuren. Ich muss irgendetwas finden, wo ich einen Haken hineinhauen kann, etwas, das bei mir einen kreativen Prozess auslöst. Ich habe gerade einen Landkrimi mit Pia Hierzegger gedreht mit dem Titel Die Kuh, die weint. Da gab es ein sehr spezielles Setting mit sehr interessanten Figuren. Zudem habe ich noch nie mit Pia Hierzegger gearbeitet, es war ein No-Brainer, in diese Welt einzusteigen. Beim neuen „Spuren-des-Bösen“-Film ist Drehbuchautor Martin Ambrosch eine neue originelle Geschichte eingefallen, obwohl wir schon neun Filme dieser Reihe gemacht haben.
Bei der Serie Alex Rider war das Konzept – ein Teenager, der als Spion rekrutiert wird – so hanebüchen, das ich zunächst gedacht habe: WTF? Aber es war nach einer Produktion wie Das Boot Balsam für die Seele, einfach pures Entertainment zu machen. Und einmal in England zu drehen, hat auch Spaß gemacht. Es gibt ja drei Gründe, warum man sich für ein Projekt entscheidet. Das eine ist Geld, das andere ist Ruhm und das dritte ist Spaß. Und zwei von diesen Dingen müssen immer da sein. Aber wenn es nur eins ist, dann sollte man die Finger davon lassen.
Inwieweit unterscheidet sich die Arbeit an einer großen Produktion wie „Das Boot“ und einem Film wie „Welcome Home Baby“? Müssen Sie da Adaptionen bezüglich ihrer Arbeitsweise vornehmen?
Die größte Herausforderung bei Das Boot war, dass die Drehbücher der acht Folgen nie fertig waren, und ich 105 Drehtage, in vier Ländern, mit drei Sprachen vor der Kamera und vier Sprachen hinter der Kamera stemmen musste.
Die nächste große Herausforderung bestand darin, mit einem Team zu arbeiten, das ich nicht kannte. Das Schöne bei einer Produktion wie Welcome Home Baby ist ja, dass ich den Film mit Menschen drehen konnte, mit denen ich schon eine gewisse Arbeitserfahrung geteilt habe, auf der du aufbauen kannst und Vertrauen hast. Wenn du in eine Welt kommst, wie ich damals bei Das Boot nach Prag, wo ich mit einem englischen Szenenbildner, einem englisch-deutschen Kameramann, einer französischen Kostümbildnerin, einer südafrikanischen Maskenbildnerin und mit einer tschechischen Crew zusammengearbeitet habe, war das am Anfang ein relativ energieaufreibender Prozess, bis man durch diesen Dschungel navigiert. Das waren alles tolle Leute, hochprofessionell, aber ein Großteil der Crew war quasi wie eine Söldnertruppe. Die machen, was gewünscht ist, aber nichts darüber hinaus. Diesen Einsatz, den man in einem Team mit Vertrauten hat, wo jeder bereit ist, die extra Meile zu gehen, wie bei Das finstere Tal oder bei Welcome Home Baby ist unbezahlbar und jeder ist hochmotiviert, weil das Gefühl entsteht, dass man an etwas Besonderem arbeitet.
So etwas existiert in der internationalen Welt der Serien kaum. Das ist ein Industrieprodukt und da muss man natürlich funktionieren. Für mich war die Herausforderung, innerhalb dieses Industriebetriebs trotzdem meine Stimme zu bewahren. Und trotz aller Strapazen war es ein Glück, dass ich ich die Gelegenheit hatte, die ganze erste Staffel von Das Boot zu inszenieren. Dadurch trägt die ganze Staffel meine Handschrift, und es ist nicht wie sonst, dass verschiedene Regisseurinnen und Regisseure kommen und am Ende ein Einheitsbrei entsteht.
Inwieweit haben Sie sonst die Möglichkeit, ihr Team auszuwählen?
Was das Kreativteam angeht, habe ich sehr große Freiheit, weil es natürlich allen nützt. Die Basis von jeder Zusammenarbeit ist Vertrauen, und es erleichtert mir mein Leben ungemein wenn ich mit Leuten arbeite, auf die ich mich verlassen kann. Ich glaube total an den Prozess und ich kann nur gut arbeiten, wenn ich kreative, leidenschaftliche Menschen um mich habe, die mich aber auch fordern. Ich finde es immer albern, wenn in den Titeln steht „ein Film von“. Jede Produktion ist das Ergebnis der Zusammenarbeit vieler Menschen. Eine Person muss halt die Richtung vorgeben.
Wie stellt sich für Sie und ihre Arbeit die Diskussion um das Fördermodell ÖFI+ samt den aufgetretenen Problemen dar?
Ich habe zu wenig Überblick und kann mir nur eine Einschätzung anmaßen. Welcome Home Baby hätte unter gegenwärtigen Bedingungen so nicht stattfinden können. Das ist eine ganz konkrete Auswirkung des Wegbleibens von ÖFI+. Da wir eine deutsch-österreichische Koproduktion waren, hat ÖFI+ unser Budget deutlich erhöht. Und durch den Wegfall, hätten wir ein Problem gehabt. Und das haben jetzt wahrscheinlich viele Produktionen. Was natürlich weniger intelligent ist, dass man ein System lanciert und in dem Moment, wo das System weltweit Aufmerksamkeit generiert hat und wirtschaftlich erfolgreich ist, den Stecker zieht. Kate Winslet & Co drehen in Wien, nicht nur weil die Motive so schön sind, sondern weil es dieses Anreizmodell gibt bzw. gab.
Dass das System natürlich optimierungswürdig ist, steht auf einem anderen Blatt. Aber man hätte es vielleicht auch in den ersten Jahren stärker beobachten und lenkend eingreifen können, bevor man dann einfach von heute auf morgen den Stecker zieht. Wir hatten in den letzten Jahren in der Filmbranche Vollbeschäftigung, was wirklich toll ist. Aber was kommt jetzt?
Durch diese vielen internationalen Produktionen, die nach Österreich gekommen sind, sind aber auch die Gagen und die Preise gestiegen. Und jetzt killt man das Modell, die Preise sind aber immer noch hoch und jetzt muss man inmitten dieses Scherbenhaufens schauen, wie man damit weiter wurschtelt.
Wie hat Ihre filmische Sozialisation ausgesehen, gab es da entscheidende Einflüsse?
Ich bin in Bad Ischl aufgewachsen, da gab es das Lehár- und das Esplanaden-Kino, und in Salzburg war man auch relativ schnell. Ich bin in der glücklichen Lage Teil einer Generation zu sein, die viele der heute ikonischen Filme im Kino zum Zeitpunkt ihres Erscheinens oder in Bad Ischl zumindest kurz danach gesehen hat.
Der Weiße Hai, Star Wars, Alien, Apocalypse Now, The Shining, Mad Max, Blade Runner etc. All diese Filme zum ersten Mal zu sehen in einer Zeit, wo das Fernsehen quasi nur aus FS 1 und FS 2 bestanden hat, mit Testbild um 23.30 Uhr. Das hat auf jeden Fall unauslöschliche Spuren hinterlassen. Ich wollte mir irgendeinen Kinderfilm anschauen, oder vielleicht war es Winnetou und das Halbblut Apanatschi und davor lief der Trailer von Dawn of the Dead. Ich kann mich heute noch an die Bilder von damals erinnern, die haben sich für immer in die Hirnrinde eingegraben. Vielleicht kommt daher auch so eine Art Hassliebe zum Horror-Genre.
Wolfen von Michael Wadleigh, den nicht viele kennen werden, ist einer jener Filme, die sich ebenso bei mir in die Gehirnrinde eingefressen hat. Das war das erste Mal, dass ich einen von Albert Finney gespielten Cop, mit dem Donut in der Hand und der „New York Times“ unter dem Arm, essend in der Pathologie gesehen habe. In einem Film, wo eine Donald-Trump-artige Figur von Wölfen zerfleischt wird. Das war sicher einer der Filme, der die tiefsten Spuren hinterlassen hat. An der Oberfläche ist das ein Horrorfilm, aber gleichzeitig auch ein sozialkritischer Öko-Thriller, total spirituell und visuell unglaublich aufregend. Einfach kein 08/15-Film.
Und von meinem ersten Kurzfilm an war es immer mein Bedürfnis, das, was ich am Kino liebe oder die Geschichten, die mich beeinflusst haben und die ich gern gesehen habe, mit dem zu fusionieren, wo ich herkomme. Mein erster Kurzfilm Gute Nacht Johann war kein kleines persönliches Drama, sondern einen dystopischer Science-Fiction-Film. Es geht um einen Astronauten im Hyperschlaf, der mit seiner Kapsel abstürzt und auf einem niederösterreichischen Acker landet. Er kommt in eine Welt zurück, in der es nur noch alte Menschen gibt, und er ist die letzte fruchtbare Person des Planeten.
Im Fall von In 3 Tagen bist du tot habe ich nie ein Hehl daraus gemacht, dass der Film eigentlich eine Coverversion eines US-amerikanischen Slasherfilms ist. Bei Das finstere Tal habe ich mir gedacht, warum kann man nicht das Western-Genre einfach in die Alpen transferieren. Insofern bin ich vom amerikanischen Kino geprägt.
Die Vorläufer des Kinos, wie wir es heute kennen, waren ja die Nickelodeons, du zahlst fünf Cent um etwas Besonderes zu sehen. Du musst dein Publikum unterhalten, sonst betrügst du es um den Eintrittspreis. Das ist etwas, das mir auch immer wichtig war. Wofür ist man bereit, ins Kino zu gehen und mittlerweile 15 Euro oder mehr zu zahlen? Dafür muss ich etwas bieten, da finde ich Genre als Einladung gut. Und das Genre über sich hinaus zu nutzen – da komme ich auf Welcome Home Baby zurück –, um dem Publikum auf einer zweite Ebene einen Mehrwert zu liefern. Ich hoffe, es funktioniert, dass man an der Oberfläche spannend unterhalten wird und darunter aber etwas mitnimmt, mit dem man nicht gerechnet hat. Und sich hoffentlich noch am nächsten Tag daran erinnert. Ein Testseher hat mir am Tag nach dem Screening gesagt, er weiß nicht ob er den Film gesehen oder geträumt hat. Das war das schönste Feedback.
Thomas Willman, der den Roman „Das finstere Tal“ geschrieben hat, hat Welcome Home Baby als „Body-Horror der Seele“ bezeichnet. Es hat mich überrascht, aber ich fand es eine sehr schöne Zusammenfassung von dem, was der Film auch ist.
