Weitere Änderungen, wieder neue Regeln und allgemein ein noch größeres Durcheinander, so viel verspricht der 72. Jahrgang der Internationalen Filmfestspiele von Cannes vorab. Dabei lohnt es viel mehr, über die Filme zu reden. Ein Ausblick auf zwölf Tage Kino pur.
Festivals sind zum Feiern da. Das war einmal. Im Hinblick auf Filmfestivals, insbesondere dem international bedeutendsten seiner Art, kommt man mit dieser Auffassung längst nicht mehr weit. Vorbei sind die Zeiten, wo sämtliche Kritiker, Filmemacher und Cineasten in Cannes am Premierenabend in eine einzige große Galavorstellung passten. Und durften! Denn nicht genug, dass sich statt gerade einmal 700 akkreditierten Journalisten in den sechziger Jahren heute weit über 4000 Medienvertreter an der Croisette tummeln, was die Sichtungsgarantie angesichts der herrschenden knallharten Hierarchien bei der Badge-Vergabe ohnehin ungemein erschwert. Nein, mittlerweile herrschen derart viele Regeln, Einschränkungen und Embargos, mit denen das Festival die Berichterstattung in die von ihm als optimal und angemessen empfundenen Bahnen zu lenken versucht, dass von Pressefreiheit kaum mehr die Rede sein kann. Dabei gibt es doch aus Cannes nicht nur Negatives zu berichten. Im Gegenteil. Von den allgemeinen, zunehmend erschwerten Lebens- und Arbeitsbedingungen der Filmkritiker im Festivalchaos mal ganz abgesehen, kann sich beispielsweise die Auswahl der Filme, die in den kommenden zwölf Tagen an der Côte d’Azur präsentiert werden, durchaus sehen lassen. Nur redet bei so viel Aufregung vorab kaum mehr jemand darüber, was gezeigt wird, zumal keiner mehr weiß, wann man was, wie, wo und ob überhaupt zu sehen bekommt. Und natürlich ist derzeit auch alles Reden über die diesjährigen Anwärter auf die begehrte Goldene Palme reine Spekulation, denn noch ist völlig offen, ob die Werke der in diesem Jahr eingeladenen Autorinnen und Autoren am Ende tatsächlich auch auf der Leinwand bestehen. Doch auch in Cannes ist die Vorfreude immer noch die schönste Freude und damit der Blick ins offizielle Programm ein Blick voller Hoffnung und Zuversicht.
Was den Wettbewerb angeht, könnte die Mischung in diesem 72. Jahrgang abwechslungsreicher und unberechenbarer kaum sein. Nachdem es nun auch Quentin Tarantino mit Once Upon A Time In Hollywood kurz vor Torschluss und wider aller Erwartungen doch noch in die Auswahl geschafft hat, reicht das filmkünstlerische Spektrum heuer erneut von klein und fein bis over-the-top und über alle geografischen und kreativen Grenzen hinaus. Erfreulich ist dabei nicht nur der (wenn auch schleichende) Zuwachs an Regisseurinnen, in diesem Jahr vier von insgesamt einundzwanzig – darunter nicht zuletzt Jessica Hausner mit ihrem Sci-Fi-Drama Little Joe. Vielversprechend klingt vor allem, dass es neben Cannes-Competition-Klassikern wie Terrence Malick (A Hidden Life), Pedro Almodóvar (Pain and Glory), Arnaud Desplechin (Oh Mercy!), den Dardenne-Brüdern (Young Ahmed), Xavier Dolan (Matthias & Maxime) und Ken Loach (Sorry We Missed You) heuer auch Regisseure wie Ira Sachs (Frankie) und Corneliu Porumboiu (The Whistlers) ins Rennen um die Palme d’Or geschafft haben. Auch Kleber Mendonça Filho ist mit seinem neuen Film Bacurau vertreten, und man darf gespannt sein, was der Brasilianer diesmal in Ko-Regie mit seinem regelmäßigen Production Designer Juliano Dornelles auf die Leinwand zu zaubern vermag. Beschrieben wird das Projekt auf dem Papier einstweilen als Genre-Mix aus Western, Abenteuer und Science Fiction, in dem die stets wundervolle Sonia Braga und Udo Kier die Hauptrollen spielen. Dass bei einer derart wilden Konstellation im Grunde alles passieren kann, ist vorprogrammiert. Aber auch das ist Kino in Cannes: ein Wagnis. Das weiß beispielsweise auch der vielseitige Koreaner Bong Joon-ho, der nach seinem Gutmonsterfilm Okja vor zwei Jahren nun mit dem tragikomischen Familendrama Parasite in den Wettbewerb zurückkehrt. Die von Alejandro González Iñárritu präsidierte und mit Kelly Reichardt, Alice Rohrwacher, Robin Campillo, Yorgos Lanthimos und Pawel Pawlikowski verdächtig Regie-schwere Jury dürfte sich angesichts einer derart breit gefächerten Aufstellung nicht leicht tun, in knapp zwei Wochen den oder die am ehesten palmenwürdige KollegIn zu benennen.
Und überhaupt. Wem das an cinephilem Namedropping noch nicht ausreicht, der muss nur einen Blick auf das Line-Up der außer Konkurrenz und in Spezialvorstellungen gezeigten Filme werfen. Dafür konnte Festivaldirektor Thierry Frémaux unter anderem das Elton-John-Biopic Rocketman von Dexter Fletcher sowie die Amazon-Serie Too Old To Die Young von Nicolas Winding Refn gewinnen. Zwar werden in Cannes nur die ersten zwei Folgen des Zehnteilers gezeigt, dafür wird jedoch der dänische Regisseur zusätzlich zur Vorführung in einem zweistündigen Interview selbst auf der Bühne Rede und Antwort stehen und über sein aktuelles und vergangenes Filmschaffen plaudern. Allein ist er damit nicht, denn Cannes hat in den letzten Jahren kontinuierlich sein Angebot an Masterclasses ausgebaut, die eine willkommene Abwechslung im hektischen Screening Schedule darstellen. Neben Winding Refn laden in diesem Jahr außerdem Alain Delon und Sylvestor Stallone zum „Rendezvous“.
Darüber hinaus geht es in den Nebenreihen nicht weniger spannend zu. Zwar gerät die offiziell zweitwichtigste Sektion Un Certain Regard angesichts der zunehmenden Profil- und Charakterstärke der La Quinzaine des Réalisateurs (Director’s Fortnight) zunehmend in Bedrängnis. Doch auch die absolute Offenheit und Unkalkulierbarkeit eines vornehmlich aus neuen, unbekannten und risikofreudigen Regisseuren bestehenden Line-Ups hat durchaus seinen Charme. Wer lieber auf Nummer sicher geht, halte sich stattdessen an die einen Steinwurf vom Palais des Festival entfernt im Théâtre Croisette präsentierten Highlights der Quinzaine, zu denen unter anderem Robert Eggers‘ The Lighthouse mit Willem Dafoe und Robert Pattinson in den Hauptrollen gehört. Darüber hinaus wird Robert Rodriguez im Rahmen einer Masterclass seinen neuen Mikro-Budget-Thriller Red 11 zeigen, während Lav Diaz mit einem politischen Sci-Fi-Drama (The Hault) aufwartet und Kult-Regisseur Miike Takashi in First Love einen Boxer und ein Callgirl zusammenbringt, die sich in ein schmutziges Drogengeschäft verwickelt haben. Aus Österreich ist zudem der Dokumentarist Andreas Horvath mit seinem Spielfilmdebüt Lillian vertreten, in dem er die wahre Geschichte der russischen Immigrantin Lillian Alling nacherzählt, die in den zwanziger Jahren aus Geldmangel beschloss, zwölftausend Meilen Fußmarsch von New York nach Russland anzutreten, um zu ihrer Familie zurückzukehren.
Offiziell eröffnet wird das Festival am Dienstagabend jedoch zunächst mit Jim Jarmuschs The Dead Don’t Die – auch das eine willkommene und aus festivalstrategischer Sicht extrem kluge Wahl. Denn das heißt in erster Linie, dass es voll werden dürfte auf dem roten Teppich, zumal neben Bill Murray und Adam Driver, die in der neuen schwarzen Komödie des amerikanischen Kultmeisters die Hauptrollen übernehmen, zudem etliche von Jarmuschs regelmäßigen Kollaborateuren mitwirken, darunter Tilda Swinton, Steve Buscemi und Iggy Pop.
