László Nemes Sunset

Sunset

Die Reise ins Innere

| Pamela Jahn |
Dem Fluch des zweiten Films setzt László Nemes „Sunset“, das sinnliche Porträt einer jungen Ungarin im Budapest vor dem Ersten Weltkrieg, entgegen. Ein Gespräch über das, was war, das, was kommt, und das, was bleibt.

Manchmal bleibt ein Film weniger konkret und mehr als ein Gefühl im Kopf hängen. Vor allem, wenn man nach dem Abspann erst mal eine Weile braucht, um zu begreifen, was man da gerade gesehen hat. Sunset, das Porträt einer Frau in Ungarn zu Beginn des 20. Jahrhunderts, ist so ein Sonderfall: ein Historiendrama, das trotz aller räumlichen und zeitlichen Eckpfeiler schwer einzuordnen ist, erzählt als launenhafte Charakterstudie einer jungen Frau, die sich nicht fassen lässt. Im Zentrum des Films steht die junge Írisz Leiter (Juli Jakab) – schön, stolz und unsicher zugleich. Dem Waisenhaus, in dem sie ihre Kindheit verbracht hat, hat sie nach 21 Jahren den Rücken gekehrt, um in Budapest der Familientradition zu folgen und eine Ausbildung zur Schneiderin aufzunehmen. Leichter gesagt als getan, aber die engagierte junge Dame lässt nicht locker. Kompliziert wird es erst, als sie über Umwege erfährt, dass sie einen Bruder hat, von dem sie bisher nichts wusste. Und wie sich bald herausstellt, ist dies nicht das einzige Familiengeheimnis, dem Írisz in der Großstadt auf die Spur kommt. Die Erlebnisse der jungen Frau inszeniert der ungarische Regisseur László Nemes – nach seinem bahnbrechenden und mit dem Oscar ausgezeichneten Erstlingswerk Son of Saul – auf eine stilistisch gewagte, unbedingt auf die Figur und fast schon in sie hinein gerichtete Art und Weise, die den Raum um sie herum und die Welt, in der sie sich bewegt, in Unschärfen verschwimmen lässt. Ein Gefühl der Orientierungslosigkeit stellt sich ein, dass sich auch im zunehmenden Handlungsverlauf nicht auflöst. Für Nemes selbst gleicht dieser Kontrollverlust nicht zuletzt dem Augenblick nach seinem Welterfolg mit Son of Saul. Entsprechend schwer lag die Last des verflixten zweiten Films lange auf seinen Schultern. Seiner Kunstfertigkeit als Meister des subjektiven Blicks hat der Druck von außen zwar nicht geschadet, trotzdem ist Sunset nicht nur kein leichtes, sondern mitunter auch ein frustrierendes Kinoerlebnis. Doch auch diese Wirkung ist durchaus gewollt, sagt Nemes selbst. Und auf der Leinwand bleibt ein Bild zurück, das Raum und Zeit für die Dauer des Films vergessen lässt.

 


Interview mit László Nemes

Herr Nemes, Ihr Film lässt sich schwer greifen. Ähnlich wie in „Son of Saul“  bedienen Sie sich erneut eines absolut subjektiven Blicks, um die Geschichte zu erzählen. Was steckt hinter dieser Methode?
László Nemes: Ich wollte einen Film machen, der etwas über die menschliche Erfahrung aussagt, insbesondere die menschliche Erfahrung in Zeiten großer Veränderung, ohne dass man die Bedeutung der Zeit in dem Moment tatsächlich erfassen kann. Es ging mir darum, Geschichte auf eine andere Art und Weise wahrnehmbar zu machen. Nicht wie aus dem Lehrbuch oder inszeniert als eine Aneinanderreihung von Postkartenmotiven, sondern komplett einnehmend und überwältigend. Ich wollte, dass die Zuschauer sozusagen voll und ganz in diese Welt eintauchen, die auf den ersten Blick extrem kultiviert und schön und vielversprechend wirkt, doch langsam immer bedrohlicher wird und in sich zu zerbrechen scheint.

 

László NemesInwieweit beeinflusst das Milieu, in dem Ihre Geschichte spielt, die Atmosphäre des Films insgesamt?
László Nemes: Die Menschen neigen dazu, die Dinge nur auf kurze Sicht zu sehen, und darüber hinaus vergessen sie, den Blick auf das große Ganze zu richten. Und ich sehe meine Aufgabe darin, die großen Bewegungen zu erkennen und zu beleuchten. Ich denke, unsere Gesellschaft heute ist von einer gewissen Trägheit oder Faulheit übermannt, und zwar nicht nur in politischer Hinsicht. Es ist fast schon metaphysisch. Es herrscht ein allgemeiner technischer Zukunftsglaube, in dem Sinn, dass Geschichte immer geradlinig nach vorwärts gerichtet verläuft und uns deshalb automatisch in eine bessere Welt führt. Aber wenn man sich einmal genauer in der Historie umschaut, muss man feststellen, dass die Zivilisation sich im Moment ihres Zenits immer bereits im Verfall befindet. Ihr Höhepunkt ist zugleich ihr Untergang. Wir denken immer, wir wissen alles über unsere Welt, weil wir zurückblicken können auf das, was die Menschheit bereits überlebt und durchgestanden hat. Aber ich glaube nicht, dass wir tatsächlich über so viel mehr Wissen verfügen, wie wir immer behaupten. Unsere Wahrnehmungsfähigkeit als Individuen ist eingeschränkt, also halten wir uns an Illusionen fest. Und diese Einsicht einer begrenzten Erfahrung, geschichtlich und menschlich, ist dem Film eingeschrieben. Deshalb ist die Atmosphäre von Sunset eher die eines düsteren Märchens als die einer Heldengeschichte.

Würden Sie Írisz Leiter als eine für ihre Zeit moderne Frau beschreiben?
László Nemes: Das ist eine interessante Frage. Ich habe die Anfangsjahre des 20. Jahrhunderts ja nicht selbst erlebt, aber ich hatte immer eine ganz bestimmte Vorstellung davon. Meine Großmutter hat mir viel über die Zeit erzählt. Und über die Jahre setzte sich die Idee in meinem Kopf fest, einmal einen Film zu machen über ein unschuldiges Mädchen, eine junge Frau, die verloren in der Großstadt umherirrt, in der Hoffnung, dort Antworten auf ihre Fragen zu finden. Im Zentrum des Films steht eine Suche, oder genauer gesagt der Versuch einer Frau, ihren Bruder zu finden, weil er der Schlüssel zu einer ganzen Reihe von Fragen ist, die sie beschäftigen: was aus ihrer Familie geworden ist; was um sie herum geschieht; ob sie sich an einem guten oder an einem gefährlichen Ort befindet. Ihr fehlt jede Hilfe, sich in der Welt zu orientieren, in der sie gelandet ist. Und deshalb vermischen sich in ihr die maskuline und die feminine Seite auf rätselhafte Art und Weise. Heutzutage wird immer viel Wert darauf gelegt, die Geschlechter zu trennen, und das hat natürlich seine Berechtigung. Aber ich fand es in diesem Zusammenhang spannender und auch unabdingbar, den Menschen als Konglomerat all seiner verschiedenen Wesenszüge zu begreifen, den männlichen wie den weiblichen. Es schien mir näher am Puls der Zeit und in Einklang mit meiner Idee, einen Film machen zu wollen, der explizit die Erfahrung einer jungen, auf sich allein gestellten Frau zu Beginn des 20. Jahrhunderts beschreibt, anstatt die Figur in ihrer Umgebung und allem drum herum bloßzustellen.

Obwohl Írisz ihren Bruder dann findet, scheinen sich damit jedoch nur noch mehr Fragen aufzutun – für Írisz selbst wie für die Zuschauer. Das ist bisweilen für beide Seiten gleichermaßen frustrierend.
László Nemes: Vielleicht habe ich zu viel Vertrauen in die Zuschauer, aber ich versuche immer, dem Publikum die Möglichkeit zu schaffen, die eigene subjektive Persönlichkeit in den Film hineinzuprojizieren, quasi eins zu werden mit der Figur, mit all ihren Facetten, Emotionen und Charaktereigenschaften. Zudem ist im Hinblick auf Írisz und ihre Persönlichkeit das Doppelgänger-Motiv eine wichtige Orientierungshilfe, also die Idee, dass es neben ihrer Schönheit und Zartheit auch eine dunkle Seite in ihr gibt. Ihre Figur wirft einen Schatten, aber um zu erfahren, was hinter diesem Schatten steckt, muss man in die Figur, in die Person hineinsehen. Und darauf möchte ich hinaus, schon allein deshalb, weil in unserer Welt heute alles nur noch auf Äußerlichkeiten ausgerichtet ist. Dabei sollten wir uns wieder mehr auf die Reise ins Innere konzentrieren. Das mag nicht immer schön und zufriedenstellend sein, und es ist sicher nicht einfach. Aber es ist wichtig, wenn wir uns als Menschen weiterentwickeln wollen.

Ein besonderes Merkmal Ihrer Figuren ist die Art und Weise, wie sie atmen. Was hat es damit auf sich?
László Nemes: Das war zunächst nicht unbedingt eine bewusste Entscheidung. Aber bereits bei Son of Saul wurde mir klar, dass die körperliche Präsenz der Figuren von extrem starker Bedeutung für die Geschichten ist, die ich erzähle. Ich habe mich dabei in erster Linie von den alten Meistern beeinflussen lassen, insbesondere von Bresson. Verschiedene Regisseure haben verschiedene Ansichten zur Darstellung, zum Spiel, zum emotionalen Spannungsbogen und zur Körperlichkeit. Und natürlich ändert sich die Gewichtigkeit der einzelnen Elemente von Film zu Film. Bei Sunset war es mir wichtig, herauszustellen, dass es sich um ein Porträt handelt, und zwar konkret um eine Charakterstudie, die sich zwischen Licht und Schatten, zwischen Leichtigkeit und Schwere bewegt, und in der die Tonarten oszillieren und sich verschieben. Der Körperlichkeit im Allgemeinen kommt dabei eine besondere Rolle zu, und natürlich ist die Atmung ein spezieller Teil davon.

Interessant ist auch, dass Írisz immer das Gegenteil von dem tut, was ihr geraten wird. Können Sie sich selbst mit dieser speziellen Charaktereigenschaft identifizieren?
László Nemes: Auf jeden Fall. Ich bin zwar nicht der Rebell, der sich jeder existierenden Ordnung allein schon aus Prinzip widersetzt. Aber in einer Zeit, in der mehr oder weniger alles erlaubt zu sein scheint, finde ich es vor allem spannend, mir selbst meine eigenen Grenzen zu setzen, künstlerisch, stilistisch, aber auch privat. Wahrscheinlich kann man es Sturheit nennen. Eine gesunde Sturheit, würde ich sagen. Andere mögen das anders sehen.

Sie haben zwei Filme gedreht, die sich explizit mit der Vergangenheit auseinandersetzen. Wie optimistisch sehen Sie der Zukunft entgegen?
László Nemes: Sehr. Und das ist ja zum Teil auch ein Grund, warum ich in meinen Filmen einen Schritt zurückgehe. Ich möchte einfach ein bisschen sinnieren, die Zeit fühlen und darüber nachdenken, was war. Und wenn die Zuschauer das – nachdem sie den Film gesehen haben – nur für fünf Minuten auch tun, bin ich schon zufrieden. Wenn die Menschen eine kurze Atempause einlegen, den Wahnsinn des Hier und Jetzt für einen Moment vergessen und in sich gehen, um die Welt um sie herum danach mit frischem Blick zu sehen. Und wenn auch nur ein klitzekleines bisschen. Mehr will ich gar nicht. Aber ich denke, die Menschen müssen neu lernen, wieder selbst zu denken. Das Internet, beispielsweise, hat uns in der Hinsicht nicht geholfen, sondern nur dazu geführt, das wir erwarten, informiert zu werden, anstatt uns selber zu informieren.

Andererseits könnte man behaupten, das Internet hilft uns bei der Suche.
László Nemes: Da bin ich mir nicht so sicher. Wir sind dazu übergegangen, die großen technischen Neuerungen der vorigen Jahrzehnte in einer Weise zu nutzen, die uns zu Sklaven unserer eigenen Erfindungen macht. Das Individuum wird zur Maschine. Das ist natürlich überspitzt ausgedrückt, aber der Grundgedanke ist ja nicht neu, und er war nie so brisant wie heute. Das ist bedauerlich, und wenn das bedeutet, dass die einzige Zukunft für uns in einer virtuellen Welt liegt, dann finde ich es umso trauriger.

Ziehen Sie sich auch deshalb in die Vergangenheit zurück, um einer derart düsteren Zukunft zu entfliehen?
László Nemes: Nein. Ich sage ja auch nicht, dass die Vergangenheit besser ist oder war. Ich denke, wir müssen nach vorne schauen, aber mit wachen Augen und mit dem Wunsch und dem Willen, unsere Zukunft wieder selbst in die Hand zu nehmen.

In den vergangenen Jahren gab es im Kino eine regelrechte Renaissance, was das Sci-Fi-Genre betrifft. Würde es auch Sie reizen, sich die Zukunft einmal auf der Leinwand vorzustellen?
László Nemes: Liebend gern. Ich bin mir jedoch nicht sicher, ob ich es könnte. Es ist unheimlich schwer, man braucht eine Menge Vorstellungskraft dazu. Man muss viele Ideen haben. Und ich bin nicht Stanley Kubrick.

Sind Sie ein Fan seiner Filme?
László Nemes: Ich liebe Kubrick und fühle mich sehr zu seinen Filmen hingezogen. In ihnen liegt stets eine gewisse Unwägbarkeit, eine Verunsicherung. Selbst in den klarsten Momenten schwingt diese Ungewissheit immer mit. Das hat mich bei ihm immer fasziniert.

Inwieweit fühlen Sie sich der durchaus großen Tradition des ungarischen Kinos verbunden? Regisseuren wie Miklós Jancsó zum Beispiel?
László Nemes: Einer seiner Filme, Die Hoffnungslosen, hatte großen Einfluss auf mich. Aber ich bin, was das ungarische Kino angeht, eher ein Außenseiter. Ich fühle mich demgegenüber wie ein Fremder. Ich bin zum Teil in Paris und zum Teil in Ungarn aufgewachsen und habe immer versucht, so viel wie möglich von beiden Seiten in mich aufzunehmen. Trotzdem sitze ich immer irgendwo dazwischen. Aber ich denke, das ungarische Kino ist sehr speziell, sehr offen für alles Neue, und das ist eine Tradition, die ich gerne übernehmen würde – heute und morgen und immer.