I Got My Things and Left

Kurzfilmtage Oberhausen

„Shortkurov“ und die Trailershow

| Oliver Stangl |
Die 65. Kurzfilmtage Oberhausen punkteten mit einem qualitativ hochwertigen Wettbewerbsprogramm, herausragend war neben einem Trailer-Schwerpunkt das Frühwerk des russischen Filmemachers Alexander Sokurov.

„Besser der richtige Film in einem leeren Kino als der falsche in einem vollen.“ Selbstverständlich hielt Lars Henrik Gass auch heuer wieder eine Rede, die sich nicht mit Forderungen an die Kulturpolitik zurückhielt. Nach dem schlechtesten deutschen Kinojahr seit Beginn der Aufzeichnungen plädierte der langjährige Festivaldirektor dafür, Kinokultur (mit Schwerpunkt auf Kultur) stärker zu fördern. Der künstlerisch anspruchsvolle Film, der auf Festivals und in Filmmuseen sein Überleben finden werde, so Gass‘ These, bedürfe endlich einer Förderung, die für Theater und Oper bereits selbstverständlich sei. Dabei verhehlte der Festivalleiter – in einer Mischung aus Ernsthaftigkeit und Selbstironie – nicht, dass seine Forderungen nach von der Politik nach wie vor ignoriert würden. Doch ist mit Defätismus in Oberhausen wohl auch weiterhin nicht zu rechnen. Den emotionalen Höhepunkt der Eröffnung bildete die Gedenkminute für den überaus verdienstvollen, 2018 verstorbenen Festivalgründer Hilmar Hoffmann.

Künstlerisch gesehen war es ein gutes Jahr in Oberhausen: Das älteste Kurzfilmfestival der Welt punktete auch 2019 mit Vielfalt, die von experimentellen Arbeiten über Dokumentarfilm hin bis hin zu Animation reichte (sehenswertes Beispiel für Letzteres: Edge von US-Künstler Steven Subotnick ist ein virtuoses Spiel mit simplen Schwarzweiß-Elementen). Filmschaffende aus China haben den internationalen Wettbewerb in den letzten Jahren immer wieder mit komplexen Werken bereichert, diesmal lässt sich Zheng Yuans Dream Delivery hervorheben: Ein wenig an Chris Markers Sans Soleil (1983) erinnernd, versenkt sich der Neunminüter in die Träume eines Motorradboten. Mit sorgfältigen Kamerabewegungen und Tableaus, die den chinesischen Alltag mit Landmarks wie der Sphinx von Gizeh oder der Akropolis in Athen kurzschließen, gelingt es dem Film, die im Titel angedeutete Traumartigkeit zu erreichen; zudem lässt sich das Werk mit seinem Kontrast zwischen der traumartigen Lähmung der Boten und der harten Realität als Reflexion über den Kapitalismus Made in China lesen.

Der indische Beitrag F(X) von Naveen Padmanabha war mit seinen 25 Minuten vielleicht eine Spur zu lang, doch gelang ihm mit der Übersetzung von Chabots in die „reale“ Welt eine oftmals amüsante Arbeit über künstliche Intelligenz und deren emotionale Lernfähigkeit. Die große Stärke des diesjährigen Festivals machten aber dokumentarische Arbeiten aus. Hervorgehoben sei hier der ukrainische Beitrag Façade Colour: Blue von Oleksiy Radynski: Im Zentrum steht der neunzigjährige Architekt, Geigenbauer Dichter Florian Yuriev, dessen bekanntes „UFO-Gebäude“ von der Erweiterung eines Einkaufszentrums bedroht wird. Der Kampf Kunst gegen Kommerz wird hier direkt und unprätentiös am Fall einer eindrucksvollen Künstlerpersönlichkeit verhandelt.

 

„Astounding!“, „Earth shattering!“, „Astonishing!“

Ein absolutes Highlight der diesjährigen Filmtage war der Schwerpunkt zum russischen Regisseur Alexander Sokurov, der auch eine Masterclass in der „Wiege der Ruhrindustrie“ hielt. Mit seinen fordernden Langfilmen wurde er berühmt (der 96-minütige Russian Ark aus dem Jahr 2002 etwa wurde in einer einzigen Einstellung gedreht), die kurzen und frühen, in der UdSSR entstandenen Filme bekommt man allerdings nur selten zu sehen. Eine Entdeckung! In Marija etwa porträtierte der Regisseur dokumentarisch das Leben von Kolchose-Frauen, die „Männerarbeit“, wie es einmal heißt, verrichten. Wie Sokurov hier Inszenierung und Beobachtung verbindet, erreicht eine lyrische Qualität, die ihresgleichen sucht. Im Zentrum steht Marija, die früh ihren Sohn verloren hat und der Arbeit alles unterordnet. Am Grab des Sohnes meint sie etwa, dass dieser „jetzt schon arbeiten würde“, wenn er noch lebte. In der Schwarzweiß-Fortsetzung (eine Metaebene zeigt Hinterbliebene, die sich im heruntergekommenen Dorfkino den ersten Teil ansehen), die neun Jahre später entstand, ist Marija selbst tot. Ein berührendes Porträt einer überzeugten und tragischen „Heldin der Arbeit“, die aufgrund ihrer schweren Tätigkeit keine Kinder mehr bekommen konnte. Man merkt hier bereits, dass Sokurov keine Lust hatte, ein unkritisches Hohelied auf den Sozialismus zu singen; sein Kurzspielfilm The Degraded (1980), der von einem Mann erzählt, der vom Staatsdienst verstoßen wurde, war den offiziellen Stellen ein Dorn im Auge. Künstlerisch ist dieser Film zwar nur zum Teil gelungen, doch weist er eine schöne Schlusspointe auf. Sokurovs vielleicht untypischster Film, die Auftragsarbeit Patience Labour, gefiel ursprünglich ebenfalls nicht: Dieser virtuos geschnittene, an der Schnittstelle von Videoclip, Dokumentarfilm und Experiment angesiedelte Film (1986-87) zeigt die Härte, die man durchstehen muss, um es zum Eiskunstlaufstar zu bringen – schonungslos und faszinierend. Wer bislang vor den „schweren“ Langfilmen des Regisseurs zurückschreckte, die jede Menge russische Seele atmeten, könnte über die grandiosen Kurzfilme den Einstieg finden.

Das zweite große Highlight des diesjährigen Festivals bildete ein Schwerpunkt zu Filmtrailern, ein Genre an der Schnittstelle von Werbung und Kunst also. Versammelt waren unter anderem Beispiele, die mit der Tradition der Gattung brechen: In der Ankündigung zu Henry Kosters The Bishop’s Wife (1947) etwa sprechen Cary Grant, David Niven und Loretta Young mit einem Wachmann am Studiogelände und entscheiden, am Besten gar keinen Trailer zu drehen, da dieser ja ohnehin nur die Überraschungen, die der Film bereithalte, verderben würde. Der Trailer zu Tarkowskis Stalker (1979) arbeitet mit Impressionen der Dreharbeiten und jener zu Hitchcocks Rope (1948) rückt mit eigens gedrehtem Material das Opfer, das im eigentlichen Film bereits tot ist, ins Bild. Für besonders viel Gelächter und gute Laune im Kinosaal sorgten aber jene Trailer, die mit Superlativen wie „Earth shattering!“ oder „Astonishing!“ für damals neue – und oftmals kurzlebige – Kinotechnologien wie „Cinerama“ oder „Duo-Vision“ (den Trailer zum trashigen Wicked, Wicked aus dem Jahr 1973 sollte man gesehen haben) warben. Die Anpreisung des mit unterschwelligen Botschaften arbeitenden Formats „Psychorama“, das beim Film Terror in the Haunted House (1958) eingesetzt wurde, war möglicherweise der Höhepunkt in Sachen unfreiwilliger Komik. So ließen jede Menge Beispiele vom B-Movie bis zum Meisterwerk ein vergnügliches Bild von vor allem US-amerikanischer Kinokultur entstehen, die es meist größer haben will als das Leben. Ein schöner Baustein im diesjährigen Programm, mit dem das Festival erneut demonstriert hat, wie viel Vergnügen das Kurzfilmgenre bereiten kann.

Die Hauptpreisträger haben diesmal Afrika-Bezug: I Got My Things and Left (Regie: Philbert Aimé Mbabazi Sharangabo, Ruanda/Schweiz), ausgezeichnet mit dem Großen Preis der Stadt Oberhausen, ließ sich vom Literaten Dambudzo Marechera inspirieren und wurde von der Jury als „profunde Meditation über Verlust und Vergänglichkeit zu einer Feier innerer Freiheit, auf menschlicher Ebene ebenso wie auf der Ebene der Kinosprache“ gesehen. Der Hauptpreis ging an den 14-Minüter Zombies (Regie: Baloji, Belgien/DR Kongo 2019), der sich in Form eines Musik-Thrillers mit den emotionalen und sozialen Kosten von Social Media beschäftigt.