Niemandsland – The Aftermath Interview Keira Knightley

The Aftermath

Tee statt Sex

| Pamela Jahn |
Keira Knightley spielt gern historische Rollen, so auch in dem Nachkriegsmelodram „Niemandsland – The Aftermath“. Ihrer Karriere hat ihr Hang zum Geschichtlichen genauso wenig geschadet wie ihre offene, unverblümte Art. Ein Gespräch über das Erwachsenwerden, das Muttersein und wie man erkennt, dass man es als Schauspielerin geschafft hat.

Keira Knightley strahlt. Sie strahlt, wie man nur strahlen kann, wenn man seit Jahren eine der spannendsten und angesagtesten Darstellerinnen ist, die es auf der Leinwand zu sehen gibt. Und dass sie einmal dort landen würde, im Kino, vor der Kamera, das stand sowie außer Frage. Denn die heute 33-jährige Britin, Mutter einer dreijährigen Tochter, hatte sich bereits früh in den Kopf gesetzt, Schauspielerin zu werden. Mit sechs hatte sie ihren ersten Agenten, mit zwölf eine Rolle in Star Wars: Episode I – The Phantom Menace und mit siebzehn stand sie neben Johnny Depp erstmals auf dem Deck des erfolgreichen Pirates of the Caribbean-Franchise. Ihr eigentliches Talent kam jedoch eher in ernsteren und nicht selten historisch eingebetteten Rollen zum Vorschein, sei es als Herzogin von Devonshire in Saul Dibbs Kostümdrama The Duchess (2008) oder unlängst in Wash Westmorelands herrlich erfrischendem Biopic Colette (2018) über die vielleicht berühmteste Autorin der französischen Literatur überhaupt.

Auch in The Aftermath geht Knightley einen Schritt in die Geschichte zurück, genauer gesagt ins Deutschland der unmittelbaren Nachkriegszeit, nach Hamburg, wo sie Ihrem Mann Lewis (Jason Clarke), einem britischen Oberst, beim Neuaufbau unter Aufsicht der Alliierten zur Seite stehen soll. Der Krieg hat das Paar jedoch nicht nur einander entfremdet, sondern auch um den einzigen Sohn gebracht, und mit der Trauer umzugehen fällt ihnen ebenso schwer wie dem deutschen Architekten Stefan Lubert, in dessen Villa die Eheleute einquartiert sind. Lubert hat seine Frau verloren, doch hat Rachael so wenig Mitgefühl wie Verständnis wie für die Tatsache, dass ihr Mann den vermeintlichen Feind mitsamt seiner Familie im Haus wohnen bleiben lässt, anstatt sie, wie vorgesehen, in ein Lager abzuschieben. Für Knightley ist die Rolle der gebrochenen und zugleich willensstarken jungen Mutter ein weiterer Schritt zum Erwachsenwerden – als Frau wie als Darstellerin. Regisseur James Kent hat aus dem Stoff, der auf dem gleichnamigen Roman von Rhidian Brook beruht, ein Nachkriegsmelodram geformt, wie man es heute kaum noch zu sehen bekommt: klassisch, dramatisch, gediegen und mit einer wahren Leidenschaft fürs Kino.

 

Niemandsland – The Aftermath Interview Keira KnightleyMrs. Knightley, Sie sind in „The Aftermath“ zum zweiten Mal mit Jason Clarke verheiratet. Wir war das diesmal?
Keira Knightley: Es kommt nie etwas Gutes dabei heraus, wenn wir ein Paar sind. Erst stirbt er in Everest auf einem hohen Berg, jetzt verlieren wir unseren Sohn und müssen damit fertig werden. Aber ganz im Ernst, ich arbeite wirklich sehr gern mit Jason zusammen. Er ist ein toller Schauspieler, und wenn man gemeinsam an einem so aufwühlenden Stoff wie diesem hier arbeitet, ist es wichtig, ein Gegenüber zu haben, dem man voll und ganz vertraut, einen Komplizen, der sich einfühlen, mit dem man gleichzeitig aber auch eine Menge Spaß haben kann. Was ich jedoch am meisten an Jason schätze, ist, dass man immer hochkonzentriert und zu hundert Prozent präsent sein muss, weil man nie weiß, was er macht. Ich liebe das, es macht die Arbeit spannend.

In „Everest“ sieht man Sie beide ja eigentlich nur getrennt voneinander. Haben Sie einander damals überhaupt am Set getroffen?

Keira Knightley: Ja, ich glaube, nur zweimal ganz kurz. Allerdings nicht für die entscheidenden Szenen, wie beispielsweise das Telefongespräch zwischen uns. Das wurde zu komplett unterschiedlichen Zeiten gedreht. Jasons Part wurde sogar aufgenommen, da war ich noch gar nicht für die Rolle gecastet. Das heißt, er hat seinen Teil des Gesprächs nicht nur ohne mich gedreht, sondern ohne überhaupt zu wissen, wer da am anderen Ende der Leitung  ist. Aber das Schöne war, dass er am Ende für meine Aufnahme geblieben ist. Obwohl ich ihn nicht sehen konnte, wusste ich, dass er oben am anderen Apparat war. Das war unheimlich nett von ihm. Immerhin hätte er auch einfach sagen können, dass er keine Zeit hat, länger als nötig am Set zu bleiben. Aber er meinte: „Nein, ich bleibe.“ Und in dem Moment weiß man, dass man es mit einen Ausnahmeschauspieler zu tun hat, der mehr als nur seinen Job macht und einem den Rücken stärkt, wenn man es braucht.

Seit Beginn Ihrer Schauspielkarriere sieht man Sie immer wieder in historischen Rollen. Was reizt Sie bis daran, das Rad der Geschichte zurückzudrehen?
Keira Knightley:
In dem Fall war es konkret die Geschichte, die hier erzählt wird. Ich habe, wie Sie sagen, ja selbst schon ein paar Kriegsdramen gedreht und noch unzählige mehr davon auf der Leinwand gesehen. Aber persönlich hatte ich mich bislang sehr wenig mit der unmittelbaren Nachkriegszeit befasst. Natürlich gibt es da bereits etliche Filme, aber die waren mir einfach nicht so präsent. Und als ich das Drehbuch las, ging es mir lange nicht mehr aus dem Kopf. Ich dachte mir, „wow, du hast dir über den Neuaufbau bisher kaum Gedanken gemacht.“ Was es für die Menschen bedeutet haben muss, die den Krieg überlebt haben und dann komplett von vorn anfangen mussten. Was es mental und emotional mit ihnen gemacht hat, aber auch rein körperlich – ganz zu schweigen von den politischen Implikation. Und die Geschichte funktioniert für mich eben nicht nur auf dieser Mikroebene der Dreiecksbeziehung zwischen Lewis, Rachael und Stefan, sondern steht als eine Art Metapher für das, was jeder Einzelne damals durchgemacht haben muss. Vor allem wir Briten sehen die Sache ja gern so, dass wir zu den Opfern des Krieges gehörten. Und als endlich alles vorbei war, wollte keiner mehr darüber reden. Deshalb denken wir nicht sofort an die Zeit des Wiederaufbaus oder an den Triumph des Friedens, der seit über siebzig Jahren in Europa herrscht. Aber die Geschichte hat mir das vor Augen geführt, und das war das Entscheidende.

Sie haben an anderer Stelle gesagt, das Weinen auf Knopfdruck sei Ihnen diesmal besonders leicht gefallen, angesichts der Tatsache, dass Sie so kurz nach der Geburt Ihrer Tochter gedreht und entsprechend übermüdet und erschöpft waren.
Keira Knightley: Das war eigentlich als Scherz gemeint. Ich weine, weil ich Schauspielerin bin und gelernt habe, die Tränen fließen zu lassen, wenn es eine Szene verlangt. Das ist natürlich ein Teil meines Berufs. Und die permanente Übermüdung hat den Job an sich nur schwerer gemacht. Aber das Gute an der Schauspielerei ist eben, dass die Emotionen immer ganz nah an der Oberfläche liegen, egal was man tut, und diese Oberfläche ist zweifellos noch ein bisschen dünner, wenn man tagelang ohne Schlaf auskommen muss.

Inwiefern hat die Tatsache, dass Sie selbst Mutter sind, die Sicht auf Ihre Figur verändert?
Keira Knightley: Muttersein ist eine lebensverändernde Erfahrung. Schluss, aus. Und natürlich verändert sich die Art, wie man eine Rolle spielt, damit, welche Erfahrungen man selbst als Mensch und als Schauspielerin über die Jahre gemacht hat. Aber das gilt für alle Rollen, nicht nur für diese. Außerdem glaube ich, dass eine Schauspielerin, die selbst kein Kind hat, die Rolle genauso gut hätte spielen können. Es kommt nicht darauf an, dass man selbst erfahren haben muss, was die Figur durchgemacht hat, um authentisch zu wirken. Speziell in dem Fall nicht, denn sein Kind zu verlieren, dass wünscht man niemandem.

Mit anderen Worten: Man muss kein Mörder sein, um einen Mörder zu spielen.
Keira Knightley: Ganz genau. Es kommt eher darauf an, dass man mit den Jahren reifer wird, auch emotional. Dass man ein besseres Gefühl für Rollen und Situationen bekommt. Und dass man ein gesundes Mitgefühl entwickelt für die Figur, die man in dem Moment verkörpert.

Sie haben nie eine klassische Schauspielausbildung absolviert, sondern sind sehr jung direkt vor die Kamera getreten. Wie war das für Sie?
Keira Knightley: Es hat mich extrem verunsichert. Allerdings weiß man in dem Alter ja sowieso nicht recht, wohin mit sich selbst. Die Frage ist also, hätte ich mich mit einem entsprechenden Abschluss in der Tasche selbstbewusster gefühlt? Wahrscheinlich wäre ich mit einer angesehenen Ausbildung etwas anders behandelt worden, aber das ist auch alles.

Sie haben schon in jungen Jahren immer Ihre Meinung gesagt, auch auf die Gefahr hin, damit gegen eine Wand zu rennen. Das war lange vor der #MeToo-Bewegung.
Keira Knightley: Ja, und ich habe damit ziemlich harte Erfahrungen gemacht. Trotzdem glaube ich nicht, dass die Leute eine bessere Meinung von mir gehabt hätten, wenn ich nicht gesagt hätte, was ich denke. Und je älter man wird, um so klarer wird einem, dass man darauf sowie keinen Einfluss hat, wie man von seinem Umfeld wahrgenommen wird. Du kannst nur du selbst sein und die Leute werden dich entweder mögen oder nicht. Es ist unmöglich, allen zu gefallen, also lässt man es besser gleich von Anfang an.

Hatten Sie eigentlich Spaß damals, so jung schon bei einer Riesenproduktion wie „Star Wars“ mitzuspielen?
Keira Knightley: Ich kann mich, ehrlich gesagt, kein bisschen daran erinnern. Ich war damals zwölf und hatte zur gleichen Zeit noch ein anderes Engagement für eine Fernsehproduktion. Coming Home hieß die, und ich liebte die Arbeit daran. Es war das erste Mal, dass ich eine richtige Figur, eine richtige Rolle spielen durfte. In Star Wars dagegen war ich nur im Hintergrund und hatte keine Ahnung, was genau ich zu tun hatte. Für einige Szenen war ich als Natalie Portmans Double vorgesehen, aber davon abgesehen wusste ich nichts. Ach ja, doch, an eine Sache erinnere ich mich, nämlich wie ich vom Rücksitz eines Golfwagens fiel, bei dem Ewan McGregor am Steuer saß – wie peinlich. Aber wie gesagt, das ist schon alles.

„The Aftermath“ erzählt eine komplizierte Dreiecksgeschichte, die sich zudem an der Tatsache auflädt, dass Rachael im Grunde mit dem Feind ins Bett geht. Was haben Sie gedacht, als Sie diese Stellen im Drehbuch zum ersten Mal gelesen haben?
Keira Knightley: An Freud habe ich gedacht, und dass das alles ziemlich düster und verrückt wirkt. Aber auch wenn das jetzt merkwürdig klingen mag, ich denke, dass in dem Verhältnis zwischen Rachael und Stefan eine gewisse Leichtigkeit liegt. Deshalb habe ich mir eine Gegenthese überlegt und versucht, das Ganze eher als eine Art Ferienflirt zu sehen. Das Element, dass sie beide verbindet, ist der Verlust eines geliebten Menschen, aber bei ihm ist es seine Ehefrau, nicht so wie bei ihr der Sohn, was noch einmal eine ganz andere Kluft aufreißt zwischen ihr und ihrem Mann. Wenn man die Sache mit Freud weiterdenkt, ist ihr erstes Zusammensein ihrerseits natürlich ein Akt der Aggression, der Rache. Es geht ihr dabei nur um ihren Mann, den sie damit verletzen will. Und erst danach beginnt sie, Stefan als den Menschen zu sehen, der er ist. Weshalb die zweite Sexszene auch so wichtig ist.

Eine sehr intime Szene, wohlgemerkt.
Keira Knightley: Ja, Gott sei Dank hatte ich ein Double mit einem tollen Körper. Für mich stand von vornherein fest, dass ich das auf keinen Fall mache, mit über dreißig Jahren und nach einem Kind muss ich mir das nicht mehr antun. Ich bin, während die Szenen gedreht wurde, lieber eine Tasse Tee trinken gegangen.

Ist das die neue Keira Knightley?
Keira Knightley: Nein, das bedeutet einfach, dass man es als Schauspielerin geschafft hat. Ich verstehe total, wie wichtig die Szene ist, aber ich will sie trotzdem nicht selbst spielen müssen, wenn es sich irgendwie vermeiden lässt. Dann kommt es nur noch darauf an, dass man beim Schnitt später auch das letzte Wort hat, dass man die Szene sozusagen absegnen kann, um sicherzugehen, dass alles auch wirklich passt.

Es gibt einen schönen Moment im Film, da setzen Sie sich widerwillig auf einen Stuhl von Mies van der Rohe, von dem Sie sofort wieder aufspringen. Was halten Sie persönlich von dem Design?
Keira Knightley: Ich liebte den Stuhl, am liebsten hätte ich ihn nach dem Dreh mit nach Hause genommen. Es gibt einen Fensterplatz bei mir in der Wohnung, da würde er sich super machen. Nur leider war der Stuhl echt, das ging also nicht.

Sammeln Sie gern Erinnerungsstücke von Sets, an denen Sie gearbeitet haben?
Keira Knightley: Nein, gar nicht. Das ist total schade. Ich hätte sicher mittlerweile eine ganz schöne Kollektion. Aber wenn ich einen Job beende, ziehe ich weiter ohne mich umzudrehen.

Nicht einmal ein paar Schuhe oder ein Kleid?
Keira Knightley: Absolut nichts. Nur das Drehbuch behalte ich immer. Das ist Erinnerung genug.