Jane Wyman – Magnificent Obsession

Magnificent Obsession

| Daniela Sannwald |

Mit Jane Wyman, die ihre großen Filmrollen in den 50er Jahren spielte,
ist ein weitere Protagonistin des „alten“ Hollywood gestorben.

Sehnsüchtig nur, nicht einmal begehrlich, sind die Blicke, die zwischen der Witwe und ihrem Gärtner gewechselt werden, später kommen Worte dazu, die nur wenig über das hinausgehen, was im Rahmen des Dienstleistungsverhältnisses ohnehin notwendig ist. Und dann eine halb versehentliche Berührung …

Dass Jane Wyman 1955 in Douglas Sirks bestem Melodram All That Heaven Allows auch die beste Rolle ihres Lebens spielte, die Witwe Cary, die sich – nach dem Jahre zurückliegenden Tod ihres Mannes und dem Heranwachsen ihrer Kinder – eine zweite Verliebtheit gestattet, lag an der idealen Kombination von Regisseur und Hauptdarstellerin, die bereits Magnificent Obsession zusammen gedreht hatten. Ihre Zusammenarbeit fiel in die Eisenhower-Ära, die sich durch wirtschaftliches Wachstum und die Furcht vor dem Kommunismus charakterisierte. Bürgerrechts- und Studentenbewegung lagen noch in weiter Ferne, so dass die Werte und Moralvorstellungen der White Anglo-Saxon Protestants für jene der Vereinigten Staaten standen. In diesem Kontext war, und das hatte Sirk klar erkannt, eine Liebesbeziehung zwischen einem Bediensteten und seiner älteren Chefin unvorstellbar und durfte nur in Andeutungen erzählt werden, was er – auch durch die untadelige Haltung, die Wymans Darstellung auszeichnete – wie kein Zweiter beherrschte. Standesdünkel und repressive Sexualmoral, besonders im Hinblick auf Frauen und schon gar auf nicht mehr junge, verwitwete, prägten das prüde, bigotte Klima jener Jahre. Jane Wyman, geboren 1914 in St. Joseph, Missouri, war damals Anfang 40, und ihre Cary fügt sich bescheiden und klaglos ins Unvermeidliche, weil sie ohnehin nicht glaubt, dass ihr eigene Ansprüche zustehen. Sie scheint nur einen Moment lang den Bruch mit den Konventionen – und damit auch mit ihren eigenen Kindern – zu erwägen, bevor sie sich in eine stille Resignation zurückzieht: vor den Fernsehapparat, den ihr die Kinder geschenkt haben. Den durch das neue Medium einsetzenden Niedergang des Studiosystems – und ironischerweise auch Wymans weitere Karriere –  hatte Sirk, der die unerfüllten Sehnsüchte in Technicolor und Breitwand meisterlich zu visualisieren wusste, damit auch schon vorweggenommen.

Jane Wyman repräsentierte dieses Studiosystem, gerade weil sie ihre besten Filme erst zu dessen Endzeiten drehte. Mit ihrem runden, flächigen Gesicht und den dunklen Kulleraugen war sie keine klassische Hollywood-Schönheit und womöglich deshalb prädestiniert für gemäßigte Außenseiterrollen – wie etwa in Johnny Belinda, für den sie 1949 einen Oscar gewann, in der Rolle eines taubstummen, vergewaltigten Bauernmädchens. 1936 war die ehemalige Radiosängerin von Warner Bros. engagiert worden, dort traf sie Ronald Reagan, mit dem sie von 1940 bis 1948 verheiratet war und auch in zwei B-Pictures gemeinsam vor der Kamera stand. Erst in den Fünfzigern arbeitete sie mit Hollywoods Regie-Größen wie Alfred Hitchcock, Frank Capra und Michael Curtiz. Von 1955 an drehte Wyman fast ausschließlich fürs Fernsehen, zuletzt sah man sie als Winzerpatriarchin Angela Channing in 212 Episoden der in den 80er Jahren produzierten Serie Falcon Crest, für die sie 1984 mit einem Golden Globe ausgezeichnet wurde. Am 10. September ist Jane Wyman 93-jährig in Palm Springs gestorben.