Berlinale Blog 5

Ein Bär für Dieter Kosslick

| Pamela Jahn |
Die 69. Berliner Filmfestspiele standen im Zeichen des Abschieds vom Langzeit-Festivaldirektor. Filmisch bot zumindest der Wettbewerb eher schmale Kost.

Er hat ihn sich redlich verdient, den übergroßen, goldbraunen Bären, mit dem die diesjährige Jurypräsidentin Juliette Binoche am gestrigen Abend den scheidenden Festivaldirektor Dieter Kosslick zum Abschied überraschte. 18 Jahre lang hat Kosslick das Festival geführt, hat für seine Prinzipien wie für unzählige Filme gekämpft, viel Gutes gezeigt und auch für die fragwürdigsten Juryentscheidungen immer noch ein positives Wort gefunden. Ein Diplomat und Gentleman war er im Kinosaal wie auf dem roten Teppich, und mit dem Herz stets auf dem rechten Fleck.

Dass nun ausgerechnet in seinem letzten Berlinale-Jahr die Auswahl der Wettbewerbsbeiträge derart mittelmäßig und unspannend ausfallen würde, muss nicht zwangsweise Kosslicks Verschulden sein. Vielleicht lag es einfach daran, dass nicht genügend neues, spannendes, hochkarätiges, originelles Material zur Verfügung stand, weil immer mehr Regisseure lieber auf einen Platz an der Sonne hoffen und ihre Filme für Cannes oder sogar Venedig aufsparen. Das, was zu sehen war, lässt jedenfalls vermuten, das im weiteren Verlauf der Festivalsaison an anderer Stelle die Namen und Titel auftauchen, die man in Berlin heuer vielleicht vermisst hat. Zumindest wünschen darf man sich das.

Nichtdestotrotz hat sich die Jury alle Mühe gegeben, aus den Dargebotenen das Beste heraus zu filtrieren. Und wenn man bedenkt, wie katastrophal Tom Tykwer und seine Mitjuroren im letzten Februar danebengegriffen haben, ist die Vergabe des Goldenen Bären an Synonymes in diesem Jahr nicht nur gerechtfertigt, sondern obendrein ein großer Grund zur Freude. Der Film des 1975 in Tel Aviv geborenen israelischen Autorenfilmers Nadav Lapid über einen jungen Israeli, der in Paris sich selbst neu zu erfinden und Fuß zu fassen sucht, ist nach eigenen Aussagen des Regisseurs autobiografisch angelehnt und wirft Fragen über Identität und Selbsterkenntnis auf, die, so Lapid, die Menschen auf der ganzen Welt beschäftigen würden. Erzählt wird davon mit viel Tempo, Esprit und Charme, obwohl der Regisseur im Wesentlichen auf Verstörung und Veräußerlichung abzielt, wo andere Filmemacher eher auf Emotionen und Einsichten setzen würden. Der Jury hat er mit seinem Ansatz jedoch allem Anschein nach imponiert, und auch für einen Kinostart hierzulande stehen die Chancen angesichts der deutschen Produktionsbeteiligung durch Maren Ades Firma Komplizen Film gar nicht mal so schlecht.

Bereits einen österreichischen Verleih sicher hat der gleich zweifache Silberne-Bären-Gewinner So Long, My Son des chinesischen Regisseurs Wang Xiaoshuai. Die Schauspielerin Yong Mei und ihr männlicher Kollege Wang Jingchun wurden jeweils für ihre herausragende darstellerische Leistung prämiert. Sie überzeugen in dem leise bewegenden Familiendrama, das sich unter anderem mit der lange geltenden Ein-Kind-Politik für die Menschen in China auseinandersetzt, in erster Linie durch ihr harmonisches Engagement und Arrangement, das es ihnen trotzdem erlaubt, individuelle Nuancen zu setzen und eine sanft einnehmende Atmosphäre zu schaffen, die den Film mühelos über seine dreistündige Spieldauer hinweg trägt.

Ebenfalls gespannt sein darf man auf den Kinostart des diesjährigen Gewinners des Großen Preises der Jury, Grâce à Dieu von François Ozon über den Missbrauch von Kindern in der Kirche. Der Film ist nicht nur hochaktuell, sondern zudem äußerst eindringlich inszeniert und beweist einmal mehr, das Ozon weiterhin zu den kompromisslosesten Regisseuren gehört, die das französische Kino dieser Tage zu bieten hat. Das Autorenteam des italienischen Films Piranhas, zu dem auch der Romanautor und Mafia-Kritiker Roberto Saviano gehörte, wurde mit dem Silbernen Bären für das beste Drehbuch geehrt, während der Norweger Rasmus Videbæk einen Bären für seine beachtliche Kameraführung in Hans Petter Molands neuem Drama Ut og stjæle hester (Out Stealing Horses) entgegen nehmen durfte.

Doch auch die deutschsprachigen Wettbewerbsbeiträge konnten heuer zumindest vereinzelt punkten, nachdem insbesondere Christian Petzolds exzellente Anna-Seghers-Verfilmung Transit im Vorjahr unter Tykwer so sträflich vernachlässigt worden war. Höchst verdient wurde zunächst der Alfred-Bauer-Preis heuer an Nora Fingscheidts packendes Drama Systemsprenger vergeben. Die Auszeichnung bleibt Filmen vorbehalten, die neue Perspektiven im Kino eröffnen, und der Silbernen Bär an den überaus gelungenen Erstling der jungen deutschen Filmemacherin könnte in dieser Hinsicht passender kaum sein. Schön auch, dass Mitjurorin Sandra Hüller vor der jungen Darstellerin Helena Zengel auf die Knie ging, um dem Mädchen, das auf der Leinwand alle Systeme sprengt, zu ihrer Glanzleistung zu gratulieren. Und gleich noch eine deutsche Regisseurin durfte sich über eine Auszeichnung freuen: Angela Schanelec erhielt den Silbernen Bären für die Beste Regie. Ihr Film Ich war zuhause, aber wurde bereits im Vorfeld der Preisvergabe von vielen Kritikern für seine Kunstfertigkeit gelobt, während andere dem Film eher ratlos gegenüberstanden.

Marie Kreutzers österreichischer Beitrag Der Boden unter den Füßen, der vom Wahn der Selbstoptimierung am Beispiel einer ins Straucheln kommenden Unternehmensberaterin handelt, war da vielleicht einfach zu solide und absehbar inszeniert, um bei der diesjährigen Jury zu punkten. Sehenswert ist Kreutzers Film dennoch allemal, allein schon wegen des hervorragenden Zusammenspiels der beiden Hauptdarstellerinnen Valerie Pachner und Pia Hierzegger.