Lost in Beijing – Ein Bauernopfer

Ein Bauernopfer

| Isabel Wolte |

Li Yus Film „Lost in Beijing“ über eine chinesische Gesellschaft, die sich ganz bestimmt nicht zum Besseren verändert, eckte in China erwartungsgemäß an. Nach Kürzungen und Änderungen kam der Film in die chinesischen Kinos und wurde, eher symbolisch, im Nachhinein verboten. Die unzensurierte Version ist nun auch bei uns zu sehen.

Am 3. Jänner 2008 wird offiziell von der chinesischen Staatsadministration für Radio, Film und Fernsehen (SARFT) verlautbart, dass der Film Mishi Beijing (Lost in Beijing, auch bekannt als Pingguo) gesperrt wird, alle Kopien werden von Kino und Vertrieb zurückgezogen, die Verbreitung im Internet ist verboten, und die Produktionsfirma darf zwei Jahre lang keinen weiteren Film produzieren. Alle Mitwirkenden am Film sollen sich gerügt fühlen. Drei Gründe werden für die Bestrafung angegeben: Die unzensurierte Fassung des Filmes, die – nach Meinung der Behörde – pornografische Szenen beinhalte, werde über das Internet und in Videoclips verbreitet; sie wurde bei der Berlinale 2007 vorgeführt; für Werbezwecke würden „ungesunde, unanständige Mittel“ verwendet.

Für den namentlich erwähnten Produzenten Fang Li, der sich laut Urteil zwei Jahre lang nicht mit Film beschäftigen darf, kommt die Nachricht überraschend und unerwartet, hatte er doch etwa ein Jahr lang mit der Zensurbehörde diskutiert, auf ihr Verlangen hin den Film um 17 Minuten gekürzt und 53 Änderungen vorgenommen. Zwar habe er bei der Berlinale – trotz der Einigung mit der Zensur – die ungekürzte, unzensurierte Fassung vorgeführt. Aber dieses Vergehen liege ja mehrere Monate zurück. Warum also kam es erst im Jänner 2008, nachdem der Film nach etlichen Start-Verschiebungen letztlich Ende November in die Kinos gekommen und bereits abgespielt war, zu einem Verweis samt Aufführungs- und Vertriebsverbot? So lange hatte man über diese Fragen hinweggesehen, warum nun jetzt die Strafe, die so gut wie wirkungslos ist – was an Einnahmen eingespielt werden konnte, ist eingespielt – und vorwiegend symbolischen Charakter hat?

Kommunistische Werte

Das Jahr 2007 stand in der Volksrepublik China ganz im Zeichen eines großen politischen Ereignisses: des 17. Parteikongresses der Kommunistischen Partei. Der Parteikongress tagt alle fünf Jahre und ist politisch wie wirtschaftlich wegweisend für das Land. Die rund 73 Millionen KP-Mitglieder sollen hier auf einen gemeinsamen Kurs gebracht werden. Bedeutungsvoll ist vor allem die Neubesetzung des Ständigen Ausschusses des Politbüros, der politischen Machtzentrale des Landes. 2007 ging es um viele schwerwiegende Fragen der Weiterentwicklung des Landes, des Umweltschutzes, der gesellschaftlichen Unausgewogenheit, usw. Angesichts dieser Probleme stand die Regierung vor der Herausforderung, die konservativen Kräfte, die eine langsamere Entwicklung und eine Rückbesinnung auf die klassischen kommunistischen Werte befürworten, zu überzeugen, dass es kein Zurück mehr gebe. Gerade in diesem Jahr sollte es also keinen Anlass zu öffentlichen Diskussionen über die Richtigkeit staatlicher Maßnahmen geben, ebenso wenig sollte die internationale Aufmerksamkeit auf ein Einschreiten des Staates in künstlerische Angelegenheiten gelenkt werden: Hätte die SARFT vor der Berlinale Sanktionen gegen Lost in Beijing verhängt und den Film vom Festival zurückgehalten, hätte die Zentralregierung die Verantwortlichen von SARFT wohl zumindest zur Rede gestellt.

So blieb der SARFT nichts anderes übrig, als darüber hinwegzusehen, dass der Film ohne vorherige Genehmigung – den Regeln nach darf eine Teilnahme an internationalen Festivals nur nach Freigabe und mit expliziter Zustimmung durch die SARFT erfolgen – der Berlinale für den Wettbewerb angeboten wurde und dass dort das Filmteam, in der sicheren Erwartung, einen Preis zu gewinnen, fast vollzählig auftrat und das Zensursystem in China kritisierte. Dass es in diesem Fall, anders als in der Vergangenheit bei anderen Festivals, nicht gelang, durch ein Plädoyer für „kreativ unterdrückte, staatlich verfolgte” chinesische Filmemacher eine Auszeichnung zu erzwingen, spricht für die Jury der Berlinale.

Nach Berlin wurde der Kinostart auch wegen des Parteikongresses immer wieder nach hinten verschoben: Der Film zeigt ein eher verstörendes Bild des heutigen Beijing. Ein solches Bild sollte vor und während der Tagung weder die Parteimitglieder noch das Volk negativ beeinflussen. Schließlich konnte Lost in Beijing doch noch in die Kinos kommen, der Besuch war mit 17 Millionen Zusehern für einen solchen kleinen, schwierigen Film besonders gut. Einige kritisierten den Film wegen des negativen Bildes, das gezeichnet wird, im Gro-ßen und Ganzen aber war die öffentliche Meinung an Lost in Beijing nicht besonders interessiert. Warum also der Verweis durch die SARFT? Der Urteilsspruch konnte Lost in Beijing nicht schaden, und die vorangegangenen Diskussionen hatten dem Film soviel Medienecho beschert, dass er einen viel höheren Kartenverkauf erzielte, als ohne den Rummel möglich gewesen wäre. Die Sperre gegen die Firma bzw. gegen den Produzenten hat keinerlei Bdeutung, da beide unter anderem Namen weiterarbeiten können. Und die DVD, sowohl die zensurierte als auch die ungeschnittene Fassung, ist weiterhin in den Geschäften erhältlich. In Wirklichkeit geht es natürlich nicht um Lost in Beijing, sondern um einen anderen, viel einflussreicheren Film.

Moralisch fragwürdig

Dieser Film, der zwar offiziell nicht kritisiert wurde, aber die Gemüter viel mehr erhitzt, ist Se, jie (Lust, Caution), Ang Lees Darstellung der leidenschaftlichen Beziehung zwischen einem Verräter, der im Zweiten Weltkrieg mit den Japanern kollaboriert, und einer jungen Kommunistin. Nicht nur die nach chinesischer Meinung pornografischen Szenen und die allzu deutliche Darstellung sexueller Abhängigkeit erregen Missfallen, schlimmer noch ist die Tatsache, dass der Staatsfeind menschliche Regungen hat, Gefühle und Ängste, dass man auch mit ihm mitfühlen kann und dass er bis zum Schluss die einzige Bezugsperson der tragischen Figur der jungen Aktivistin bleibt. Mit einer solchen Interpretation des Stoffes durch den Regisseur werden die Grundfesten des chinesischen Begriffs von politischem Heldentum erschüttert. Gegen den Film aber aus diesem Grund Sanktionen zu verhängen, scheint nicht zielführend, das Thema ist heikel und verfänglich. So lenkt man die Kritik auf das Augenscheinliche.

Am 3. März 2008 wird von der SARFT eine neuerliche Aufklärung über die Zensurrichtlinien veröffentlicht, im wesentlichen eine Wiederholung der bestehenden Regulative: Man möge sich auf „gesunde” Inhalte beschränken, Negatives wird abgelehnt. Filme mit folgenden Inhalten sind verboten: Pornografie, Gewalt und Unterdrückung, Filme, die Staatsgeheimnisse preisgeben, die Staatssicherheit gefährden, nationale Interessen schädigen oder die nationale Politik in Sachen Religion unterwandern. Geschnitten werden Darstellungen sexueller Perversionen, von Vergewaltigung, Homosexualität, Mord, Gewalt, Horror, usw. Kurz nach dieser Erklärung wird laut unbestätigten Medienberichten eine SARFT-Aktion gegen Tang Wei, Ang Lees Hauptdarstellerin, gestartet, den TV-Stationen nahelegt, Werbung mit ihr nicht mehr auszustrahlen, da sie in „moralisch fragwürdiger Form“ in Lust, Caution aufgetreten sei.

Die Kerndiskussion, die durch die sexuellen Inhalte in den Filmen Lost in Beijing und Lust, Caution wieder ausgelöst wurde, ist die eines Filmbewertungssystems für China. Bis dato ist es die Linie der Partei, alle Filme, die in China produziert werden, seien für alle Altersstufen geeignet – dafür gebe es die Zensurbehörde. Durch ein Bewertungssystem würden bisher unerlaubte Inhalte den Weg in chinesische Kinos finden können. Vor kurzem betonte ein Vertreter der SARFT, ein Bewertungssystem werde „in unmittelbarer Zukunft“ nicht eingeführt. Der Fall Lost in Beijing zeigt, dass die Zensur bereits um vieles lockerer geworden ist. In den Neunziger Jahren wurden Regisseure für unerlaubte Festivalbeteiligung und andere Vergehen auf zehn Jahre gesperrt, so wie Tian Zhuangzhuang nach The Blue Kite oder Zhang Yimou wegen To Live. Diese Verbote gingen so weit, dass den staatlichen Firmen nicht erlaubt war, Filmmaterial dieser Regisseure zu entwickeln. Noch vor zwei Jahren erhielten Regisseur Lou Ye und seine Produzentin wegen Sommerpalast für ähnliche Vergehen wie Lost in Beijing ein fünfjähriges Berufsverbot. Nebenbei: Fang Li, der ebenfalls an Sommerpalast beteiligt war, zog sich zu dem Zeitpunkt, als klar wurde, dass der Film unerlaubt bei der Berlinale laufen würde, zurück. So kam er unbeschadet davon.

Gleichzeitig sind das Urteil gegen Lost in Beijing und die nachfolgende Veröffentlichung von SARFT ein untrügliches Zeichen dafür, dass die Zensurbehörde bis auf weiteres ihre Grundregeln und ihre Arbeitsweise nicht ändern wird. Lost in Beijing war also der „Bauer”, der geopfert werden musste (in relativ schmerzfreier Form), um den Boden für weitere Schritte der Zensur aufzubereiten – stellvertretend für Lust, Caution, der den Behörden ein Dorn im Auge ist. Und das alles wegen innerparteilicher Diskussionen, zur Besänftigung der konservativen Kräfte und zur augenscheinlichen Bestätigung altbewährter Formen von Zensur und staatlicher Kontrolle.

Lost in Beijing (1)

Es ist ein ungeschriebenes Gesetz in chinesischen Filmen, dass der Wanderarbeiter der Held ist. Er ist der Anständige, derjenige, der es schwer hat, der bemitleidenswert ist und Respekt verdient, weil er in seinem schweren Lebenskampf immer noch das Herz am rechten Fleck hat. Der Reiche aber ist der Böse, im besten Fall macht man sich über ihn lustig, meist aber wird er als Ausbeuter und Peiniger abgelehnt. Mit diesem Rollenverständnis setzt auch Lost in Beijing ein: Die junge Frau, Pingguo, ist eine ausgezeichnete Arbeiterin, ihr Mann An Kun liebt und begehrt sie, ihr reicher Boss aber nutzt ihren betrunkenen Zustand aus und vergewaltigt sie.

Dann aber, nach der ersten Erschütterung über diesen Vorfall, kommt das wahre Gesicht der jungen Wanderarbeiter zum Vorschein: Es geht um Geld, es geht darum, wie man diese Situation zu ganz konkreten finanziellen Nutzen verwenden kann. Die Beziehung der beiden Eheleute ist gestört, An Kun ist besessen vom Geld, Pingguo will es ihrem Mann recht machen … Der einzige, der scheinbar eine normale Reaktion auf die Ereignisse hat, ist der Boss Lin Dong, er freut sich auf „sein“ Kind, er kümmert sich um die werdende Mutter, er ist sogar seiner eigenen Frau gegenüber korrekt, die ihn aus Trotz betrügt. Ein Sumpf rundherum, und dieser reiche Mann, der in einem schwachen Moment die Kontrolle über sich verloren hat und dadurch das Leid und die Verwirrung ausgelöst hat, ist der einzige, der in natürlich menschlicher Form reagiert. Eine verkehrte Welt. Die Umkehrung der Rollen ist das bemerkenswerteste an diesem Film. Leider aber reicht das nicht aus.

Einer der Kritikpunkte der Zensurbehörde war der chinesische Originaltitel des Filmes, der wie der englische die Verlorenheit und Ziellosigkeit manch junger Stadtbewohner ausdrücken soll. Wir sehen hier aber nicht nur verlorene Menschen, wir sehen sie verwirrt, krank in ihren Emotionen, schwach. Wir ahnen vielleicht die Abgründe, aber wir kommen nicht hin: Dazu ist der Film zu aufgesetzt, selbst zu schwach und zu durcheinander. Was vielleicht am Ende die Emanzipation der Frau darstellen soll, erscheint wie ein unverständlicher Verzweiflungsakt, so wie die verschiedenen Aktionen An Kuns davor wie eine Art bösartige Verzweiflung aussehen. Was hat man davon, sich einen solchen Film anzusehen, wo alles Kranke und Miese zusammengewürfelt ist? Einen schlechten Nachgeschmack und nicht viel mehr. (Isabel Wolte)

Lost in Beijing (2)

Li Yu ist eine bemerkenswerte Frau, schon allein deswegen, weil sie sich in der männerdominierten chinesischen Filmindustrie durchgesetzt hat. Sie studierte Literatur, ehe sie beim staatlichen Fernsehsender CCTV als Moderatorin anfing und in der Folge für die Dokumentarfilmserie Life Space Beiträge gestaltete. Schon damals eckte sie mit Jie Jie, einem Film über Zwillingsschwestern, an. Die Herkunft vom Dokumentarfilm ist auch ihren Spielfilmen anzumerken. Fish and Elephant (2001), in dem eine lesbische Beziehung im Mittelpunkt steht, und Dam Street (2005) über eine Schülerin, die ungewollt schwanger wird und das Kind zur Adoption freigeben muss, wurden mit Laien gedreht. Beide widmen sich Tabus der chinesischen Gesellschaft; das Bemerkenswerte und Sympathische an diesen Filmen ist aber, dass sie nicht das Label „Tabubruch!!!“ vor sich her tragen. Vielmehr handelt es sich um sehr sorgfältige, präzise beobachtete „kleine“ Filme, gänzlich unprätentiös und getragen von einer Zuneigung zu den Figuren, die man nur selten sieht.

Li Yus erster mit Stars besetzter Film (Tony Leung Kar-fai aus Hongkong, Elaine Jin aus Taiwan, dazu Fan Bingbing, die in der Volksrepublik sehr bekannt ist), ist auf den ersten Blick sehr viel plakativer und hat für den entsprechenden Wirbel gesorgt. Vor allem die recht freizügigen Sexszenen und die offenherzigen Dialoge lassen sich weder übersehen noch überhören. Und zweifellos war das „unautorisierte“ Vorpreschen in Richtung Berlinale-Wettbewerb vor allem eine PR-Aktion. Über all dem aber sollte man nicht die Zwischentöne vergessen, den großen Reichtum, den dieser Film (in seiner ungeschnittenen Fassung, wohlgemerkt) enthält. Zu allererst ist die Charakterzeichnung zu nennen vier wunderbar ausdrucksstarke und eigenwillige Persönlichkeiten, die gemeinsam den Film über alle Höhen und Tiefen der Geschichte tragen und in deren individuellen Eigenheiten und Verhaltensweisen sich das ganze Dilemma des modernen (städtischen) China manifestiert: die so genannten Segnungen des Kapitalismus, die nicht übertünchen können, dass den abgelegten „alten Werten“ keine neuen gegenüberstehen; die Orientierungslosigkeit, die die Figuren wie Blätter im Wind treiben lässt; die Einsamkeit, die sich auch oder besonders in der Großstadt nicht abschütteln lässt. Und man übersieht leicht den souveränen Umgang Li Yus mit filmischen Mitteln, der sich schon in ihren ersten beiden Filmen angekündigt hat. Wenn das noch nicht reicht: Dem etwas abgehalfterten Beau Tony Leung Kar-fai eine solch wunderbare Rolle, in der er heller strahlt als alle Sterne Hollywoods, geradezu auf den Leib zu schneidern, das zeugt von großem Gespür.