Alan Rickman im Gespräch über seinen neuen Film „A Little Chaos“, starke Frauen, herrschende Männer, und darüber, warum man Kate Winslet ruhig öfters mal nach ihrer Meinung fragen sollte.
Wenn Alan Rickman spricht, macht die Welt gern eine Pause. Seine markante Stimme erhebt sich tief, klangvoll und bedächtig, so dass nahezu jedes Wort zum Ereignis wird. Manchmal hat er am Satzende einen leicht grummeligen, brüchigen Unterton, was ihn menschlich umso sympathischer macht. Allerdings weiß der charismatische 69-jährige Brite genauso gut, wie und wann er seine Stimmbänder in bestimmten Rollen, vom eiskalten Terroristenanführer in Die Hard bis hin zu Harry Potters Zaubertrank-Lehrer, gekonnt zum Aufbrausen bringt. In seinem neuen Film A Little Chaos (Die Gärtnerin von Versailles) zeigt sich Rickman als Sonnenkönig Ludwig XIV. nicht nur von seiner ausgeprägt humorvollen und selbstironischen Seite, sondern überzeugt nach seinem Erstling The Winter Guest (1997) erneut auch als Regisseur. Ähnlich wie in dem einfühlsamen Drama, in dem Emma Thompson als verwitwete Fotografin Frances mit Hilfe ihre Mutter den Weg aus der Trauer zurück ins Leben findet, steht auch diesmal wieder eine starke Frauenfigur im Mittelpunkt des Geschehens.
Die unternehmerische Landschaftsgärtnerin Sabine De Barra (Kate Winslet) bewirbt sich bei André Le Nôtre (Matthias Schoenaerts), dem obersten Gartenarchitekten des französischen Königs, um den Auftrag, einen neuen, einzigartigen Barockgarten im Schlosspark von Versailles zu errichten, der alles bisher Dagewesene in den Schatten stellen soll. Zwar kann die selbstbewusste Witwe mit ihren innovativen Ideen sämtliche Mitbewerber ausstechen, doch als es an die Umsetzung ihres unkonventionellen Bauplans geht, muss sich Sabine nicht nur gegenüber den hämischen Kollegen, sondern zudem gegen eine Welt behaupten, die nicht die ihre ist. Ihre freimütige, aufrichtige Art scheint an keine höfischen Regeln und intriganten Ränkespiele gebunden, ebenso wenig wie ihre leise aufkeimende Leidenschaft für den verschwiegenen Le Nôtre, dessen unglückliche Ehe ihm das Herz schon länger schwer macht. Unter der Regie von Rickman entwickelt sich daraus eine zarte Liebesgeschichte im durchaus gesellschaftskritisch anmutenden historischen Gewand, eindrucksvoll gefilmt von Kamerafrau Ellen Kuras, deren versierte Einstellungen und Bildkompositionen über etwaige dramaturgische Schwächen hinwegtrösten.
Ihr Film A Little Chaos zeichnet sich vor allem durch die Raffinesse aus, mit der Sie Geschichte und Fiktion zu einem stimmigen Ganzen verweben. Worauf kam es Ihnen dabei besonders an?
Auch auf die Gefahr hin, dass wir es uns mit den Franzosen einmal mehr verscherzen, was die Geschichtstreue angeht, fand ich das Konzept unheimlich spannend, die historische Vergangenheit wie durch ein Prisma zu beleuchten. Was mich besonders gereizt hat, war die Idee, dass Sabine nicht nur an sich eine fiktive Figur ist, die es nie gab, sondern dass es sie auch gar nicht hätte geben können. Denn zu Zeiten von Ludwig XIV. war es für Frauen ganz und gar unmöglich, eine Karriere in irgendeiner Form anzustreben. Auf diese Unwahrscheinlichkeit kommt es an und ich hoffe sehr, dass sich die Zuschauer von der bewussten Parallele zur heutigen Zeit angesprochen fühlen, die die Geschichte vermittelt. Wir leben ja auch heute noch in einer Welt, die von Männern kontrolliert wird, jedoch äußerte sich das unter der Herrschaft Ludwig XIV. noch viel extremer. Damals wurden Frauen gänzlich zu dekorativen Schmuckstücken degradiert. Das heißt, die Vorstellung, dass es da eine Frau gibt, die sich die Hände schmutzig macht und Sachen baut, und die obendrein ein recht kompliziertes Leben als alleinstehende Frau und Witwe führt, ist nicht nur paradox, sondern – wie ein Blick auf unsere moderne Gesellschaft zeigt – auch hochaktuell.
In dem Sinne rückte der historische Rahmen für uns immer mehr in den Hintergrund. Wir mussten zwar aufpassen, dass uns faktisch keine Fehler unterlaufen, aber abgesehen davon ist die Geschichte ein Gebilde der Vorstellungskraft, so wie Sabines Springbrunnen im Garten von Versailles.
War es Liebe auf den ersten Blick, als Sie das Drehbuch zum ersten Mal lasen?
Ich weiß ehrlich gesagt nicht, was es genau war. Ein Drehbuch zu lesen, ist immer eine instinktive Angelegenheit. Entweder formen sich unmittelbar die Bilder dazu im Kopf, oder die Worte bleiben starr, und man tut sich schrecklich schwer, von einer Seite zur nächsten zu kommen. Bei Alison Deegans Skript musste ich schmunzeln, vor allem deshalb, weil es so unfilmbar war, so ambitioniert und viel zu teuer. Wenn ich mich recht erinnere, stand da gleich am Anfang ein Satz, der in etwa lautete: „Wir reisen am Ufer der Seine entlang, gesäumt von Marktständen und Hunderten von Menschen.“ Da denken Sie als Regisseur eigentlich nur: Träum weiter! Dennoch war das zugleich auch der Ausgangspunkt für unsere Zusammenarbeit. Was mir vor allem an dem Drehbuch gefiel, war die Frische und Ungebundenheit ihres Schreibstils. Alison ist Irin und mit dem berühmten Dramatiker und Romanautor Sebastian Barry verheiratet. Das heißt, das Schreiben liegt bei ihr sozusagen in der Familie. Trotzdem hat ihre Satzstruktur etwas leicht Befremdliches, was mich sehr beeindruckt hat, weil es der Geschichte eine ganz eigene Dynamik, einen eigenen Rhythmus verleiht.
Vom ersten Manuskript bis zum fertigen Film ist relativ viel Zeit vergangen. Was hat Sie so lange davon abgehalten, wieder einmal Regie zu führen?
Als ich das Drehbuch zum ersten Mal in die Hände bekam, hatte ich gerade den Vertrag zu Harry Potter unterschrieben. Allerdings gab es zu dem Zeitpunkt nur drei Bücher, und ich hatte keine Ahnung, wie lange sich das Ganze letztlich hinziehen würde. Um einen Film zu drehen, muss man schon mindestens über ein Jahr freie Zeit haben, sonst braucht man gar nicht erst anfangen, darüber nachzudenken. Und ich war jeweils mindestens sieben Wochen am Stück mit Harry Potter beschäftigt. Vielleicht war es aber auch ein klassischer Fall von mehr Glück als Verstand, denn erst als ich wieder frei war, um bei dem Film Regie zu führen, war auch Kate in dem richtigen Alter, um Sabine zu spielen. Vor ein paar Jahren wäre sie für die Rolle noch zu jung gewesen.
Wie sind Sie denn ausgerechnet auf Matthias Schoenaerts für die Rolle des André Le Nôtre gestoßen?
Der Geschmack von Rost und Knochen hat mich, wie viele andere auch, schwer beeindruckt. Allerdings haben wir uns auch im Hinblick auf seine Figur gewisse Freiheiten erlaubt. Zwar hat es Le Nôtre tatsächlich gegeben, aber zu dem Zeitpunkt, zu dem unsere Geschichte spielt, wäre er in Wirklichkeit bereits um die siebzig gewesen. Das heißt, um die Liebesgeschichte glaubwürdig zu erzählen, mussten wir ihn etwas verjüngen, und Matthias erwies sich als der perfekte Partner für Kate.
Was hat er, was andere nicht haben?
Die Rolle ist unheimlich schwer zu besetzen, weil Sie jemanden brauchen, der genügend Mut und Verstand hat, um die Figur mit so viel Beherrschung und Zurückhaltung zu spielen, wie es die Geschichte verlangt, und der trotzdem gleichzeitig alles Gefühl in die Rolle investiert. Darüber hinaus war es mir wichtig, dass Kate sich nicht scheut, ihre maskuline Seite zu zeigen, und Matthias durchaus auch seine feminine Seite zum Vorschein bringt. Natürlich ist sie in erster Linie ganz Frau und er ganz Mann, aber es gelingt ihnen dennoch, Nuancen zu zeigen und diese auch bewusst einzusetzen. Le Nôtre ist ja eher der verschlossene, sensible Typ, und Sabine die Mutige, die sich nicht so schnell unterkriegen lässt. Sie ist stark, schaut nach vorne, obwohl auch sie, wie jeder Mensch, ihre Laster und Probleme hat – ich mag das sehr an ihr.
Das mögen nicht alle Männer.
Weil wir so erzogen wurden. Deshalb muss Ludwig XIV. eben nur mit dem Finger schnippen, und schon machen alle Damen drumherum einen Knicks, während die Männer nichts Besseres zu tun haben, als dumm dazustehen und zuzusehen.
In der Szene, auf die Sie anspielen, in der Sabine dem König zum ersten Mal offiziell vorgestellt wird und sie ihm bei der Gelegenheit eine sinnliche Lektion in Sachen Schönheit und Vergänglichkeit erteilt, liegt gewissermaßen das Herz des Films.
Ja, so hat es sich Alison vorgestellt. Wir haben die Szene in einem unglaublich schönen, authentisch im Stil des 17. Jahrhunderts eingerichteten Anwesen in der englischen Provinz gefilmt. Ich hatte mich den ganzen Tag über mit den Besitzern herumgeschlagen, weil wir echtes Kerzenlicht zum Drehen verwenden wollten, was zu endlosen Diskussionen führte. Zudem ist es immer anstrengender, wenn man selbst in der Szene mitspielt, die gedreht werden soll. Aber irgendwie ist es uns trotzdem gelungen, einen magischen Moment einzufangen, insbesondere die geheimen Blicke zwischen Sabine und dem König, die darüber Aufschluss geben, dass die beiden sich in dem Moment nicht zum ersten Mal begegnen, nur dürfen sie es sich natürlich vor versammelter Hofgesellschaft nicht anmerken lassen.
Sie selbst spielen Ludwig XIV. Was hat Sie dazu bewogen, die Rolle zu übernehmen?
Ganz ehrlich, das war eine rein finanzielle Entscheidung der Produzenten. Ich hatte keinerlei Ambitionen, das können Sie mir glauben. Aber er tritt ja nur relativ selten auf, und Tatsache ist, dass wir damit ziemlich viel Geld sparen konnten. Das Einzige, was die Sache für mich etwas entspannter machte, war die enge Zusammenarbeit mit Ellen Kuras. Wir sind oft gemeinsam ans Set gefahren und haben auf dem Weg die Prioritäten besprochen, wenn ich selbst in der Szene auftreten musste.
Gibt es bestimmte Dinge, die Sie als Regisseur unbedingt vermeiden wollen?
Ich glaube, es gibt da keine universellen Regeln. Jedes Projekt ist anders und stellt seine eigenen Anforderungen. Und jeder Regisseur ist anders. Manchmal finde ich persönlich es zum Beispiel völlig in Ordnung, lediglich ein Farbfleck im Ensemble zu sein, der sich so modellieren lässt, wie man ihn eben braucht. Aber hier war das anders. Da wollte ich von den Schauspielern, dass sie einander ernsthaft zuhören, weil Sabine und Le Nôtre erst durch die Dialoge herausfinden, wer sie sind, und zwar vor unseren Augen. Das heißt, die Kamera ist oftmals direkt auf die Person gerichtet, die spricht beziehungsweise zuhört, und wir beobachten und begleiten den Lernprozess, der in ihnen vonstatten geht.
Man sagt von Kate Winslet immer, dass sie sich phänomenal gut auf ihre Rollen vorbereitet. Können Sie das bestätigen?
Auf jeden Fall. Zwischen uns herrschte ein sehr organisches Arbeitsverhältnis. Das liegt zum einen daran, dass Kate, wenn sie eine Rolle zusagt, mit Haut und Haaren dabei ist und alles daran setzt, die Figur für sich bis ins kleinste Detail zu durchleuchten. Außerdem mag sie es nicht, wenn sie so perfekt hergerichtet ist, dass sie sich nicht mehr traut, sich zu bewegen. Mit geht es da ganz ähnlich. Ich schüttle mich auch oft erstmal richtig durch, wenn ich aus dem Make-up komme. Ich glaube, wir haben recht schnell eine gemeinsame Sprache gefunden, ohne viel über die Figur an sich sprechen zu müssen. Kate hatte ein unheimlich gutes Gefühl dafür, worauf es mir ankam, was mitunter damit zusammenhängen mag, dass sie es, wie sie selbst sagt, nicht gewohnt ist, am Set nach ihrer Meinung gefragt zu werden.
Wie schade! Das will man gar nicht glauben.
Ja, eigentlich unfassbar. Und ein Verlust für jeden Regisseur, der ihre Klugheit nicht zu schätzen weiß. Wir haben auf ihren Rat hin sogar eine große Szene gestrichen. Und zwar hieß es im Drehbuch, dass Sabine ganz am Ende ihren eigenen Garten zerstört. Alles war vorbereitet, und wir standen kurz davor zu drehen. Kate hatte sich einen Moment hingelegt, weil sie zu dem Zeitpunkt auch noch schwanger war, was sie sich allerdings während des gesamten Drehs kaum hat anmerken lassen. Ich ging also zu ihr rüber und fragte: „Alles ok?“ Und sie sagte: „Ja, alles ok. Aber warum zerstöre ich eigentlich meinen eigenen Garten?“ Ich versuchte ihr dann zu erklären, dass es ein kathartischer Akt sei, woraufhin sie nur meinte: „Das verstehe ich schon, aber ich liebe meinen Garten doch.“ Ich bin dann eine Weile in mich gegangen und habe begriffen, dass sie völlig recht hatte. Daraufhin haben wir die ganze Szene abgeblasen. Dafür bin ich ihr heute noch dankbar!
