Lebhaft und vielfältig wie schon lange nicht gestaltet sich derzeit das Filmschaffen der Volksrepublik China. Neben den Festivaltriumphen im Ausland sorgt nun auch im Land selbst eine kommerzielle Produktionslandschaft für Erfolge.
Internationale Filmfestspiele in Venedig 2006: der Goldene Löwe geht an Jia Zhangke für seinen Film Still Life, ein karges Werk über wortkarge Menschen, die in den nebelverhangenen Tälern des Yangze-Flusses auf der Suche (nach sich selbst?) sind. In der Kategorie Horizons Fiction wird Liu Jies Erstling Courthouse on a Horseback zum besten Film gekürt, der wiederum die Situation einfacher Menschen in entfernt gelegenen Landregionen beschreibt. Beides Filme, die dem ausländischen Zuseher einen Einblick in das weniger bekannte China der ärmlichen Regionen geben.
Dem gegenüber steht der Träger des Grand Prix der Jury beim World Film Festival in Montreal 2006, Regisseur Yang Ya-zhous Snow in the Wind. Zwar ist die Geschichte ebenfalls in ländlichen Regionen Chinas angesiedelt, ist aber in erster Linie eine Hommage an das Medium Film selbst!
Yang Hengs Erstlingswerk Betelnut, der beim Pusan International Film Festival 2006 den New Currents Best New Asian Filmmaker of the Year Award errang – wie auch zwei Auszeichnungen beim Hong Kong International Film Festival 2007 – zählt zu den Avantgardefilmen Chinas, die im eigenen Land sehr begrenzt Beachtung finden, aber zunehmend ausgefeilt und interessant werden.
Und dann kam die Berlinale 2007. Die Tatsache, dass in diesem Jahr gleich zwei Filme aus der Volksrepublik im Wettbewerb liefen und einer davon, Tuyas Ehe, den Golden Bären mit nach Hause nahm, ist ein klarer Beweis, dass das chinesische Filmschaffen im Aufschwung ist. Die der Berlinale vorangegangene Berichterstattung, der zweite Film, Lost in Beijing von Regisseurin Li Yu, werde von der Zensur in Beijing zurückgehalten, hatte für die Zyniker unter den chinesischen Filmbeobachtern die Erwartungen hochgeschraubt, genau dieser Film würde wohl ausgezeichnet. (Mit ähnlicher, allerdings ungerechtfertigter Begründung soll die Preisentscheidung in Venedig herbeigeführt worden sein.) Aber dennoch, das chinesische Filmbureau, das natürlich Tuyas Ehe als chinesischen Beitrag favorisiert und zur Berlinale empfohlen hatte, sollte Recht behalten. Die zunächst proppenvollen Säle bei Lost in Beijing begannen sich bereits in den ersten zehn Minuten zu leeren, und die bei der Zensurbehörde umstrittenen Sexszenen schienen auch den deutschen Zusehern gar nicht nötig.
Realismus
Der Gewinner war Tuya – und am meisten Yu Nan, die Darstellerin selbst. Ihre schauspielerische Leistung, ihre lebensnahe, beeindruckende Darstellung einer eigensinnigen, starken Frau, trägt den in ruhigen Bildern erzählten Film. Die Laiendarsteller um sie herum verleihen dem Gesamtwerk eine Echtheit, die wenige Filme in dieser Form bieten können. Während viele chinesische Filme der jüngsten Zeit technisch immer komplexer, dafür inhaltlich immer dürftiger sind, ist Tuyas Ehe von bestechendem Realismus. Dies ist auch Regisseur Wang Quan Ans Anliegen.
Es ist wichtig für Wang, durch Tuyas Ehe das Publikum, sowohl im Ausland wie auch in China selbst, auf die sozialen und kulturellen Probleme der entlegenen Regionen aufmerksam zu machen. „Der Film beschreibt die Situation der untersten Schicht in China, und zeigt Probleme auf, die nicht ignoriert werden dürfen“, so der Regisseur. Selbst wenn ein Film die Probleme nicht lösen und auch nicht unbedingt Antworten liefern kann, so ist er doch ein Mittel, die Realität und deren Schwierigkeiten offen zu legen. Die Geschichte ist zwar in der Inneren Mongolei angesiedelt, aber ganz China macht ähnliche Entwicklungen durch. „Vielleicht ist dies der letzte flüchtige Blick auf die Hirten der Inneren Mongolei“, meint Wang. „Letzten Endes werden alle in die Städte abwandern.“ Bei der Pressekonferenz nach der Preisverleihung bekräftigte Wang, wie wichtig es ist, sich bewusst zu sein, was im Zuge der rasanten wirtschaftlichen Entwicklung an Kultur und Gewohnheiten verloren geht, unwiederbringlich verloren geht.
Dennoch liegt Wangs Hauptaugenmerk auf der Figur Tuyas, auf der Entwicklung ihrer Geschichte. So soll dieser Film durch die Geschichte berühren und die Zuseher erreichen. „Filmemacher sollen berücksichtigen, was einfache Leute sehen wollen und empfinden, sie sollen das wahre Leben im heutigen China darstellen. Immer schon suche ich nach einem Gleichgewicht zwischen Kunst und einem für das breite Publikum zugänglichen Film“, meint Wang.
Mit dem Goldenen Bären ist für Wang Quan An ein Traum in Erfüllung gegangen. Er fühlt sich in seiner Arbeit bestätigt und bereitet zurzeit den nächsten Film, ebenfalls mit Yu Nan in der Hauptrolle, Textile Girl, vor. Yu Nan, die fließend Französisch und Englisch spricht, dreht gerade in Chongqing den Thriller Shuang shi ji (wörtlich Journey of Double -Eating). In den jüngsten Filmen von Wang Xiaoshuai, Left and Right, und in My DNA Says I Love You des taiwanesischen Regisseurs Lee Yun-chan wird sie noch in diesem Jahr zu sehen sein. Trotz Berlinale-Erfolg hat Tuyas Ehe die letzte Probe noch vor sich, nämlich die Aufnahme durch das chinesische Publikum. Erst eine gute Reaktion des heimischen Publikums würde Wang vollends zufrieden stellen. Der Film läuft seit kurzem in den chinesischen Kinos.
Filmboom
Das chinesische Publikum ist nicht so leicht einzuschätzen. Neben den importierten Filmen – im Jahr 2006 liefen 50 Filme aus 11 Ländern oder Regionen in chinesischen Kinos, die Zahl und die Art der ausländischen Filme ist staatlich geregelt – die generell sehr viele Zuseher erreichen, haben es die heimischen Produktionen relativ schwer. Insgesamt wurden im Jahr 2006 in China 330 Projekte gedreht (230 im Jahr davor); davon waren 220 auf Film gedreht und 110 auf digitalen Datenträgern. Die Gesamteinnahmen durch den Kartenverkauf lagen bei 2,67 Mrd Renminbi (ca. 260 Mio. Euro), was beinahe eine Verdoppelung gegenüber dem Jahr 2004 bedeutet. 55% der gesamten Einnahmen wurden durch chinesische Filme erwirtschaftet.
Still Life erreichte in chinesischen Kinos ca. zwei Millionen Zuseher, was für diese Art von Film bereits recht hoch ist. Das könnte auch an den über die Medien ausgetragenen Angriffen Jia Zhangkes gegen Zhang Yimou und andere große Regisseure Chinas liegen, denen Jia vorwirft, sich nicht genug um die „kleinen Leute“ zu kümmern.
Allerdings scheinen die Kinogänger Chinas genau solche Filme sehen zu wollen, wie sie Zhang Yimou und Freunde machen. Der Kino-Herbst brachte drei Produktionen mit Riesenbudgets, die zwar mit viel Spekulationen und auch Argwohn erwartet worden waren, die Karteneinnahmen übertrafen dennoch alles bisher Dagewesene. Zu den zehn im Kino erfolgreichsten Filmen im Jahr 2006 gehören sechs chinesische Filme, darunter Der Fluch der Goldenen Blume (Regie: Zhang Yimou) mit mehr als 270 Mio RMB Einnahmen, The Banquet (Regie: Feng Xiaogang) mit 130 Mio RMB und Fearless (Hongkong, Regie: Ronny Yu) mit 105 Mio RMB.
Eingeleitet wurde die Reihe großer Filme mit Feng Xiaogangs The Banquet, einem farbenprächtigen Werk, das Shakespeares Hamlet nachempfunden ist. Feng Xiaogang ist seit seinen Komödien Big Shot’s Funeral, A World Without Thieves usw. einer der in China beliebtesten Regisseure, in seinem Werk stellt The Banquet eine Wandlung dar. Denn diesmal wagt auch er sich an filmisch meisterhafte Kampfszenen, die – nach Ang Lees großem Erfolg Crouching Tiger, Hidden Dragon – von Zhang Yimou zu einer Art Weltmarke hochstilisiert wurden. Und auch Feng gelingt es, mit Unterstützung des hervorragenden Kameramanns Zhang Li, mit einem gezielten Pfeilschuss ein Bambusrohr in der Mitte aufzuspalten (eine der berühmtesten Szenen in Zhang Yimous Hero). Auch er kann die Farben der Gewänder aufeinander abstimmen, um das Auge zu verwöhnen, auch er lässt die von Zhang Yimou entdeckte, mittlerweile zu den international bekanntesten chinesischen Schauspielerinnen zählende Zhang Ziyi halb kämpfen, halb tanzen. Und auch Feng bedient sich der Musik Tan Duns (Crouching Tiger, Hidden Dragon, Hero), diesmal ergänzt von Lang Langs Klavierspiel.
Feng Xiaogang hat noch einen großen Vorteil: Da er die Hamlet-Geschichte kopiert hat, gibt es in seinem Film neben den Kampfszenen einen gewissen Inhalt, eine Spannung, die aus der Entwicklung der Figuren kommt (und nicht aus der Wahl der nächsten Farbe). Durch den Einsatz von Masken und verlangsamten Bildern erhält die Gesamtgestaltung eine poetische Kraft, etwas Fabelhaftes und Unwirkliches. Wo aber Shakespeare nicht enden könnend übersprudelt an Geist, Witz, Tiefe und Weisheit, da bleibt der Film trotzdem knapp und leer.
Patriotismus und Klamauk
Es gab noch einen weiteren Großfilm im Dezember, The Knot, eine patriotische Liebesgeschichte, die eine Neugestaltung der staatlichen Propagandafilme kennzeichnet: auch diese Art von Film soll und kann berührend sein und dem Volk gefallen. Regisseur Yin Li versucht mit vor allem bei jungen Zusehern beliebten Schauspielern die Leute ins Kino zu locken. Ausgangspunkt zu dem Star-besetzten Film sind die Schicksale jener, die nach dem „Zwischenfall vom 28. Februar“ im Jahr 1947 von Taiwan auf das Festland China geflüchtet waren und danach nie mehr mit ihren Familien und Lieben vereint sein konnten. Vor diesem Hintergrund entfaltet sich die Geschichte zweier Menschen, die ein Leben lang dem Traum ihrer Liebe nachhängen – und sich dem Schicksal ergeben müssen.
Hauptdarsteller Chen Kun ist im Westen vor allem durch seine Rolle in Balzac und die kleine Schneiderin (2002) bekannt. In China war er nicht nur in Filmen wie Baober in Love (2004) und The Music Box (2006) zu sehen, sondern ist auch ein beliebter Popsänger. Seine Partnerin Vivian Hsu ist ebenfalls eine populäre Sängerin, der es mit ihren weichen Kinderaugen und ihrer hohen Stimme gelingt, vor allem das junge Publikum für sich einzunehmen. In The Knot sticht besonders Li Bingbing als zweite Frau im Leben des Helden hervor, sie bringt in diesen sonst recht schweren Film eine erfrischende und liebenswürdige Realitätsnähe. Zwar konnte The Knot nicht mit dem Erfolg der großen Martial-Arts-Epen mithalten, aber er hat – trotz einiger Schwächen – eine ehrliche menschliche Dimension, die anderen Filmen fehlt. Die oben erwähnten Filme gehören zu jenen, die über ein Budget von mehr als 100 Mio. RMB verfügten (zum Teil ein Vielfaches davon). Aber auch Low-Budget-Produktionen erzielten ungeahnte Erfolge, wie z.B. Loach Is Fish, Too (Regie: Yang Yazhou, Preis für den besten künstlerischen Beitrag, Tokyo 2006) oder Curiosity Kills the Cat (Regie: Zhang Yibai). Qi Jians The Forest Ranger errang beim Beijing Student Film Festival 2006 den Ersten Preis und den Großen Preis der Jury beim Shanghai Film Festival 2006. Der Film ist getragen von hartem Realismus.
Die überraschung des Jahres 2006 war allerdings der vollkommen unerwartete Erfolg der Low-Budget-Komödie Crazy Stone, mit der ein neues Genre auf dem chinesischen Festland Einzug hielt: der Klamauk. über fünf Jahre arbeiteten die drei Autoren an der Geschichte, erst als sie sich an der Erzählweise und Bildersprache von Guy Ritchies Two Smoking Barrels und Snatch orientierten, wussten sie, wie sie zu filmen hatten. Regisseur Ning Hao wurde durch seinen Film Mongolian Pingpong bekannt, der vor einem Jahr auch in unseren Arthouse-Kinos lief. Schon in Mongolian Pingpong lassen sich Humor und Ironie des Regisseurs erkennen, in Crazy Stone wird dieser durch Slapstick, Verwechslungen, rasche Wendungen und Verdrehungen zu reinem Spaß. Mit einem Budget von umgerechnet 300.000 Euro, das letztlich von Hongkong-Star Andy Laus Firma Focus Films aufgefüllt wurde, erwirtschaftete Crazy Stone innerhalb kürzester Zeit die zehnfache Summe. Und das nur in den heimischen Kinos, vorwiegend durch Mundpropaganda. So etwas war noch nie da gewesen!
Zukunft
Die Folge davon ist, dass das Team um Ning Hao von Angeboten für weitere Komödien dieser Art überflutet wird, an einer Fortsetzung von Crazy Stone, genannt Crazy Racer, arbeitet, und noch im Jahr 2007 sollen neun ähnlich geartete Filme anderer Regisseure in die Kinos kommen. China hat den reinen Unterhaltungsfilm entdeckt, der in MTV-Manier schnell und wechselhaft abläuft, mit Sprachwitz, Persiflage und ewigen absurden Wendungen.
So sieht es ungefähr aus: Die international ausgezeichneten Filme laufen mit begrenztem Erfolg in chinesischen Kinos, die Big-Budget-Produktionen der großen Regisseure, wenn auch im Westen als inhaltlich leer abgetan, spielen in heimischen Kinos bisher unerreichte Summen ein – und daneben ist der Film, über den allen reden, von dem alle begeistert sind, der eines noch nicht 30-jährigen, weitgehend unbekannten Regisseurs. Laut den Drehbuchautoren von Crazy Stone gibt es dafür nur eine Erklärung: Das Publikum sucht im Kino Unterhaltung, Anregung, Aufregung, Stimulation für die Sinne – und nicht viel mehr. Diese Form der – für uns manchmal etwas anstrengenden – Stimulation ist für die jungen, wohlhabenden Chinesen (denn diese schauen sich Filme im Kino an, ältere Menschen sind nur ganz selten ins Kino zu bewegen) die Ablenkung, die mit der Reizüberflutung des wahren Lebens mithalten kann und ihr entspricht. Soziale Verantwortung, Auseinandersetzung mit problematischen Situationen oder Schicksalen gehören nicht ins Unterhaltungsprogramm.
Wie geht es nun weiter in der chinesischen Filmlandschaft? In Cannes demnächst zu sehen ist der neue Film von Regisseur Jiang Wen, The Sun also Rises, nach acht Jahren sein erster Film, nachdem sein umstrittener Weltkriegs-Film Devils on the Doorstep damals ohne staatliche Genehmigung gezeigt worden war und Jiang fünf Jahre lang als Regisseur gesperrt war. Chen Kaige arbeitet an einer Großproduktion über den Peking-Oper-Star Mei Lan Fang, Feng Xiaogang versucht wieder etwas Neues und filmt gerade seinen ersten Kriegsfilm, The Assembly. Zum Gedenken an 70 Jahre Nanjing-Massaker sind gleich vier Filme in Vorbereitung. Der große Starregisseur Zhang Yimou aber muss sich jetzt ganz den Vorbereitungen der Beijing 2008 Olympia-Eröffnungsfeierlichkeiten widmen. Beim Filmen setzt er nun wohl einige Zeit aus.
Isabel Wolte
Studierte Klassische Philosophie sowie Informatik und Künstliche Intelligenz an der University of Edinburgh. Lebt in China. 2004 Kultur- und Wissenschaftsattaché am Österreichischen Generalkonsulat in Shanghai, seit 2006 Doktoratsstudium an der Beijing Film Academy. Geschäftsführerin der Firma China Film Consult (www.chinafilm.at), gemeinsam mit ihrer Mutter Ursula Wolte.
