Filmarchiv – Welt aus den Fugen

Welt aus den Fugen

| Daniela Sannwald |

Eine ausführliche Retrospektive im Filmarchiv Austria beleuchtet die überragende Bedeutung Sigmund Freuds und der Psychoanalyse für den Film.

Du mußt Caligari werden!“ lautete eine geheimnisvolle Aufforderung, die zu Beginn des Jahres 1920 an Berliner Laternenpfählen und Litfasssäulen klebte. Die Plakataktion gehörte zu einer legendären Werbekampagne, mit der Robert Wienes Das Cabinet des Dr Caligari, das Flaggschiff des deutschen expressionistischen Films, angekündigt wurde: In einem Dekor aus schiefen Wänden, geneigten Ebenen, verzerrten Perspektiven und gemalten Schatten wirken die Schauspieler wie dessen bewegliche Ergänzungen; ihre Gestik und Haltung passen sich den Dimensionen an, verlängern schräge Linien, beugen sich mit den spitzen Winkeln der Kulissen.

Verzerrte Weltsicht

Diese ungewöhnliche Ästhetik war gerechtfertigt durch das Sujet des Films, der in ein Labyrinth des Wahnsinns führt. Zunächst scheint der von Werner Krauss gespielte Dr. Caligari, der sein somnambules Medium Cesare – Conrad Veidt – Morde begehen lässt, dem Wahn verfallen. In der Rahmenhandlung erzählt jedoch ein geistesgestörter Anstaltsinsasse diese Geschichte seinem Freund, und für einen Moment scheint die verzerrte Weltsicht des Films lediglich die Phantasmagorien des kranken Hirns zu repräsentieren, das den Anstaltsdirektor für Caligari hält. Doch als dieser gütige Mann die Brille aufsetzt und sich seinem Patienten zuwendet, erkennt man in ihm den furchtbaren Caligari: Die Unsicherheit über die Identitäten der Akteure ist vollkommen, auch die Filmzuschauer sind Teil der aus den Fugen geratenen Welt.

Sechs Jahre später, im März 1926, hatte ein anderer Film Premiere, in dem Werner Krauss wiederum zwei Seiten einer Persönlichkeit verkörpert, freilich nicht mehr im düsteren, expressionistischen Dekor der Nachkriegszeit, sondern im hellen Tageslicht von Außenaufnahmen, die schon die Neue Sachlichkeit ankündigen: Geheimnisse einer Seele. Er führt eine anscheinend glückliche, kinderlose Ehe, wird jedoch von Alpträumen geplagt, nachdem im Nachbarhaus eine Frau mit einem Rasiermesser ermordet wurde und sein Jugendfreund, ein Tropenreisender, einen Besuch angekündigt hat. Die Traumbilder konterkarieren Klarheit und Ordnung der realen Welt: Der lachende Abenteurer zielt mit einem Gewehr auf Krauss, eine überdimensionale Fruchtbarkeitsstatue stellt sich ihm in den Weg, ein runder, hoher Turm wächst aus dem Boden hervor, auf einem Seerosenteich treibt ein Boot, in dem Frau und Freund sitzen und eine Puppe aus dem Wasser ziehen. Diese Szene beobachtet Krauss aus einem vergitterten Kerkerfenster. Schließlich traktiert er seine Frau mit einem Dolch, dem Gastgeschenk des Freundes. In der Realität entwickelt Krauss nun eine Messerphobie und verspürt immer wieder den Impuls, seine Frau zu töten. Mit dem heutigen Wissensstand über die Psychoanalyse betrachtet, wirken die Traumszenen in ihrer Überdeutlichkeit naiv, die durch Trickaufnahmen und Doppelbelichtungen verzerrten Größenverhältnisse lassen Krauss winzig und die ihn umgebenden Personen und Räume monströs erscheinen, Detailaufnahmen lenken den Zuschauerblick zusätzlich auf die für die Traumdeutung wichtigen Gegenstände. In Geheimnisse einer Seele triumphiert der optimistische Glaube an die noch junge Lehre der Psychoanalyse – Freud hatte seine Traumdeutung im Jahr 1900 publiziert.

Angst und Mode

Dass der Film das ideale Medium für die Visualisierung von Träumen, vorzugsweise schlechten, zu sein schien, zeigte sich seit den Anfängen der Filmgeschichte, die etwa mit den Anfängen der Psychoanalyse zusammenfallen: Bis heute werden in Horrorfilmen die von Sigmund Freud überhaupt erst formulierten Urängste, etwa vor der Dunkelheit, dem Alleinsein, der Sexualität und dem Tod, verhandelt. Und auch einige der raffiniertesten „Psycho“-Thriller der Filmgeschichte basieren auf Freuds Lehren: Alfred Hitchcocks Psycho spielt mit einer neurotischen Mutter-Sohn-Bindung, Michael Powells Peeping Tom und Jonathan Demmes The Silence of the Lambs mit Obsession und Perversion als Folgen frühkindlicher Traumatisierung. Und während Woody Allen als Jünger der psychoanalytischen Lehre gelten kann, seine Figuren häufig durch Introspektion zu Klarheit gelangen, ist David Lynch ein Meister des schizophrenen Kinos, in dem Figuren und Strukturen demontiert werden, ohne Rücksicht auf die Zuschauererwartungen. Dass auch Ängste und ihre visuelle Umsetzung Moden unterworfen sind, zeigen der schicke Pop-Thriller Blow-up von 1966, das Technik-Spektakel Alien von 1979 und die Hamlet-Version von 2000, die in einem flächendeckend monitorüberwachten Wirtschaftsunternehmen spielt. Psychoanalytiker waren keineswegs immer Lichtgestalten wie noch in Geheimnisse einer Seele, sie mussten vielmehr als Witzfiguren in unzähligen Komödien herhalten, da kommen Ingrid Bergman in Spellbound und Billy Crystal in Analyze This noch vergleichsweise gut weg.

Die Freud-Schau des Filmarchivs Austria umfasst rund 35 Filme aus neun filmhistorischen Dekaden und den unterschiedlichsten Genres. Dass dabei – abgesehen vom japanischen Film Perfect Blue – nur Filme aus (West-)Europa und den USA zu sehen sind, verwundert ein wenig. Entziehen sich Ängste und Träume der Asiaten und Lateinamerikaner dem Medium Film oder der psychoanalytischen Annäherung?