Robert Rodriguez’ Manga-Verfilmung „Alita: Battle Angel“ ist ein groß angelegtes Action-Spektakel, „aber mit Herz“. Der zweifache Oscar-Preisträger Christoph Waltz im Gespräch über seine Rolle als Dr. Ido, über Hollywoods Mega-Blockbuster und über die Arbeit am Set im digitalen Zeitalter.
Was lange währt, wird endlich gut. Rund 200 Millionen Dollar wurden ausgegeben, um aus der erstmals 1991 erschienenen populären japanischen Manga-Serie „GUNNM“ (auch: „Ganmu“ oder „Battle Angel Alita“) von Kishiro Yukito einen programmierten Box-Office-Hit zu machen. Mastermind und treibende Kraft hinter dem Projekt war und ist kein Geringerer als James Cameron, der mit Avatar (2009) und Titanic (1997) bekanntlich die beiden einträglichsten Filme der Filmgeschichte gedreht hat. Seit gut 20 Jahren, das ist bekannt, hatte er den Plan, das Manga auf der Leinwand umzusetzen, aber das Projekt wurde immer wieder verschoben, nicht zuletzt deshalb, weil die technische Entwicklung mit der kühnen Vision Camerons nicht Schritt halten konnte. Doch das ist nun Vergangenheit, und jetzt, wo scheinbar mit Hilfe digitaler Technik „alles geht“ (siehe auch das folgende Interview mit Christoph Waltz), wurde Alita: Battle Angel endlich realisiert, allerdings nicht von Cameron selbst, der ja, wie man weiß, seit einiger Zeit an gleich mehreren Sequels zu Avatar arbeitet. Also musste ein Regisseur gesucht werden, und mit dem nicht minder technikaffinen Robert Rodriguez wurde auch rasch einer gefunden.
Der große Zampano Cameron schrieb das Drehbuch zusammen mit Laeta Kalogridis (Shutter Island) – und auch hier wurde Rodriguez eingebunden. Und natürlich fungiert Cameron zusammen mit seinem Langzeit-Geschäftspartner und Freund Jon Landau auch als Produzent. Robert Rodriguez, dem es ergangen sein muss wie dem sprichwörtlichen Kind im Spielzeugladen, ergriff die Gelegenheit und baute in seiner texanischen Heimat ein riesiges Filmset. Dort wurde die Filmstadt Iron City errichtet, ein dystopischer Ort, wie er längst zu den Standard-Schauplätzen des Science-Fiction-Genres zählt. Eines Tages im 26. Jahrhundert findet der Arzt Dr. Ido auf einem Schrottplatz Überreste eines weiblichen Cyborgs. Er baut sie wieder zusammen und nennt sie Alita. Allmählich beginnt sie sich, mit Hilfe Idos und ihres neuen Freundes Hugo, in der fremden Welt zurechtzufinden. Allerdings ist auch klar, dass Alita ein verstörendes Geheimnis aus ihrer Vergangenheit mit sich herumträgt. Nach und nach stellt sich heraus, dass das Cyborg-Mädchen gar nicht so zartbesaitet, sondern eine richtige Kampfmaschine ist. Ido verfolgt diese Entwicklung mit großer Sorge, denn er weiß, dass ihre Fähigkeiten auch den bösen Mächten, die die Stadt regieren, nicht verborgen bleiben.
Wenn eh alles in Ordnung ist, dann lohnt es sich nicht, darüber zu reden. Es muss ein profunder Konflikt stattfinden, um eine Geschichte erzählenswert zu machen
Alita: Battle Angel ist ein Hi-Tech-Actionspektakel, bei dem Regisseur Rodriguez lustvoll aus dem Vollen schöpft. Es geht ziemlich turbulent zu, wie könnte es auch anders sein, so etwa als Alita im Stadion in einem Hochgeschwindigkeits-Killerspiel namens „Motorball“ gegen alle möglichen ziemlich unerfreulichen Kreaturen antritt. Dennoch wird von Seiten der Produktion darauf hingewiesen, dass der Film in seinem Kern viel mehr sei als nur ein weiterer Mega-Hollywood-Blockbuster. Es gebe sowohl eine innige Beziehung zwischen „Vater“ Ido und „Tochter“ Alita als auch eine politische Botschaft.
Trotz aller technischen Perfektion ist ein solcher Action-Kracher natürlich nicht möglich ohne einen entsprechend beeindruckenden Cast. Christoph Waltz, zweifacher Oscar-Preisträger, ist als Dr. Ido neben Alita im Brennpunkt des Geschehens. Die 33-jährige Kanadierin Rosa Salazar, die mit Die Bestimmung – Insurgent (2015) und den beiden Maze-Runner-Filmen bekannt wurde, wurde mit der Titelrolle betraut. Mit den beiden Oscar-Preisträgern Jennifer Connelly und Mahershala Ali sind zwei weitere große Namen dabei, wobei Letzterer ganz gegen sein bisheriges Image einen Fiesling spielt, der auf der Jagd nach Alita ist. Keean Johnson, der Hugo spielt, war bisher vor allem im Fernsehen zu sehen, hat aber aktuell bereits vier weitere Filme in Arbeit. Ihm und Rosa Salazar steht zweifellos eine große Zukunft offen.
Was hat Sie an dem Projekt „Alita“ angezogen?
Christoph Waltz: Dass es eine sehr vielschichtige Angelegenheit ist. Ich bin ein großer Bewunderer der Filme Billy Wilders. Die waren lustig, geistreich, interessant, haben gut ausgesehen, waren spannend und unterhaltsam. Und vor allem: Da war immer ein tieferer Gedanke drin, den auszuloten sich gelohnt hat. In diesem Fall ist das auch so, zwar ein bisschen extremer, aber die Zeiten sind auch extrem.
Die Verpackung ist anders …
Christoph Waltz: Die Verpackung ist größer, aber dass man einem Publikum, das sich solche Filme anschaut, etwas mehr zumutet als üblich, das finde ich phantastisch.
Sie meinen die Vater-Tochter-Geschichte …
Christoph Waltz: Ja, aber das ist nur ein Aspekt. Ein anderer Aspekt ist der sozialkritische, letztendlich politische, der ganz deutlich zum Ausdruck kommt, nicht verschämt. Das ist großartig. Denn unter uns können wir das immer wieder verhandeln und einer Meinung sein, bis die Kiah hamkummen (Dialekt im Original). Aber das einem großen Publikum zu servieren, ist noch einmal etwas anderes.
Das haben Sie schön gesagt. Wie sehr hat es mit den Namen Cameron und Rodriguez zu tun, dass Sie dabei sind?
Christoph Waltz: In dem Fall war es eher Robert Rodriguez, denn der Produzent ist ja üblicherweise nicht so sehr involviert. Obwohl, gut, in dem Fall irgendwie schon. Aber James Cameron hat ja Rodriguez das Projekt übergeben, also, so richtig.
Er wollte es ja seit 20 Jahren selbst machen.
Christoph Waltz: Tja, es ist ihm etwas dazwischengekommen, was ein bisschen gedauert hat, die sind ja immer noch fleißig am Drehen, machen ja zwei oder drei Sequels von Avatar. Es gibt einen Themenpark, ein Museum, eine Wanderausstellung, einen Cirque du Soleil, das ist eine ganze Industrie. Dass man da keine Zeit hat für so ein Filmchen, ist ja klar.
Wie stehen Sie denn grundsätzlich zu diesen Mega-Blockbustern, die ein Budget verschlingen, um das sie ein Kleinstaat beneiden würde?
Christoph Waltz: Verschlingen ist meistens auch das richtige Wort, wobei ich nicht sicher bin, dass sich der Aufwand immer lohnt. Aber über Geschäfte dieser Art weiß ich nichts. Das Ausmaß und die Größe eines Films sind mir eigentlich wurscht. Ich habe sehr wenige Filme dieser Art gesehen, aber die, die ich gesehen habe, haben mich so gelangweilt, dass ich keinen anderen mehr sehen wollte. Letztendlich geht es dabei meist um Hardware, die sich gegenseitig zerstört, das finde ich jetzt nicht so spannend.
Aber Sie sehen bei „Alita“ einen Unterschied.
Christoph Waltz: Ja, ich sehe einen deutlichen Unterschied. Interessanterweise, das ist mir aufgefallen, kann man diesen Unterschied an der Musik hören, denn diese hier ist eine ganz klassische, schlüssige, empfindsame und thematisch orientierte Filmmusik. Sehr sensibel, sehr subtil. Das ist in den anderen Filmen, von denen wir gesprochen haben, nicht so, denn da wird nur getrompetet, und zwar durchgehend, weil sie sich nicht an Mitglieder eines Publikums richten, sondern an ein kollektives Nervensystem, das gereizt werden muss, und damit ist die Aufgabe erledigt. Ich übertreibe das jetzt ein bisschen, aber deswegen habe ich dafür kein Interesse, ich bin sowieso schon so nervös.
Science-Fiction als Genre, ist das eine Ihrer Filmvorlieben?
Christoph Waltz: Es war interessant, das alles einmal zu sehen und zu erleben, schon vom technischen Aspekt her. Aber grundsätzlich ist das nicht unbedingt mein Genre, und wenn, dann so wie in Truffauts Fahrenheit 451.
Warum, glauben Sie, sind Science-Fiction-Filme fast immer dystopisch? Gibt es keine positive Vision von der Zukunft, vom 26. Jahrhundert, wie in diesem Fall? Oder ist eine Dystopie einfach kinematografischer?
Christoph Waltz: Naja, kinematografisch könnte es ja auch sein, wenn das Ganze positiv besetzt wäre. Aber ich glaube, das ist vor allem den klassischen Bedingungen des Dramas geschuldet. Wenn eh alles in Ordnung ist, dann lohnt es sich nicht, darüber zu reden. Es muss ein profunder Konflikt stattfinden, um eine Geschichte erzählenswert zu machen. Wie Hitchcock so schön sagte: „Wie das Leben, nur ohne die langweiligen Teile.“ Ein existenzieller Konflikt ist schon irgendwie nötig, und die Angst vor der Zukunft ist ein solcher existenzieller Konflikt. Ich glaube, das macht die Faszination von Science-Fiction aus.
Sie haben gesagt, die Größe macht für Sie keinen Unterschied. Aber die Arbeit am Set hat sich für diese Art von Film doch sehr verändert, oder? Stehen Sie nicht die ganze Zeit vor Green Screens, etwa wenn Alita auf den Straßen von Iron City fast von diesem Zenturion zermalmt wird?
Christoph Waltz: Nein, gar nicht. Das ist alles gebaut! Das macht man jetzt, und grüne Wände sind nur noch in den seltensten Fällen notwendig. Darum sieht das auch alles so gut aus. Die Green Screens waren ja nicht dazu da, dass man nachher kleine Änderungen vornehmen konnte, sondern dazu, dass das Ganze im Computer generiert werden konnte. Die Technologie ist heute so fortgeschritten, dass nichts mehr im Computer erzeugt werden muss. Es stehen ungleich mehr Daten zur Verfügung, wenn es gebaut ist. Dafür gibt es 46 fest montierte Kameras, acht Kameras, die mit der Hand geführt werden, und dazu zwei riesige 3D-Kameras. Die 3D-Kameras nehmen das Filmbild auf, sozusagen. Die anderen sind dazu da, Daten zu sammeln. Motion Capture ist eben so, dass Sie eigentlich keine Kameras mehr bräuchten, außer diesen Datensammlern. Jedes Set wird mit einem Laserscanner abgescannt, diese Daten kann man auf ein Bild übertragen. Man könnte auch das ganze Set auf einem 3D-Drucker ausdrucken, und zwar in jedem Maßstab und mit jedem Detail. Das ergibt eine ungleich höhere sensorische Qualität, wenn die Sache wirklich gebaut ist. Und man kann alles manipulieren, man kann Sachen machen, die wir uns vielleicht gar nicht vorstellen können. Man kann in einem Take schneiden, man kann in eine Großaufnahme hineinschneiden, weil man hat alles zur Verfügung, zu jeder Zeit, aus jedem Winkel – aber das ist in erster Linie dadurch möglich, dass es wirklich gebaut ist.
Aber Sie spielen als Schauspieler nach wie vor eine Szene, es gibt zwei, drei, 47 Takes …?
Christoph Waltz: 47 vielleicht nicht unbedingt, aber sonst, ja, ist alles wie gehabt, da gibt es nichts Aufregendes zu berichten. Der Regisseur will ja trotzdem den Take, der am besten gelungen ist.
Und Alita, also Rosa Salazar, wie sah die aus, als Sie mit ihr spielten?
Christoph Waltz: Ganz normal, sie sah fast so aus wie im Film, allerdings hatte sie einen Motion-Capture-Anzug an. Aber ob sie jetzt einen grauen Anzug anhat oder ein rosa Kleiderl, ist letztlich egal.
Wenn junge Schauspielerinnen und Schauspieler mit Ihnen, dem zweifachen Oscar-Preisträger, spielen, sind die dann nervös? Rosa Salazar zum Beispiel?
Christoph Waltz: Na hoffentlich, irgendeinen Vorteil muss man ja haben. (Lacht.) Nein, Rosa ist ja kein Backfisch, sie weiß genau, was sie macht, sie ist blitzgescheit und auch sehr erfahren. Sie ist ja auch nicht mehr zwölf, sondern 33, sie lässt sich also durch übertriebenen Respekt sicher nicht beeinflussen.
Wie sehen Sie das Verhältnis von Dr. Ido und Alita? Die Geschichte hat ein bisschen was von „Pinocchio“, das japanische Manga bezog sich ja auch darauf.
Christoph Waltz: Ganz verkehrt ist der Vergleich sicherlich nicht. Allerdings hat ja Carlo Collodi, der Autor, die Figur und vor allem das Verhältnis der beiden auch nicht erfunden, denken wir an den wunderbaren E.T.A. Hoffmann und die mechanische Puppe Olympia, oder an „Pygmalion“.
Oder „Frankenstein“ …
Christoph Waltz: Ja. Das ist einfach ein Thema, das uns intensiv beschäftigt, quer durch die Zeitalter.
Was, glauben Sie, fasziniert uns an Cyborgs und Robotern so sehr?
Christoph Waltz: Uns fasziniert in erster Linie, dass es uns bevorsteht. Aber dass es uns so plastisch vor Augen geführt wird wie hier, das ist natürlich großartig. Und dass wir unsere Zweifel, unsere Skepsis hintanstellen, wozu wir ja bei jeder phantastischen Geschichte aufgefordert sind, dass wir die sogenannte Realität ausblenden und uns dem Geschehen hingeben, das macht den Reiz aus. Natürlich ist die Geschichte auch sehr gewalttätig, aber die Tatsache, dass das keine Menschen sind, sondern Maschinen, erleichtert uns den Zugang. Wären das alles Menschen, wären wir abgestoßen, also jedenfalls diejenigen unter uns, die noch richtig ticken. Dadurch, dass das Blut hier eine klebrige blaue Soße ist, ist es auch leichter zu akzeptieren, dass so viel davon fließt. Es ist abstrakter.
Im Manga ist Ido Mechaniker, hier ist er Arzt. Was genau war der Grund für diese Akzentverschiebung?
Christoph Waltz: Im Grunde ist er noch immer Mechaniker, aber unter lauter mechanischen Kreaturen ist er natürlich der Arzt. Er heißt ja auch im Manga Dr. Ido. Das finde ich einen witzigen Nebeneffekt, dass der Mechaniker in dem Fall auch der Doktor ist.
Das Interview fand am 28. November 2018 in Berlin statt.

