Wie viele Remakes verträgt ein Film? Erstlingsregisseur Bradley Cooper hat sich mit „A Star is Born“ der Wiederbelebung eines ewigen Klassikers angenommen und beschert dem Kino damit eine der größten Überraschungen des Jahres: die Schauspielerin Lady Gaga.
Tatsachen holt und sie genau dort für die Dauer des ungeniert romantischen Musical-Dramas fest haften lässt: souverän, ungeschminkt und mit einer entwaffnenden Offenheit, die sie auf der Leinwand nicht nur sympathisch, sondern weitestgehend authentisch wirken lässt. Cooper wiederum setzt alles daran, sich neben Lady Gaga als passabler Rockmusiker und verheißungsvoller Filmemacher zu etablieren, und auch ihm ist das Herzblut anzumerken, mit dem er sich in das Projekt gestürzt hat. Den abgehalfterten Country-Star Jackson Maine legt er folgerichtig als eine in ihrer innersten Seele zerrissene Figur an: einerseits großherziger Bär von einem Mann, andererseits hochsensibler Künstler mit Hang zur Selbstzerstörung.
Offensichtlich haben sich Bradley Cooper und Drehbuchautor Eric Roth in ihrer zu gleichen Teilen auf Popkultur und Hollywood-Nostalgie zugeschnittenen Versuchsanordnung über weite Strecken an der Streisand-Kristofferson-Vorlage orientiert, was zunächst einmal keine schlechte Voraussetzung ist. Denn auch wenn Piersons Film von allen Fassungen höchstwahrscheinlich die am wenigsten relevante ist, so ist seine Geschichte vielleicht doch am ehesten in der Wirklichkeit verankert. Vor allem Kris Kristofferson hatte mit seiner Rolle mehr gemein, als ihm vermutlich auf den ersten Blick lieb war. Auch er trank lange Zeit vor, während und nach seinen Auftritten, bestieg betrunken Motorräder und war von einem selbstzerstörerischen Instinkt besessen. Auch seine Karriere als Sänger stagnierte, nachdem sie überhaupt nur schleppend in Gang gekommen war. In A Star is Born verarbeitete der damals vierzigjährige Texaner also obendrein ein Stück seines eigenen Scheiterns, bevor er sich kurze Zeit später vornehmlich auf sein schauspielerisches Können konzentrierte.
Keiner hat wohl ernsthaft mit der Naturgewalt von Lady Gaga gerechnet, die sich für ihre erste große Hauptrolle nicht wie üblich in Schale geworfen, sondern sämtlicher Aufmachung und Dekoration entledigt hat
Cooper, der zweifelsohne für den Part seine Stimme professionell auf Hochglanz gebracht hat, um neben Lady Gaga nicht unangenehm aufzufallen, kann zwar in seinem Spiel auf keine Musiker-Vergangenheit zurückgreifen, doch auch er weiß, was es heißt, aus den eigenen Vollrausch-Erfahrungen zu schöpfen. Eine mühsamer Start ins Darstellerleben, geprägt von mittelmäßigen Rollenangeboten und privaten Problemen, ließen auch ihn eine Zeit lang zu tief ins Glas schauen. Spannend ist deshalb zu beobachten, wie Cooper seiner Figur im Film eine Vergangenheit schenkt, die sie bisher nicht hatte, und der Geschichte damit doch noch etwas Neues, Eigenes abzuringen vermag. Sein Jackson Maine ist ein in sich gekehrter Säufer, der, seit ihm eine schwierige Kindheit den Weg ins Leben unnötig erschwert hat, nur wenig redet und noch weniger Menschen vertraut. Nicht einmal sein älterer Bruder Bobby (Sam Elliott), der ihn seit Beginn seiner Karriere als Manager begleitet, weiß, was genau im Kopf des zumeist zugedröhnten Rockstars vorgeht, und so verwundert es nicht, dass Jackson zunächst auch mit Ally nicht recht auf einen grünen Zweig kommen mag.
Während er seine offenen Wunden kaum verbergen kann, sich nicht nur verletzlich zeigt, sondern es tatsächlich ist, trägt Ally den Überlebensinstinkt einer jungen Frau in sich, der nie etwas geschenkt wurde und die sich deshalb trotzdem noch lange nicht von einem dahergelaufenen Weltstar, geschweige denn von der gesamten Musikindustrie, in die Tasche stecken lässt. Bei allen Selbstzweifeln, die auch sie plagen, ist sie stets darum bemüht, ihr eigenes Ich zu wahren, auch wenn das mit zunehmendem Erfolg ihre ganze Anstrengung erfordert.
Harmonie und Spannung
Nur in einem sind sich Jackson und Ally schnell einig: musikalisch. Was nicht heißt, dass sich die gemeinsamen Gesangseinlagen in erster Linie durch ihre Harmonie auszeichnen. Vielmehr entstehen zwischen Coopers rauem Country-Sound und Lady Gagas sauber gestochenen Pop-Tönen natürliche Reibungen, die sich vor allem in den zahlreichen Bühnenszenen des Films auf seltsam faszinierende Weise entladen. Unterstützt wird dieser emotionale Wirkungseffekt durch eine Kameraführung, die immer dann ganz nah bei den Figuren ist, wenn sie sich ganz und gar auf ihre Musik konzentrieren, ob im Stadium oder zu Hause am Klavier. Und es sind die nicht wenigen Close-ups, die Cooper seinem gebrochenen Helden immer wieder selbst zusteckt, in denen er, wenn man genau hinschaut, immer auch ein bisschen von der Traurigkeit und dem Schmerz einer mit sich und der Welt kämpfenden Garland im Blick trägt, anstatt sich den Erwartungen entsprechend entweder mit Kristoffersons Macho-Macker oder James Masons selbstverliebten Egozentriker zu identifizieren.
Kompliziert wird es dagegen, wie so oft, wenn es um die Liebe geht. Die Startschwierigkeiten zwischen den beiden Eigenbrötlern erinnern dabei nicht selten an die seelenverwirrten Konversationen zwischen Pat und Tiffany in Silver Linings Playbook, mit dem Cooper sich 2013 an der Seite von Jennifer Lawrence endgültig einen festen Platz in Hollywoods Top-Liga einspielte. Schon damals schaute er Regisseur David O. Russell aufmerksam über die Schulter, um sich auf den Wechsel hinter die Kamera vorzubereiten. Weitere Zusammenarbeiten unter anderem mit Clint Eastwood und Todd Phillips unterstützten auf fruchtbare Weise den Lernprozess. Deshalb ist es auch weniger Coopers Regie als einem zunehmend schwächelnden Drehbuch geschuldet, dass A Star is Born in der zweiten Hälfe an Dichte und Spannkraft verliert. Kaum sind die beiden ein Paar, kaum wird Ally ein Star, verfängt sich der Film immer öfter in Allgemeinplätzen, deren auch Lady Gaga selbst unter vollem Einsatz ihrer gesanglichen und schauspielerischen Kräfte nicht Herr zu werden vermag. Allys unaufhaltsamer Aufstieg, Jackson vorprogrammierter Abstieg und die damit einhergehende häusliche Krise, all das wirkt in der vierten Inkarnation dann doch etwas zu fad, um noch wahre Funken zu sprühen. Erst nach der überraschend schablonenhaften Auflösung der Tragödie gewinnt Ally, und damit der Film, in einem letzten großen Auftritt die Oberhand zurück und man erinnert sich plötzlich wieder daran, wie herrlich selbstlos sie im ersten Akt umringt von einem Rudel Drag Queens „La Vie en rose“ in den Kinosaal schmetterte.
Natürlich ist A Star is Born kein Film für alle, schon gar nicht für jene, die mit old-fashioned Hollywood-Romanzen ihre Probleme haben. Doch als effektive Kritik an der Musik- und Unterhaltungsindustrie, die sich um die kreative Selbstentfaltung und -erhaltung der Künstler nur so lange schert, wie ihr das Geld einbringt, hat der Stoff bis heute nichts an seiner Brisanz und Wichtigkeit verloren. Am schönsten ist es jedoch, mit Lady Gaga einen neuen Stern am Schauspiel-Himmel begrüßen zu dürfen, und es müsste schon mit dem Teufel zugehen, würde ihre Leistung in der bevorstehenden Oscar-Saison nicht die gebührende Aufmerksamkeit finden.
