Filmstart | Interview

A Hero

| Pamela Jahn |
Der iranische Regisseur Asghar Farhadi im Gespräch über seinen Film „A Hero“, das Konzept der Ehre und die Rolle der sozialen Medien in seinem Land.

Herr Farhadi, Ihren letzten Film haben Sie in Spanien gedreht. War es geplant, dass Sie danach in den Iran zurückkehren?
Asghar Farhadi:
Ja, mir war klar, dass ich nicht viele Filme im Ausland drehen würde. Ich wollte zurück in die Heimat, aber ich wusste noch nicht genau, welches Projekt ich als nächstes angehen würde. Ich hatte verschiedene Geschichten im Kopf, und diese hat sich schließlich am hartnäckigsten festgesetzt.

Wie muss man sich das vorstellen, wenn Sie so eine Idee dann zu einem Film weiterentwickeln?
Das ist bei jedem Projekt verschieden. Im Allgemeinen habe ich zunächst nur ein sehr verschwommenes Bild im Kopf, auf das ich mich immer stärker konzentriere, bis daraus irgendwann eine Handlung wird und schließlich ein Drehbuch. Aber bei diesem Film war er anders. Als Student las ich „Das Leben des Galilei“ von Bertolt Brecht. Damals entzündete sich die Idee, einen Film über seinen Ansatz, sein Bild von Heldentum und die Bedeutung von Helden für die Gesellschaft zu machen. Und so begann ich, wahre Geschichten von Leuten zu sammeln, denen etwas Ähnliches widerfahren ist. Zeitungsgeschichten. Daraus entwickelte sich ein Mosaik von Einzelschicksalen, die alle eine Gemeinsamkeit aufwiesen. Diesmal ist so im Grunde zuerst die Geschichte entstanden und daraus haben sich die einzelnen Figuren entwickelt. Das war ein eher ungewöhnlicher Prozess für mich.

Das Konzept der Ehre ist in Ihren Filmen stets präsent. Welchen Stellenwert hat es in der iranischen Gesellschaft heute?
Das stimmt, es ist ein Thema, das in meinen Filmen immer stärker in den Vordergrund rückt. Auch in Everybody Knows ging es darum, aber vor allem diesmal. Es geht um das Dilemma, die Ehre aufrecht zu erhalten, ohne das eigene Ansehen zu gefährden. Das kann schwierig werden. Vor allem für die Menschen, die versuchen, ihr Image um jeden Preis zu verteidigen. Um diesen Konflikt geht es mir.

Kommt es im Iran häufig vor, dass von einem Menschen in den Medien berichtet wird, wenn er Gutes tun?
In den lokalen Medien schon. Da kann es vorkommen, dass jemand in der Zeitung oder im Fernsehen ins Rampenlicht gerückt wird, weil er oder sie an dem Tag eine gute Tat getan haben. Einerseits ist das keine schlechte Sache. Andererseits ist es bedauernswert, dass diese Dinge scheinbar nicht häufig und einfach so geschehen, sondern dass man es für eine Besonderheit hält, wenn jemand sich als guter Mensch erweist.

Ihr Held kommt nicht zuletzt durch Social Media zu Fall. Welche Rolle spielen soziale Netzwerke in einem repressiven Land wie dem Iran?
Es ist Teil der paradoxen Situation im Iran. Die Menschen leben in einem engen, klar abgesteckten Rahmen, aber innerhalb dieses Rahmens existiert eine Freiheit, die man nutzen kann. Natürlich gibt es Filtermechanismen, die auch die sozialen Medien kontrollieren. Gleichzeitig gibt es jedoch auch Menschen, die wissen, wie man diese Einschränkungen umgeht beziehungsweise, wie man mit damit umgeht, ohne anzuecken. Am Absurdesten finde ich allerdings die Vorstellung, dass die Leute, die sich gegen den Gebrauch sozialer Medien aussprechen, das meistens in den sozialen Netzwerken tun. Offensichtlich ist das die Art und Weise, wie wir heute miteinander und untereinander kommunizieren, egal ob im Iran oder anderswo.

Könnten Sie sich vorstellen, dass die sozialen Medien im Iran eine treibende Kraft entwickeln?
Ich denke in der ganzen Welt, nicht nur im Iran, gibt es ein Davor und ein Danach, was den Gebrauch von Social Media angeht. Die Kommunikation der Menschen an sich hat sich verändert. Und mal abgesehen von den ganzen Problemen, die sich daraus vor allem in Bezug auf Kinder und Jugendliche oder die Verbreitung von Fehlinformation und Verschwörungstheorien ergeben, sind die sozialen Medien im Großen und Ganzen doch auch ein positives Phänomen unserer Zeit, weil sie Aufmerksamkeit auf die verschiedensten Probleme lenken können.

Sie gehen in Ihren Filmen stets sehr geschickt und schafsinnig mit jeglicher Form von Kritik an den politischen Strukturen in Ihrem Land um. Verstehen Sie sich dennoch auch als politischer Künstler?
Es gibt keine konkrete politische Aussage in meinen Filmen, aber sobald man sich mit der Gesellschaft und den Beziehungen der Menschen untereinander auseinandersetzt, bewegt man sich in einer politischen Sphäre, ob man will oder nicht. Denn die Menschen stehen immer unter dem Einfluss der politischen Aspekte in ihrem Leben. Allerdings habe es mir nicht zur Aufgabe gemacht, politische Filme zu drehen, dazu bin ich zu emotional. Mein Ansatz ist zu emotional, um politisch relevant zu sein.

Ihre Filme wirken oft, wie unmittelbar aus dem Leben gegriffen. Wieviel Planung steckt dahinter? Wieviel Spielraum lassen Sie für Improvisation und spontane Ideen?
Alles ist sorgfältig geplant und konstruiert. Gleichwohl geht es mir bei meiner Art des Filmemachens stets darum, dass das, was vor der Kamera passiert, fast dokumentarisch erscheint. Ich verwende meine ganze Energie darauf, Authentizität zu erzeugen. Aber diese Wahrhaftigkeit basiert eben nicht, wie man vermuten könnte, auf Improvisation, weder im Spiel der Darsteller noch bei den Kostümen oder in der Ausstattung insgesamt. Alles ist bis ins Detail überlegt, alles koordiniert. Ich habe sogar schon Spezialeffekte verwendet, ohne dass es irgendjemand bemerkt hat. Es soll immer echt wirken, darauf konzentriere ich mich am meisten.

Macht es für Sie einen Unterschied, ob Sie im Iran drehen oder anderswo?
Keine Frage. Im Iran lade ich meine kreativen Batterien wieder auf. Dort bin ich zuhause, dort kenne ich die Menschen und ihre Mentalität. Ich bin mit den Städten und Landschaften vertraut. Das macht das Arbeiten in meiner Heimat in vielerlei Hinsicht einfacher und unkomplizierter für mich. Aber natürlich gibt es auch Schwierigkeiten. Es ist ja kein Geheimnis, dass man es als Künstler im Iran nicht immer einfach hat. Doch solange es mir gelingt, mich diesen Schwierigkeiten zu stellen und ich dort arbeiten kann, werde ich es auch weiterhin tun.