Die notorische US-Höchstrichterin und Frauenrechts-Ikone Ruth Bader Ginsburg als Dokumentar- und Spielfilmheldin.
Junge Menschen neigen häufig dazu, Dinge für selbstverständlich zu nehmen, die noch ein, zwei Generationen vor ihnen alles andere als selbstverständlich waren. Dass zum Beispiel Schweizer Frauen bis zum Jahr 1971 nicht wählen durften, hob erst im Sommer 2017 die amüsante Komödie Die göttliche Ordnung von Petra Volpe ins Bewusstsein. Frauen bei der Polizei, beim Militär, in Technikberufen? Gleiche Ausbildungs- und Berufs-Chancen wie Männer? Selbstbestimmung über den Nachwuchs im eigenen Körper? Bis weit in die zweite Hälfte des 20. Jahrhunderts auch in vielen westlichen Demokratien keine oder kaum eine Option. Um all diese Dinge musste gestritten und gekämpft werden.
Heute mag man diskutieren, ob es immer noch die sprichwörtliche „gläserne Decke“ ist, aufgrund derer Frauen seltener in Spitzenpositionen aufsteigen. Wenn aber immer wieder gleiches Gehalt für gleiche Arbeit gefordert wird, warum macht dann kaum jemand darauf aufmerksam, dass es ein Gefälle der Wertschätzung geleisteter Arbeit nicht nur zwischen Männern und Frauen gibt? Nur zum Beispiel: Freie Medien-Arbeiter, die in steigender Zahl für das unbestritten immer wertvollere Gut unabhängiger Öffentlichkeit sorgen, denken nicht in Inflationsraten, sondern müssen sich sorgen, ob sie nächsten Monat noch die Miete bezahlen können – egal, ob weiblich oder männlich. Es steht zu vermuten, dass Aufsätze wie dieser hier in nicht allzu ferner Zukunft ausschließlich im Rahmen unbezahlter Freizeit-Denkerei entstehen werden.
Doch zurück zu den historischen Wurzeln der Gleichberechtigung. Den allermeisten jungen US-Amerikanerinnen, auch gebildeten, war bis vor Kurzem der Name Ruth Bader Ginsburg kein Begriff – außer Juristinnen und Juristen, zumal solchen, die sich mit Fragen der rechtlichen Gleichstellung von Mann und Frau oder mit Höchstgerichtsfällen befassen. Das änderte sich im Herbst 2015, als das Buch „Notorious RBG“ erschien, veröffentlicht von der Journalistin Irin Carmon und der Jus-Studentin Shana Knizhik.
Zwischen tausend grauen Hosenbeinen, die zur Eröffnungsveranstaltung auf die Uni strömen, bleibt die Kamera effektvoll an einem Rock, an Strümpfen und Pumps hängen
Eine Höchstrichterin als Rap-Ikone? Eine hochbetagte Liberale als Galionsfigur feministischer Millennials? Wenn Stars wie
Lena Dunham oder Amy Schumer das so sehen und die Richterin nur noch bei ihrem coolen Kürzel RBG nennen, bekommt auch ein ungewöhnliches Fantum schnell Aufwind – „Keine andere Richterin hat die amerikanische Volksphantasie so sehr beflügelt wie diese winzige Frau mit der großen Brille“, schrieb die in den USA lebende „ray“-Autorin Marietta Steinhart auf „Zeit online“. Begonnen hat es 2013, also nicht als Antwort auf den jüngsten rechtskonservativen Ruck in Amerika, sondern schon drei Jahre vor der Wahl Trumps, mit einem Tumblr von Shana Knizhik. Der jungen Juristin war aufgefallen, wie häufig die langjährige Höchstrichterin in jüngerer Zeit eine „dissenting opi-
nion“ veröffentlicht hatte, also eine stark von einer Mehrheitsentscheidung des Gerichts abweichende Meinung. Unter Bush Jr. war ja der U.S. Supreme Court, wenig verwunderlich, nach rechts gerückt. Diesen Trend griff Trump im vergangenen September mit der Nominierung des heftig umstrittenen Brett Kavanaugh wieder auf – genug Material übrigens für einen eigenen Hollywood-Skandalfilm –, was wiederum den Ikonenstatus der liberalen Außenseiterin RBG weiter beflügelt haben dürfte.
RBG – Action for fairness
Mittlerweile funktioniert sogar eine Art glorifizierendes Merchandising prächtig, vom T-Shirt mit der gekrönten Ginsburg drauf zur Kaffeetasse mit dem lässigen Spruch „You can’t spell truth without Ruth“. Sogar als Actionfigur verkauft sich die Richterin. Nicht zuletzt, weil im Vorjahr der Dokumentarfilm RBG von Betsy West und Julie Cohen den Faden aufgegriffen und die Karriere der Frauenrechts-Pionierin auf die Leinwände des regulären Kinobetriebs gebracht hat. Kern der Filmbiografie: Bader Ginsburgs Husarenstück in den siebziger Jahren, als sie fünf von sechs Fällen von Geschlechterdiskriminierung vor dem Höchstgericht gewann. RBG erhielt mehrere Kritikerpreise und lief bzw. läuft auch in Österreich im Kino, deutscher Untertitel: Ein Leben für die Gerechtigkeit. (Er ist auch auf Amazon Prime verfügbar, Ende April soll er bei Koch Media auf DVD erscheinen.)
Die ziemlich konventionelle Erzählweise von RBG kann durchaus als störend empfunden werden. Viele „talking heads“ – darunter die Feministin Gloria Steinem und die beiden Kinder Bader Ginsburgs – wechseln mit privaten und Fernseharchivbildern. Tonaufnahmen werden darüber gelegt, Themenblöcke gerafft abgespult, von den üblichen Doppelungs- und Beglaubigungsstrategien ganz zu schweigen. Doch in diesem Fall sieht man leichter über die einfallslose Form hinweg als bei vergleichbaren US-Dokus über prominente Persönlichkeiten. Denn im Mittelpunkt steht eine überaus sympathische, vitale Kämpferin, und der Erzählton ist trotz des ernsten Themas ein angenehm beschwingter. Zu einem Gutteil liegt das an dem Mann an Bader Ginsburgs Seite: ein heiterer, humorvoller, selbstbewusster Ehegatte, selbst Steueranwalt, dem immer etwas einfiel, um die damals „verkehrten“ Geschlechterrollen in seiner Familie zu ironisieren. „Meinen Mann kennenzulernen, war mit Abstand das größte Glück meines Lebens“, sagt RBG einmal. Leider ist Martin Ginsburg nicht mehr in aktuellen Bildern zu sehen; er starb im Jahr 2010.
Ruth Bader stammt aus einer jüdischen Einwandererfamilie in Brooklyn und studierte als eine der ersten Frauen in Harvard. Das Hollywood-Biopic On the Basis of Sex macht daraus gleich zu Beginn das auf der Hand liegende Bild. Zwischen tausend grauen Hosenbeinen, die zur Eröffnungsveranstaltung auf die Uni strömen, bleibt die Kamera effektvoll an einem Rock, an Strümpfen und Pumps hängen. Wenig später bei einer Dinnerparty werden Ginsburg und ihre bloß acht Kommilitoninnen des Jahrgangs vom Dekan gefragt, warum sie jeweils einen Platz besetzen, den ein Mann einnehmen könnte. Ein Anflug von Zorn ist in ihrem Gesicht zu sehen. Doch ihre Mutter hat Ruth früh beigebracht, Zorn zu unterdrücken, weil er sie nicht weiterbringe. Also sagt sie, im Film unter der Regie von Mimi Leder nach dem Drehbuch ihres Neffen Daniel Stiepleman, und sinngemäß soll sie es damals wirklich so gesagt haben: „Mein Mann studiert hier im zweiten Jahr. Ich bin in Harvard, um etwas über seine Arbeit zu erfahren. Damit ich ihm eine geduldigere und verständnisvollere Frau sein kann.“
Auch in weiteren Phasen ihrer Karriere, so legt die Handlung nahe, versucht Bader Ginsburg nicht allzu sehr anzuecken, um das „bigger picture“ ihrer Arbeit nicht zu gefährden. Sie weiß schon früh, dass ihr ganzes Leben sich um die rechtliche Gleichstellung von Mann und Frau drehen wird (Die Berufung – Ihr Kampf für Gerechtigkeit wurde als deutscher Verleihtitel gewählt). Zunächst gilt es allerdings, sich in einer Dreifachbelastung zu bewähren. Obwohl sie für ihren an Hodenkrebs erkrankten Mann und die gemeinsame Tochter sorgen muss und dabei sogar für ihn Kurse besucht, schließt Ruth ihr Studium mit Auszeichnung ab. Nicht, dass ihr das Diplom als Klassenbeste auch nur ein einziges Jobangebot eingebracht hätte. Ein New Yorker Anwalt, bei dem sie sich bewirbt, bescheidet ihr: „So eine hübsche junge Frau wie Sie würden die Ehefrauen meiner Angestellten sicher nicht mit ihren Männern zusammenarbeiten lassen.“
On the Basis of Effort
In den USA startete On the Basis of Sex fast punktgenau 25 Jahre nach Bader Ginsburgs Ernennung zur Höchstrichterin im Dezember 1993. Der damalige Präsident Bill Clinton hatte sie als erst zweite Frau in der Geschichte des Gerichts nominiert, weil sie ihm von allen Seiten und nicht zuletzt von ihrem Ehemann als fähigste Kandidatin nahegelegt worden war, wie er in RBG erklärt. Ein Herzstück des Dokumentarfilms sind denn auch die Aufnahmen der Anhörung im Senat nach ihrer Ernennung, welche sie auf dem Höhepunkt ihrer Eloquenz und Argumentationskraft zeigen; On the Basis of Sex dagegen konzentriert sich auf den holprigen Beginn ihrer Karriere als eifrige Studentin, Rechtsreferendarin und Uniprofessorin und mündet in ihre Zeit als Anwältin für die US-Bürgerrechtsunion in jenen aufsehenerregenden Diskriminierungsfällen, mit denen sie Schritt für Schritt ihre Reputation aufbaut. Eine der spannendsten Szenen des Films ist ihr erster Fall vor dem Höchstgericht: Sie ist zwar perfekt vorbereitet, hat aber Schwierigkeiten, ihre Nervosität als Frau vor lauter mächtigen Männern abzulegen.
Als zusätzliches Konfliktfeld, neben den vielen Prügeln, die Bader Ginsburg in ihrem Karriereweg beiseite legen muss, gestalten sich Auseinandersetzungen mit ihrer impulsiven Teenager-Tochter Jane. Geprägt von der 68er-Bewegung, bringt Jane nicht die Geduld auf, diverse Rechtsinstanzen abzuwarten, um gesellschaftlich als gleichberechtigt angesehen zu werden. Stattdessen marschiert sie lieber durch die Straßen und hält Transparente hoch.
Gespielt wird Ruth Bader Ginsburg durchaus überzeugend von Felicity Jones, die neben ihren Blockbuster-Rollen schon öfter als brave Ehefrau oder Gespielin an der Seite erfolgreicher Männer besetzt wurde, so etwa als Gattin Stephen Hawkings in The Theory of Everything (2014, James Marsh) oder als Geliebte von Charles Dickens in The Invisible Woman (2013, Ralph Fiennes). Bader Ginsburgs stets unterstützender Mann Marty wird von dem Charmebolzen Armie Hammer personifiziert, On the Basis of Sex spielt interessanterweise weniger mit dessen legendärem Hang zum anekdotenhaften Witz als RBG. Insgesamt wirkt die Inszenierung der Hollywood-Variante viel glatter gebügelt als sie eigentlich sein müsste; es ist, als würde man eine strahlende Ausnahmefigur in die Konventionen eines mediokren Melodramas um ein aufstrebendes Juristenpärchen zwängen.
Am 15. März dieses Jahres wird Ruth Bader Ginsburg 86. Sie ist immer noch ein Energiebündel, freut sich sichtlich am Leben und an der Aufmerksamkeit, die ihr im Winter ihrer Karriere entgegengebracht wird. Ein Personal Coach treibt sie zu ihren regelmäßigen Liegestützen, aber man hat den Eindruck, sie würde die Disziplin dafür auch so aufbringen. Ein hübscher Kniff am Ende des Biopics ist, Felicity Jones auf den Stufen zum Höchstgericht wie von Zauberhand rückverwandelt zu sehen in die reale Ruth Bader Ginsburg. So kann die Zuseherin und der Zuseher direkt in die leuchtenden Augen jener kleinen Frau blicken, die so viel für die Gerechtigkeit getan hat. Was Ruth Bader Ginsburg verabsäumt hat, war, während der Präsidentschaft Barack Obamas zurückzutreten, um einer liberalen Nachfolgerin oder einem liberalen Nachfolger den Weg zu ebnen. Nun könnte man den Auftritt am Ende von On the Basis of Sex auch als kleine Ansage der an Lungenkrebs erkrankten Richterin deuten, noch eine Zeit lang durchhalten zu wollen. Jedenfalls bis Trump abgewählt wird und er an ihrer Stelle keinen weiteren Brett Kavanaugh ernennen kann.
