Mittlerweile ein kleines Highlight im dichten Veranstaltungskalender der Metropole, das Sundance Film Festival London 2019.
Mit dem Risiko ist das immer so eine Sache. Geht man es ein, begibt man sich auf Glatteis. Geht man auf Nummer sicher, läuft man Gefahr, zu stagnieren. Für das einst von Schauspieler Robert Redford in Park City, Utah, gegründete Sundance Filmfestival ist der Mut zum Wagnis seit 1981 Programm. Nur so wurde der Wintersportort in den Rocky Mountains über die Jahre zur wichtigsten Plattform für den US-Independent-Film, bei dem auch die Filme von Ausnahmeregisseuren wie Quentin Tarantino, Paul Thomas Anderson and Steven Soderbergh einst das Licht der Welt erblickten. Und allein der Abenteuerlust der Macher ist es zu verdanken, dass mit jeder Ausgabe des Festivals neue Entdeckungen nachrücken. Der einzige Nachteil: Utah liegt nicht gerade um die Ecke, und die Anzahl der Filme, die es von Sundance aus anschließend ins Berlinale-Programm oder zu einem anderen europäischen Festival schaffen, lässt mehr als zu wünschen übrig. Von den amerikanischen Mitte- und Klein-Budget-Produktionen, die heute noch in den hiesigen Kinos landen, ganz zu schweigen. Deshalb haben sich die Organisatoren vor einiger Zeit überlegt, einen Tochter-Event in London ins Leben zu rufen, ein Mini-Sundance Festival sozusagen, auf dem die Perlen des Jahrgangs, über vier Tage verteilt, nun immerhin auch dem britischen Publikum vorgestellt werden.
Tatsächlich hat sich das etwas umständlich benannte Sundance Film Festival: London, das sich in seinem Geburtsjahr noch in einem Kinokomplex am Stadtrand präsentierte, seit 2012 zu einem kleinen Highlight im dichten Veranstaltungskalender der Metropole entwickelt und findet deshalb neuerdings im schick aufpolierten Londoner Picturehouse Central statt, direkt am Piccadilly Circus. Die zentrale Lage wirkt sich dementsprechend auch auf das Publikum aus, denn neben eingefleischten Filmfans findet man neuerdings immer öfter – und vor allem an verregneten Festivaltagen – auch verstärkt Schwärme von Touristen aus aller Herren Länder, die sich mit einem guten Film für ein paar Stunden aus dem grauen Londoner Frühsommer zu retten versuchen. In diesem Jahr zumindest war das nicht schwer, denn an den zwölf Spielfilmen, die neben zwei Kurzfilmprogrammen und diversen Gesprächsrunden und Q&As unter dem festivalübergreifenden Motto „Risk Independence“ präsentiert wurden, gab es grundsätzlich wenig zu beanstanden.
Bereits der Eröffnungsfilm war ein Volltreffer. Late Night von Regisseurin Nisha Ganatra erzählt von einer legendären TV-Talkshow-Moderatorin (gespielt von der stets wundervollen Emma Thompson), die im Zeitalter von YouTube und Social Media mit drastisch sinkenden Einschaltquoten zu kämpfen hat. Das mag zum Einen an der coolen Überheblichkeit liegen, mit der die Star-Talkerin Katherine Newbury dem Geschäft, ihren Arbeitgebern sowie ihrem Publikum gegenübertritt, zum anderen, oder besser: vor allem aber auch an ihrer allgemeinen Ignoranz gegenüber dem eigenen Geschlecht. Denn Newbury traut den Frauen dieser Welt nicht zu, dass auch sie ihr flotte Sprüche für die allabendliche Sendung schreiben können. Erst als ihr die Absetzung und damit das Ende ihrer Karriere droht, lässt sich die Diva aus Verzweiflung darauf ein, die junge Newcomerin Molly (Mindy Kaling) in ihr Schreibteam aufzunehmen, um das Ruder noch einmal rumzureißen. Natürlich gelingt das wie in jeder guten Komödie mit dramatischem Kern zunächst nur bedingt, und es ist dem Können der Autorin (ebenfalls Mindy Kaling), Regisseurin und Hauptdarstellerin zu verdanken, dass der Film nicht in den Klischees erstickt, in die er verstrickt ist, sondern eine erfrischende Mischung aus Witz, Mut und Wahrheit auf die Leinwand zaubert, von der am Ende mehr hängen bleibt, als lediglich die letzte Pointe.
Eine weitere starke Frauenleistung legte die Regisseurin Jennifer Kent mit ihrem neuen Film The Nightingale an den Tag, wenn auch aus Gründen, die einem eindeutig schwerer im Magen lagen. Denn nach ihrem allseits gefeierten Horrordebüt mit The Babadook hat sich die Australierin diesmal für ein düsteres Rape-Revenge-Drama entschieden, das im australischen Outback während der Kolonialzeit spielt. Ihre Protagonistin ist eine junge Irin (Aisling Franciosi), die sich mit Hilfe eines indigenen Guides (Baykali Ganambarr) durch die Wildnis schlägt, um den Soldaten zu finden, der sie vergewaltigt und ihren Mann und ihr Baby getötet hat. Aus dem ungleichen Paar, das sich auf der Reise behutsam anfreundet, entwickelt der Film eine ganz eigene, innige Dynamik, mit der es Kent gelingt, die immer wieder unverhofft und brachial einbrechende Gewalt auszuloten, die The Nightingale durchzieht.
Danach bedarf es zunächst einiger Erholung, und als beste Medizin gegen die Grausamkeiten dieser Welt erwies sich schließlich eine Reise zum Mond – vielmehr die erste, um ganz genau zu sein. Denn in Todd Douglas Millers absolut außergewöhnlicher Dokumentation Apollo 11 geht es nicht nur einmal mehr um die Mondlandung von Neil Armstrong und seinen beiden Kollegen Buzz Aldrin und Michael Collins im Jahr 1969, sondern darum, den Zuschauer durch die minuziöse Rekonstruktion der Begebenheiten im Cockpit der Raumfähre sowie im Kontrollzentrum der NASA direkt mit auf den Weg zu nehmen. Das Ergebnis, zu dem auch bisher verschlossen gehaltenes Audiomaterial der NASA sowie noch nie gesehenes 70mm Material und Footage der Menschenmassen gehören, die sich damals in Cape Canaveral versammelten, um beim Start der Mission dabei zu sein, ist so atemberaubend wie famos zugleich. Nach Damien Chazelles Armstrong-Biopic First Man ist Apollo 11 ein weiterer geglückter Versuch, die Faszination um das Ereignis immer wieder neu zu beleben und dabei gleichzeitig diejenigen in den Vordergrund zu stellen, die in den neun Tagen zwischen Erde und All das bis dato scheinbar Unmögliche vollbracht haben. Dass man auch nach 50 Jahren nicht überdrüssig wird, dem Event beizuwohnen, liegt an der fesselnden Qualität der Filme ebenso wie in der Erkenntnis, dass das Kino immer noch mehr kann also jedes noch so gute Lehrbuch: Emotionen vermitteln, Details und die Einzigartigkeit des Moments.
Wieder auf der Erde und dem Boden der Tatsachen angekommen, waren es erneut die Frauen, die in diesem Jahr das Londoner Sundance Festival belebten. Neben Julianne Moore and Michelle Williams, denen es in Bart Freundlichs After the Wedding gelingt, aus einem überflüssigen amerikanischen Remake mit vertauschten Geschlechterrollen (das Original stammt von der Dänin Susanne Bier mit Mads Mikkelsen und Rolf Lassgard in den Hauptrollen und war 2006 für einen Fremdsprachen-Oscar nominiert) ein durchaus sehenswertes Drama mit Gefühl und Charakter herauszuholen, konnte vor allem Lulu Wang mit ihrem hinreißenden US-Indie-Comedy-Drama The Farewell trumpfen, für den sie am Ende zurecht den Publikumspreis erhielt. Basierend auf einer „tatsächlichen Lüge“, wie es im Vorspann heißt, erzählt die in Amerika aufgewachsene Regisseurin im Film die eigene Familiengeschichte nach, zumindest den Teil, als es darum ging, ihrer vor sechs Jahren an Krebs erkrankten Oma in China zu verheimlichen, dass sie allen Befunden zufolge nur noch wenige Monate zu leben habe. Stattdessen wird von den Verwandten kurzfristig eine Hochzeit arrangiert, damit Kinder, Enkel und sonstige Nahestehende den gefakten Anlass zum glücklichen Vorwand nehmen können, um sich entsprechend von der geliebten alten Dame zu verabschieden. Aus den dabei aufkommenden Lügen, Missverständnissen und Geheimnissen zaubert die junge Autorin und Filmemacherin ein kulturell geprägtes, jedoch universal übergreifendes Drama, das bezaubert und berührt, ohne trotz der Sagenhaftigkeit des Unternehmens jemals überdreht oder aufgesetzt zu wirken. Und das Beste kommt am Schluss: Denn Wangs echte und immer noch ahnungslose Großmutter ist heute lebendiger als je zuvor. Wer mit so viel Mut, Einsicht, Herz, Humor, Gefühl und Verstand wie Wang aufwartet, muss nicht nur belohnt werden, sondern verdient es auch, im Gespräch zu bleiben. Hoffen wir also, dass The Farewell auch den letzten großen Sprung von der britischen Insel auf den Kontinent schafft und wenn schon nicht im regulären Verleih, dann doch zumindest bei der Viennale zu sehen sein wird.
