Jerome Bel

ImPulsTanz

Tanz oder nicht Tanz

| Andreas Ungerböck |
Der radikale französische Choreograf Jérôme Bel ist beim Festival ImPulsTanz gleich mehrfach vertreten – unter anderem mit einem Film, der seine bisherige Arbeit zusammenfasst.

Einem tanzaffinen Publikum muss man Jérôme Bel gewiss nicht vorstellen, schon gar dem des Wiener ImPulsTanz-Festivals, wo der 1964 in Paris geborene Tänzer und Choreograf schon öfter zu Gast war. Bel, der 1984 unter dem Eindruck von Pina Bausch und Anne Teresa De Keersmaeker, deren Arbeiten er im Jahr zuvor beim Theaterfestival in Avignon gesehen hatte, Tanz zu studieren begann, gilt heute als einer der radikalsten und ungewöhnlichsten Choreografen der Gegenwart. Seine Arbeiten – er schuf 1994 mit „Nom donne par l’auteur“ sein erstes eigenes Stück – sorgen regelmäßig für Aufsehen und für heftige Reaktionen – von einhelliger Begeisterung bis wilder Entrüstung ist alles dabei. Warum das so ist – und es bleibt jeder Betrachterin und jedem Betrachter überlassen, sich auf die eine oder die andere Seite zu schlagen –, können tanztheaterhistorisch weniger Eingeweihte beim diesjährigen ImPulsTanz-Festivals anhand eines 75-minütigen Films nachvollziehen, der den schlichten und höchst zutreffenden Titel Retrospective trägt und am 22. Juli im Akademietheater zu sehen ist. Es handelt sich sozusagen um eine Art „Bel in a nutshell“, ein Kompendium, das zurückreicht bis in die mittleren neunziger Jahre.

Zu Beginn des Films ist der Künstler selbst im Bild, der mehr oder weniger starr in die Kamera blickt, sich vorstellt (Name, Alter, Geburtsort) und quasi eine Inhaltsangabe dessen liefert, was in der Folge zu sehen sein wird, nämlich 18 Tänze aus seinem Œuvre, chronologisch geordnet und subjektiv von ihm ausgewählt. Da dies seine 20. Arbeit sei, habe er beschlossen, eine Zusammenfassung seines bisherigen Schaffens zu zeigen, anstatt etwas Neues zu machen. Das Verschwinden seiner alten Stücke solle so verhindert werden, so Jérôme Bel, zugleich sei dieser Film „ihr Grab“. Er bedankt sich bei den 52 Tänzerinnen und Tänzern, die in dem Film zu sehen sind, und spricht davon, dass der Film Ausdruck seiner „Obsessionen“ sei: Es gehe um Körper, Sprache, Kultur, Identität, Macht, Verletzlichkeit und um Gleichheit.

Wenn Bel in seiner Einführung etwas nachdenklich, gar ratlos wirkt, dann kann das natürlich Masche sein, schließlich hat er immer wieder mit seinem eigenen Abschied von der Bühne, seinem Verschwinden kokettiert. Titel wie „The Last Performance“ (1998) oder „3Abschied“, 2010 zusammen mit Anne Teresa De Keersmaeker realisiert, lassen durchaus diesen Schluss zu. Auf der anderen Seite, und hier wird es bemerkenswert, spricht Jérôme Bel in seiner Einführung davon, dass dieser Film „ökologisch“ sei, weil er recyceltes Material enthalte, weil man kein Flugzeug brauche, um ihn zu transportieren, ja, generell sei er wenig Energie-aufwändig. Und das ist mehr als leeres Gerede: Schaut man auf seine Website, kann man dort lesen, dass die Compagnie mittlerweile „nicht mehr mit dem Flugzeug“ zu ihren Gastspielen anreise. Wie sehr Kunstproduktion aller Art – vom Film (dort ganz besonders) bis zum Tanz, von der Malerei bis zur Musik – Ressourcen verschleudert und die Umwelt belastet, ist, von zarten einzelnen Ansätzen abgesehen (siehe auch „ray“ 10/2018), immer noch mehr oder weniger ein Tabu. Bel immerhin zählt zu den – immer noch viel zu wenigen – Künstlern, die sich mit solchen Fragen auseinandersetzen. Folgerichtig lädt der französische Choreograf bei seinem diesjährigen Wien-Aufenthalt – bei freiem Eintritt – Akteurinnen und Akteure aus den Bereichen Tanz, Choreografie, Produktion, Kritik, Aktivismus, Technik und vor allem auch das interessierte Publikum zu einem offenen Dialog zum Thema „Dance and Ecology“ ein. Ein Ziel der Veranstaltung sei, so heißt es, während dieses Wochenendes gemeinsam einen Text zu entwickeln, der zum Ausgangspunkt einer breiten und lebhaften Diskussion im Web werden könne.

Doch zurück zu Retrospective: Da auf der Wunsch von Bels Compagnie hier nicht gespoilert werden soll, welche Stücke und welche Szenen daraus der Film enthält, nur so viel: Es ist das allermeiste dabei, was Bels Fans an ihm lieben und was seine Kritiker regelmäßig die Wände hochgehen lässt – von sehr berührend und humorvoll bis bewusst abgedroschen und grotesk albern (Stichwort: schlenkernder Penis). Die chronologische Anordnung der einzelnen Performances ermöglicht es jedenfalls auch, die zunehmende Radikalisierung von Jérôme Bels Arbeit nachzuvollziehen, die, über die Jahre gesehen, zunehmend weniger mit dem zu tun hat, was man als „Tanztheater“ oder „Performance“ zu kennen glaubte. Virtuosität ist ihm ebenso ein Gräuel wie Perfektion, dem einzementierten Star-System im traditionellen Ballett hat er mit einer sehr bewegenden Arbeit über eine scheinbar „unbedeutende“ Corps-Tänzerin des renommierten Ballet de l‘Opéra de Paris eine radikale Absage erteilt.

(Auch) unter dem Eindruck der Lektüre von Guy Debords wegweisendem Werk „Die Gesellschaft des Spektakels“ (1967) entschied er sich früh, alles was den Warencharakter der Kunst, die Verführung und Überrumpelung der Zuschauerinnen und Zuschauer ausmacht, zu eliminieren: Kostüme, Requisiten, Bühnenbild, Illusion und Täuschung, Glanz und Glamour, all das hat bei Jérôme Bel keinen Platz, und gerade deswegen erntete er immer wieder harsche Kritik. Die ebenso banale wie müßige Frage, ob es einem Publikum zugemutet werden könne, statt einer virtuosen Tanztruppe oft Leute wie dich und mich auf einer mehr oder weniger leeren Bühne zu sehen, die das tanzen, was sie eben können und was oft nicht sehr viel ist, begleitet Bels Inszenierungen seit Jahren. Leute, die die Demokratisierung der Gesellschaft in allen Bereichen, ja Inklusion, Teilhabe und Barrierefreiheit fordern, sind, wenn es um das Geschehen auf einer Tanzbühne geht, oft erstaunlich borniert. Jedenfalls kann es nicht verwundern, dass der Film ohne jegliche Angaben zur Crew endet, dafür sind eine geraume Zeit lang die Namen der 52 Tänzerinnen und Tänzer zu lesen.

Und wie um zu beweisen, dass es ihm nicht radikal genug sein kann, bestreitet Jérôme Bel bei ImPulsTanz noch einen dritten Programmpunkt, der es in sich hat. Er wagt sich an die 1949 verfasste „Lecture on Nothing“ des großen US-amerikanischen Extrem-Avantgardisten John Cage, eine Art Komposition aus Sätzen, Pausen und Stille, die mit dem schönen Satz „I am here and I have nothing to say“ beginnt und in der Folge diese These wortreich zu untermauern versucht. Dieses sperrige, rund einstündige „Ding“ (in Ermangelung eines besseren Wortes) zu lesen/zu realisieren, gehört zu den großen Herausforderungen der Performance-Kunst – 2012 etwa stellte sich der prominente texanische Theatermacher Robert Wilson im Rahmen der ruhrtriennale in Bochum der Challenge und schlug sich, so der allgemeine Tenor, wacker. Bel wird die „Lecture“ im Original, also auf Englisch, aufführen. Definitiv ein (weiteres) Ereignis.