Die bleierne Zeit

Berlinale 2019

Erkenntnis garantiert

| Alexandra Seitz |
„Selbstbestimmt. Perspektiven von Filmemacherinnen“: eine Einschätzung der diesjährigen Berlinale-Retrospektive.

Es ist bereits ein paar Jährchen her, dass Frauen das Thema der Berlinale-Retrospektive stellten: 2007 waren „City Girls. Frauenbilder im Stummfilm“ und 2006 „Traumfrauen. Stars im Film der fünfziger Jahre“ jeweiliger Gegenstand des filmgeschichtlichen Interesses. In den Jahren davor sucht frau nach dezidiert weiblichen Gegenständen vergebens. Bis ins Jahr 1986 muss sie zurück, in dem die Retro der bedeutenden deutschen Schauspielerin Henny Porten gewidmet war, die zum Zeitpunkt dieser Ehrung allerdings auch schon ein gutes Vierteljahrhundert tot war. Knapp eine Dekade zuvor verbeugten sich die Festspiele vor Marlene Dietrich, die, als sie in den Jahren 1977/78 im historischen Fokus stand, immerhin noch lebte.

Es ist offensichtlich, dass mit den Stars und den Traumfrauen, den City Girls und den Frauenbildern sowie den Schauspielikonen bislang Repräsentationen von Weiblichkeit auf dem Spielplan standen, deren Entstehung in einem männlich geprägten Kontext zu denken ist. Die Frau als Projektionsfläche, der weibliche Körper, der männliche Blick, der zurichtende Griff des Patriarchats – selbst wer auf diesem hochdynamischen Minen-Spiel-Feld, auf dem die Geschlechterspannung zu symbolhaften Formen findet, nach den ideologischen Färbungen sucht, nach den zugrundeliegenden Machtverhältnissen fragt und die Stellvertreterfiguren auf ihre geheimen Agenden hin abklopft – wer dortselbst also mit einem kritischen Interesse unterwegs ist, der bewegt sich doch immer noch auf einem von Männern abgesteckten Terrain, auf dem ein von Männern definiertes Regelwerk Anwendung findet.

Höchste Zeit also, dass sich da was tut, beziehungsweise: Time’s Up!, um es mit einer der Parolen der #MeToo-Bewegung auf den Punkt zu bringen. Und siehe da! Der Titel der diesjährigen Retrospektive, die im Rahmen der 69. Internationalen Filmfestspiele Berlin von der Deutschen Kinemathek kuratiert wird, macht eine klare Ansage; er lautet nämlich nüchtern: „Selbstbestimmt. Perspektiven von Filmemacherinnen“. Ganz schön unglamourös, was? Weichzeichnerbilder überirdisch schöner Diven, von denen ein Perlmuttschimmer ausgeht, wollen sich da eher nicht einstellen. Stattdessen stellt sich einem mit Nachdruck die lila Latzhose vors innere Auge, darin die unsexy Feministin, die biestig und humorlos auf ihrer Hälfte des Kuchens beharrt und auch ansonsten keinen Spaß versteht. Denkt man(n) reflexhaft, während sich der selbstsicheren Zicke das Gespenst der Langeweile dräuend beigesellt. Beide Schreckgestalten gilt es nun entschlossen zu verjagen. Zum einen, weil es sich bei denselben um altbekannte Propagandalügen handelt, die sich der Aufklärung entgegenstellen. Und zum anderen, weil diese Filmreihe eine hochwillkommene Gelegenheit zum Nach- und Weiterdenken darstellt.

Denn während sich die einen, Frauen wie Männer, mit ihren pornografisierten Norm-Körpern gemütlich im anti-feministischen Backlash eingerichtet haben und an einer zunehmenden Brutalisierung der Diskussionskultur feilen, zersplittern sich die anderen, wiewohl kämpferisch, in einer ganzen Reihe von Debatten, die, immer unter dem Vorzeichen der political correctness geführt, das Konfliktfeld förmlich atomisieren. Vor diesem Hintergrund fordert die Retrospektive eine Auseinandersetzung mit emanzipierten Positionen, politischen Verhältnissen und ästhetischen Überlegungen, die sich der Historizität ihrer klaren Geschlechter-Dichotomie zum Trotz als brandaktuell erweisen. Nicht zuletzt, weil sie den ermüdeten Blick wieder schärfen für nach wie vor grundlegende Konfliktlinien sowie für das, was immer noch nicht erreicht ist. Wobei die Aufbruchstimmung, die sich in den Filmen artikuliert, wohltuend ansteckend wirkt. Zweiflern sei der Halbstünder Für Frauen. 1. Kapitel von Cristina Perincioli empfohlen, der von weiblichen Supermarktangestellten erzählt, die feststellen, dass sie weniger Lohn erhalten als ihre männlichen Kollegen, die daraufhin auf die Barrikaden gehen und den Laden lahm legen: Alle Räder stehen still, wenn dein starker Arm es will. Ein Lehrfilm für die Gegenwart – aus der BRD des Jahres 1972!

„Selbstbestimmt“ versammelt deutsche Filme, die in den Jahren 1968 bis 1999 unter der Regie von Frauen entstanden sind. Es sind dies 28 lange Spiel- und Dokumentarfilme sowie 21 kurze und mittellange Arbeiten mit den Produktionsländern DDR (zehn Filme), BRD (27 Filme) und (wiedervereinigtes) Deutschland (zwölf Filme).

Das früheste Werk ist Zur Sache, Schätzchen, in dem May Spils 1968 ihren Lebensgefährten Werner Enke als in München-Schwabing herumgammelnden Arbeitsverweigerer in Szene setzt und damit das (noch) Hippie-Lebensgefühl ihrer Generation einfängt, etwa zur Zeit, als diese durch den Tod von Benno Ohnesorg am 2. Juni 1967 in Berlin radikalisiert wurde. Die jüngste Arbeit ist der 1999 fürs Fernsehen realisierte Dokumentarfilm Mit Haut und Haar, in dem Martina Döcker und Crescentia Dünßer aus den Lebenserinnerungen von sechs Frauen der Jahrgänge 1907 bis 1925 einen vielstimmigen Chor komponieren, der individuelle weibliche Erfahrungen, unterschiedliche soziale Milieus und schließlich ein ganzes Jahrhundert zum Klingen bringt. Flankierend hierzu lässt sich Tue recht und scheue niemand – Das Leben der Gerda Siepenbrink (BRD 1975) sehen, eine sanfte Montage aus Erzählungen, Fotografien, Dokumenten und Re-Inszenierungen, mittels derer Jutta Brückner den Lebensweg ihrer Mutter im Widerstreit zwischen Selbstfindung und Rollenerwartung nachvollzieht. Nicht weniger aufs Exemplarische zielt jene Biografie, die Gegenstand von Verriegelte Zeit (D 1991) ist: die der Filmemacherin Sibylle Schönemann selbst. Die ehemalige DEFA-Regisseurin war wegen ihres Ausreiseantrages ins Visier der Stasi geraten, inhaftiert, verurteilt und schließlich von der BRD freigekauft worden. Nach dem Fall der Mauer kehrt sie an die Stationen erlittenen Unrechts zurück und fragt nach. Und während sie einen so faszinierenden wie erschreckenden Einblick in ein Kapitel der DDR-Justizgeschichte vermittelt, trifft sie auf alte Muster, auf Verdrängungs- und Verleugnungsstrategien, die das wiedervereinigte Deutschland bis heute prägen.

Unter den Filmen aus der BRD finden sich bekannte Titel wie Neun Leben hat die Katze (Ula Stöckl, 1968), Die allseits reduzierte Persönlichkeit (Helke Sander, 1978), Die bleierne Zeit (Margarete von Trotta, 1981) und Dorian Gray im Spiegel der Boulevardpresse (Ulrike Ottinger, 1984). Unter den Werken aus der DDR lassen sich Entdeckungen machen wie Iris Gusners Die Taube auf dem Dach, der von einem komplizierten Liebesdreieck zwischen einer jungen Bauleiterin und zwei ihr untergeordneten Mitarbeitern handelt. Der 1973 in Farbe gedrehte Film wurde seinerzeit gar nicht erst zur Aufführung freigegeben, überlebte lediglich in einer schwarzweißen Arbeitskopie und fand schließlich 2010 in restaurierter Form doch noch den Weg ins Kino. Auch Das Fahrrad von Evelyn Schmidt (1982) vermag mit seiner Gegenwärtigkeit zu überraschen, handelt der Film doch von einer jungen alleinerziehenden Mutter (von Heidemarie Schneider mit brennendem Herzen gespielt) in Halle, die auf ihrem Weg in die Gesellschaft (die im sozialistischen Kino immer das Ziel darstellt) ein paar Mal sehr heftig ins Straucheln gerät. Nicht nur erinnert die Heldin in ihrer Aufmüpfigkeit an heutige Frauen, auch die Probleme, mit denen sie zu kämpfen hat – zu wenig Geld und zu wenig Zeit –, wollen einem nur allzu bekannt vorkommen.

Natürlich kann es frustrieren, dass die Probleme von damals den Problemen von heute so teuflisch ähnlich sind. Ebenso wie es deprimierend ist, einen funktionsfähigen Repressions-Apparat der Geschlechterstereotypen am zerstörerischen Werk zu sehen, auch wenn dieser mittlerweile nicht mehr ganz so reibungslos schnurrt. Ohnehin hilft Jammern wenig und sollte auch die Freude darüber nicht trüben, dass hier ein umfangreiches Korpus weiblichen Filmschaffens in einem Schaufenster präsentiert wird, dessen Größe der Bedeutung dieses Korpus für die Geschichte (beider) Deutschlands im 20. Jahrhundert angemessen ist. Darüberhinaus hat die Frau im Publikum gute Chancen, sich zur Abwechslung mal in ihrer ganzen Lebensrealität und mit allen Ecken und Kanten auf der Leinwand repräsentiert zu finden. Solche Gelegenheiten gibt es nicht alle Tage. In diesem Sinne: Nichts wie hin!