Am häufigsten im Feld des US-Präsidentenfilms zu finden: Lincoln, Nixon und John F. Kennedy. Kursorischer Streifzug durch ein ergiebiges Subgenre.
Abraham Lincoln
(1930, D.W. Griffith)
Am Anfang des amerikanischen Erzählkinos steht das Werk D. W. Griffiths. Seine Präsidentenbiografie Abraham Lincoln zählt allerdings zu seinen schwächeren Filmen; wie bei so einigen Regisseuren der Stummfilmzeit bedingte die erstmalige Arbeit mit gesprochenen Dialogen – es war Griffiths erster Tonfilm – eine Ungelenkheit, die in Griffiths bisherigen, in vielen Aspekten formvollendeten Filmen nicht zu finden war. Für die filmischen Lincoln-Biografien war Griffiths Biopic jedenfalls stilbildend: Der Lauf der Geschichte wird als Charakterfrage inszeniert. Und der Charakter ist in diesem Fall einwandfrei: Es verbinden sich Weisheit, Menschenliebe und Willensstärke aufs Engste. Am Ende lässt Griffith seinen Präsidenten unter dem Jubel des Theaterpublikums noch einmal von der Loge herab in einer von Pathos prallen Rede die Einigkeit von Regierung und Volk beschwören, dann kommt der Attentäter um die Ecke. Gerade in den letzten Filmminuten meint man zu spüren, wie gern Griffith eigentlich einen Stummfilm gedreht hätte.
Young Mr. Lincoln
(1939, John Ford)
Bei aller naheliegenden Heroisierung ist Ford die Sache zwei, drei Grade nüchterner angegangen als Griffith. In seiner Eloge auf die Grandiosität Abraham Lincolns spart der Film den Bürgerkrieg und die Ermordung aus und beschränkt sich auf seine Zeit als Anwalt. Die späteren Großtaten sind in den frühen Jahren bereits angelegt. Nimmt man Young Mr. Lincoln als Allegorie aufs Politische, dann ist die wahre Politik hier diejenige, die auf unbeirrbarer Wahrheitsliebe und bodenständiger Logik fußt. Man prüft die Gegebenheiten und entscheidet dann, was vorliegt und zu tun ist, in diesem Fall: Wenn es dunkel ist, kann man nichts sehen, deswegen kann das, was der Zeuge sagt, nicht stimmen. Das genügt hier im Wesentlichen, um einen unschuldig des Mordes Verdächtigten zu retten. Das juristische und damit im weiteren Sinn auch das politische System funktioniert, wenn moralisch integre, kluge Männer es mit Leben füllen. This is America. Außerdem wichtig: Nicht immer nur reden, man muss auch zulangen können. Henry Fondas Lincoln kann formvollendete Plädoyers halten — und mit der Axt Baumstämme spalten.
Lincoln
(2012, Steven Spielberg)
Spielberg konzentriert sich auf die letzten Wochen im Leben des 16. US-Präsidenten, in denen er eine Verfassungsänderung zur Abschaffung der Sklaverei durchsetzte. Das läuft nicht ganz astrein, Abgeordnete der Demokratischen Partei werden von Lincolns Leuten vor der Abstimmung mit Jobs bestochen. Kein Problem letzten Endes, es geht um die gute Sache, und der Film insistiert darauf, dass sein Held aus moralischer Überzeugung handelt und nicht primär aus kriegstaktischem Kalkül. Die historische Forschung zeichnet ein komplexeres Bild: „Mein oberstes Ziel in diesem Krieg ist es, die Union zu retten; es ist nicht, die Sklaverei zu retten oder zu zerstören“, schrieb Lincoln im August 1862, drei Jahre vor Kriegsende. „Könnte ich die Union retten, ohne auch nur einen Sklaven zu befreien, so würde ich es tun; könnte ich sie retten, indem ich alle Sklaven befreite, so würde ich es tun“. Derartige Komplexitäten macht nicht zuletzt Daniel Day-Lewis virtuos platt. Er bringt in seiner Rolle als Lincoln ein derart konzentriertes Charisma auf die Leinwand, dass man sich der Figur kaum entziehen kann. Wenn in Kritiken des Films von Day-Lewis’ unglaublich nuancierten mimetischen Fähigkeiten die Rede war, dann ist das richtig – nur dass er sich nicht einer realen Figur anverwandelt hat, sondern ihrem mit Hoffnungen und Projektionen aufgeladenen Bild.
Abraham Lincoln: Vampire Hunter
(2012, Timur Bekmambetov)
Nach dem ersten Hahaha-wie-lustig-Effekt ist das gar nicht so blöd und durchaus nah an Steven Spielbergs Film. Auch Abraham Lincoln: Vampirjäger sieht in der Abschaffung der Sklaverei Lincolns eigentliches Ziel. Hier ist es in guter Biopic-Tradition verankert in einem kindlichen Trauma (und nicht, wie bei Spielberg, ideologisch fundiert, als Humanismus). Die Sklaverei wiederum stellt der Film sich als Form des Vampirismus vor. Am Anfang steht der Sklavenhalter, der Abrahams Kinderfreund, einen schwarzen Jungen, schlägt und die Mutter totbeißt. In den biografischen Details ist der Film durchaus akkurat, bis auf die Sache mit den Vampiren halt. Kein Vergleich zum lieblosen Abraham Lincoln vs. Zombies aus demselben Jahr. Auch der reale Lincoln konnte gut mit der Axt, in Abraham Lincoln: Vampirjäger ist das ein Riesenvorteil. Und, wie gesagt: Den Kampf gegen die Sklaverei als Zentrum dieses Lebens zu sehen, damit entspricht er den Arthaus-Standards.
Hyde Park on Hudson
(2012, Roger Michell)
Es ist nicht überraschend, dass Lincoln, Nixon und John F. Kennedy am häufigsten im Feld des US-Präsidentenfilms zu finden sind. Da war was los: Lincoln und JFK wurden erschossen, Nixon war auf eine Weise verschwitzt, pampig und kriminell, dass es auch heute immer wieder erstaunt. Roger Michells Komödie besticht dagegen durch bewusste Betulichkeit. Präsident Roosevelt, routiniert-schratig gespielt von Bill Murray, beginnt eine Affäre mit seiner entfernten Cousine Daisy (Laura Linney). Der englische König kommt auf das Landgut des Präsidenten, es wird getrunken und mehr oder weniger geistreich Konversation betrieben, alles in gemächlichem Tempo, und in Europa ist Krieg. Die Szene, in der Daisy dem amerikanischen Präsidenten gemütlich einen runterholt, erinnert den Zuschauer an die Diskrepanz zwischen Hollywood und dem deutschsprachigen, staatlich geförderten Kino. So etwas würde man in einem Film über Willy Brandt oder Helmut Kohl nicht zu sehen bekommen. Aber so etwas wollte man in einem Film über Willy Brandt oder Helmut Kohl auch nicht sehen.
Thirteen Days
(2000, Roger Donaldson)
Zweieinhalb Stunden Männer im Krisenmodus, danach ist man platt, aber die freie Welt immerhin ist unzerstört. Wir erinnern uns: Oktober 1962, die Sowjets stationieren Mittelstreckenraketen auf Kuba. Jetzt die Frage: Was tut der Präsident? Diplomatie, Blockade, Invasion, Dritter Weltkrieg? Thirteen Days gelingt das Kunststück, zweieinhalb Stunden lang Männer zu zeigen, die über solche und verwandte Fragen sprechen, und es nicht langweilig werden zu lassen – und das, obwohl man den Verlauf und das Ende des Geschehens auf Wikipedia im Eintrag „Kubakrise“ nachlesen kann. Das geht, weil der Film auf die Dynamiken der verschiedenen Fraktionen setzt und das unablässige Debattieren aller Beteiligten in virtuos hohem Tempo erzählt. Kevin Costner als impulsiver Präsidentenberater und Bruce Greenwood als JFK spielen wohlweislich nicht in erster Linie Charaktere, sondern rationale Träger von Einstellungen und Überlegungen. Die militärischen Hardliner, die nun endlich die Möglichkeit sehen, den Feind kaputt zu bomben, treffen auf einen Präsidenten, der das Beste nicht nur für sein Land, sondern für die Menschheit zu tun gedenkt. Ganz anders als die störrischen Russen wieder einmal. Ach, und die USA hatten bereits 1959 nukleare Mittelstreckenraketen in der Türkei stationiert, die auf die Sowjetunion gerichtet waren. Vergisst man ja manchmal.
JFK
(1991, Oliver Stone)
Kein Präsidentenfilm im engeren Sinn. JFK ist hier nur ein Bild, festgehalten von Amateurfilmer Abraham Zapruder. Immer wieder wird der kurze Clip in dem verschwörungstheoretisch hochgepitchten Justizdrama gezeigt und analysiert, bis noch das letzte Detail zur Zentralthese Oliver Stones passt: Lee Harvey Oswald war kein Einzeltäter, sondern Teil eines Komplotts, das verhindern sollte, dass Kennedy den Kalten Krieg beendet. Diese These wird von JFK – Tatort Dallas mit beeindruckendem filmischen Aufwand entfaltet. Schnelle Schnitte, Rückblenden, auffällige Einstellungen, Dialoge im Sperrfeuermodus. Dahinter verschwindet leider, dass all das weitgehend widerlegter Unsinn ist. Nach 9/11 war mit einem Mal jeder, der wusste, was eigentlich passiert ist, Gebäudestatiker. Nach der Ermordung Kennedys wimmelte es von Hobby-Ballistikern, die auch einfachen Argumenten – das Austrittsloch einer Schusswunde ist größer als das Eintrittsloch beispielsweise – nicht sonderlich zugänglich waren. JFK – Tatort Dallas ist ungeheuer mitreißend, heute allerdings zuerst als unfreiwillige Selbstana-
lyse verschwörungstheoretischen Denkens interessant.
Jackie
(2016, Pablo Larraín)
Jackie zeigt die verwitwete First Lady (Natalie Portman) in den Tagen nach der Ermordung ihres Mannes. In Rückblenden wird ein – nachgestelltes – Fernsehinterview aus besseren Zeiten gezeigt, das 1962, ein Jahr vor dem Tod John F. Kennedys, entstanden ist und maßgeblich zum öffentlichen Bild der First Lady beigetragen hat. In der Gegenwart des Films wird Jacqueline Kennedy von einem „Time“-Journalisten interviewt und spricht mit einem Priester. Die Figur entsteht im Kontakt mit verschiedenen Medien. Ob hier die Medialisierung mit dem Ziel gezeigt werden soll, die Überlagerung eines Menschen mit Bildern rückgängig zu machen, indem man ihn in seiner Trauer zeigt, oder ob es darum geht, im Reenactment von bereits von vorne bis hinten konstruierten Bildern (dem Fernsehinterview von 1962) mit den Mitteln des Erzählkinos klammheimlich Medientheorie zu betreiben – ob also Pablo Larraíns Film den Mythos der Jackie Kennedy (später Onassis) dekonstruieren, korrigieren oder fortschreiben will: Es lässt sich nicht ohne Weiteres sagen. Tolles Schauspielerinnenkino ist das so oder so.
Nixon
(1995, Oliver Stone)
Man vergisst manchmal, was für ein enorm affektbestimmter Filmemacher Oliver Stone ist. Vielleicht weil das Segment Polit-Kino zumeist eher mit Dialoglastigkeit, Diskurs und akkurater Darstellung von dem, was war, assoziiert ist. Die besten Filme Stones aber sind von einer spürbaren Wut befeuert, die ihre Diskursivität nicht überdeckt, sondern befeuert. Nixon zum Beispiel. Was sich auf dem Papier liest wie ein klassisches Präsidenten-Biopic (schwere Kindheit, biografisches Leiden als Antrieb, Aufstieg und tiefer Fall), entpuppt sich al ein mit mehr als drei Stunden Laufzeit überschießendes Werk, das sich in seinen Details einen ausgesprochen freien Zugriff auf die Geschichte erlaubt. Nixon, wird suggeriert, hatte zum Beispiel unwissentlich Kontakt mit den Verschwörern, die Kennedy ermordeten, um ihn – Nixon – an die Macht zu bringen. Von solchen spaßigen, hanebüchenen Momenten abgesehen konzentriert Stone sich hier aber auf seine unglückliche Hauptfigur. Und sein Blick auf den ungelenken Körperklaus (mit erkennbarem Spaß gespielt von Anthony Hopkins) ist überraschend empathisch. Was dem Film sehr gut tut. 212 Minuten dabei zuzusehen, wie ein unglücklicher, ungelenker und erzreaktionärer Mensch denunziert wird, das kann niemand wollen.
Frost/Nixon
(2008, Ron Howard)
Weniger empathisch als sportlich gestimmt ist Frost/Nixon, nach Jackie ein weiterer Film, der vorgibt, inszenierte, in die Zeitgeschichte eingegangene Bilder zu rekonstruieren. In diesem Fall ist es das Fernsehinterview, das der britische Moderator David Frost 1977 mit Richard Nixon führte. Drei Jahre lang hat Nixon sich nicht öffentlich zu Watergate geäußert. Frost (Michael Sheen) will mit einer spektakulären Sendung seine ramponierte Karriere retten. Regisseur Ron Howard inszeniert noch die banalsten Momente als Teile eines Kampfes zweier Männer, die sich von unten nach oben gestrampelt haben und nun um ihre Reputation kämpfen. Michael Sheens Lächeln zeigt in derselben Sekunde den umwerfenden Charme und die Lebenslust seiner Frost-Figur und die latent panische Angst, als Blender enttarnt zu werden. Frank Langella spielt seinen Nixon an der Grenze zur Parodie, und das macht er toll. Es ist immer schön, wenn es der Kunst gelingt, Handeln und Wesen auch einer so halbseidenen Figur nicht nur nachvollziehbar zu machen, sondern sie einem auch nahezubringen, indem sie es einem erlaubt, sich in ihr wiederzuerkennen.
Elvis & Nixon
(2016, Liza Johnson)
Dem Zuschauer die Figuren nahezubringen, gelingt Elvis & Nixon hingegen gar nicht. Was insofern nicht schlimm ist, als der Film es gar nicht versucht, und sich stattdessen von Anfang an als Knallchargenparade zu erkennen gibt. Kevin Spacey hat seine Nixon-Figur eher minimalistisch angelegt. Michael Shannon als Elvis, eine der kuriosesten Casting-Entscheidungen des Jahres 2016, gibt den unterschwellig manischen Weirdo und verleiht dem King eine sanfte Aura des Wahnsinns. Schön auch die von einem historischen Treffen zwischen Nixon und Presley ausgehende Idee, Presley als Reaktionär zu zeigen, der aufgepeitscht von Drogen und authentischer Wirrnis gemeinsam mit Nixon in den Kampf gegen Hippies, Kriegsgegner und Kommunisten ziehen will. Der Präsident der Vereinigten Staaten ist mäßig begeistert, und wie hier das verkörperte Reaktionäre auf das größte männliche Sexsymbol der Popgeschichte trifft, das ist schon sehr lustig. Und wäre ein toller Kurzfilm geworden. Auf die lange Strecke aber ist eine wirklich gute Idee etwas zu wenig.
