Intensive Mischung aus Reisetagebuch und Album-Aufnahmeprozess mit der Musikerin PJ Harvey.
Der Fotojournalist und Regisseur Seamus Murphy hat sich bereits vom Albm „Let England Shake“ der britischen Musikerin PJ Harvey zu einer Reihe von Kurzfilmen inspirieren lassen. Für seinen Langfilm A Dog Called Money bereiste er zusammen mit der charismatischen Sängerin die (Ex-)Krisenregionen Afghanistan, Kosovo, Syrien und einen gefährlichen Stadtteil von Washington DC und traf dabei auf Menschen, die trotz der Wunden des Krieges und der Unterdrückung einen enormen Lebensmut ausstrahlen. Im Zentrum des Films steht trotz der sehr schön kadrierten Aufnahmen von Orten, an denen sich kaum ein Tourist jemals hinverirrt, ganz klar die Musik als spiritueller Anker oder als Aufschrei gegen die Ungerechtigkeit der herrschenden Zustände. Egal ob zorniger Gospel, improvisierter Rap, vielstimmiger Gesang oder sufistisches Getrommel, Polly Jean Harvey beobachtet das Treiben sehr genau und macht sich handschriftliche Notizen in einem kleinen Buch. Diese Inspirationen verarbeitet sie in den Songs ihres 2016er-Albums „The Hope Six Demolition Project“, die Sessions werden gefilmt genauso wie die Zuschauer, denn in einer Art Kunstinstallation können Fans die Aufnahmen zu der CDdurch einen Einwegspiegel ebenso verfolgen wie die Kinobesucher jetzt.
Der Film versucht also auf vielfältige Weise, den kreativen Prozess, der hinter dem Entstehen eines Rock’n‘ Roll-Abums steht, nachvollziehbar zu machen. Polly Jeans poetische Beschreibungen sind im Off zu hören, wenn sie oft unscheinbar die fremde Umgebung in sich aufsaugt, den verschiedenen Ideen der Musiker und dem Zusammenspiel der Instrumente wird ebenfalls breiter Raum gegeben. Auch wenn man jetzt kein Hardcore-PJ Harvey-Fan ist, die Energie und Leidenschaft dieser zierlichen Frau, die manchmal daherkommt wie Patti Smiths rebellische Tochter, wirken auf jeden Fall ansteckend. Der Regisseur und seine Protagonistin sind sich der Gefahr bewusst, dass der Film ein wenig den Anschein von elitärem Elendstourismus erwecken könnte. In einer Szene bringt Polly Jean dieses Dilemma durchaus auf den Punkt, wenn sie darauf hinweist, dass sie jetzt mit ihren teuren Lederschuhen durch ein zerbombtes Haus im Kosovo schreitet, wo die Spuren (Fotos, Bücher, LPs) der Vorbesitzer überall verstreut herumliegen. Aber sie trampelt eben nicht auf den Erinnerungen der Menschen, die alles verloren haben, herum, sie nähert sich jeder neuen Erfahrung mit Respekt und Offenheit an. Der Film macht auf schöne Weise klar, dass Kunst (auch wenn es Leute gibt, die Rockmusik nicht als solche bezeichnen) sehr viel mit Empathie, Neugier und Energie zu tun hat.
