Götz Spielmann präsentiert mit „Revanche“ eine ungewöhnliche Variation des Rache-Motivs.
Holzschlachten nannte der bayerische Schauspieler Josef Bierbichler sein Theaterstück, für das er Unmengen zersägter Stämme aus den heimischen Wäldern an der Berliner Schaubühne abladen ließ, um sie auf der Bühne weiter zu zerlegen. Im Juli 2006 hatte der Ein-Mann-Marathon Premiere. Man denkt unwillkürlich an jenes einsame, verbissene Wüten, wenn man dem Schauspieler Johannes Krisch in Götz Spielmanns neuem Film Revanche zusieht. Krisch spielt Alex, einen Underdog aus dem Wiener Rotlicht-Milieu, der, um gemeinsam mit seiner Geliebten Tamara ein neues Leben anfangen zu können, eine kleine Bankfiliale auf dem Land überfällt. Auf der Flucht wird Tamara erschossen. Alex kommt bei seinem Großvater unter, der in der Nähe einen Bauernhof betreibt. Dort wartet ein riesiger Stoß halber Baumstämme darauf, zu Brennholz verarbeitet zu werden. Und Alex zersägt sie zunächst, um sie dann auf dem Hackklotz mit der Axt zu spalten. Ein Vorhaben, dessen Ende unabsehbar scheint, dem sich Alex jedoch voller Inbrunst widmet. Katharsis durch Arbeit?
„Die ständige Wiederholung des Holzsägens bedeutet das Abarbeiten einer Schuld“, kommentiert Götz Spielmann die Auswahl des Motivs, „auch Sühne oder Buße. Da sind doch Worte weniger genau als Bilder“.
Distanzen
Der wichtigste gesprochene Satz dieses aus gutem Grund dialogarmen Films fällt allerdings schon früh: „Dein Problem ist“, sagt der selbstgefällige Bordellbesitzer zu seinem Angestellten Alex, „du bist zu weich.“ Dass dieser Vorwurf in einem gemütlich-fürsorglich klingenden Tonfall, den Hanno Pöschl der Figur verleiht, vorgebracht wird, betont noch dessen grenz-überschreitende Infamie: eine unzulässige Einmischung, gekleidet in kumpelhafte Herzlichkeit. Alex’ Chef weiß nichts von dessen Liebesbeziehung zu der ukrainischen Prostituierten Tamara, nur, dass er selbst scharf ist auf sie. „Magst mir einen blasen?“, fragt er die junge Frau im nämlichen übergriffigen Duktus und ergänzt: „Das würd’ mich jetzt sehr freuen“. Sogar Geld steckt er ihr zu – als Hinweis darauf, was er mit ihr vorhat: Sie soll in einem separaten Apartment arbeiten. Als Tamara nicht auf sein Angebot eingeht, lässt er sie von einem Komplizen zusammenschlagen, damit sie die Notwendigkeit, sich unter seinen Schutz zu begeben, einsieht. Alex begreift den Zusammenhang und flieht mit ihr. Dass er sie wirklich liebt, hat sie längst verstanden, denn er versucht, ihre Sprache zu lernen. Mit einigen Sätzen, die er in der ihm fremden Sprache spricht, führt Spielmann Alex ein, den man zuvor auf einem zerwühlten Bett in einem erschütternd tristen Zimmer an den Bahngleisen sitzen sah – ein Unbehauster, jemand, der nicht in der Lage ist, zu Hause zu sein. Man vergisst aber die Trostlosigkeit des Ambientes, wenn man Alex und Tamara in diesen ersten Einstellungen zusammen sieht und begreift: Sie haben beieinander eine Heimat gefunden, nur kein Haus, aber das soll sich ja ändern.
Sprache als Oberfläche
Die lakonischen Dialoge dieses Films umreißen die Figuren innerhalb ihrer sozialen Milieus und werfen bei aller Kargheit Schlaglichter auf den jeweiligen Hintergrund. Man ahnt, welche Schwierigkeiten Tamara mit ihrem osteuropäischen Akzent im Alltag zu gewärtigen hat; hinter Alex’ kühler Nonchalance scheint sich eine typische Loser-Biografie zu verbergen, man versteht, mit welchen Mitteln der Bordellbesitzer seine Autorität aufrecht erhält, und dicht unterhalb der gepressten Zwiesprachen des zweiten Protagonistenpaars, ein Polizist und seine Frau in der Provinz, liegen nicht ausgesprochene, beziehungstypische Kränkungen. Diese präzise Konturierung mittels Sprache ist dem Drehbuchautor Götz Spielmann geschuldet, der jedoch, darauf angesprochen, abwinkt: „Bei der Genauigkeit von Sprache liegt allerdings nicht meine Hauptkonzentration. Das ist eine Oberfläche, ein Tor, das man durchschreitet in tiefere Schichten, die eben nicht mehr sozial gebunden sind. Damit Fragen, Energien, Konflikte sichtbar werden, die einfach menschlich sind.“ Der Polizist Robert und seine Frau Susanne, Angestellte in einem Supermarkt, leben in einer scheinbar harmonischen Ehe. Nur was man von den beiden bereits in der Titelsequenz sah, konterkariert diesen Eindruck: Da nimmt Susanne – Ursula Strauss gibt sie mit fast apathischer Teilnahmslosigkeit – in der Küche des schmucken Einfamilienhauses einen Kuchen aus dem Ofen, während man durchs Fenster ihren Mann mit dem Rasenmäher vorbeiziehen sieht, dessen Geräusch man schon gehört hat. Unendlich scheint die Entfernung zwischen den beiden, nichts weist darauf hin, dass sie irgendetwas verbindet. „Bei dieser Exposition ging es mir darum, einerseits die vermeintliche Idylle des Landlebens darzustellen und andererseits eine Spannung, ein merkwürdig latentes Unglück“, erklärt Götz Spielmann. In Revanche werden der Polizist Robert und die Prostituierte Tamara einander begegnen, später dann auch Alex und Susanne – mit bösen Folgen.
Präzise Andeutungen
Zu diesen Begegnungen lässt Spielmann seine Helden unausweichlich aufeinander zu treiben, ein Zusammenprallen von Individuen, sozialen Milieus, Kulturen, Haltungen. Es gibt keine Großaufnahmen und wenige Schnitte innerhalb der Szenen. Martin Gschlachts Kamera bleibt lange in derselben Einstellung stehen und immer etwas in der Distanz. Sie scheint einfach einem zufälligen Geschehen zuzuschauen. Fast wundert man sich ein bisschen, dass der Regisseur seine Figuren so unbeteiligt ins Unglück rennen lässt. „Meine Figuren rennen von allein ins Unglück, ich laufe nur mit der Kamera hinterher“, korrigiert er ironisch, und fast ist man geneigt, ihm selbst das noch zu glauben. Dass natürlich, im Gegenteil, jede Szene mit äußerster Präzision geplant und gespielt, jeder Schauplatz sorgfältig gewählt und eingerichtet ist, sieht man der Beiläufigkeit der Inszenierung und der Wahrhaftigkeit der Darsteller nicht an. Götz Spielmann erklärt seine Figuren nicht, indem er sie ihren Emotionen ausliefert und uns dabei zusehen lässt. Er ist ein Meister der präzisen, nüchternen Andeutungen, seine Bilder muss das Publikum entschlüsseln, es hat genug Zeit, sich darin ein wenig umzutun. Für Spielmann liegt in dieser Art des Geschichtenerzählens eine Weltanschauung: „Mich interessiert der Einfluss, den man, ohne das zu wissen, permanent auf andere hat. Gleichzeitig wird man selbst ständig beeinflusst, ohne es zu merken. Ich glaube, das Ego ist eine Illusion. Wir sind Teil eines Netzwerkes. Es ist sehr wichtig für uns alle, das zu erkennen. Man hat nicht nur eine Verantwortung für sich selbst, sondern auch für die Welt. Wenn man sich darüber bewusst wäre, richtete man viel weniger an. Aus dieser Bewusstheit heraus müsste jedes Wort, jede Geste sehr viel achtsamer sein.“
Das Schöne und das Schwierige
Man denkt, dass Spielmanns Helden im Verlauf des Films ein wenig achtsamer werden, gerade zwischen Alex und Susanne entwickelt sich eine Beziehung gegenseitigen Respekts. Der Umgangston zwischen ihnen ist rüde, so lange sie gemeinsam im Bild sind: Susanne spricht aus Verlegenheit, und Alex kanzelt sie ab. In der letzten Szene des Films, die Spielmann als einzige im ganzen Film in eine Schuss-Gegenschuss-Sequenz aufgelöst hat, ist der Abstand zwischen ihnen größer, aber beide wissen, dass das eigene Geheimnis gut beim Gegenüber aufgehoben ist und können zu einer freundlich-friedlichen Koexistenz finden. Alex bleibt auf dem Land, weil er endlich eine Behausung gefunden hat: Das enge Zimmer in Großvaters Bauernhof mit seinen alten Möbeln und schadhaften Wänden ist jedenfalls das persönlichste, was er jemals hatte. Für Götz Spielmann ist es eine normale Entwicklung, dass sich Unglück wenden kann: „Woher wissen wir überhaupt, was ein Unglück ist? Sehen wir das ganze Bild? Das eine wie das andere ist Leben, das Schöne und das Schwierige. Ich glaube ans Leben. Man nimmt von außen beim österreichischen Film immer den Pessimismus wahr. Ich bin ein optimistischer Filmemacher.“ Und das muss sich en passant dann doch mitteilen, denn trotz allen bildmächtig vorgeführten Elends kommt man ein bisschen glücklicher aus Revanche heraus als man hineingegangen ist.
