Martine Syms Boon

Ausstellung

Konzeptionelle Unternehmerin

| Daniela Gregori |
Ambient Cinema: Martine Syms „Boon“ im Grafischen Kabinett der Secession.

Gleich zu Beginn des Videos, das für gewöhnlich als Teaser und zum besseren Verständnis von Ausstellungen gedreht wird, wird ganz unmissverständlich klar, dass es sich bei der jungen Frau mitnichten – wie üblich – um die Kuratorin, sondern vielmehr um die Künstlerin selbst handelt. Da sie am Leben sei, erklärt Martine Syms mit nicht zu widerlegender Selbstverständlichkeit, sei es an ihr, durch ihre Ausstellung zu führen, um daraufhin mit heiterer Leichtigkeit den Besucher durch verschiedene ausgesprochenen vielfältigen Aspekte ihres Werkes zu leiten.

Martine Syms alleine als Filmemacherin zu bezeichnen, wäre unzureichend. Neben der Filmarbeit gibt die Künstlerin Performances, schreibt Essays, hält Vorträge, betätigt sich als Verlegerin, Grafik- und Web-Designerin. Im Ausstellungsvideo führt sie ebenso ihre neue App WYDRN (What are doing right now?) vor, mit der man sich zu den einzelnen Werken, gleichsam als visueller Hypertext, ergänzendes Bildmaterial auf das Mobiltelefon laden kann. Kurz gesagt, Syms ist ein überaus begabtes Kind des Informationszeitalters. Im Zentrum ihrer Arbeit stehen die große Migration von den Südstaaten in den urbanen Norden und Feminismus, genaugenommen schwarzer Feminismus, beides Themen, die die eigene Biografie widerspiegeln. Geboren 1988 in Los Angeles, wurde Syms von ihren Eltern zu Hause unterrichtet. Für sie bedeutete das, bereits früh Dinge ausprobieren zu können. „I had some time on my hands …“, wie sie es so schön formuliert.

Sozialisiert sieht sie sich vom Fernsehen und ganz speziell von Sitcoms. Arbeiten von Diane Arbus und William Eggleston sind ihr früh in Erinnerung, doch mehr begeistert sie sich für Punk und „Please Kill Me“ von Legs McNeil und Gillian McCain. Die im O-Ton erzählte Geschichte des amerikanischen Punk geriet zur Lieblingslektüre, Videos von Skatern beeinflussen sie ebenso wie die Filme von Jahn Waters. In diesem Zusammenhang erscheint es wenig verwunderlich, wie sich die Künstlerin heute erinnert, dass sich eine Art Horrorfilm aus ihrer High-School-Zeit mit dem Unborn Victims of Violence Act, einem Gesetz, das Verbrechen an schwangeren Opfern doppelt geahndet werden, beschäftigte. Kunst, so beschreibt es Syms, ist für sie alles, was man in einen Kunst-Kontext platziert, sich selbst bezeichnete sie schon vor Jahren als „conceptual entrepreneur“, also konzeptionelle Unternehmerin.

Die zu Beginn angesprochene Ausstellung fand 2017 im New Yorker MOMA statt, und wie Syms bald darauf in einem Interview verrät, hatte sie für diese erste prominente Einzelschau vorerst ganz etwas Anderes, nämlich eine 360°-Projektion, geplant. Als ihr klar wurde, dass ihr Setting mit einem Panoramabildschirm sich nicht realisieren lassen würde, fand Syms ihre Lösung in einer Art Umkehrung. Indem der Rezipient nun von Screen zu Screen wandern musste, waren es die Ausstellungsbesucher, die gleichsam den Akt der Migration übernahmen.

Auch für ihre Präsentation im Grafischen Kabinett der Wiener Secession waren die ursprünglichen Pläne andere gewesen. Einmal mehr wurde ein Kompromiss gefunden, der womöglich sogar die bessere Lösung darstellt. Ihre Interessen und Ideen seien stets von der schwarzen Independent Music geprägt gewesen, verriet die Künstlerin einmal in einem Interwiew: afroamerikanische Musik gemeinsam mit der Idee von Selbstbestimmtheit durch eine nachhaltige Institution. Und eben das schien Syms mit dem „Simpson’s Record Shop“ in Detroit gefunden zu haben. Geführt wurde der Plattenladen von Dorothy Simpson, die ab 1966 ihre sechs Kinder quasi in dem Geschäft, das neben Tonträgern auch Getränke und Süßigkeiten führte, großzog. Ganz nebenbei hatte ihr Sohn Donny hier die Liebe zur Musik entwickelt, er sollte später der bestbezahlte afroamerikanische Radio-DJ werden.

Dorothy Simpson wurde über die Jahrzehnte zur Institution, der Laden zum sozialen Zentrum der Nachbarschaft und weit darüber hinaus. Man kam, traf sich, betrachtete die Fotowand und hörte in die Musik hinein. Der Simpson’s Record Shop war für die Community ein wahrer Segen, was mit dem Ausstellungstitel „boon“ entsprechend zum Ausdruck gebracht wird. Als der Laden letztes Jahr geschlossen wurde, wollte Syms diesen zauberhaften Ort filmisch verewigen. Das tat sie auch, doch der Laden hatte durch die Auflösung etwas an Zauber verloren. Als Raum, als akustischer Erfahrung- und Erinnerungsort, lässt Martine Syms den Simpson’s Record Shop nun im Graphischen Kabinett noch einmal aufleben. Mit Hilfe eines 3D-Scans wurde die Oberfläche des Raumes übernommen und weitestgehend schalldämpfend nachgebaut. Aus zwei Lautsprechern kommen die Beats eines Schlagzeugsolos der Detroiter Drummerin GayeLynn McKinney, der Bodenbelag ist mit Familienfotos aus dem Archiv der Künstlerin bedruckt, Aufnahmen, die ganz buchstäblich ihre Identität ausmachen und in ihrem Werk oftmals als biografischer Verweis Eingang finden.

Marine Syms gefällt in ihrer künstlerischen Praxis die Idee des Expanded Cinema, eine Praxis, die in letzter Konsequenz auch ganz ohne Filmproduktion auskommt. Für ihre eigene Arbeit jedoch hat Syms den Begriff des „ambient cinema“ eingeführt. Dass auch diese filmische Form ohne Projektion auskommen kann, ist ein Experiment, dessen Schlüssigkeit sich nun in der Secession erstmals erweisen wird.