Inland Film

Filmkritik

Inland

| Jakob Dibold |
L’enfer, c’est les autres – Existenz in rot-weiß-rot

Die Republik Österreich im Jahre 2017. Im Oktober wird ein neuer Nationalrat gewählt und das, was viele fordern, wird tatsächlich eintreten: Diese Regierung muss weg. Die drei Menschen, die Ulli Gladik vor und nach der Wahl begleitet, sind vor allem von den Sozialdemokraten enttäuscht. Einst durch „roten“ Familienhintergrund geprägt, fühlen sie sich heute von ebendiesen im Stich gelassen und nicht mehr repräsentiert. Deshalb wird diesmal die Freiheitliche Partei jene sein, für die sie stimmen.

Von Gladiks ruhigem, beinahe sanftem Nachfrage-Ton fühlt sich niemand bedrängt, im Gegenteil: Man erzählt gerne. Von der eigenen Wahrnehmung der Missstände, von den eigenen Sorgen und Wünschen. Die Chance, gehört zu werden, nimmt man wohlwollend wahr. Da ist zum einen der kleine Beamte, der sich als Arbeiter fühlt und als solcher vernachlässigt und nicht mehr ernst genommen. Obwohl er ob seiner Herkunft selbst von persönlicher Diskriminierung zu berichten weiß, wird er nicht müde, voller Überzeugung zu argumentieren, wer das Hauptproblem darstellt: natürlich „die Ausländer“. So grundsätzlich verurteilt die gar aus kommunistischem Elternhaus stammende Kellnerin jene nicht, sie gibt vielmehr Einblick in ein wohl ebenso tiefsitzendes Denken: Von dem, was ich nicht in meinem unmittelbaren Umfeld erfahre, kann ich nichts wissen und nichts verstehen, ergo auch nichts bewerten. Um diese ganze Politik wirklich zu begreifen, fehle schlussendlich einfach die Zeit. Der dritte „Inländer“ wohnt derzeit in einem Obdachlosenheim. Er plant, wieder ins Arbeitsleben einzusteigen, bis dahin erfüllt ihn vor allem das Hobby der Fotografie. Die liebsten Motive werden stolz präsentiert: Norbert Hofer und Heinz-Christian Strache. Der Sozialhilfe-Profiteur führt auch sein xenophobes Ressentiment am bildhaftesten vor; und zwar derart heftig, dass sich die Absurdität der Logik dahinter nach außen kehrt.

In Christian, Gitti und Alexander sehen wir – zu jeweils verschiedenen Teilen – vieles vereint. Durch die Begegnung auf Augenhöhe lassen die drei ihre Realität ökonomischer Ängste und Politik-Skepsis spürbar werden. Zudem offenbaren sich jedoch weit über die klassischen Protestwählerschafts-Charakteristika hinaus strenger Nationalismus und kompromissloser Fremdenhass. Inland beantwortet keine Fragen, sondern impliziert durch nur wenig kommentiertes Zuhören die Dringlichkeit des Fragens. Wie geht es weiter mit dieser Gesellschaft? Aber auch: Wie hört man jemandem, der anzweifelt, dass geflüchtete Personen Menschen sind, eigentlich zu?